Die soziale Schieflage der Wahlbeteiligung: Politik für die Wählenden, aber nicht für das Volk – Die Folgen der sinkenden Wahlbeteiligung (Teil 3/5)

Prof. Dr. Michael KaedingEs stellt sich nun die Frage, inwiefern die bisherigen Erkenntnisse aus den vorherigen beiden Beiträgen der fünfteiligen Serie „Die soziale Schieflage der Wahlbeteiligung“ (Teil 1: Die Fakten zur Wahlbeteiligung im Sinkflug; Teil 2: Demokratie der Bessergestellten) eine Gefahr für den demokratischen Prozess, wie man ihn bisher kannte, darstellen.

Denn es ist zwar sicherlich unschön, wenn bestimmte soziale Schichten aus dem demokratischen Prozess ausscheiden. Doch häufig wird argumentiert, dass die Politik trotzdem das Wohl des GANZEN Volkes im Blick habe. Verschiebung von politischem Angebot und Nachfrage?

Die soziale Schieflage der Wahlbeteiligung

Teil 3/5 – Folgen

Politik für die Wählenden, aber nicht für das Volk – Die Folgen der sinkenden Wahlbeteiligung

 

Autoren

Prof. Dr. Michael Kaeding ist Jean Monnet Professor für Europäische Integration und Europapolitik am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen und lehrt am Europakolleg in Brügge. Er forscht schwerpunktmäßig zu europäischen Institutionen, der Umsetzung europäischer Gesetzgebung in den Mitgliedsstaaten und der Europäisierung nationaler politischer System.

Morten Pieper ist wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Europäische Integration und Europapolitik. Er absolvierte als Jahrgangsbester den Master Politikmanagement, Public Policy und öffentliche Verwaltung an der NRW School of Governance, Universität Duisburg-Essen.

Stefan Haußner ist wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Europäische Integration und Europapolitik und beschäftigt sich unter anderem mit dem Euroskeptizismus der AfD sowie der empirischen Messbarkeit von Menschenrechten in der EU.

Es stellt sich nun die Frage, inwiefern die bisherigen Erkenntnisse aus den vorherigen beiden Beiträgen unserer fünfteiligen Serie „Die soziale Schieflage der Wahlbeteiligung“ (Teil 1: Die Fakten zur Wahlbeteiligung im Sinkflug; Teil 2: Demokratie der Bessergestellten) eine Gefahr für den demokratischen Prozess, wie wir ihn bisher kannten, darstellen. Denn es ist zwar sicherlich unschön, wenn bestimmte soziale Schichten aus dem demokratischen Prozess ausscheiden. Doch häufig wird argumentiert, dass die Politik trotzdem das Wohl des GANZEN Volkes im Blick habe.

Verschiebung von politischem Angebot und Nachfrage?

Allein aus theoretischer Perspektive ist dieses Argument, dass die Politik das Wohl des GANZEN ganzen Volkes im Blick hat, jedoch sehr fragwürdig. Denn das vorrangige Interesse der politischen Akteure muss es sein, wiedergewählt zu werden und Mehrheiten zu erlangen, um die – ihrer Meinung nach – besten Politiken durchsetzen zu können. Das – und nichts anderes – ist die entscheidende Triebfeder im gesellschaftlichen System „Politik“. Da jedoch nur gewählt werden kann, wer die Wähler auf seiner Seite hat, ist es für die Parteien rational, sich vorrangig an den Interessen der Wähler auszurichten. Damit geht allerdings die Gefahr einher, die Interessen der Nicht-Wähler, also eines erheblichen und stetig wachsenden Teils der Bevölkerung, unbeachtet zu lassen.

Der langjährige britische Minister Geoff Hoon drückte es wie folgt aus: „My fear is that as time goes on, as all political parties become more sophisticated at targeting actual voters we could fail to pay attention to the serial non-voters“ (Ballinger 2006, 7).

Dieses sogenanntes „Robin-Hood-Paradoxon“ (Lindert 2004, 15) spiegelt sich auch in der empirischen Realität wider:

Umverteilung von den Reichen an die Armen ist dort am unwahrscheinlichsten, wo sie am meisten benötigt würde (ebd.). Doch warum ist das so?

