Fußball und Politik – Gedanken zur Governance des Sports

Fußball ist in der ganzen Welt populär und es gibt kaum Staaten, in denen er keine Rolle spielt. Das unterscheidet ihn von anderen Sportarten wie etwa Rugby, Cricket oder Eishockey, die nur in wenigen Ländern oder Regionen verbreitet sind. Der Platz in der FIFA-Rangliste ist für viele Staaten, auch mit einer anderen Sporttradition, fast so etwas wie ein Kriterium für den Rang in der Welt. So setzen vor allem China und Japan alles daran, im Fußball an das Weltniveau anzuschließen, indem sie ehemalige Spitzenspieler und -trainer aus Europa und Südamerika anwerben.

Fußball ist in vielen gesellschaftlichen Schichten ein wichtiges Thema. Doch wie verhält sich die Politik zum Thema Fußball und den Großereignissen, wie die Fußball Weltmeisterschaft, die damit verbunden sind? Prof. Dr. Manfred Mai formuliert einige Gedanken zur Governance des Fußballs.

Fußball und Politik

Gedanken zur Governance des Sports

Autor

Prof. Dr. Manfred Mai ist außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und seit 1994 in der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen als Leiter verschiedener Referate tätig.

Die Verankerung des Fußballs in Kultur und Gesellschaft

Fußball ist in der ganzen Welt populär und es gibt kaum Staaten, in denen er keine Rolle spielt. Das unterscheidet ihn von anderen Sportarten wie etwa Rugby, Cricket oder Eishockey, die nur in wenigen Ländern oder Regionen verbreitet sind. Der Platz in der FIFA-Rangliste ist für viele Staaten, auch mit einer anderen Sporttradition, fast so etwas wie ein Kriterium für den Rang in der Welt. So setzen vor allem China und Japan alles daran, im Fußball an das Weltniveau anzuschließen, indem sie ehemalige Spitzenspieler und -trainer aus Europa und Südamerika anwerben.

Fußball gehört in vielen Ländern zum kollektiven Gedächtnis. Man erinnert sich an Schicksalsspiele ihrer Teams wie früher an Schlachten, obwohl diese Spiele in keinem Geschichtsbuch stehen. Die Mannschaftsaufstellung bei einem historischen Sieg dürfte vielen Menschen bekannter sein als die Mitglieder der aktuellen Regierung.1 So hat jede Generation ihre Fußballidole, die weit über die Grenzen hinaus bekannt sind und nicht nur in ihren Vereinen zu Legenden geworden sind: Seien es die „Helden von Bern“ in den 1950er Jahren oder Ausnahmespieler wie Pelé, Johann Cruyff und David Beckham in späteren Jahrzehnten.

Heutige Fußballstars wie Ronaldo, Messi oder Neymar werden wie Popstars global vermarktet. Sie sind in der ganzen Welt bekannte „Marken“ hinter denen eine ganze Industrie aus Rechteinhabern, Modelabeln, Event- und Werbeagenturen steht. Fußball gehört somit wie die Pop- und Medienindustrie zur „Soft Power“2 der westlichen Gesellschaft. Es gibt noch eine Parallele zwischen der Popindustrie und dem Fußball: Beide Bereiche ermöglichen den Aufstieg aus unteren Schichten in die Liga der Topverdiener.3) Fußballstars agieren auf Augenhöhe mit Politikern, Künstlern oder Unternehmensvorständen und gehören zur Oberschicht der modernen Gesellschaft. Als Prominente sind sie in der Werbung und in den Medien präsent. Der selektierende und zum Teil diskriminierende Einfluss von Schulen und Hochschulen wird hier auf der Grundlage einer einseitigen Hochbegabung außer Kraft gesetzt. Dadurch werden sie zu Vorbildern vieler Kinder und Jugendlicher in der ganzen Welt. Sie hoffen, einmal vom Scout einer großen Mannschaft entdeckt zu werden und den gleichen Weg wie ihre Vorbilder zu nehmen. Wie sonst soll man aus den Slums von Accra, Rio oder Kapstadt ausbrechen und (legal) zu Geld kommen, wenn nicht durch Fußball?

