Erzählte Politik. Politische Fernsehserien als Gegenstand der Politikwissenschaft

Der große Erfolg der Netflix-ProduktionHouse of Cardsmag viele Zuschauer zunächst überrascht haben. Die Bildung eines Kabinetts oder Gesetzgebungstätigkeit im Kongress können unterhaltsam erzählt werden? Nicht wenige werden sich dann beim Schauen der Serie in ihrer Vorstellung von Politik als intrigantem Machtspiel ohne jeden erkennbaren moralischen Kompass bestätigt gefühlt haben, während sich andere vielleicht zumindest die Frage nach dem Realitätsbezug stellten. Glaubt man politischen Akteuren, die sich in vielen Fällen als Fans outeten, finden sich durchaus viele politische Abläufe und Mechanismen korrekt abgebildet (die eingebauten Morde als dramatische Zuspitzung sollte man dabei wohl abziehen).

Politische Serien dienen einerseits der Unterhaltung und schaffen andererseits einen breiten Zugang zu politikwissenschaftlichen Forschungsgegenständen. Doch auch die Politikwissenschaft kann politische Serien für sich nutzen argumentiert Niko Switek. Serien können Politik vermitteln, kulturelle Normen und Werte aufzudecken und Erzählformen des Politischen identifizieren.

Erzählte Politik

Politische Fernsehserien als Gegenstand der Politikwissenschaft

Autor

Dr. Niko Switek ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft und der NRW School of Governance an der Universität Duisburg-Essen. Er hat in seiner Doktorarbeit zu den neuen Koalitionen der Grünen in den Bundesländern geforscht.

 

Der große Erfolg der Netflix-Produktion House of Cardsmag viele Zuschauer zunächst überrascht haben. Die Bildung eines Kabinetts oder Gesetzgebungstätigkeit im Kongress können unterhaltsam erzählt werden? Nicht wenige werden sich dann beim Schauen der Serie in ihrer Vorstellung von Politik als intrigantem Machtspiel ohne jeden erkennbaren moralischen Kompass bestätigt gefühlt haben, während sich andere vielleicht zumindest die Frage nach dem Realitätsbezug stellten. Glaubt man politischen Akteuren, die sich in vielen Fällen als Fans outeten, finden sich durchaus viele politische Abläufe und Mechanismen korrekt abgebildet (die eingebauten Morde als dramatische Zuspitzung sollte man dabei wohl abziehen). So schrieb der grüne Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin: „House of Cards kann uneingeschränkt für den Gemeinschaftskundeunterricht empfohlen werden. Frank Underwood führt durch das Unterholz von Max Webers Theorie über das Wesen von Politik im Kompromiss.“ (Trittin 2014) Dabei ist die Serie in ihrer Anlage nicht völlig neu – es gibt schon länger Serien, die sich explizit der politischen Sphäre widmen. Auch House of Cards von Netflix war eine Adaption einer gleichnamigen BBC-Produktion aus den 1990er Jahren. Aber im Fahrwasser des Erfolgs der Neuauflage kamen viele weitere Versuche hinzu; die Aufmerksamkeit und das Interesse des Publikums für solche Polit-Serien stiegen.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass gerade Deutschland mit seinem starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk hier einen Nachzügler bildet. Die an der US-amerikanischen Vorlage The West Wingorientierte ZDF-Serie Kanzleramt(2005) verschwand schnell wieder in der Versenkung, ambitionierte Mini-Serien wie Die Stadtund die Machtbleiben eine Seltenheit. Eher traute man sich an eine satirische Aufarbeitung der Parlamentsarbeit (Eichwald MdB) oder der Kommunalpolitik (Ellerbeck). Dabei macht die politische Berichterstattung die Kernkompetenz von ARD und ZDF aus, sie verfügen über viele qualifizierte politische Journalistinnen und Journalisten in ihren Reihen, die zweifellos als kompetente Berater fungieren könnten. Darüber hinaus ist es zentrale Aufgabe der Sender, Bildungsarbeit zu betreiben sowie ein umfassendes Programmspektrum inklusive weniger massentauglicher und sperriger Themen anzubieten.

