Allen, Jonathan/Parnes, Amie: Shattered: Inside Hillary Clinton’s Doomed Campaign

Darüber, wann genau Hillary Clinton ahnte, die Präsidentschaftswahl gegen Donald Trump verlieren zu können, kann nur spekuliert werden. Dazu liefern Jonathan Allen und Amie Parnes in ihrem essayistischen Parforceritt durch Clintons Wahlkampagne nur anekdotische Hinweise – nämlich spät, zu spät. Und schon diese eher zaghaften Andeutungen, in einem ansonsten ziemlich pointiert formulierten Buch, sind hinreichend Beleg dafür, dass die Niederlage für sie und ihren großen Beraterstab lange Zeit unmöglich schien. 

Wie es zu dieser Niederlage kam, analysieren Jonathan Allen und Amie Parnes in ihrem Buch „Shattered: Inside Hillary Clinton’s Doomed Campaign“. Die dichten Beschreibungen ihrer Erkenntnisse aus Interviews mit Mitgliedern aus Clinton’s Entourage sind laut Dr. Gordian Ezazi trotz fehlender Systematik in der Analyse ein Wert an sich.

Allen, Jonathan/Parnes, Amie: Shattered: Inside Hillary Clinton’s Doomed Campaign

Crown, New York, 2017, 448 Seiten (Englisch), ISBN 978-0-5534-4708-8, 12,99 Euro

Autor

Dr. Gordian Ezazi ist Referent der SPD-Fraktion im Landtag Nordrhein-Westfalen. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen. Seine Dissertation verfasste er zur politischen Funktion des Deutschen Ethikrates in parlamentarischen Entscheidungsprozessen.

 

Darüber, wann genau Hillary Clinton ahnte, die Präsidentschaftswahl gegen Donald Trump verlieren zu können, kann nur spekuliert werden. Dazu liefern Jonathan Allen und Amie Parnes in ihrem essayistischen Parforceritt durch Clintons Wahlkampagne nur anekdotische Hinweise – nämlich spät, zu spät. Und schon diese eher zaghaften Andeutungen, in einem ansonsten ziemlich pointiert formulierten Buch, sind hinreichend Beleg dafür, dass die Niederlage für sie und ihren großen Beraterstab lange Zeit unmöglich schien.

Die Wahlkampfchronik von Allen und Parnes dokumentiert einerseits das Scheitern von Clintons Wahlkampfstrategie (zu viel Datenhuberei und Vertrauen in Analysten, zu wenig ground troops und der bisweilen allzu sparsame Umgang mit den üppigen finanziellen Ressourcen), ohne andererseits die grundlegend vorhandenen Schwächen der Kandidatin unerwähnt zu lassen – etwa die fehlende zündende Idee und Zukunftserzählung sowie ihre hoch dotierten Redebeiträge für die „Top one percent“, Großbanken, Hedgefonds und nahöstliche Königshäuser, die ihr schon in den Primaries vorgehalten wurden.

The campaign was an unholy mess, fraught with tangled lines of authority, petty jealousies, distorted priorities, and no sense of greater purpose. No one was in charge, and no one had figured out how to make the campaign about something bigger than Hillary.”1

Allen/Parnes veranschaulichen wiederholt und eindrücklich, dass sie von den Gespenstern der Vergangenheit eingeholt wurde: den verlorenen Primaries gegen Barack Obama aus dem Jahr 2008. Dieses Scheitern habe ihr Denken und Wirken mit Blick auf die Kampagne 2016 nachhaltig beeinflusst. Die Zusammenstellung ihres Wahlkampfstabes, dessen intern wie extern nicht erkennbare Struktur, seine widerstreitenden Fraktionen und Flügel, sind den Autoren zufolge auf die im Jahr 2008 gemachten Erfahrungen zurückzuführen. Seinerzeit fanden ihre wenigen, dafür umso dominanter auftretenden Berater keine inhaltliche und kommunikative Antwort auf Obamas Kernbotschaft („Change“) und dessen präsidentiell-souveränen Wahlkampfstil. Auch der eher hemdsärmelig entworfene Plan, Clinton müsse vor allem in den großen Staaten, weniger aber in kleineren Staaten, wie dem im Mittleren Westen gelegenen Iowa, Präsenz zeigen, erwies sich als Fehleinschätzung. Die Autoren behaupten nicht, dass Clinton nicht zur Personalführung imstande sei. Vielmehr konturieren sie das Bild einer fleißigen, detailbesessenen Frau der Exekutive, die sich weder abstrakt noch konkret mit dem anfreunden könne, was Politik, zumal in den USA, eben auch immer sei: showmanship.

Für den Wahlkampf 2016 bedeutete all dies: Ein Beraterteam ohne erkennbare hierarchische Strukturen und transparente Verfahrensabläufe. Zu viele Strategen, Analysten, Kommunikatoren und altgediente politische Weggefährten mit direktem Draht zur Kandidatin, um ihre Aufmerksamkeit buhlend:

„In addition, the people close to Clinton didn’t know politics, and the political pros she’d hired didn’t know her very well. That compelled her most trusted aides to try to prove themselves in the political arena and the campaign-trail veterans to jockey to get closer to her. Everyone was throwing elbows.”