Die Tatsache, dass sich Hunderte Millionen Menschen aus allen Kulturkreisen für Fußball interessieren und an den Schicksalen „ihrer“ Mannschaften Anteil nehmen, ist nicht nur ein soziokulturelles Faktum, sondern auch ein nennenswerter Wirtschaftsfaktor. Sowohl die gesellschaftlichen als auch die wirtschaftlichen Dimensionen des Fußballs sind auch die wichtigsten Gründe dafür, warum Fußball ein Gegenstand der Politik ist.

Die Strukturen und die Agenda der Fußballpolitik

Fußball beschäftigt die Politik auf allen Ebenen – von der EU bis zur Kommune – und in fast allen Bereichen – von der Innenpolitik bis zur Schulpolitik.  Die Zuständigkeit für das Politikfeld „Sport“ liegt auf Bundesebene beim Innenministerium. Auf Länderebene ist die Zuordnung des Sports, der meist eine Abteilung innerhalb eines Ministeriums mit weiteren Zuständigkeiten bildet, abhängig von den Koalitionsverhandlungen. In Nordrhein-Westfalen ist seit 2017 die Sportabteilung in der Staatskanzlei beim Ministerpräsidenten angesiedelt und wird von einer Staatssekretärin geleitet. Bei den Bezirksregierungen ist der Sport in eigenen Dezernaten verankert (Die Landesregierung Nordrhein -Westfalen 2018). Auf kommunaler Ebene gibt es ebenfalls Dezernate, die als Ansprechpartner für Sportverbände, Vereine u.a. fungieren. Darüber hinaus engagieren sie sich aktiv z.B. für die Durchführung von sportlichen Großveranstaltungen, wie z. B. um den Start der Tour de France 2017 oder um die Fußball-EM 2024 (Braun 2017). Im Unterschied zu anderen sportlichen Großveranstaltungen haben Europa- und Weltmeisterschaften im Fußball mehrere Spielorte, so dass alle Städte, Regionen und das ganze Land davon profitieren. Auch in der EU gibt es eine Zuständigkeit für Sport. Das Ziel der Sportpolitik der EU ist die Bekämpfung von Doping und Rassismus und die Förderung von Toleranz, Gesundheit, Mannschaftsgeist u.a. (Europäische Union 2018).

Aufgabe der Politik ist es, dem Fußball einen angemessenen Rahmen zu geben. Eine spezifische Agenda für den Fußball lässt sich aus diesen Zuständigkeiten der Exekutive nicht ableiten. Er ist Teil der allgemeinen Sportpolitik und wird in der Regel nicht besonders hervorgehoben. Das ist bei der Legislative nicht wesentlich anders. Auch in den Sportausschüssen der Parlamente in Bund, Länder und Gemeinden/Städte ist Fußball scheinbar ein Sport wie jeder andere. Das zeigt sich in den sportpolitischen Aussagen in Koalitionsverträgen und Regierungserklärungen. Die politischen Ziele einer Regierung werden in den Koalitionsverträgen zwischen den Regierungsfraktionen und in Regierungserklärungen für die Dauer einer Legislaturperiode festgelegt, in denen sich die sportpolitischen Vorstellungen der Parteien widerspiegeln, die die Regierung bilden.

Im Koalitionsvertrag 2018 der Großen Koalition der Bundesregierung kommt Fußball eigentlich nicht vor. Aber das Thema Sport:

„Wir wissen um die überragende Bedeutung des Sports gerade für die Integration, die Inklusion und den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Der Sport erhält aufgrund seiner gesellschaftlichen Kraft auch in Zukunft unsere Unterstützung, sowohl im Breiten- wie auch im Leistungssport.“ […]

Sport leistet einen wichtigen gesamtgesellschaftlichen Beitrag, er verbindet Menschen mit und ohne Behinderung und trägt dazu bei, Barrieren und Vorurteile abzubauen. Bei jeder von Deutschland unterstützten Bewerbung um Austragung olympischer und paralympischer Spiele sowie anderer internationaler Sportveranstaltungen soll der paralympische Sport gleichberechtigt berücksichtigt und gefördert werden. Neben der wichtigen Aufgabe des Breitensports werden wir die beschlossene Reform der Förderung des Leistungssports mit allen Beteiligten umsetzen und wollen dafür deutlich mehr Mittel bereitstellen.“ (CDU/CSU/SPD 2018: 136)

In der Koalitionsvereinbarung 2017 der schwarz-gelben Regierung in Nordrhein-Westfalen wird Fußball an zwei Stellen erwähnt. Dort heißt es konkreter als beim Bund:

„Gewalttäter haben in einem Fußballstadion nichts zu suchen. Gemeinsam mit Vereinen und Verbänden werden wir deshalb darauf hinwirken, dass diese Personen künftig verstärkt mit langjährigen und überörtlichen Stadionverboten belegt werden. Darüber hinaus werden wir eine konsequente Strafverfolgung gegenüber Hooligans und anderen Chaoten sicherstellen, die den Fußball als Bühne für die Begehung von Straftaten missbrauchen. Die wichtige Präventionsarbeit der Fanprojekte in Nordrhein-Westfalen werden wir weiter unterstützen. Unser Ziel ist es zudem, den Dialog zwischen Politik, Polizei, Fans, Vereinen und Verbänden zu verbessern.“ (CDU/FDP 2017: 62)

„Wir haben erfolgreiche Sportlerinnen und Sportler in Nordrhein-Westfalen und freuen uns über sportliche Großveranstaltungen in unserem Bundesland. Wir unterstützen daher die Bewerbung von nordrhein-westfälischen Städten als Austragungsorte für die Fußball-Europameisterschaft 2024.“ (CDU/FDP 2017: 104)

Es fällt auf, dass in beiden Koalitionsvereinbarungen das Thema Fußball vor allem unter den Aspekten der Gewaltprävention, der Inklusion und der Durchführung von Großveranstaltungen gesehen wird. In anderen Bereichen ist die Politik viel konkreter. Das bedeutet, dass es die Politik im Wesentlichen dem Fußball selbst überlässt, wie er sich entwickelt und sich nur dann einmischt, wenn etwa die Vereine das Gewaltproblem in den Stadien nicht in den Griff bekommen. Dies entspricht dem Steuerungsmuster der „regulierten Selbstregulierung“ (Berg 2001), wonach der Staat darauf hofft, dass das verfassungsmäßig Gebotene durch Dritte (z. B. Verbände) gewährleistet wird. Für den Fußball bedeutet dies eine Verlagerung der Verantwortung auf den (organisierten) Fußball. Auch in anderen Bereichen lässt die Politik den zentralen Akteuren eines Politikfelds viel Raum zur Selbstregulierung, solange bestimmte Ziele erreicht werden und negative Folgen für die Allgemeinheit vermieden werden. In einer modernen Gesellschaft sind politische Ziele nur erreichbar, wenn sie gemeinsam zwischen Staat, organisierte Interessen und Zivilgesellschaft ausgehandelt werden. Der Staat braucht also die zentralen Akteure in einem Politikfeld, um gemeinsam vereinbarte Ziele zu definieren und zu erreichen.

Wer sind die zentralen Akteure im Bereich Fußball? In der Wirtschafts- und Sozialpolitik sind das z. B. Gewerkschaften, Kammern, Unternehmen und Sozialverbände. Im Fußball sind das die Vereine, die Kommunen, der DFB, die Medien sowie eine Vielzahl einzelner Fanprojekte und -initiativen. Sie alle spielen im Fußball eine Rolle und bringen sich mit ihren Vorstellungen ein. Die Adressaten der unterschiedlichen Interessen des Fußballs können je nach Thema der Bundestag und die darin vertretenen Parteien sein sowie das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMIBH). Hier ressortiert auch der Sport mit den drei Schwerpunkten „Sportförderung“, „Dopingbekämpfung“ und „Internationale Sportpolitik“. Seine sportpolitische Mission versteht das BMIBH wie folgt:

„Leistung und Auftreten deutscher Spitzensportlerinnen und -sportler tragen zum Ansehen Deutschlands in aller Welt bei. Darüber hinaus motivieren sie junge und alte, behinderte und nicht behinderte Menschen, ihnen nachzueifern. Sie sind somit eine wichtige Voraussetzung dafür, dass der Sport seine soziale und integrative Kraft entfalten kann. Unter anderem aus diesem Grund fördert das Bundesministerium des Innern den deutschen Spitzensport. Die Förderung des Breitensports ist eine gesamtstaatliche Aufgabe, die vornehmlich von Kommunen und Ländern wahrgenommen wird. Der Sport ist in Deutschland in rund 91.000 Turn- und Sportvereinen organisiert. Für die rund 24 Millionen Mitglieder ist Sport eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, weil er eine gesunde Lebensführung fördert und Gemeinschaft stiftet. Er bietet Gelegenheit, sich jenseits von Schule und Beruf besonderen Aufgaben zu stellen und vermittelt Werte wie Engagement, Verlässlichkeit, Teamgeist, Fairplay und Toleranz.“ (Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat 2018).

