„Digitalisierung ist kein Technik-Thema mehr.“ – Interview mit Prof. Dr. Christoph Bieber

Als Welker-Stiftungsprofessor für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft beschäftigt sich Prof. Dr. Christoph Bieber sich unter anderem mit politischer Kommunikation und neuen Medien. Derzeit ist er als wissenschaftlicher Koordinator des Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum beurlaubt und beschäftigt sich dort mit zahlreichen Facetten des Themas Digitalisierung.

Julia Rakers hat ihn zur systematischen Erforschung der Folgen der Digitalisierung, der Gründung des neuen Forschungsinstituts CAIS in Bochum und der gesellschaftswissenschaftliche Dimension von Digitalthemen befragt.

„Digitalisierung ist kein Technik-Thema mehr.“

Interview mit Prof. Dr. Christoph Bieber, wissenschaftlicher Koordinator am Center for Advanced Internet Studies in Bochum

Autoren

Julia Rakers ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Mercator Forum für Migration und Demokratie (MIDEM) an der Universität Duisburg-Essen. Zudem ist sie wissenschaftliche Leiterin von Regierungsforschung.de. Ihr Studium der Politikwissenschaften schloss sie an der Universität Leiden zum Thema Migrationsdiskurse in der Sicherheits- und Innenpolitik ab. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Innen- und Sicherheitspolitik, Migration und Integration und das politische System der Niederlande.

 

Prof. Dr. Christoph Bieber ist Inhaber Welker-Stiftungsprofessur für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft an der NRW School of Governance. Zu seinen Forschungsinteressen gehören Ethik und Verantwortung in der Politik, Ethik-Management, Transparenz und öffentliche Kommunikation, Politische Kommunikation und Neue Medien. Seit April 2018 ist er für zwei Semester beurlaubt und arbeitet als wissenschaftlicher Koordinator am Center für Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum und begleitet die Gründung dieses Landesinstitutes für Digitalisierungsforschung.

Als Welker-Stiftungsprofessor für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft beschäftigt sich Prof. Dr. Christoph Bieber sich unter anderem mit politischer Kommunikation und neuen Medien. Derzeit ist er als wissenschaftlicher Koordinator des Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum beurlaubt und beschäftigt sich dort mit zahlreichen Facetten des Themas Digitalisierung. Ein Gespräch über die systematische Erforschung der Folgen der Digitalisierung, die Gründung des neuen Forschungsinstituts CAIS in Bochum und die gesellschaftswissenschaftliche Dimension von Digitalthemen.

Rakers: Man hat das Gefühl, dass wissenschaftliche Einrichtungen, die sich mit dem Thema Digitalisierung befassen, in den letzten Jahre wie Pilze aus dem Boden sprießen? Wie kommt das?

Bieber: Nun ja, das Thema liegt gewissermaßen in der Luft – und das eigentlich schon seit einiger Zeit. Viele Disziplinen haben in den vergangenen Jahren unterschiedliche Phänomene in den Blick genommen, die mit dem Begriff der Digitalisierung verbunden sind. Ganz sicher ist die Kommunikation via Internet hier ein wesentlicher Treiber gewesen, die auch für die Lebenswelt vieler Menschen immer wichtiger geworden ist. Und bei der Kommunikation ist es ja nicht geblieben: auch Wirtschaft, Arbeit, Konsum, Gesundheit, Sicherheit sind Themen, die die Gesellschaft als Ganzes angehen. In den letzten Jahren sind in der öffentlichen Debatte dann die Wikileaks-Enthüllungen, die Snowden-Affäre, der Trend zur Verarbeitung großer Datenmengen oder die Debatte um die Automatisierung der Arbeitswelt hinzugekommen. Das alles klingt doch nach guten Argumenten, um sich auch systematisch mit den Folgen der Digitalisierung zu befassen. Und natürlich gibt es auf internationaler Ebene ganz ähnliche Entwicklungen – auch dieser externe Druck spielt eine Rolle für die Weiterentwicklung der Wissenschaftslandschaft.

