Gert Krell/Peter Schlotter: Weltbilder und Weltordnung: Einführung in die Theorie der Internationalen Beziehungen

„Weltbilder und Weltordnung“ – diesen beiden Leitbegriffen folgend präsentieren Gert Krell (Goethe-Universität Frankfurt) und Peter Schlotter (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg) eine Tour d’Horizon durch die Kernfelder und Schlüsselkonzepte der gegenwärtigen Forschung zu den Internationalen Beziehungen (IB). Eingebettet wird dies in eine Rekonstruktion der ideengeschichtlichen Grundlagen und historischen Entwicklungen von Konzepten wie Imperium, Hegemonialmacht, Staat oder auch dem Völkerrecht in Theorie und Praxis. Der Titel vermerkt, dass es sich um eine Einführung in die Theorie der Internationalen Beziehungen handelt. 

Mit „Weltbilder und Weltordnung: Einführung in die Theorie der Internationalen Beziehungen“ legen Gert Krell und Peter Schlotter eine enzyklopädische kritische Reflexion der Lehre und Forschung der Internationalen Beziehungen vor. Die Lektüre ist nicht nur für Einsteiger interessant, bilanziert Nele Noesselt. Denn neben einer grundlegenden Einführung in die Internationalen Beziehungen enthält das Buch auch viele Details und Beispiele, die für den mit der Materie vertrauten Leser interessant sind.

Gert Krell/Peter Schlotter: Weltbilder und Weltordnung: Einführung in die Theorie der Internationalen Beziehungen

Nomos Verlag, Baden-Baden, 2018, 462 Seiten, ISBN: 978-3-8487-4183-0, 24,90 Euro

Autor

Prof. Dr. Dr. Nele Noesselt ist Inhaberin des Lehrstuhls für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt China/Ostasien an der Universität Duisburg-Essen. Zu ihren Forschungsfeldern zählen Chinas Rolle in der Weltpolitik, „Chinesische“ IB Theorien, globale Verrechtlichungsprozesse sowie Vergleichende Regierungsforschung.

 

„Weltbilder und Weltordnung“ – diesen beiden Leitbegriffen folgend präsentieren Gert Krell (Goethe-Universität Frankfurt) und Peter Schlotter (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg) eine Tour d’Horizon durch die Kernfelder und Schlüsselkonzepte der gegenwärtigen Forschung zu den Internationalen Beziehungen (IB). Eingebettet wird dies in eine Rekonstruktion der ideengeschichtlichen Grundlagen und historischen Entwicklungen von Konzepten wie Imperium, Hegemonialmacht, Staat oder auch dem Völkerrecht in Theorie und Praxis. Der Titel vermerkt, dass es sich um eine Einführung in die Theorie der Internationalen Beziehungen handelt. Das Werk – hier in der fünften, nun komplett überarbeiteten und erweiterten Fassung des ursprünglich von Krell in den 1990er Jahren allein verfassten Textes vorliegend – ist in der Reihe Studienkurs Politikwissenschaft bei Nomos erschienen. Es ist jedoch weit mehr als ein Einstiegswerk in die Materie, vielmehr liegt hier eine enzyklopädische kritische Reflexion der Lehre und Forschung der Internationalen Beziehungen vor. Das Buch ist systematisch strukturiert und didaktisch durchdacht aufgebaut. Bei jeder erneuten Lektüre erschließen sich neue Dimensionen, lässt sich das Basiswissen vertiefen – denn der Text ist einerseits so konzipiert, dass er als Einführungswerk funktioniert, andererseits enthält er viele Details und Beispiele, die sich an eine bereits mit der Materie vertraute Leserschaft richten. Für beide Gruppen ist er gleichermaßen gewinnbringend zu lesen.

Die Autoren – die als Professoren für den Bereich der Internationalen Beziehungen das Feld mit ihrer Forschung maßgeblich mitgeprägt haben und zugleich über langjährige Lehrerfahrung die Möglichkeiten und Herausforderungen bei der Vermittlung der Grundlagen der IB erfahren haben (dürften) – liefern mit ihrem Werk Denkanstöße und fordern zur aktiven, kritischen Auseinandersetzung mit den Konzepten und Theorien auf. Allein schon dies unterscheidet die vorliegende „Einführung“ von Kompendien der IB zur Vorbereitung auf Abschlussprüfungen im BA/MA-Bereich. Wer eine Fast-Food-Lektüre zur bequemen Last-Minute-Vorbereitung einer Prüfung sucht, ist hier eindeutig falsch. Im Unterschied zu anderen Einführungen in die IB-Theorien stellt das von Krell und Schlotter vorgelegte Lehrbuch keine abtestbaren Grundannahmen der Standardtheorien in den IB in den Mittelpunkt. Stattdessen beginnt die Einführung mit einigen Betrachtungen über die Entstehung und Entwicklung der universitären Forschung zu den internationalen Beziehungen. Wie gesagt, dies ist sicherlich keine „captatio benevolentiae“, sondern verlangt dem Leser eine intensive Auseinandersetzung mit dem zeitpolitischen Entstehungskontext der IB-Forschung ab. Aber genau dies ist ein elementarer Schritt, um Theorien und Modelle nicht nur passiv zu reflektieren und auf ausgewählte Fälle anwenden, sondern auch an der innovativen Weiterentwicklung zukünftig mitwirken zu können.