Bei steigender sozialer Ungleichheit sollte sich in der Bevölkerung eigentlich eine Mehrheit für mehr soziale Umverteilung bilden. Doch da sich sozial Benachteiligte überproportional häufig der Wahl enthalten, verschiebt sich die „Mitte der politischen Gesellschaft“ weiter nach oben auf der Einkommensskala. Zwar haben alle Bürger das grundsätzliche Recht zu wählen und könnten sich deshalb beteiligen. Wie in den ersten beiden Artikeln dieser Serie „Die soziale Schieflage der Wahlbeteiligung“ aber gezeigt (Teil 1: Die Fakten zur Wahlbeteiligung im Sinkflug; Teil 2: Demokratie der Bessergestellten), werden benachteiligte Milieus immer weiter faktisch von der Wahl ausgeschlossen. Somit werden Mehrheiten immer seltener mit Vorschlägen für eine stärkere Umverteilung gewonnen.

Alle Parteien würden sich also zwar weiterhin in puncto Umverteilung an der „Mitte der Wähler“ orientieren und bei steigender Einkommensungleichheit (unter den Wählern!) für mehr Umverteilung plädieren. Doch die „Mitte der Wähler“ ist seit Jahren nicht mehr identisch mit der „Mitte des Volkes“. Es geht also um „more leftist positions relative to the center of gravity in electoral politics“ (Pontusson/Rueda 2010, 681).

Selbst beim ehrlichsten Bemühen der Politiker, die für ALLE „richtige“ Politik zu entwerfen, wäre es somit politischer Selbstmord, eine stärker als vom Median-Wähler (und nicht vom Median-Volk) gewünschte Umverteilungspolitik zu verfolgen.

Die These der Nachfrage-Verschiebung: Würden Nichtwähler deutlich andere Wahlentscheidungen treffen als die Wähler?

An dieser Stelle stellt sich jedoch die Frage, wie dieser Mechanismus im Einzelnen funktioniert. Denn dass die Verschiebung der politischen „Mitte“ durch die sich deutlich überproportional der Stimme enthaltenen sozial schwächeren Schichten nicht folgenlos bleiben kann, ist eine naheliegende Vermutung.

Zwei Möglichkeiten bieten sich an:

Zum einen könnte sich die politische Nachfrage, also die Stimmenanteile der Parteien und somit Parlamentsmehrheiten und Regierungszusammensetzungen, ändern. Zum anderen könnte die Verschiebung der politischen „Mitte“ auch zu einem Wandel des politischen Angebots, also der Parteiprogramme, Wahlkämpfe und tatsächlichen Gesetze, führen.

Die These der Nachfrage-Verschiebung fußt auf einigen Annahmen:

So müssten die Bürger sich bei ihrer Wahlentscheidung im Großen und Ganzen auch tatsächlich von ihren jeweiligen sozialstrukturellen Merkmalen leiten lassen. Das würde bedeuten, dass sozial Schwächere eher Parteien mit stärkerem Umverteilungs-Profil, also tendenziell linken Parteien, während Bessergestellte eher konservativ-liberalen Parteien mit einer größeren Vorsicht bei Umverteilungs-Politiken zusprechen würden. Gleichzeitig müsste die soziale Schieflage innerhalb der Nichtwähler so groß sein, dass sie durch ihre Stimmenthaltung das Ergebnis signifikant verändern würde. Letztlich muss auch die Annahme getroffen werden, dass Nichtwähler ihre parteipolitischen Präferenzen mindestens genauso gut in Stimmen für die jeweilige Partei transferieren können wie das die bisherigen Wähler praktizieren. Das heißt, dass sie sich nicht stärker als die Wähler von ihrem durch ihre sozialstrukturellen Merkmale präferierten Parteiwunsch abbringen lassen, z.B. durch sachfremde Erwägungen.

Diese teilweise sehr anspruchsvollen Annahmen zeigen bereits, dass eine Überprüfung der Nachfrage-These schwierig ist. Dementsprechend ist auch die bisherige Forschung zu dieser Frage zu keinen eindeutigen und häufig widersprüchlichen Ergebnissen gekommen:

Eine sehr wichtige Frage lautet in dem Zusammenhang zudem, ob sich die inhaltlichen politischen Präferenzen von Wählern und Nichtwählern unterscheiden. Dies ist aufgrund der deutlich differierenden sozialstrukturellen Merkmale der beiden Gruppen, d.h. aufgrund der sozialen Schieflage der Wahlbeteiligung, sehr wahrscheinlich und durch viele Studien abgesichert (vgl. Lutz et al. 2014 und Teil 2: Demokratie der Bessergestellten).