Rakers: Wieso braucht es ausgerechnet in Bochum noch ein zusätzliches Zentrum, das sich mit Digitalisierung befasst?

Bieber: Das liegt zunächst einmal an der Vorgeschichte des CAIS, das aus dem Wettbewerb um das „Deutsche Internet Institut“ hervorgegangen ist. Im Jahr 2015 hatte das BMBF dazu aufgerufen, Konzepte für eine solche Forschungseinrichtung vorzulegen, verschiedene Standorte in ganz Deutschland hatten sich daran beteiligt. Das Land NRW ging mit einer Konsortialbewerbung an den Start, außer der Ruhr-Universität Bochum waren Düsseldorf, Münster und Bonn mit dabei, ergänzt wurde der akademische Bereich um das Grimme-Institut in Marl. Das CAIS als Wissenschaftskolleg wurde noch während des Auswahlverfahrens eingerichtet, um der NRW-Bewerbung weiteren Nachdruck zu verleihen. Als der Zuschlag für die zentrale Einrichtung dann an das Berliner Weizenbaum-Institut ging, gab es Überlegungen in der Landespolitik, die Entwicklung eines eigenen Instituts anzuregen. Und genau das machen wir nun.

Rakers: Was ist das Spezifische, das Alleinstellungsmerkmal des CAIS? Wie wiederum fügt sich das CAIS in die Landschaft der bestehenden Einrichtungen, die sich mit Digitalisierung befassen, ein?

Bieber: Das CAIS verbindet verschiedene Schwerpunkte der beteiligten Hochschul-Standorte. So ist in Bochum mit dem Horst-Görtz-Institut für Sicherheit in der Informationstechnik ein wichtiger Akteur in der Debatte um Cybersicherheit vertreten. Auch die anderen Universitäten haben eigene „Digital-Profile“, so gibt es in Münster zum Beispiel viele Informationsrechtler und an der Heinrich-Heine-Universität forscht das Düsseldorfer Institut für Internet und Demokratie (DIID) unter anderem im Bereich Online-Partizipation. In Bonn ist das NRW-Graduiertenkolleg „Digitale Gesellschaft“ beheimatet und das Grimme-Institut deckt den Bereich Medien und Bildung ab. Durch meine Entsendung ist nun auch die Universität Duisburg-Essen enger an das CAIS herangerückt, das Thema Digitalisierung ist hier auch an verschiedenen Instituten verankert: Zum Beispiel in der Politikwissenschaft mit unserer Nachwuchsgruppe um Dr. Isabelle Borucki zur digitalen Parteienforschung oder Prof. Andreas Blättes Polmine-Projekt zur korpusbasierten Analyse der Bundestagsdebatten. Außerdem gibt es mit dem Learning Lab von Prof. Michael Kerres in Essen oder mit Prof. Nicole Krämer in der Psychologie weitere sozialwissenschaftliche Forschungsansätze. Aus dieser Basis-Konstellation heraus entwickeln wir nun ein Forschungsprofil, das auf eine besonders enge Kooperation zwischen sozial-, geistes- und kulturwissenschaftlichen Zugängen mit den eher technischen Feldern in Informatik, IT-Sicherheit, Mathematik oder auch der Künstlichen Intelligenz-Forschung abzielt.

Rakers: Wieso sind in letzter Zeit zunehmend Sozialwissenschaftler gefragt, wenn es um Themen im Zusammenhang mit Digitalisierung geht? Sie selbst sind beispielsweise Politikwissenschaftler.