Das Buch gliedert sich in zwei Teile, wobei der erste Teil konzeptionellen „Vorbetrachtungen“ gewidmet ist, wohingegen der zweite sich mit ausgewählten Großtheorien auseinandersetzt. Den Auftakt bilden grundlegende Ausführungen zu den Kerninhalten der Politikwissenschaft und dem Sonderfeld der Internationalen Beziehungen. Gerade die weltpolitischen Rahmenbedingungen und Bezugspunkte des frühen Völkerrechts werden in rein auf die abstrakten, direkt „abtestbaren“ Theorieannahmen reduzierten Lehrbüchern ausgeblendet. Ebenso schließen Krell und Schlotter eine weitere Lücke in der Grundlagenvermittlung, indem sie zentrale Entwicklungsphasen und Begriffskonzepte des modernen internationalen Staatensystems wie die Moderne, den Kapitalismus oder die Industrielle Revolution historisch-retroperspektivisch aufarbeiten. Und die Kernkategorie des Nationalstaates in seinen Entstehungskontext einbetten. Zentral ist hierbei neben der staatsphilosophischen, globalhistorischen Perspektive der beiden Autoren insbesondere der Verweis auf die Kopplungen zwischen Weltpolitik und Weltökonomie, die auch im zweiten Teil des Werkes immer wieder aufgegriffen werden.

Der zweite Teil des Buches – „Weltbilder“ – stellt der Diskussion des Realismus und seinen diversen Schattierungen sowie weiterer „Großtheorien“ ein eigenständiges Kapitel zu Thukydides und dem Melier-Dialog voran. Durch diesen indirekt historiographischen Auftakt zum zweiten Teil wird das Konzept des Lehrbuches exemplarisch illustriert: Weltbilder sind Sichtweisen, Interpretationen, die in einem sehr konkreten zeitpolitischen Zusammenhang stehen (können). So spezifizieren die Autoren bereits in Kapitel 1:

„Unter Weltbildern – man kann sie auch als „Großtheorien“, als „Denkweisen“ oder als „Theorietraditionen“ bezeichnen – verstehen wir (i.e. die Autoren) umfassende und generalisierende politikwissenschaftliche Betrachtungsformen. Weltbilder, Großtheorien oder Denkweisen formulieren allgemeine Annahmen über das Wesen der internationalen Beziehungen. Sie verwenden unterschiedliche zentrale Kategorien und machen unterschiedliche Aussagen über die entscheidenden Akteure und ihre Ziele […]“ (Krell/Schlotter 2018:31).

Zwar postulieren die Autoren, dass es sich bei den von ihnen ausgewählten Weltbildern um Großtheorien handelt, die sie von Metatheorien und Bereichstheorien abgrenzen. Allerdings ist mit Blick auf die in Teil II des Werkes zusammengetragenen Weltbilder durchaus fraglich, ob sich nicht doch an einigen Stellen moderne Ansätze und Theorien eingeschlichen haben, die nicht ganz der Standarddefinition von „Großtheorien“ entsprechen. Allerdings liegt gerade hierin – der Abhandlung von Realismus und Liberalismus auf der einen und Politischer Psychologie sowie poststrukturalistischen Ansätzen auf der anderen Seite – der Gewinn für den Leser. Denn der zweite Teil präsentiert einerseits die großen Teilstränge der IB-Theorien. Andererseits skizziert er, wenn auch indirekt, die permanente Weiterentwicklung dieser Weltbilder in Abhängigkeit von sozio-ökonomischen und sozio-kognitiven Veränderungen und Machtumschichtungen. Die einzelnen Weltbilder werden detailgetreu nachgezeichnet, wobei auch Querbezüge zu anderen Weltbildern und theoretischen Strömungen aufgezeigt werden. Sehr durchdacht sind auch die jedem Kapitel beigefügten annotierten Literaturverweise, Fragen zur weiteren Reflexion sowie eine Kurzzusammenfassung der Quintessenz eines jeden Kapitels.

