Fracking in den USA: riskante Freiheit.

„Drill, baby, drill!“ lautete ein prominenter Slogan während der republikanischen Wahlkampfkampagnen in den USA in den Jahren 2008 bis 2010. Leitmotiv war, durch die unkonventionelle Gewinnung mittels „hydraulic fracturing“ (Fracking) die Importabhängigkeit der USA vom ausländischen Öl zu vermindern und sogar die Vormachtstellung als wichtigster Energieimporteur wieder herzustellen.

Die offiziellen Annahmen über die ökonomische Nachhaltigkeit des Fracking-Booms sind umstritten und mit Fracking sind unbestritten Risiken für Mensch und Natur verbunden. Der Beitrag von Nico Grasselt fragt: Welche strategischen Handlungsspielräume ergeben sich für die USA? 

Fracking in den USA: riskante Freiheit

Durch unkonventionelle Energie hat die USA strategische Freiheit gewonnen. Doch was ist diese Freiheit wert?

Autor

Nico Grasselt ist promovierter Politikwissenschaftler und im Bereich der Innovationsförderung tätig.

„Drill, baby, drill!“ lautete ein prominenter Slogan während der republikanischen Wahlkampfkampagnen in den USA in den Jahren 2008 bis 2010. Leitmotiv war, durch die unkonventionelle Gewinnung mittels „hydraulic fracturing“ (Fracking) die Importabhängigkeit der USA vom ausländischen Öl zu vermindern und sogar die Vormachtstellung als wichtigster Energieimporteur wieder herzustellen. Die offiziellen Annahmen über die ökonomische Nachhaltigkeit des Fracking-Booms sind umstritten (Hughes 2013) und mit Fracking sind unbestritten Risiken für Mensch und Natur verbunden (Umweltbundesamt 2014).

Der Fracking-Boom hatte Folgen für die globale Energiepolitik und für das sicherheitspolitische Machtgefüge. Die USA sind in der Tat Profiteur, sie verfügen über riesige Lagerstätten und setzen die Technik seit 2005 großflächig ein. Fracking löst Gas aus unterirdischen Gesteinsschichten. Mit enormem Druck werden Wasser, Sand sowie Chemikalien in das Gestein eingebracht (meist Schiefergestein). Durch das Aufsprengen entstehen Risse, sie werden künstlich offengehalten, Gas und Öl können entweichen. Fracking macht Rohstoffe verfügbar, die konventionell nicht erreichbar sind.

Der Beitrag fragt: Welche strategischen Handlungsspielräume ergeben sich für die USA? Zunächst geht es darum zu hinterfragen, wie sich 1) die globale Machtarithmetik mit Blick auf die veränderte Marktstruktur gewandelt hat. Anschließend wird 2) der neue geopolitische Spielraum durch unkonventionell gewonnenen Rohstoffe für die nationale Versorgungssicherheit beleuchtet und schließlich 3) das Zusammenspiel von Fracking und Klimaschutz hinterfragt.

1 Wandel der Marktstruktur

Importabhängigkeiten und der Zugang zu Energieressourcen prägten über viele Jahre die Politik der USA. Dies hatte entscheidenden Anteil am außenpolitischen, wirtschaftlichen und militärischen Engagement in den vergangenen Jahrzehnten. Durch die Ölkrisen der 1970er zeigte sich die Abhängigkeit der westlichen Industrien vom Öl. Die Marktposition des OPEC Kartells hatte signifikanten Einfluss auf Preisentwicklung und die USA verloren an Einfluss (Adolf 2002: 104). Der Energiehunger von China und anderen Schwellenländern verstärkte den geostrategischen Wettstreit um den Zugang zu Energiequellen und Transportrouten. Die Annahme überwog, dass die globalen Reserven an fossiler Energie zu Neige gehen und sich die Preise quasi automatisch erhöhen würden (Planungsamt der Bundeswehr 2012: 6-10). Mit dem Wissen um die Verteilung der konventionellen Öl- und Gasreserven, wurde deutlich, dass Erdgas der zentrale Energieträger im 21. Jahrhundert sein könnte (Westphal 2013). Durch den Fracking-Boom hat sich diese Annahme geändert.