Bieber: Man könnte meinen, dass die großen technologischen Schübe der letzten zwei Jahrzehnte nun in der sprichwörtlichen „Mitte der Gesellschaft“ angekommen sind. Die „digitale Durchdringung“ des Alltags ist massiv vorangeschritten und lässt keinen Bereich des privaten und öffentlichen Lebens aus – Digitalisierung ist kein reines Technik-Thema mehr. Durch diese Allgegenwärtigkeit von Technologie hat sich auch das Verständnis dafür geschärft, dass es eine explizit gesellschaftswissenschaftliche Forschung zu Digitalthemen braucht. Und ganz sicher machen sich gerade die jüngeren Entwicklungen im Bereich der Politik bemerkbar: die Erfolge der Piratenpartei waren vielleicht nur eine Art „Zwischenspiel“, aber mit der Snowden-Affäre, den Diskussionen um Hate Speech und Fake News sowie nicht zuletzt der „Social Media“-Präsident Donald Trump haben dazu beigetragen, dass gesellschaftswissenschaftliche Forschungsperspektiven an Bedeutung gewinnen. Dabei bildet auch der Bereich der Ethik einen explizit nicht-technischen Rahmen für die Auseinandersetzung mit den Folgen von Online-Kommunikation, Datenerhebung und -verarbeitung oder der Rolle von Algorithmen. Man könnte sagen, dass hier ein ähnlicher Prozess wie in den 1970er Jahren einsetzt, als sich in Folge des Booms verschiedener Großtechnologien die Technikfolgenabschätzung etabliert hatte – die diversen Forschungseinrichtungen thematisieren nun „Digitalisierungsfolgen“ und wollen zumeist auch auf die Gestaltung dieses Prozesses einwirken.

Rakers: Was ist Ihre konkrete Rolle beim CAIS?

Bieber: Ich bin für das akademische Jahr 2018/19 an das CAIS entsandt und arbeite dort als „Wissenschaftlicher Koordinator“ – meine wesentliche Aufgabe ist die Entwicklung eines Instituts-Konzepts, das im Herbst evaluiert werden wird. Bis Ende Juli müssen wir eine Forschungsagenda skizzieren, die Organisationsstruktur planen und außerdem wollen wir einen Überblick zum Stand der sozial-, geistes- und kulturwissenschaftlichen Digitalisierungsforschung in NRW geben. Auf dieser Basis soll dann die weitere Vernetzung der Forschungslandschaft erfolgen. Zurzeit bin ich viel im ganzen Bundesland unterwegs und spreche mit Rektoratsvertreter*innen und – wenn es solche Ämter gibt – „Digitalisierungsbeauftragten“ der Universitäten. Dabei erfährt man viel über die Forschungslandschaft in NRW und lernt ganz unterschiedliche Konzepte für den Umgang mit Digitalisierung im Wissenschaftsbereich kennen.

Rakers: Was ist für die nächsten Jahre am CAIS geplant? Wie soll die längerfristige Zukunft des CAIS aussehen?

Bieber: Bei einer positiven Bewertung des Konzepts muss dann im parlamentarischen Prozess darüber entschieden werden, ob es weitere Mittel zur Projektförderung gibt, die in der Folge dann für die Gründung eines Zentrums verwendet werden können. Auf der Grundlage der Evaluation würde dann eine Aufbauphase folgen, in der die Berufung des Leitungspersonals geklärt und erste konkrete Forschungsprogramme ausgeschrieben werden. Ziel ist es, in den nächsten Jahren neue Impulse für eine Digitalisierungsforschung zu entwickeln, die sich auf Herausforderungen und Perspektiven für die Menschen in einem digital beschleunigten Technikwandel fokussieren. Das Zentrum versteht sich in diesem Prozess als „Interface“ zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik – die gezielte Förderung und Vernetzung innovativer Forschungspersönlichkeiten soll eine eigenständige wissenschaftliche Arbeit am neuen Forschungszentrum ermöglichen, zugleich aber auch auf die Hochschulstandorte zurückwirken. Strategisch könnte sich so das Feld einer interdisziplinären Digitalisierungsforschung entwickeln, die die bisher häufig getrennt voneinander arbeitenden Disziplinen aus den sozial- und technikwissenschaftlichen Fächerwelten stärker integriert.

Zitationshinweis

Rakers, Julia (2018): „Digitalisierung ist kein Technik-Thema mehr.“ – Interview mit Prof. Dr. Christoph Bieber, Interview, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online verfügbar unter: http://regierungsforschung.de/digitalisierung-ist-kein-technik-thema-mehr-interview-mit-prof-dr-christoph-bieber/

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This work by Julia Rakers. is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 4.0 International

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