Der Boom politischer Fernsehserien ist jedoch kein Zufall, sondern resultiert zumindest in Teilen aus einem tiefergehenden Wandel bei den Produktionsbedingungen. Das Aufkommen von Pay-TV-Sendern (z.B. HBO) und in jüngerer Zeit von Streaming Plattformen im Internet (z.B. Netflix, Amazon) verschiebt den Fokus von Werbeeinnahmen zu zahlenden Abonnenten. Diese wiederum sollen mit anspruchsvollen und hochwertigen Serien gelockt und gebunden werden. Entsprechend investierten die Sender und Plattformen mehr Ressourcen für die Produktion der Serien, die mit bekannten Drehbuchschreibern, Regisseuren und Schauspielern sowie höheren technischen Standards fast an aufwändige Spielfilmproduktionen heranreichen. Anders als in Filmen können über das serielle, fortgesetzte Erzählen zugleich komplexe und weniger eingängige Stoffe aufgegriffen werden (Kelleter 2014). Oft wird die HBO-Serie The Wireals leuchtendes Beispiel angeführt (Abrams 2018). Sie erzählt weniger die Geschichte einzelner Charaktere, als dass sich aus der Fülle dieser die Geschichte der Stadt Baltimore selbst ergibt. Die Staffeln gliedern sich nach verschiedenen Subsystemen der Stadt. Eine bezieht sich etwa auf die Politik, wenn der Wahlkampf des Bürgermeisterkandidaten mit all seinen Hinterzimmer-Deals und Tauschgeschäften begleitet wird. Mit dem Schwerpunkt auf dem Konflikt um den Drogenhandel zeichnet die Serie ein präzises Bild scheiternder öffentlicher Institutionen, die durch falsche Zielsetzungen selbst wohlmeinendes Handeln in eine unproduktive Richtung kanalisieren (Mark 2008).

Die Politikwissenschaft mag sich grundsätzlich darüber freuen, wenn ihr Gegenstand über unterhaltsame Fernsehserien ein breiteres Publikum erreicht und so Verständnis dafür weckt, was die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit politischen Themen, Prozessen und Institutionen motiviert und attraktiv macht. Ich argumentiere hier allerdings, dass die Politikwissenschaft die Serien darüber hinaus sinnvoll als Gegenstand aufgreifen kann, beispielsweise mit Anleihen an die Kulturwissenschaft oder Soziologie, die viel Erfahrung mit der wissenschaftlichen Analyse von Alltags- und Populär-Kultur mitbringen. In Anlehnung an meinen Text aus dem Band „Politik in Fernsehserien“ (Switek 2018) sollen im Folgenden drei Perspektiven kursorisch aufgezeigt werden, wie politische Fernsehserien sinnvoll für die Politikwissenschaft herangezogen werden können.

Serien als Spiegel

Eine große Rolle spielen Filme und Fernsehserien bereits länger in der politikwissenschaftlichen Lehre. So werden Dokumentationen oder Doku-Dramen zu historischen Ereignissen vorgeführt, um verdichtet und dramatisch aufgearbeitet Wissen über das Medium Film zu transportieren und dieses unmittelbarer zugänglich zu machen. Aber auch fiktive Geschichten können sinnvoll eingesetzt werden, um bekannte politikwissenschaftliche Theorien anschaulicher zu vermitteln. Das Erkennen bestimmter Zusammenhänge, um die wir als politische oder soziale Gesetzmäßigkeiten wissen, in einer dramaturgischen Erzählung fungiert als pädagogisch-didaktisches Element. Durch die audiovisuelle Präsentation wirken die Inhalte intensiver und affektiver. Gerade neuere Serien sind geschickt darin, in ihren Geschichten sonst offengelassene Lücken zu schließen und die Hinterbühne der Politik einzubeziehen. Abseits von Heldengeschichten geht es um Deals und Strategien; Machtmakler, Redenschreiber und Berater im Hintergrund treten als einflussreiche Charaktere auf. Politik wird als Geschehen auf einer Theaterbühne gezeigt und der Blick auf die Elemente der Inszenierung dahinter gerichtet. Genau auf diese Ebene verweist das bereits angeführte Lob von Trittin.

