Jun / Höhne: Parteien als fragmentierte Organisationen. Erfolgsbedingungen und Veränderungsprozesse

Der Arbeitskreis Parteienforschung der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft traf sich 2008 zu seiner Jahrestagung mit dem Thema „Parteien als fragmentierte Organisationen“ in Berlin und seit kurzem liegt nun der Band mit den Tagungsbeiträgen vor.

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Jun / Höhne: Parteien als fragmentierte Organisationen. Erfolgsbedingungen und Veränderungsprozesse

Die Dokumentationen der Arbeitskreistagungen geben in der Regel einen guten Überblick über die deutsche Parteienforschung, indem sie Aufsätze zu aktuellen Forschungsprojekten oder Promotionsvorhaben zu den deutschen Parteien (teilweise international vergleichend oder mit einem anderen Länderschwerpunkt) sowie theoretische Beiträge versammeln.

Parteien als fragmentierte Organisationen

Erfolgsbedingungen und Veränderungsprozesse

Rezension von Niko Switek

Der Arbeitskreis Parteienforschung der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft traf sich 2008 zu seiner Jahrestagung mit dem Thema „Parteien als fragmentierte Organisationen“ in Berlin und seit kurzem liegt nun der Band mit den Tagungsbeiträgen vor. Die Dokumentationen der Arbeitskreistagungen geben in der Regel einen guten Überblick über die deutsche Parteienforschung, indem sie Aufsätze zu aktuellen Forschungsprojekten oder Promotionsvorhaben zu den deutschen Parteien (teilweise international vergleichend oder mit einem anderen Länderschwerpunkt) sowie theoretische Beiträge versammeln. Dadurch weisen die Bände zwar eine gewisse Heterogenität auf, die aber eben den verschiedenen Schwerpunkten der Parteienforschung sowie den Schnittstellen zu anderen Forschungssträngen der Politikwissenschaft (z.B. politische Führung, politische Kommunikation) entspricht.

Positiv hervorzuheben sind die ersten beiden theoretisch-konzeptionellen Beiträge von Uwe Jun bzw. Elmar Wiesendahl, die den Band mit einer Darstellung der zentralen Modelle und Ansätze der Parteien(organisations)forschung einleiten. Beide betonen die Vorteile einer organisationsbezogenen Sichtweise von Parteien. Jun stellt die Strukturbesonderheiten von Parteien dar und erläutert, warum diese sinnvoll als lose verkoppelte Anarchien zu fassen sind. Da Unbestimmtheit und Fragmentierung Wesensmerkmale von Parteiorganisationen bilden, stehen für ihn in der Parteienforschung Fragen bezüglich der Führung einer Partei (z.B. strategisches Zentrum) im Vordergrund, um Wandel und Erfolg von Parteien zu erklären. Wiesendahl bezieht sich ebenfalls auf das Organisationsmodell der organisierten Anarchie, das maßgeblich auf ihn zurückgeht, ordnet dieses aber in einen allgemeinen, systematischen Überblick über das organisationstheoretische Modellspektrum der klassischen und modernen Parteienforschung ein. Getrennt hiervon behandelt er die Ansätze, die vor allem den Wandel von Organisationen fokussieren und teilt diese nach Wandlungsspielraum und exogener oder endogener Erklärungslogik auf. Begrüßenswert ist hier die Einbeziehung mikropolitischer Erklärungsansätze: der mögliche Erkenntnisgewinn durch die kleinteilige und detaillierte Analyse des Parteiinnenlebens wird häufig unterschätzt.

Die folgenden Fallstudien des Bandes sind in zwei thematische Blöcke gegliedert: Die Beiträge im ersten Block drehen sich um Effekte und Wechselwirkungen der Machtfragmentierung, während im zweiten Block der Fokus auf Organisationsreformen gelegt wird (wenn sich auch nicht alle Beiträge ganz überzeugend in diese Gliederung einfügen).