Allerdings stellt eine Reihe von Forschern diesen Aspekt auch in Frage (vgl. Bennet/Resnick 1990, Gant/Lyons 1993, Studlar/Welch 1986). Hier ist jedoch darauf zu verweisen, dass es sich dabei häufig um recht alte Studien handelt, zu deren Entstehungszeit die Wahlbeteiligung deutlich höher und sozial ausgeglichener war, weshalb ihre Geltungskraft für heute zweifelhaft ist.

Die Kardinalsfrage lautet stattdessen, ob Nichtwähler deutlich andere Wahlentscheidungen treffen würden als die Wähler und ob dies in einer derart großen Anzahl geschehen würde, dass es einen relevanten Einfluss auf Wahlergebnisse, Mehrheiten und Regierungsbildungen hätte. Dies ist in der Forschung sehr umstritten. Die Literatur hierzu ist sehr polarisiert: Während eine Reihe von Forschern keine oder eher irrelevante Effekte feststellt (vgl. Lutz/Marsh 2007), sehen andere Forscher klare Belege für eine deutliche Veränderung der Wahlergebnisse durch die sinkende Wahlbeteiligung (vgl. Schäfer 2012) ((Die Ergebnisse hängen dabei vor allem davon ab, ob durch Umfragen entstandene Individualdaten, oder Aggregatdaten, z.B. amtliche Statistiken, genutzt werden.)).

Insgesamt erweist sich die Forschung in diesem Bereich als unbefriedigend weil widersprüchlich. Ob tatsächlich der vermutete Effekt auf die politische Nachfrage existiert, kann daher nicht abschließend beantwortet werden. Die bisherigen Erkenntnisse hinsichtlich der sozialen Schieflage und der unterschiedlichen Präferenzen von Wählern und Nichtwählern deuten jedoch darauf hin.

Die These der Angebotes-Verschiebung: Wahlkämpfe weltweit zeigen, dass die Politik die Interessen der Nichtwähler vernachlässigt

Die Untersuchung der Verschiebung des politischen Angebots hat hingegen an einigen Stellen bereits eindeutige Ergebnisse hervorgebracht.

Die deutlichsten Belege für dieses Verhalten lassen sich in der Literatur zur Wahlkampfforschung entdecken. Als zentrale Strategieoptionen werden hier die Mobilisierung der bisherigen Unterstützer, die Überzeugung der Unentschiedenen und Erstwähler, sowie die Überzeugung der Unterstützer des Gegners genannt (Hirczy 1995, 264). Bereits hier ist erkennbar, dass politisch apathische und desinteressierte Bürger kaum ins Gewicht fallen.

Belege hierfür finden sich beispielsweise darin, dass Parteien „strategically direct their canvassing efforts to groups with higher turnout rates and higher probabilities to vote for their party“ (Lutz/Marsh 2007, 543). Dasselbe bezieht sich auf ganze Wahldistrikte: „Parties canvass in districts where their support is fairly high and leave out districts with only little support for their parties“ (ebd.). Da sich die Partizipationsraten zwischen Stadtteilen und Stimmbezirken erheblich unterscheiden (Bertelsmann 2013 a,b,c), ist es die logische Schlussfolgerung, die Gegenden mit besonders niedriger Wahlbeteiligung größtenteils zu ignorieren.

Nochmal, dieses Verhalten ist aus Perspektive der Parteien rational, weil sie nur begrenzte finanzielle und personelle Ressourcen haben und diese daher möglichst stimmenbringend einsetzen müssen (Machin 2011, 102). Folglich priorisieren sie und konzentrieren sich auf unsichere Unterstützer und unsichere Gegner, während sie sichere Unterstützer, Gegner und Nicht-Wähler ignorieren (ebd.). Denn bei letzteren Gruppen wäre ein unverhältnismäßig großer Aufwand für eine vergleichsweise geringe Anzahl „gewonnener“ Stimmen notwendig.