Fußball wird nicht näher ausgeführt. In der Vorgängerregierung wurde das Innenministerium, das auch für innere Sicherheit und Terrorbekämpfung zuständig ist, häufig im Zusammenhang mit Gewaltausbrüchen in den Stadien, Spielabsagen wegen Terrordrohungen und Kosten für die Polizeieinsätze aktiv. Immerhin outete sich der damalige Innenmister Lothar de Maizière in einem Interview zur EM 2016 als „ganz normaler Fußballfan“ (Bundesministerium des Inneren 2016).

Die fußballpolitischen Ziele der Bundesregierung bestehen im Wesentlichen aus einem Tugend- und Wertekatalog, der im Prinzip auch für die Bereiche Schule, Bildung und Kultur gilt, sowie aus dem Kampf gegen die negativen Begleiterscheinungen des Fußballs.

Neben diesen eher programmatischen Ausführungen gibt es den politischen Willen zur Veranstaltung international sichtbarer Großereignisse. Im Fußball sind das Europa- und Weltmeisterschaften. Zusammen mit anderen sportlichen Großereignissen wie Weltmeisterschaften in populären Sportarten oder Olympische Spiele sind sie ein Schaufenster für den jeweiligen Veranstalter. Sie zeigen der Welt nicht nur erstklassigen Sport, sondern auch die Infrastruktur und Kultur des gastgebenden Landes. Hier zeigen sich Modernität und Organisationskompetenz wie bei keiner anderen Gelegenheit. Gerade deshalb ist die Frage, welches Land ein derartiges Großereignis veranstaltet, auch eine Angelegenheit der Politik. Die damit verbundene Kritik am Inszenierungscharakter dieser Großveranstaltungen oder die Proteste gegen die teilweise rabiate Bauplanung sind spätestens beim ersten Sieg der Heimmannschaft vergessen. Auch die im Vorfeld der letzten WM 2014 bekannt gewordenen Skandale (Korruption, Bestechung, Filz) der FIFA wurden durch die Fußballbegeisterung erstickt.

Fußball steht also nicht unbedingt für eindeutige Politikinhalte, über die sich die Parteien streiten. Es geht eher um unterschiedliche Akzentuierungen: So fordern rot-grüne Politiker etwas mehr Breitensport anstelle von Spitzensport oder mehr Fanprojekte als schwarz-gelbe Politiker. Die Unterschiede zwischen den Parteien in anderen Bereichen sind wesentlich größer und konfliktreicher. Im Wesentlichen sind sich alle Parteien über die Bedeutung des Fußballs einig und keine Partei fordert, wegen der offensichtlichen Verfehlungen auf die Veranstaltung von Spitzenspielen zu verzichten. Schließlich sind sich alle darüber einig, dass gegen diese Auswüchse etwas getan werden muss.

Fußballweltmeisterschaften als Katalysator für die Infrastruktur

Es besteht ein parteiübergreifender Konsens darin, dass Europa- und Fußballweltmeisterschaften die einzigartige Chance zur Präsentation des eigenen Landes bieten. Das gilt auch für einzelne Städte und Regionen, die sich ebenfalls einen einmaligen Effekt für ihr Image versprechen. Es geht aber dabei auch um die Chance, bestehende Planungen in den Bereichen Stadtentwicklung, Verkehr, Kommunikationsinfrastruktur, Wohnungsbau und nicht zuletzt Sportstätten erheblich zu beschleunigen. Damit wird Fußball zu einer arbeitsteiligen Angelegenheit von Regierung und Verwaltung. Die Politik, die Legislative und die Bürger wollen ein „Sommermärchen“. Das zu organisieren ist Sache der Exekutive des Bundes, der Länder und der Kommunen. Sie sieht diese Aufgabe im Rahmen bestehender Kompetenzen und Zuständigkeiten. Die Folge ist, dass eine Vielzahl von Institutionen an einem gemeinsamen Ziel arbeiten, das zu einem definierten Zeitpunkt erreicht sein muss – die feierliche Eröffnung der WM.