Serien als Daten

Weiß man bei dem Einsatz als Spiegel vorher, was man zeigen will, so gibt es umgekehrt die Möglichkeit, sich den Serien offen und unvoreingenommen zu nähern. Wie andere popkulturelle Produkte sind Serien Diagnosen ihrer Zeit. Das kann intendiert sein, wie bei David Simon und The Wire, wo auf Missstände und Fehlentwicklungen hingewiesen werden soll. Genauso manifestieren sich die jeweiligen Entstehungsbedingungen unbeabsichtigt und unterschwellig in den Serien. Das leuchtet direkt bei Mode und Sprache ein, gilt aber ebenso für gesellschaftliche Normen, Vorstellungen, Ängste und Probleme. Die Serie 24präsentiert die USA im hysterischen Krisen- und Ausnahmezustand nach dem 11. September 2001 (Gadinger 2018). Die CIA-Agentin Carrie Matthews lässt sich in der Serie Homelandmit ihrer bipolaren Störung als Personifizierung eines aufgescheuchten und orientierungslosen Geheimdienstes lesen. Bei aktuellen Serien fällt eine solche Analyse schwerer, da häufig erst in der Rückschau die verdichteten Linien einer Zeit deutlich herausstechen. Interessant ist vor allem der Vergleich zwischen mehreren Serien, die aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen stammen. Gerade hier eröffnet sich durch die zunehmende Zahl von Serien, die nicht ausschließlich aus den USA stammen, ein gewisses Potential. Die erfolgreiche dänische Produktion Borgenüber die idealistisch gestartete Premierministerin Brigitte Nyborg, die ihre Moralvorstellungen mit den Zwängen des Regierens in Einklang bringen und eine Balance zwischen Arbeit und Familie suchen muss (Bongardt et al. 2018), erzählt Politik sehr anders als das auf Rache, Gewalt und zielstrebiges Durchsetzen eigener Interessen fokussierte House of Cards(Breitweg et al. 2018). Dennoch finden sich in beiden Serien wiederkehrende Erzählmuster, wenn etwa Freundschaften für ein Fortkommen in der Politik geopfert werden. In einem zweiten Schritt ließe sich mit der Perspektive der Medienwirkungsforschung anknüpfen. Wie wirken die in den Serien präsentierten Geschichten auf die Zuschauer? Wie beeinflussen die fiktiven Bilder der Politik die politischen Einstellungen der Zuschauerinnen und Zuschauer? Befördern sie einen apathischen Zynismus oder wecken sie umgekehrt den Wunsch nach politischer Gestaltung?

Serien als Narrativ

Schließlich ließe sich über neuere Stränge der politikwissenschaftlich orientierten Narrativ-Forschung eine Brücke herstellen. Menschen sind so gut wie immer und überall von Geschichten umgeben, das gilt auch für die Politik (Gadinger / Yildiz 2017). Bei einem solchen Blickwinkel interessiert weniger der Unterschied zwischen Realität und Fiktion, sondern die Muster, Metaphern und Erzählstrukturen, die in beiden Welten gleichermaßen vorkommen. Zwischen der mit Pathos vorgetragenen Rede eines Schauspielers, der einen US-Präsidenten verkörpert, an seine fiktiven Untertanen und der tatsächlichen Rede eines gewählten Staatsoberhaupts bestehen in einer solchen Perspektive nur graduelle und keine grundsätzlichen Unterschiede. Die Autoren und Drehbuchschreiber orientieren sich an tiefergehenden Mustern, auf die auch politische Redenschreiber und Spin-Doktoren in ihrer Arbeit rekurrieren. Es gibt äußerst wirkmächtige Erzählstrukturen und Narrative, welche die Welten der Popkultur und Politik miteinander verbinden.