Dieses Muster zieht sich in der Literatur durch alle Gruppen und Merkmale, die in den Abschnitten zuvor mit Nicht-Wählern assoziiert wurden: Sozial Benachteiligte werden seltener im Wahlkampf kontaktiert als Wohlhabendere (Gershtenson 2003, 293), Jungwähler seltener als Alte (Lutz/Marsh 2007, 543) und Minderheiten seltener als die Mehrheitsbevölkerung (Wielhouwer 2000, 206).

Wahlkämpfer vor Ort „look close to home, contacting people they know“ (Brady et al. 1999, 164) und verstärken somit den beschriebenen Effekt. Dies hat zur Folge, dass Bürger in sozial abgehängten Gegenden noch seltener kontaktiert werden, da hier auch viel weniger Wahlkämpfer wohnen bzw. sich auskennen. In der Folge entstehen sich selbst verstärkende Effekte:

Diejenigen Bürger, die sowieso eine hohe Wahrscheinlichkeit aufweisen, an der Wahl teilzunehmen, werden häufiger kontaktiert und gehen daher erst recht häufiger wählen als andere. Dies wiederum macht sie beim nächsten Mal zu noch attraktiveren Zielen, weil sich die anderen Gruppen immer mehr aus dem Prozess verabschieden (vgl. Lutz/Marsh 2007, 543).

An dieser Stelle ist jedoch anzumerken, dass es kaum belastbares Wissen darüber gibt, inwiefern sich das inhaltliche Angebot, also z.B. Parteiprogramme und Gesetze, durch die sinkende und sozial verzerrte Wahlbeteiligung verändern. Es finden sich allerdings eine Reihe indirekter Hinweise:

So ist beispielsweise der Wohlfahrtsstaat in Ländern mit hoher und sozial ausgewogener Wahlbeteiligung stärker ausgebaut als in anderen Ländern. Auch stellt sich die Schere zwischen Arm und Reich in diesen Ländern als kleiner dar. ((Eine ausführliche Schilderung der Effekte einer hohen Wahlbeteiligung auf Angebot und Nachfrage erfolgt in Artikel 5 dieser Serie.)). Dies deutet darauf hin, dass eine höhere Wahlbeteiligung auch zu einer Veränderung des politischen Angebots hin zu mehr Umverteilung, d.h. linkeren Positionen führt. Jedoch können durch diese Studien Ursache und Wirkung nicht abschließend voneinander getrennt werden, weshalb die Angebots-These im Bereich von Parteiprogrammen und Gesetzen – im Gegensatz zu dem Bereich Wahlkämpfe – nur sehr vorsichtig bejaht werden kann. Daher ist hier – wie schon im Bereich der Nachfrage – dringender Forschungsbedarf erkennbar.

Zwischenfazit unserer fünfteiligen Serie „Die soziale Schieflage der Wahlbeteiligung“: Eine sinkende Wahlbeteiligung führt zur Herrschaft der Wähler über die Nichtwähler

Der intellektuelle Nichtwähler, der bewusst nicht wählt, ist also, trotz häufiger Medien-Präsenz, eher eine Ausnahmeerscheinung. Auch die Thesen bzgl. (herkömmlicher) Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit der Wähler erfassen das Kernproblem sinkender Wahlbeteiligung nicht. Denn die große Masse der Nichtwähler zeichnet sich durch soziale Benachteiligung, geringe Bildung, niedriges Alter, politische Exklusion sowie politische Apathie aus.

„Der typische Nichtwähler sieht Wählen nicht als Bürgerpflicht, wohnt in sozialen Brennpunkten, ist jung und so unpolitisch wie sein Umfeld. (…) Nicht Demokratieverdrossenheit, sondern politische Gleichgültigkeit erklärt, warum sich einkommens- und bildungsschwache Schichten weniger beteiligen“ (Bertelsmann 2013c, 1). Immer stärker verfestigt sich bei diesen Menschen das Gefühl „politics is not for us“ (Ballinger 2006, 7). Nichtwählern stellen sich folglich klare Hindernisse in den Weg, die sich mittels dramatischer Kohorten-Effekte in nachfolgenden Generationen multiplizieren. Einige dieser Hindernisse sind emotional und subjektiv, andere sind ganz praktisch und real. „The salient point is that they are preventing people from voting for reasons that go beyond mere disinterest, genuine choice or rational calculation“ (Hill 2002, 85).