Bei aller Würdigung des vorliegenden Werkes gibt es einzelne Punkte, die eventuell bei einer weiteren Überarbeitung des Textes für die Folgeausgabe berücksichtigt werden könnten. So ist der Text einerseits abstrakt gehalten und wird auch in vielen Jahren nicht veraltet erscheinen. Auf der anderen Seite finden sich aber punktuell eingestreute Verweise auf rezente Entwicklungen, die oft aber leider nur an einer Stelle aufscheinen, ohne dann im späteren Weltbilder-Teil in die Theoriebetrachtungen systematisch einbezogen zu werden. Gerade die letzten Kapitel und Passagen des Werkes, die sich mit postmodernen, poststrukturalistischen Ansätzen und der „Globalisierung“ der IB-Theorieforschung auseinandersetzen, wären noch überzeugender, wenn hier verstärkt der Bogen zurück auf die Überlegungen der kritischen Diskursanalyse geschlagen würde. Denn an dieser Stelle verschwimmen die Grenzen zwischen Makrotheorien und metatheoretischen, ontologischen und epistemologischen Betrachtungen. Gerade um die Globalisierung der IB-Theoriebildung, die Suche nach konzeptionellen oder auch nomothetischen Rahmengebilden der Welt kritisch bewerten zu können, ist eine Unterscheidung zwischen Theorie, Strategie und – sehr weit und abstrakt gefasst – „Ideologie“ unverzichtbar. Für die mit dem politikwissenschaftlichen Theoriebegriff weniger vertraute Leserschaft – die sicherlich mit dem Einführungswerk auch angesprochen werden sollte – wäre ein kurzer Exkurs zum Theoriebegriff und der Theoriekritik der Kritischen Schule der IB sicherlich hilfreich. „Theory is always for someone and for some purpose. All theories have a perspective. Perspectives derive from a position in time and space” – wie Robert Cox (1981:128) festhielt.

Auch bei dem Begriff der Weltordnung wäre, insbesondere in den Kapiteln zu IB-Theorieformulierungen aus der Perspektive anderer Weltregionen, eine differenziertere Definition anzustreben. Denn hier wird die „Welt“ a priori als Bezugsrahmen für das Nachsinnen über Ordnungs- und Interaktionsmodelle gesetzt. Zhang Yongjin (University of Bristol) hat, in Anlehnung an die Tradition der Englischen Schule, hierzu die Polyvalenz der Begriffskonzepte „Welt“ und „Imperium“ als geographischer und imaginärer Bezugsrahmen am Beispiel des chinesischen Kaiserreiches nachgezeichnet (Zhang, Yongjin 2001). Aber auch in anderen Kulturräumen werden internationale Beziehungen und Ordnungsmodelle abweichend von der euro-atlantischen Politikwissenschaft konstruiert und operieren mit eigenen Kernbausteinen.

Nicht zuletzt weist das Lehrbuch eine starke Fokussierung auf traditionelle IB-Akteure und den „Staat“ auf. Zugegebenermaßen werden das Cyberspace ebenso wie der Weltraum aus den Raum- und Weltvorstellungen der IB-Theorievorstellungen oftmals ausgeklammert. Doch hier scheinen sich neue Interaktionsmuster zu entwickeln, die eine Modifikation oder tentative Neuformulierung von IB-Theorien erfordern könnten. Ebenso ließe sich noch weiterführend über die – von den Autoren durchaus angesprochene – Pluralisierung der Akteure und die Rolle von nicht-staatlichen, informellen Akteursnetzwerken in der Ausgestaltung der Weltpolitik theoretisierend nachdenken. Für das Selbststudium und den schnellen Einstieg in die IB könnte zudem die Parallel-„Lektüre“ des Handwörterbuchs Internationale Politik (Woyke/Varwick 2015) oder, für eine Übersicht über die konkurrierenden Großdebatten der IB, die von Ulrich Menzel (2004) vorgelegte historische Aufarbeitung hilfreich sein.

Die hier angesprochenen Punkte sollen jedoch in keinem Fall den aus der wiederholten Lektüre des vorliegenden Kompendiums gewonnenen Erkenntnisgewinn in Frage stellen. Als Lehrbuch kommt dieses dem Auftrag nach, den konsolidierten Forschungsstand nachzuzeichnen und kritisch zu annotieren. Die Auswahl der Weltbilder bietet einen sehr guten Einblick in die Thematik der IB – und sorgt durch die Fokussierung dafür, dass dem Leser bei seinem Gang durch das Labyrinth der fragmentierten IB-Debatten des 21. Jahrhunderts nicht unverhofft der rote Faden entgleitet.

Literatur:

Cox, Robert (1981): Social Forces, States, and World Orders: Beyond International Relations Theory, in: Millennium, 10:2, S. 126-155.

Menzel, Ulrich (2004),Zwischen Idealismus und Realismus: Die Lehre von den Internationalen Beziehungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Woyke, Wichard/Varwick, Johannes (eds.) (2015): Handwörterbuch Internationale Politik. Opladen; Toronto: Barbara Budrich.

Zhang, Yongjin (2001): System, Empire and State in Chinese International Relations, in: Review of International Studies, 27, S. 43-63.

Zitationshinweis:

Noesselt, Nele (2018): Gert Krell/Peter Schlotter: Weltbilder und Weltordnung: Einführung in die Theorie der Internationalen Beziehungen, Rezension, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online verfügbar: http://regierungsforschung.de/gert-krell-peter-schlotter-weltbilder-und-weltordnung-einfuehrung-in-die-the-orie-der-internationalen-beziehungen/

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