Auch den sparsamen Umgang mit den vorhandenen Finanzmitteln führen die Autoren auf die Primaries 2008 zurück. Dort habe Clinton, so die Autoren, früh viel in Werbespots und Wahlhelfer investiert und dies mit Millionen aus dem eigenen Privatvermögen finanziert. Acht Jahre später blieb deshalb die prall gefüllte Wahlkampfkasse zumeist eben das: gefüllt. Clintons Losung: Warum allzu viele Mittel in Wahlkampfbüros und Auftritte vor Ort investieren, wenn man anhand von Wählerverzeichnissen und soziodemografischen Statistiken vorhersagen kann, wo sich welcher Wahlkampfeinsatz lohnt und wo nicht. Das grenzenlose Vertrauen in die Macht der Datenanalyse wurde Clinton gerade in jenen Staaten bzw. Wahlbezirken zum Verhängnis, in denen Trump mit nur wenigen tausend Stimmen Abstand gewann.

Man wundert sich: Wie kann es sein, dass Clinton ihre Kampagne über Jahre hinweg plante, ohne ihre Redetätigkeiten oder ihr Engagement für die weltweit agierende Clinton-Stiftung frühzeitig einzustellen? Wie kann es sein, dass Clinton ihre Kandidatur monate-, ja, jahrelang vorbereitete, dann aber ihr Wahlkampfteam so planlos zusammenstellte? Wie kann es sein, dass sie keine inhaltliche Botschaft entwickeln konnte, ein Narrativ, das über Plattitüden von Gerechtigkeit, Wandel, Zusammenhalt und Zukunft kaum hinausging?

Parnes und Allen waren und sind der Kandidatin dabei politisch durchaus gewogen, von ihren intellektuellen Fähigkeiten und ihrer fachlichen Bilanz – als Secretary of State – überzeugt. Wohl auch deshalb, wurde den beiden relativ freier Zugang zu Clintons Wahlkampforganisation gewährt. Als Quelle dienen den Autoren Interviews mit Mitgliedern aus Clintons Entourage – Beratern und Spin-Doktoren, Analysten und alten politischen Weggefährten. Parnes/Allen begleiteten Clinton zu einer Vielzahl kleinerer Termine und größerer Wahlkampfveranstaltungen. Die Zitate werden oft indirekt und anonymisiert, seltener bis gar nicht direkt oder personalisiert hinterlegt. Diese eher freie Zitationsmethode erinnert an Michael Wolffs skandalumwittertes Buch „Fire and Fury“; mit dem wichtigen Unterschied, dass Allen und Parnes explizit um die Freigabe ihrer Gesprächsprotokolle baten, wohingegen Wolff eher assoziativ bis beliebig aus den Erinnerungen seiner (nicht-)teilnehmenden Beobachtung zitiert. Stilistisch gelingt den kundigen Clinton-Beobachtern das bessere Buch:  dichter die Beschreibungen, schnörkelloser die Formulierungen. Der essayistische Stil führt gleichwohl zu einer Eigenart: Die Autoren wissen sprichwörtlich alles: Wir waren immer dabei, ohne immer dabei gewesen zu sein.

„Shattered: Inside Hillary Clinton’s Doomed Campaign“ wartet mit keinerlei konkreten Hinweisen dazu auf, wie die Demokraten künftige Wahlkämpfe erfolgreicher gestalten könnten. Wer konkrete Antworten darauf sucht, ist zum Beispiel bei den hitzig diskutierten Essays der Antipoden Mark Lilla oder Ta-Nehisi Coates besser aufgehoben. Parnes und Allen beschreiben, sie beschreiben gut, aber auch erratisch. Treffsichere Beobachtungen und gekonnt eingestreute Zitatsprengsel können gleichwohl nur bedingt darüber hinwegtäuschen, dass die Gründe für Clintons gescheiterte Kampagne nicht systematisch aufbereitet werden. Die Autoren beschränken sich auf das, was sie den Begleitern und Mitläufern in Interviews entlocken und in Meetings beobachten konnten. Das wiederum ist, ob systematisch dargelegt oder nicht, ein Wert an sich. Die durch dieses Vorgehen zutage geförderten Erkenntnisse jedenfalls, sind lesenswert. Das Buch von Allen und Parnes ist auch ein Lehrstück. Ein Lehrstück darüber, dass Politik im Allgemeinen und Wahlkämpfe im Besonderen nicht immer planbar und Menschen und ihre Interessen nicht a priori quantifizierbar und berechenbar sind.

Zitationshinweis

Ezazi, Gordian (2018): Allen, Jonathan/Parnes, Amie. Shattered: Inside Hillary Clinton’s Doomed Campaign, Rezension. Erschienen auf: Regierungsforschung.de. Online verfügbar: http://regierungsforschung.de/allen-jonathan-parnes-amie-shattered-inside-hillary-clintons-doomed-campaign/

  1. Anmerkung: An dieser Stelle wird auf die Angabe von Seitenzahlen verzichtet. Zurückgegriffen wurde durchweg auf die englische E-Book-Version. []
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This work by Gordian Ezazi. is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 4.0 International

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