Es lässt sich aber neben dem Effekt der Selbst-Selektion eben auch ein Effekt der Fremd-Selektion (durch die Parteien) feststellen. Auf Gruppen, die nicht wählen, wäre es aus Sicht der Parteien irrational, den Schwerpunkt ihrer Politik oder ihrer Wahlkämpfe zu legen. In der Folge sind zum einen die behandelten Themen im Interesse der wohlhabenderen Wähler. Zum anderen interagieren die Parteien immer weniger mit bestimmten Bevölkerungsgruppen, was diese im Endeffekt nur noch weiter vom politischen Prozess entfernt. Es gilt: „Where the rich are richer, they dominate politics to a greater degree than where income is distributed more equally“ (Solt 2010, 298), d.h. die Prozesse der Selbst- und Fremd-Selektion verstärken sich gegenseitig, die Wahlbeteiligung sinkt weiter und die soziale Ungleichheit sowie die soziale Schieflage der Wahlbeteiligung wachsen weiter an (Brady et al. 1999, 164). Insgesamt lässt sich also festhalten: „If you don’t vote, you don’t count“ (Burnham 1987, 99).

Eine sinkende Wahlbeteiligung gefährdet eine Grundidee der modernen Demokratie: die proportionale Repräsentation

„Since democracy is based on the principle of political equality and on the promise that each interest must have the same chance of being considered, socially uneven electoral participation calls into question a central component of democracy“ (Schäfer 2011a, 9). Hinzu kommt, dass sozial Schwache besonders stark von staatlichen Problemlösungen abhängig sind, während wohlhabendere und besser gebildete Bürger vieles aufgrund von Geld, Bildung, Vernetzung oder politischem Engagement auch selber lösen können (Schäfer 2011b, 153).

Eine Grundidee der modernen Demokratie, die proportionale Repräsentation, d.h. „das Parlament als repräsentatives Abbild der Volksmeinung“ (Merkel/Petring 2011, 32), kann somit nicht mehr gewährleistet werden. Arend Lijphart ging sogar so weit und bezeichnete niedrige und sozial problematische Wahlbeteiligungsraten als funktionales Äquivalent zu undemokratischen diskriminierenden Beschränkungen (vgl. Hill 2002, 84), wie sie in Deutschland beispielsweise vom preußischen Drei-Klassen-Wahlrecht bekannt sind.

Auch wenn wir nicht so weit gehen möchten, dieser Zuspitzung zuzustimmen, zeigt die Forschung eindeutig, dass viele Staaten, auch Deutschland, aufgrund der sozialen Schieflage der Wahlbeteiligung und der daraus anzunehmenden Nachfrage- bzw. Angebotsverschiebungen der Politik ein demokratisches Defizit besitzen, von dem man ausgehen muss, dass es sich in Zukunft noch vergrößern wird. Es gibt überzeugende Belege für die These, dass aufgrund der sinkenden und sozial ungleichen Wahlbeteiligung Politikentwürfe vor allem für die tatsächlichen Wähler gemacht werden. Die Interessen der sozial Schwächeren, die einen großen Teil der Nichtwähler ausmachen, drohen somit unter den Tisch zu fallen.

Dies ist historisch gesehen in einer Demokratie einzigartig: Denn die „Kräfte, die historisch die Demokratie getrieben haben, stellen sie heute in Frage. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Demokratie die Antwort auf die soziale Frage. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird die neue soziale Frage zu einer ihrer größten Herausforderungen“ (Bertelsmann 2013c, 4).

Die Zeit zu Handeln ist also längst gekommen. Bleibt dies aus, ist die Herrschaft des (ganzen) Volkes gefährdet. Im vierten Beitrag unserer fünfteiligen Serie „Die soziale Schieflage der Wahlbeteiligung“ (Teil 4: Ein Kessel Buntes – Maßnahmen zur Steigerung der Wahlbeteiligung) stellen wir daher die Frage, welche Möglichkeiten es zur Steigerung der Wahlbeteiligung gibt, wie effektiv sie sind und inwiefern sie in der Lage sind das Kernproblem, die soziale Schieflage der Wahlbeteiligung, zu bekämpfen.