Die großen Mengen an unkonventioneller Energie führen dazu, dass sich eine stärkere Unabhängigkeit von Energieimporten abzeichnet und sich die USA bei der Ölproduktion in einer gestärkten Position gegenüber Russland und Saudi Arabien befinden. Die weltweiten Energiepreise wären sonst deutlich höher. Auf den Rohstoffmärkten herrschen neue Regeln. In Krisenzeiten steigen die Preise nicht mehr automatisch – trotz Ukraine-Konflikt und der Krise im Nahen Osten. Im Gegenteil: die Preise fielen lange. Die Förderquoten der OPEC hielten die Preise lange in einer bestimmten Spanne. Sie passen sich nun dem Überangebot an Energie an. Saudi Arabien hält die Preise zudem künstlich niedrig, um der neuen US-Konkurrenz wieder Marktanteile abzujagen. Volkswirtschaften, die bisher von ihren Leistungsbilanzüberschüssen aus dem Öl- und Gasexport profitierten, geraten unter Druck. Aktuell scheint aufgrund des Preiskampfes am Ölmarkt die Wachstumsphase der US-Frackingindustrie zwar vorerst vorbei zu sein, doch das Überangebot an Öl und volle Lager in den USA führen weiterhin zu niedrigen Rohstoffpreisen (Sorge 2015). Die Geschäftsmodelle der traditionellen Ölstaaten sind bedroht, wenn die Rohstoffpreise aufgrund des Preiskampfes auch weiterhin lediglich eine moderate Entwicklung nehmen. Der Preisverfall am Ölmarkt und die ökonomischen Schwierigkeiten von Venezuela und auch Russland zeugen von einem Paradigmenwechsel (Rösch 2014).

2 Neuer geopolitischer Spielraum

Die Hoffnungen aus dem Präsidentschaftswahlkampf 2008 haben sich bestätigt, in puncto Versorgungssicherheit beginnt für die USA ein neues Zeitalter. Billige Energie hat zu einem starken wirtschaftlichen Comeback beigetragen und setzt die Konkurrenz unter Druck. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten sind die meisten westeuropäischen Industriestaaten auf absehbare Zeit von Energieimporten abhängig. Ein deutlicher Wettbewerbsnachteil der europäischen Industrien. Aus dem Energieimporteur USA könnte im nächsten Jahrzehnt auch der weltgrößte Öl-Exporteur werden. Seit den 1970er Jahren war der Export von US-Rohöl ins Ausland verboten, um die nationalen Reserven zu schützen. US-Firmen umgehen dieses Verbot schon heute. Umstritten ist indes, wie lange die Vorkommen bei der unkonventionell gewonnenen Energie reichen, dies birgt Risiken (dazu Berthelsen/Cook 2014). Die Energiestrategie der USA hat sich dennoch mit dem neuen Handlungsspielraum geändert. Ein vollständiger Verzicht auf Ölimporte scheint zwar insgesamt unrealistisch, solange gerade Saudi Arabien Öl wesentlich günstiger fördern kann. Dennoch kann die USA bei seinen strategischen Partnern wählerischer sein. Eine neue geopolitische Freiheit, von der die US-Außenpolitik profitieren wird. Wer schließlich am längeren Hebel sitzt, kann im Moment noch nicht beantwortet werden. Der Preiskampf mit der neuen Konkurrenz bei der unkonventionellen Energie hat gerade erst begonnen.

Die günstigen Energiepreise in den USA wirken zudem wie ein Konjunkturprogramm, von einer „Reindustrialisierung“ ist die Rede (Pfingsten 2013). Dabei ist die „Shale Oil-Exploration“ (die Schieferöl Förderung) privatwirtschaftlich getrieben. Nicht die großen Konzerne sind die Treiber, neue Marktteilnehmer sind aktiv. Traditionelle Ölkonzerne geben Marktanteile ab. Auch wenn durch die anhaltende Niedrigpreisphase die kleineren US-Firmen wieder Marktanteile verlieren und der Boom den Charakter einer Spekulationsblase hat, private Firmen und Banken werden wieder investieren, wenn die Preise anziehen (Butcher 2014). Denn bei unkonventioneller Förderung sind die Kosten für die Erschließung relativ gering und das Angebot passt sich flexibel an die Marktlage an. Konventionelle Förderung ist hingegen im Betrieb weniger kostenintensiv. Der Aufbau von neuer Förderinfrastruktur ist oft schwierig und teuer. Auf Schwankungen bei Preisen kann mit Fracking flexibler regiert werden. Der Preisverfall beim Öl hat jedoch auch Folgen für die Gewinnung unkonventioneller Energie. Die „Fracking-Flaute“ führt zu Massenentlassungen und Insolvenzen. Neue Vorschriften für Fracking auf bundeseigenem Land durch die Obama-Administration erschweren den Einsatz der Technologie (afp 2015). Die Anpassung an schwankende Energiepreise war eigentlich ein Vorteil von Fracking, doch Beobachter mahnen schön länger, dass der Schiefergas-Boom viel früher enden könnte als erwartet und dies somit keine risikofreie und zudem kurzsichtige Strategie sein könnte (grundsätzlich Hughes 2013 und zusammengefasst Gauto 2014).