Die Organisation einer Fußball-Weltmeisterschaft – ein Rückblick auf das „Sommermärchen“ 2006

Nach der Entscheidung der FIFA für Deutschland als Austragungsort der WM 2006 wurde die Zusammenarbeit der Ministerien in Bund und Ländern mit dem DFB und Agenturen, die bereits bei der Bewerbung eng zusammenarbeiteten, wesentlich ausgeweitet. So kümmerten sich zahlreiche Arbeitsgruppen um die Themen Fanbetreuung, Verkehr, Stadionbauten, Medien, Unterbringung, Kulturprogramm und Terrorabwehr. Beteiligt waren fast alle Ministerien in Bund und Ländern sowie die Städte, in denen Spiele stattfinden sollten. Federführend waren die jeweiligen Sportminister der Länder.

Damals waren viele Stadien noch nicht WM-tauglich, da sie den Anforderungen der FIFA nicht genügten. Die wirtschaftliche Bedeutung des Fußballs zeigt sich allein in den notwendigen Stadionneu- oder -umbauten. Sie allein sichern der Bauwirtschaft für ein bis zwei Jahre Aufträge. Ähnliches gilt für den Neubau von Verkehrswegen rund um das Stadion. In beiden Fällen geht es um Investitionen im dreistelligen Millionenbereich. Die in der Regel hoch verschuldeten Städte können sich diese Investitionen nur mit Hilfe der Vereine, von Banken und privater Investoren leisten, wobei die Landesregierungen durch Bürgschaften den Vereinen zur Seite standen. Damit nahmen die Landesregierungen nicht unerhebliche Risiken in Kauf. Ob und in welcher Höhe eine Bürgschaft für den Bau eines Stadions gewährt wird, ist eine politische Frage und war nicht immer unumstritten.4

Fußball ist normalerweise eine Routineangelegenheit für die Regierung, die in den jeweiligen Sportressorts oder -abteilungen anderer Ministerien aufgehoben ist. Ihre Aufgaben sind Schulsport, Nachwuchsförderung, Sportstättenbau, Gesetzgebung u. a. m. Dieser Routinebetrieb wird durch Großveranstaltungen wie Olympische Spiele, Welt- und Europameisterschaften erheblich erweitert und es gibt kein Ressort, das allein schon bei der Vorbereitung der Bewerbung zur Durchführung eines solchen Großereignisses nicht eingebunden ist.

Die Durchführung einer WM ist eine besondere Herausforderung für die Flexibilität von Regierung und Verwaltung. Die Veranstaltung einer Fußball-WM oder Olympischer Spiele ist zudem eine Chefsache, die kein Regierungschef allein den Fachministern überlässt. Jedem ist dabei bewusst, dass abgesehen vom Imageschaden Fehlplanungen noch jahrelang politische, juristische und finanzielle Folgen haben können.

Die FIFA erwartet von potenziellen Veranstaltern einer WM einen ganzen Katalog von Maßnahmen und Garantien. Vor allem erwartet sie Stadien und Infrastrukturen auf dem modernsten Stand, den die Regierung bereits bei der Bewerbung garantieren muss. Im Grunde ist das nicht anderes als ein gewaltiges Investitions- und Modernisierungsprogramm, für das die Regierung im Parlament und in der Öffentlichkeit eine Legitimationsgrundlage braucht. Diese breite Legitimation war 2006 gegeben: Im Landtag Nordrhein-Westfalen haben Ende Mai 2006 alle Fraktionen – das kommt äußerst selten vor – einen gemeinsamen Antrag mit dem Titel „Willkommen im Sport- und Fußball-Land Nordrhein-Westfalen!“ eingebracht. Darin hieß es:

„Der Landtag begrüßt, dass das Land nach der Vergabe der Fußball-WM eine Kommunikations-, Koordinations- und Kooperationsplattform geschaffen hat, auf der die Handlungsstränge insbesondere in den Aufgabengebieten Sicherheit, Infrastruktur, Tourismus/Standortmarketing sowie Kultur- und Rahmenprogramm zusammenlaufen. […]