Die Schwierigkeit eines solchen Ansatz liegt darin, die vielgestaltigen Narrative dingfest zu machen. Es kann sich dabei im Sinne eines Shakespeare-Dramas um das überspannende Rache-Motiv eines zurückgewiesenen Frank Underwood handeln. Zugleich kann es kleinteiliger die Illustration von der nur scheinbaren Objektivität von Zahlen und Statistiken betreffen, wenn wie in The Wireauf den Druck der Polizeispitze zur Reduktion der Kriminalitätsraten mit der Um-Etikettierung von Straffällen reagiert wird, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Eine instruktive Sammlung solcher Bausteine (politischer) Erzählungen versammelt etwa die umfangreiche Webseite tvtropes.org.

Fazit

Es genügt zweifelsohne völlig, mit Frank Underwood trotz all seiner fiesen und grausamen Mittel und Wege mitzufiebern und ihm den Sprung ins Präsidentenamt zu wünschen oder mit Brigitte Nyborg zu hoffen, dass ihre Familie die Strapazen des stressigen Regierungsalltags übersteht – primär wollen die Polit-Serien unterhalten. Aber es wurde aufgezeigt, dass die Politikwissenschaft die Serien darüber hinaus durchaus sinnvoll für sich nutzbar machen kann: Um Politik zu vermitteln, um kulturelle Normen und Werte aufzudecken oder um Erzählformen des Politischen zu identifizieren.

Bleibt nur zu hoffen, dass der weltweite Boom von Polit-Serien noch lange nicht sein Ende erreicht hat.

Literatur:

Abrams, Jonathan (2018): All the Pieces Matter: The Inside Story of The Wire. New York: Crown Archetype.

Bongardt, Johannes / Gießelmann, Rieke / Jüschke, Matthias / Pfeifer, Jan / Schröder, Christina-Johanne / Seyferth, Jonas (2018): Spiel der Kräfte. Politik, Medien und Familie in Borgen. In: Switek, Niko (Hrsg.): Politik in Fernsehserien. Bielefeld: Transcript. S. 177-200.

Breitweg, Florian / Hager, Jakob / Molter, Vanessa / Witt, Cornelius (2018): House of Cards. The American Machiavelli. In: Switek, Niko (Hrsg.): Politik in Fernsehserien. Bielefeld: Transcript. S. 243-270.

Gadinger, Frank (2018): „Whatever it takes“. 24 und die Normalisierung des Ausnahmezustandes: In: Switek, Niko (Hrsg.): Politik in Fernsehserien. Bielefeld: Transcript. S. 305-326.

Gadinger, Frank (2017): Politik. In: Martinez, Matias (Hrsg.): Erzählen. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: J.B. Metzler. S. 158-165.

Kelleter, Frank / Jahn-Sudmann, Andreas (2014): Von Soap Operas zum Quality TV: ‚Eine interessante Affinität zwischen dem seriellen Erzählen und dem Thema Politik’. In: INDES: Zeitschrift für Politik und Gesellschaft 4. S. 5-22.

Mark, Clif (2008): „All in the Game“: HBO’s The Wire. Online verfügbar: http://www.oxonianreview.org/wp/%E2%80%9Call-in-the-game%E2%80%9D-hbo%E2%80%99s-the-wire/. Letzter Zugriff: 17.04.2016.

Switek, Niko (2018): Spiegel, Daten, Narrative. Politikwissenschaftliche Zugänge zu politischen Fernsehserien. In: Ders. (Hrsg.): Politik in Fernsehserien. Bielefeld: Transcript. S. 11-32.

Trittin, Jürgen (2014): Wer das Feuer liebt. In: der Freitag 02. Online verfügbar: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wer-das-feuer-liebt. Letzter Zugriff: 04.07.2018.

Zitationshinweis:

Switek, Niko (2018): Erzählte Politik, Politische Fernsehserien als Gegenstand der Politikwissenschaft, Essay, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online verfügbar: http://regierungsforschung.de/erzaehlte-politik-politische-fernsehserien-als-gegenstand-der-politikwissenschaft/

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