3 Risiken für den Klimaschutz

Für den Klimaschutz hat Fracking gravierende Folgen. Erdgas gilt als weniger klimaschädlich als andere fossile Energieträger. Moderne Erdgaskraftwerke lassen sich flexibel mit Erneuerbaren Energie-Technologien kombinieren. Billiges Gas sollte also für den Klimaschutz eine gute Nachricht sein, doch genau das Gegenteil ist der Fall. In den USA ersetzt das Gas bei der Stromerzeugung die Kohle, der Preis für Kohle fällt. Es könnte sich eine Situation verfestigen, in der günstige US-Kohle den europäischen Markt flutet. Die Kohlepreise in Europa sinken dann und der Ausbau der Erneuerbaren Energie gerät ins Stocken. Hält dieser Effekt an, ist sogar mit steigenden CO2-Emmissionen zu rechnen. Doch ohne einen weiteren Ausbau bei den Erneuerbaren und flexiblen Gaslösungen könnte in Deutschland wieder vermehrt Kohle zur Energieerzeugung verbrannt werden, was den Zielen der Energiewende zuwider läuft.

In den USA bewirkt die Ablösung von Kohle durch Gas zwar zunächst eine bessere CO2-Bilanz. Der Schiefergasboom führt aber auch dort zu einer Verbilligung von Kohle und zudem zu niedrigen Kraftstoffpreisen. Dies kann zu Wettbewerbsnachteilen für die Erneuerbaren Energien führen und verlangsamt die Umstellung auf eine regenerative Energieversorgung, was mittel- bis langfristig negative Auswirkungen auf die CO2-Bilanz hat. Betrachtet man Kernkraft als Option im Kampf gegen den Klimawandel, dann wirkt billiges Gas auch hier. Kernenergie wird zunehmend unrentabel, denn der Aufbau und Erhalt von notwendiger Infrastruktur ist unter den neuen Wettbewerbsbedingungen nicht finanzierbar (Vollmer 2015). Atomkraft wird langfristig durch billiges Gas und andere fossile Energieträger ersetzt. Auch wenn in den USA Fortschritte beim Klimaschutz zu beobachten sind, so bedeutet das günstige Gas langfristig eine Festlegung auf einen hohen Anteil dieses Energieträgers im Energiemix. In der Wechselwirkung mit billigen Öl und anderen Sektoren ist dies kein optimales Szenario auf den Pfad ins regenerative Zeitalter. Fehlende Anreize durch zu günstige Energiekosten in Verbindung mit dem Schiefergasboom verhindern, dass sich neue Technologien in Sektoren durchsetzen, die beim Klimaschutz von Bedeutung sind.

Fazit: Der Preis der Freiheit

Die USA sind Vorreiter bei der Produktion von unkonventionellem Gas und Öl. Der strategische Handlungsspielraum der USA hat sich erhöht. Durch die Erschließung von neuen Energieressourcen ist die Versorgungssicherheit gestiegen. Der Rohstoffmarkt hat sich verändert. Durch die Technologieführerschaft beim Fracking und die neuen Marktteilnehmer, nämlich kleinere privatwirtschaftliche Unternehmen, kann flexibel auf Preisschwankungen reagiert werden. Aktuell befinden sich die USA in einer komfortablen Situation und können ihre gestiegene strategische Freiheit ausspielen, um globale Partner oder Konkurrenten zu unterstützen oder unter Druck zu setzten. Zudem gewinnen sie ein Maximum an Sicherheit, denn der externe Einfluss auf die USA nimmt ab. Der Preis dieser neuen Freiheit ist ein Maximum an Risikobereitschaft in Bezug auf die negativen Folgen für Umwelt und Gesundheit. Für externe Beobachter mag dies ein zu hohes Risiko sein, es entspricht jedoch dem grundsätzlichen Pioniergeist der US-Gesellschaft. Fest steht, dass durch unkonventionelle Energie das postfossile Zeitalter weiter in Ferne gerückt ist und ökonomische und ökologische Risiken in Kauf genommen werden. Für den Klimaschutz sind diese Entwicklungen jedenfalls keine guten Nachrichten. Doch die Versuchung, durch günstige Energie den Status quo in Bezug auf die Dominanz fossiler Energieträger zu bewahren, erscheint zu hoch.