Der erste Block beginnt mit einem Beitrag von Patrick Donges, der eine überzeugende konzeptionelle Verbindung von Parteien als fragmentierten Organisationen und Parteikommunikation herstellt. Seiner Argumentation nach ist es gerade die Kommunikation, die aus den Fragmenten eine Organisation macht. Er präsentiert empirische Befunde einer umfangreichen Studie zum Wandel der Parteikommunikation der ‚Volksparteien’ in Deutschland, Österreich, Großbritannien und der Schweiz. Aus den Ergebnissen sticht vor allem die treffende Beobachtung hervor, dass der Bedeutungszuwachs der Medien für Parteien, die sich in verschiedene Akteursgruppen teilen, nicht zu Spannung zwischen Medienlogik und Parteilogik sondern zu Spannungen zwischen verschiedenen Logiken in der fragmentierten Partei führt.

Die beiden folgenden Aufsätze des Bandes beschäftigen sich mit Prozessen der Personalrekrutierung in Parteien. Benjamin Höhne leuchtet die innerparteilichen Prozesse zur Aufstellung von Kandidaten bei Bundestags- und Europawahlen aus, die trotz des Monopols der Parteien einen bisher untererforschten Bereich bilden. Einerseits thematisiert er die Selektionsprämissen, andererseits geht er der Frage nach, inwieweit parteiexterne Anforderungen die Nominierungsprozesse beeinflussen. Hervorzuheben ist dabei, dass als Datengrundlage nicht nur die aufgestellten sondern auch die gescheiterten Bewerberinnen und Bewerber einbezogen werden. Tim Spier nimmt in seinem Aufsatz innerparteiliche Ämter (Vorstandsposten auf Orts- oder Kreisverbandsebene) in den Blick. Mit den Daten der Potsdamer Parteimitgliederstudie von 1998 beantwortet er die Frage nach den Determinanten zur Erlangung lokaler politischer Ämter. Im Kern kommen beide Arbeiten zu ähnlichen Ergebnissen: Vorrangig langjährige innerparteiliche Sozialisation und Qualifizierung (Höhne) bzw. innerparteiliche Netzwerke (Spier) sind entscheidend, um eine Nominierung zu Wahlen bzw. ein Parteiamt zu erhalten. Signifikante Unterschiede zwischen den Parteien bei diesen Prozessen finden sie nicht.

Ertragreich und lohnenswert könnte als Perspektive für dieses Forschungsfeld eine Verknüpfung mit den jüngsten Ergebnissen der Studie von Marion Reiser sein, die sich der Frage nach der Kandidatenauswahl bei der Bundestagswahl 2009 unter einem stärker prozessualen Blickwinkel nähert, indem sie einen kombiniert quantitativen und qualitativen Blick auf die innerparteilichen Wahlkämpfe zu einer Nominierung wirft (Vortrag auf der AKPF-Jahrestagung 2010 an der FU Berlin).

Über den deutschen Tellerrand hinaus blickt Alexander Stroh in seiner Studie zu Parteien in Benin und Burkina Faso. Die Arbeit knüpft mit Fragen nach innerparteilichen Machtdynamiken an den Schwerpunkt des Bandes an und liefert wertvolle Impulse, wie theoretische Ansätze der Parteienforschung für die Verwendung in nur bedingt demokratischen Systemen zu modifizieren sind. Jedoch überfrachtet die Einbeziehung der (schon für Parteien in etablierten Demokratien äußerst diffizilen) Frage nach Erfolgsbedingungen die explorativ angelegte Studie.

In seinem Beitrag zu den Rechenschaftsberichten der deutschen Parteien weist Andreas Feser zu Recht darauf hin, dass diese in der Parteienforschung als Datengrundlage vernachlässigt werden. Die Parteien geben hier detailliert Auskunft über Einnahmen und Ausgaben und schlüsseln diese nach Tätigkeitsbereichen und föderalen Ebenen auf. Auf dieser Grundlage kann etwa Fragen nach innerparteilicher Machtverteilung oder Kampagnenfähigkeit nachgegangen werden. Die von Feser vorgenommene Auswertung der Berichte für CDU/CSU und SPD für den Zeitraum 1997-2007 lässt zwar interessante Schlüsse über die finanzielle Entwicklung zu, bleibt aber letztlich ohne eine theoretische Anbindung oder dezidierte Fragestellung eher deskriptiv.