Quellen:

Ballinger, Chris. 2006. Democracy and Voting. London: Hansard Society.

Bennett, Stephen Earl/David Resnick. 1990. „The Implications of Nonvoting for Democracy in the United States”. In: American Journal of Political Science 34 (3): 771-802.

Bertelsmann. 2013a. Prekäre Wahlen. Milieus und soziale Selektivität der Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2013. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung.

Bertelsmann. 2013b. Gespaltene Demokratie. Politische Partizipation und Demokratiezufriedenheit vor der Bundestagswahl 2013. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung.

Bertelsmann. 2013c. Ziemlich unpolitische Freunde. Wer in Deutschland warum nicht mehr wählt. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung.

Brady, Henry E./Kay Lehman Schlozman/Sidney Verba. 1999. „Prospecting for Participants: Rational Expectations and the Recruitment of Political Activists.“ In: The American Political Science Review 93 (1): 153-168.

Burnham, Walter Dean. 1987. „The Turnout Problem.“ In: James Reichly (Hg.). Elections American Style. Washington DC: Brookings Institution: 97–133.

Gant, Michael/William Lyons. 1993. “Democratic Theory, Nonvoting, and Public Policy. The 1972-1988 Presidential Elections”. In: American Politics Quarterly 21(2): 185-204.

Gershtenson, Joseph. 2003. „Mobilization Strategies of the Democrats and Republicans, 1956-2000.“ In: Political Research Quarterly 56 (3): 293-308.

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Lindert, Peter. 2004. Growing public. Cambridge: Cambridge University Press.

Lutz, Georg/Kathrin Kissau/Jan Rosser. 2014. „The political preferences of political elites, voters and non-voters in Europe”. Working paper. http://ecpr.eu/Filestore/PaperProposal/762c1a64-8ec5-432e-af92-80ae4e69d3e9.pdf, letzter Zugriff am 24. Februar 2015.

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Machin, Dean. 2011. „Compulsory Turnout: A Compelling (and Contingent) Case.“ In: Politics: 31 (2): 100–106.

Merkel, Wolfgang/Alexander Petring. 2011. Partizipation und Inklusion. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung.

Pontusson, Jonas/David Rueda. 2010. „The Politics of Inequality: Voter Mobilization and Left Parties in Advanced Industrial States.“ In: Comparative Political Studies 43 (6): 675-705.

Schäfer, Armin. 2011a. „Republican Liberty and Compulsory Voting.“ MPIfG Discussion Paper 11/17. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung.

Schäfer, Armin. 2011b. „Der Nichtwähler als Durchschnittsbürger: Ist die sinkende Wahlbeteiligung eine Gefahr für die Demokratie?“ In: Evelyn Bytzek/Sigrid Roßteutscher (Hg.). Die unbekannten Wähler? Mythen und Fakten über das Wahlverhalten der Deutschen. Frankfurt: Campus Verlag: 133-156.

Schäfer, Armin. 2012. „Beeinflusst die sinkende Wahlbeteiligung das Wahlergebnis? Eine Analyse kleinräumiger Wahldaten in deutschen Großstädten.“ In: Politische Vierteljahresschrift 53 (2): 240-262.

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Wielhouwer, Peter W. 2000. „Releasing the Fetters: Parties and the Mobilization of the African-American Electorate.“ In: The Journal of Politics 62 (1): 206-222.

Zitationshinweis

Kaeding, Michael/ Pieper, Morten/ Haußner, Stefan: Die soziale Schieflage der Wahlbeteiligung, Teil 3/5 – Politik für die Wählenden, aber nicht für das Volk – Die Folgen der sinkenden Wahlbeteiligung. Erschienen in: regierungsforschung.de, Essays & Kolumnen, Online verfügbar unter: http://regierungsforschung.de/die-soziale-schieflage-der-wahlbeteiligung-politik-fuer-die-waehlenden-aber-nicht-fuer-das-volk-die-folgen-der-sinkenden-wahlbeteiligung-teil-35/

 

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This work by Michael Kaeding, Morten Pieper, Stefan Haußner. is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 4.0 International

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