Der Landtag unterstützt alle Akteure in ihren Bemühungen […], die anstehenden sportlichen Großveranstaltungen auch als Ereignis von landesweiter Bedeutung weit über den Sport hinaus zu begreifen und zu nutzen, um national und international für Nordrhein-Westfalen als weltoffenes und gastfreundliches Land zu werben.“ (Landtag NRW 2006)

Fußball, so zeigt nicht nur dieses Beispiel, überwindet die klassischen Konfliktlinien der Gesellschaft (Cleavage) und scheint keine Parteien mehr zu kennen. Fußball überschreitet auch etablierte Ressortgrenzen. So ist z. B. medienpolitisch zu klären, ob der Erwerb von teuren Übertragungsrechten für Fußballspiele zu den Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zählt oder ob man dies privaten Fernsehveranstaltern überlässt. Mit dem Erwerb von Fußballrechten wird der Rundfunkbeitrag zu einer Art Fußballsteuer.5 Gerechtfertigt wird das von der Politik, die die Höhe der Rundfunkabgabe festlegt, mit dem Hinweis auf den Grundversorgungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Strittig ist allerdings, wie weit der Grundversorgungsauftrag geht, zumal die Kosten dafür erheblich steigen, je mehr Spiele übertragen werden: Alle Bundesligaspiele live in voller Länge? Oder nur Topspiele zeitversetzt und gekürzt?

Bis heute ist für privaten Fernsehsender Fußball der Kern ihres Geschäftsmodells. Eine Folge davon ist die Entzerrung des Bundesligaspieltages, um möglichst wenige Spiele gleichzeitig stattfinden zu lassen. Die Fanproteste in den Stadien vor allem gegen die Montagsspiele haben bis jetzt kein Umdenken seitens des DFB und der privaten Fernsehrechteinhaber bewirkt. Auch hier hält sich die Politik aus dieser inneren Angelegenheit des Fußballs heraus. Was sollte sie auch tun: Die Übertragungsrechteinhaber enteignen? Den Spieltag gesetzlich regeln?

Fußball als Allheilmittel zur Lösung sozialer Probleme

In der Politik, das zeigen die Koalitionsvereinbarungen, wird Fußball als Mittel für die Erreichung politischer Ziele von der Werteerziehung und Inklusion bis zur Integration gesehen. Ähnliche Effekte erhofft sich die Politik von Kultur und Bildung. Mit dieser Überfrachtung von erwünschten Effekten des Fußballs machen sich die Fußballfunktionäre nicht immer glaubwürdig, weil die Praxis immer wieder zeigt, dass durch den Fußball genau das nicht geschieht, was man eigentlich von ihm erwartet: Statt Integration Rassismus, statt Solidarität Ausgrenzung und statt fair playRücksichtslosigkeit. Wer diese Auswüchse beklagt sollte sich daran erinnern, dass es auch früher keinen „sauberen“ Fußball gab: Es wurden Schiedsrichter bestochen, Amateure schwarz bezahlt, Spieler von anderen Mannschaften bedroht u.a.m. Aber der Katalog der Tugenden, die durch Fußball gefördert werden sollen, erleichtert Funktionären die Einwerbung von politischer und finanzieller Unterstützung. Umgekehrt verschaffen sich Politiker die Legitimation für die Unterstützung des Fußballs.

Fußball lebt wesentlich vom ehrenamtlichen Engagement in den Vereinen, das trotz aller Professionalisierung immer noch den größten Teil des Fußballs ausmacht. Hier wird ein soziales Kapital geschaffen, das eine Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Fußballvereine sind damit ein Beispiel für zivilgesellschaftliche Selbstorganisation. Auch sie braucht wie fast jede Form gesellschaftlicher Selbstorganisation politische Unterstützung. Sie wird durch Instrumente wie Übungsleiterpauschalen, Sportförderung, Einrichtung von Talentschulen u. a. gewährt. Ohne die Nachwuchsarbeit in den Vereinen gäbe es keine Spitzensportler.

Die Macht des organisierten Fußballs

Der DFB ist der größte Sportverband in Deutschland und damit eine der größten NGOs. Seine Macht beruht auf der Popularität des Fußballs. Der Politiker, der z. B. Stadionbauten und Übertragungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk für Verschwendung hält, weil es Wichtigeres gebe, kann sich in Deutschland von größeren Ambitionen verabschieden. In vielen anderen Ländern müsste er um sein Leben fürchten.