Im zweiten Block fragen Wolfgang Schröder und Arijana Neumann vor dem Hintergrund der gesamtparteilichen organisationalen Leitbilder Bürgerpartei (CDU) und Netzwerkpartei (SPD) nach den in ausgewählten Landesverbänden tatsächlich implementierten Reformen. Auf der Grundlage von Gesprächen mit Mitarbeitern der Landesgeschäftsstellen zeichnen sie den Parteiwandel für die Dimensionen ‚Zentralisierung und Professionalisierung’ sowie ‚Partizipation’ nach. Ihr Ergebnis bestätigt das Diktum von Wiesendahl über die Doppelgesichtigkeit von Parteien, dass hier Elemente von geselliger Mitgliederpartei und professioneller Kampforganisation koexistieren, wobei letztere nach Schröder und Neumann durch Mitgliederschwund und Druck der Medien zunehmend an Gewicht gewinnt.

Eser Kiziloglu Sönmez und Lothar Probst gehen in ihrem Beitrag davon aus, dass Parteien im Rahmen der Professionalisierungstendenzen Maßnahmen zur Personalentwicklung umsetzen und untersuchen dies am Beispiel der Landesverbände von CDU, SPD, FDP und Grünen in Hessen. Es werden Indikatoren aus der Betriebswirtschaft herangezogen, um das Ausmaß der Implementierung entsprechender Maßnahmen auf Grundlage von Webseitenanalysen und Interviews zu messen. Zwar finden sich viele interessante Beispiele, die einen Vergleich der Parteien untereinander ermöglichen, doch weisen die Autoren selbst darauf hin, dass sich eine Übertragung eines Personalentwicklungskonzepts auf Parteien wegen der an demokratischen Prinzipien ausgerichteten Organisationsform, der begrenzten Ressourcen und der individuellen Machtstrategien letztlich schwierig gestaltet.

Im letzten Beitrag richtet Sebastian Bukow den Blick auf die Mitarbeiter in den Parteizentralen im Bund und auf Länderebene. Da so gut wie alle Mitarbeiter Parteimitglieder sind und darüber hinaus in der Regel über Parteiämter verfügen, kommt er zu dem Schluss, dass keine rein organisatorische Parteiadministration existiert. Die Mitarbeiter geben an, politischen Einfluss ausüben zu wollen und sind dementsprechend als Spieler im innerparteilichen Machtspiel zu sehen. Während die Parteizentralen einerseits die Parteiorganisation arbeitsalltäglich am Laufen halten, dürfen sie andererseits nicht auf diese Rolle reduziert werden, sondern müssen für das Verstehen parteiinterner Prozesse einbezogen werden.

In seiner Mischung aus Theorie und empirischen Fallstudien resümiert der Band überzeugend den Stand der deutschen Parteienforschung. Vor allem die in den ersten beiden Beiträgen geleistete systematische Darstellung der theoretischen Zugänge für Parteien als fragmentierte Organisationen bietet einen lohnenswerten Ausgangspunkt für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Parteien. Es ist wohl nur bedingt fair, Lücken des Bandes herauszustellen, wenn hierzu eventuell keine Einreichungen vorlagen. Dennoch könnte man die Tendenz zur Konzentration bzw. Beschränkung auf CDU und SPD kritisch sehen, die allerdings treffend den Hang der deutschen Parteienforschung zur Beschäftigungen mit den beiden Großparteien abbildet. Die kleinen Parteien in Deutschland erfahren häufig zu wenig Aufmerksamkeit, obwohl sie teilweise gar nicht mehr so klein sind und zudem im etablierten Fünfparteiensystem bei der Koalitionsbildung eine wichtige Rolle spielen. Aus methodischer Sicht wäre es wünschenswert, wenn zusätzlich zu den vielen vergleichend ausgerichteten Arbeiten qualitative Fallstudien einbezogen würden, die Prozesse in Parteien detaillierter und kleinteiliger (mikropolitischer) in den Blick nehmen.

In jedem Fall ist der Band allgemein für Parteienforscher zu empfehlen, bietet aber auch für fortgeschrittene Studierende eine gute Orientierung für die Beschäftigung mit diesem Themenkomplex und ist sicherlich ebenso für Praktiker aus der Politik lesenswert.

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