Quellen und Literatur

Adolf, Jörg (2002): Lenkungsmöglichkeiten und Marktmacht des OPEC-Kartells, unter: http://www.wirtschaftsdienst.eu/downloads/getfile.php?id=931, in: ZDBID, Bd: 82, Ausgabe 2, S. 102-106 (Stand 02.02.2015).

afp (29.03.2015): Ölboom in Gefahr: Amerika droht die Fracking-Flaute, unter: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/oelboom-in-gefahr-amerika-droht-die-fracking-flaute-/11571218.html, in: Handelsblatt (Stand 30.03.2015).

Berthelsen, Christian/Cook, Lynn (01.08.2014): Nach 40 Jahren geht amerikanisches Öl wieder auf Auslandsreise, unter: http://www.wsj.de/nachrichten/SB10001424052702304819704580062802060087136, in: The Wallstreet Journal (Stand 03.02.2015).

Butcher, Heike (12.11.2014): Fracking: Schmieriges Geschäft, unter: http://www.zeit.de/2014/47/fracking-usa-oel-wall-street, in: DIE ZEIT Nº 47/2014 (Stand 02.03.2015).

Gauto, Anne (04.12.2014): Neue Fracking-Studie: Amerika überschätzt seine Schiefergasvorräte, unter: http://green.wiwo.de/fracking-schiefergas-boom-koennte-viel-frueher-enden-als-erwartet/, in: Wirtschaftswoche Green (Stand 03.02.2014).

Hughes, David J. (2013): Drill, Baby, Drill – Can Unconventional Fuels Usher in a New Era of Energy Abundance? (EXECUTIVE SUMMARY), unter: http://www.postcarbon.org/wp-content/uploads/2014/10/DBD-Exec-Summary.pdf, Santa Rosa, CA.

Pfingsten, Reinhard (27.03.2013): Gasboom in Amerika: Fracking ist die Trumpfkarte der USA im Standort-Poker, unter: http://www.focus.de/finanzen/experten/pfingsten/gasboom-in-amerika-fracking-ist-die-trumpfkarte-der-usa_id_2639783.html, in: Focus online (Stand 15.03.2015).

Planungsamt der Bundeswehr (2012): Future Update: Peak Oil – Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen, Streitkräfte, Fähigkeiten und Technologien im 21. Jahrhundert, Umweltdimensionen von Sicherheit, unter: http://aspo.ch/wp-content/uploads/studie/%5B15%5D%20Bundeswehr_2012.pdf, Planungsamt der Bundeswehr (Stand 02.02.2015).

Rösch, Manfred (17.10.2014): Kommentar: Putins Petroökonomie unter Druck, unter: http://www.fuw.ch/article/putins-petrookonomie-unter-druck/, in: Finanz und Wirtschaft (Stand 03.02.2015).

Sorge, Nils-Viktor (04.03.2015): Folgen des Frackings: US-Öltanks laufen über, unter: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/fracking-oelboom-tanklager-in-amerika-bald-voll-a-1021837.html, in: manager-magazin, (Stand 17.03.2015).

Umweltbundesamt (2014): Fracking zur Schiefergasförderung: Eine energie- und umweltfachliche Einschätzung, unter: http://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/376/publikationen/fracking_zur_schiefergasfoerderung_eine_energie-und_umweltfachliche_einschaetzung_0.pdf, in: position // november 2014 (Stand 30.03.2015).

Westphal, Kirsten (2013): Nichtkonventionelles Öl und Gas – Folgen für das globale Machtgefüge, unter: http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2013A16_wep.pdf, in: SWP-Aktuell 2013/A (Stand 03.02.2015).

Vollmer, Peter (12.01.2015): USA: Schiefergasboom macht Atomkraftwerke unrentabel, unter: http://green.wiwo.de/usa-schiefergas-boom-macht-atomkraftwerke-unwirtschaftlich/, in: Wirtschaftswoche Green (Stand 03.02.2014).

Zitationshinweis

Grasselt, Nico (2015): Fracking in den USA: riskante Freiheit. Durch unkonventionelle Energie hat die USA strategische Freiheit gewonnen. Doch was ist diese Freiheit wert? Erschienen in: regierungsforschung.de, Meinung & Analyse. Online verfügbar unter: http://regierungsforschung.de/fracking-in-den-usa-riskante-freiheit/

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Fracking in den USA: riskante Freiheit. Durch unkonventionelle Energie hat die USA strategische Freiheit gewonnen. Doch was ist diese Freiheit wert? by Nico Grasselt. is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 4.0 International
Based on a work at http://regierungsforschung.de/fracking-in-den-usa-riskante-freiheit/

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