Selbstorganisation heißt auch Selbstverantwortung. Auch in anderen Politikfeldern stellt sich die Frage, was der Selbstregulierung überlassen werden kann und was Aufgabe des Staates ist. Nicht für jede Fehlentwicklung im Fußball macht es Sinn, nach dem Staat zu rufen – seien es Krawalle, „Montagsspiele“ oder die nicht mehr nachvollziehbaren Transferregeln und -summen. Andererseits ist es nicht akzeptabel, dass die Vereine staatliche Bürgschaften für ihre Investitionen erhalten und ihre Jugend- und Präventionsarbeit vernachlässigen.

Thesen

  • Fußball ist aufgrund seiner globalen Attraktivität und wirtschaftlichen Bedeutung ein politischer Faktor.
  • Die Politik reagiert auf den Fußball auf allen Ebenen von der EU bis zur Kommune und auf fast allen Politikfeldern.
  • Fußball ermöglicht in vielen Bereichen wie Sportstättenbau, Verkehrs- und Stadtplanung eine parteiübergreifende „Große Koalition“ und erleichtert damit die Realisierung größerer Projekte.
  • Fußball und seine Organisationen – der DFB und die Vereine – sind Beispiele zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation. Das Beispiel zeigt aber auch die wechselseitige Durchdringung und Interdependenz von Fußball und Politik. Die Politik unterstützt den Fußball und der Fußball entlastet die Politik von sozialen Aufgaben wie Integration und Teilhabe.
  • Auch beim Fußball ist die Politik die letzte Instanz, die einige dieser Fehlentwicklungen gegenüber der Öffentlichkeit verantworten muss. Die Politik muss daher gemeinsam mit dem organisierten Fußball nach Lösungen für die Ausschreitungen und andere Fehlentwicklungen suchen und entsprechende Projekte unterstützen.
  • Fußball ist kein Allheilmittel gegen Gewaltausbrüche, Rassismus und Egoismus. Zum Teil macht er diese Probleme sichtbarer als andere Institutionen.
  • Fußball bietet vielen eine Geborgenheit im Ritual und damit die Chance für Gemeinschaft in einer vergesellschafteten Welt. Er widerspricht damit als archaisches Element dem Modell der funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften.
  • Fußball ist ein soziales Faktum, das sich aufgrund seiner Emotionalität einer politischen Instrumentalisierung weitgehend entzieht. Er ist vielmehr ein Muster an Kontingenz: Man weiß eben nie, wie ein Spiel ausgeht und wie die Zuschauer das Ergebnis verarbeiten. Er ist die Institutionalisierung des Nicht-Planbaren in der geplanten Welt.

Literatur:

Berg, Wilfried (Hrsg.) (2001): Regulierte Selbstregulierung als Steuerungskonzept des Gewährleistungsstaates. Ergebnisse des Symposiums aus Anlass des 60. Geburtstages von Wolfgang Hoffmann-Riem. In: Die Verwaltung. Zeitschrift für Verwaltungsrecht und Verwaltungswissenschaften. Beiheft 4, Berlin.

Braun, Anne (2017): Rat beschließt Bewerbung für Fußball-EM 2024, online verfügbar unter https://www.duesseldorf.de/medienportal/pressemitteilung/pld/rat-beschliesst-bewerbung-fuer-fussball-em-2024.html (abgerufen am 9.6.2018).

Bundesministerium des Inneren (2016): Interview mit dem Bundesinnenminister zur Fußball-EM 2016, online verfügbar unter https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/videos/DE/themen/sport/interview-zur-europameisterschaft-2016.html (abgerufen am 9.6.2018).

Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat (2018): Sport, online verfügbar unter https://www.bmi.bund.de/DE/themen/sport/sport-node.html (abgerufen am 9.6.2018).

CDU/CSU/SPD (2018): Ein neuer Aufbruch für Europa, eine neue Dynamik für Deutschland, ein neuer Zusammenhalt für unser Land, Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, online verfügbar unter https://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/2018/03/2018-03-14-koalitionsver-trag.pdf;jsessionid=52595156F8A39E717198D836E2859D5C.s7t1?__blob=publicationFile&v=5 (abgerufen am 9.6.2018).

CDU/FDP (2017): Koalitionsvertrag für Nordrhein-Westfalen, online verfügbar unter https://www.cdu-nrw.de/sites/default/files/media/docs/nrwkoalition_koalitionsvertrag_fuer_nordrhein-westfalen_2017_-_2022.pdf (abgerufen am 9.6.2018).

Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen (2018): Nachwuchsförderung und Schule: Die Bezirksregierungen, online verfügbar unter http://www.sportland.nrw.de/nachwuchsfoerderung/kontakte/bezirksregierungen.html (abgerufen am 9.6.02018).

Europäische Union (2018): Sport in der EU, online verfügbar unter https://europa.eu/european-union/topics/sport_de (abgerufen am 9.6.2018).

Fohrmann, Jürgen/Orzessek, Arno (2002): Zerstreute Öffentlichkeiten. Zur Programmierung des Gemeinsinns. München: Wilhelm Fink Verlag.

Landtag Nordrhein-Westfalen (2006): Willkommen im Sport- und Fußball-Land Nordrhein-Westfalen! Antrag der CDU-Fraktion, der SPD-Fraktion, der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP-Fraktion vom 23.05.2006 (3. Neudruck), Landtags-Drucksache 14/1565.

Nye, J. S. (2004): Soft Power. The Means to Success in World Politics. New York: Public Affairs.

Wyss, Beat (2004): Pop zwischen Regionalismus und Globalität. In: W. Grasskamp/M. Krüt-zen/St. Schmitt (Hrsg.): Was ist Pop? Zehn Versuche. Frankfurt/Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, S. 21-42.

Zitationshinweis:

Mai, Manfred (2018): Fußball und Politik, Gedanken zur Governance des Sports, Essay, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online verfügbar: http://regierungsforschung.de/fussball-und-politik-gedanken-zur-governance-des-sports/

  1. So erinnert eine Hauswand in Budapest an den historischen Sieg der Ungarn 1953 im Wembley-Stadion gegen England (6:3) (http://www.kathmanduandbeyond.com/street-art-budapest-match-of-the-century/). In England galt dieses Spiel als die erste Niederlage auf eigenem Boden seit der Schlacht von Hastings 1066. In der englischen Wikipedia-Ausgabe wird dieses Spiel als „Spiel des Jahrhunderts“ bezeichnet und genau analysiert (https://en.wikipedia.org/wiki/Match_of_the_Century_(1953_England_v_Hungary_football_match). Übrigens endete die Revanche für England in Budapest ein Jahr später mit einer 1:7 Niederlage. Ein weiteres Beispiel ist die traumatische Niederlage der ungarischen Wundermannschaft ausgerechnet im WM-Endspiel 1954 gegen Deutschland, die heute noch ein Thema in beiden Ländern ist. Die Taktik dieses Spiels und ihre langfristige Bedeutung für den Fußball werden auch Jahrzehnte später noch fachmännisch erörtert (http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/ungarn-besiegt-england-der-tag-an-dem-die-fussballwelt-eine-kugel-wurde-1131282.html). []
  2. Unter dem Begriff „Soft Power“ sind die Einflüsse des westlichen Lebensstils, wie er z. B. in Filmen, TV-Serien, Popkultur und Konsumprodukten vermittelt wird, auf andere Kulturen gemeint (Nye 2000).   []
  3. „Die vielleicht wichtigste gesellschaftliche Eigenschaft von Kunst und Sport ist die Aufstiegschance jenseits festgefahrener Privilegien von bestimmten Klassen und Rassen. Sport und Kunst sind Karrierejoker.“ (Wyss 2004: 41 []
  4. Auch außerhalb von WM ist der Neubau von Fußballstadien immer wieder ein Thema für die Lokalpolitik. So hatte die städtische Grundstücksverwaltung Essen (GVE) das Geld, das eigentlich für das Folkwang-Museum gedacht war, in das Stadion Essen gesteckt, um höhere Baukosten zu decken (https://www.derwesten.de/staedte/essen/staatsanwaltschaft-ermittelt-in-der-finanzaffaere-um-das-stadion-essen-id10473758.html). []
  5. Zum Stand der Rechte für die Übertragung der Bundesligaspiele und ihre Kosten: http://www.deutschlandfunk.de/bundesliga-rechte-teure-saison-fuer-fussball-fans.2907.de.html?dram:article_id=393695. []
Creative Commons License
This work by Manfred Mai. is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 4.0 International

Teile diesen Inhalt:

Artikel kommentieren

* Pflichtfeld