Katzenbabys als Wahlkampfhelfer? Eine Analyse des Transfers von Parteipositionen auf Facebook zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2017

„BILD, BamS und Glotze“, mehr brauche der Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder nicht zum Regieren und verdeutlicht mit dieser oft zitierten Aussage zugleich, „wie hoch der massenmediale Zugang zur öffentlichen Meinung als zentrale Machtressource eingeschätzt wird“ (Koch-Baumgarten/Voltmer 2009: 297). Gleichzeitig kann durch das Zitat Schröders auch der Bezug zu den Instrumentalisierungsparadigmen der politischen Kommunikation hergestellt werden. Diese Paradigmen unterstellen dem politisch-administrativen System eine Abhängigkeit von den Massenmedien oder umgekehrt, eine Abhängigkeit der Massenmedien vom politisch-administrativen System.

Neben der BILD und dem Fernsehen spielen inzwischen auch soziale Medien wie Facebook eine Rolle in der Politik und stellen durch die Möglichkeit zur ungefilterten Veröffentlichung von Beiträgen 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche einen wesentlichen Bestandteil der Wahlkampfführung dar. Laura Dinnebier bilanziert, dass Parteien Facebookbeiträge im Wahlkampf zur Landetagswahl in NRW nicht nur zur Vermittlung von Policy-Positionen, sondern auch zum Angriff der Gegner mit negative Campaigning nutzten.

Katzenbabys als Wahlkampfhelfer?

Eine Analyse des Transfers von Parteipositionen auf Facebook zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2017

Autor

Laura Dinnebier studiert den Master „Politikmanagement, Public Policy und öffentliche Verwaltung“ und den Master „Theorie und Vergleich“ am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen. Außerdem arbeitet sie als Hilfskraft am Lehrstuhl für Public Policy und Landespolitik. Ihre Forschungsinteressen liegen in den Gebieten der Migrations- und Integrationspolitik sowie im Bereich intersektionaler Perspektiven.

„BILD, BamS und Glotze“, mehr brauche der Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder nicht zum Regieren und verdeutlicht mit dieser oft zitierten Aussage zugleich, „wie hoch der massenmediale Zugang zur öffentlichen Meinung als zentrale Machtressource eingeschätzt wird“ (Koch-Baumgarten/Voltmer 2009: 297). Gleichzeitig kann durch das Zitat Schröders auch der Bezug zu den Instrumentalisierungsparadigmen der politischen Kommunikation hergestellt werden. Diese Paradigmen unterstellen dem politisch-administrativen System eine Abhängigkeit von den Massenmedien oder umgekehrt, eine Abhängigkeit der Massenmedien vom politisch-administrativen System. Die Interdependenztheorie bedient sich beider Thesen und beschreibt eine wechselseitige Abhängigkeit von Medien und Politik (vgl. Jarren / Donges 2006: 25). Diese Theorien weisen auf die besondere Stellung der Massenmedien im politischen System hin. Barbara Pfetsch und Frank Marcinkowski stellen gar fest, dass „[i]n der Welt des 21. Jahrhunderts […] jede Demokratie zwangsläufig eine Mediendemokratie“ sei (Pfetsch / Macinkowski 2009: 11). Durch aktuelle Entwicklungen im Bereich der Massenkommunikation geraten die klassischen journalistischen Medien jedoch zunehmend unter Druck, woraus unter anderem das Schwinden ihrer besonderen Rolle als Vermittlungs-instanzen resultiert (vgl. Schweiger 2017: 14ff.). Neben BILD, BamS und Glotze „hat sich das Internet in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem leistungsfähigen und allumfassenden Informations-, Diskurs- und Meinungsbildungs-Kosmos entwickelt“ (ebd.: 2). Des Weiteren wird seit Ende 2014 wieder zunehmend über die Vertrauenskrise der Medien debattiert. Der Begriff „Lügenpresse“ ist dabei ein politisches Schlagwort, das dieser Krise einen Namen gibt und gar zum Unwort des Jahres 2014 gekürt wurde.

Die Reaktionen der Politik auf diese Entwicklungen bestehen unter anderem darin, dass die Vermittlung der politischen Inhalte nicht mehr ausschließlich über die klassischen Medien laufen. Durch die sozialen Netzwerke können diese 24 Stunden, 7 Tage die Woche ungefiltert veröffentlicht werden und können auch dann rezipiert werden, wenn sie durch den Filter der klassischen Massenmedien fallen. Durch die zunehmende Bedeutung sozialer Medien nutzen auch die Parteien diese Kanäle zur Vermittlung ihrer politischen Inhalte. Wahlkampf findet also auch auf den sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram und Twitter statt. Die Social Media-Präsenz stellt dabei einen wesentlichen Bestandteil der Wahlkampfführung dar (vgl. Jungherr/Schoen 2013: 131ff.; vgl. auch: Korte 2017). Doch auch in den sozialen Medien existieren Anpassungszwänge an die Logik der Medien. Was in den klassischen Massenmedien unter anderem der Nachrichtenwert beschreibt, als „politische Themen und Ereignisse, die aktuell, neu, eher negativ, konfliktträchtig, prominent, visualisierbar und personalisier-bar sind und dem Geschmack bzw. Unterhaltungsbedürfnissen eines Massenpublikums entsprechen“ (Koch-Baumgarten 2010: 249), heben José van Dijck und Thomas Poell für die social-media-logicinsbesondere die Aspekte der „programmablity, popularity, connectivity, and datafication“ hervor (van Dijck / Poell 2013: 3).

Doch sind es ihre politischen Inhalte, die politische Parteien über die sozialen Netzwerke transportieren? Spielen Policy-Positionen in Zeiten von 140-Zeichen-Kommunikation überhaupt noch eine Rolle? Oder gehen diese auf Plattformen unter, in denen Cat-Contents den höchsten Marktwert besitzen und Likes als Währung fungieren?

Dass der Transfer von Policy-Positionen der Parteien in ihrer politischen Kommunikation auf Facebook eine untergeordnete Rolle spielt soll im Folgenden anhand der Wahlkampfkommunikation zur Wahl des nordrhein-westfälischen Landtags der Parteien auf Facebook beispielhaft aufgezeigt werden. Da erwartungsgemäß andere Inhalte eine wesentlich größere Rolle einnehmen, soll ebenfalls auf die besondere Qualität der Beiträge hinsichtlich der unterschiedlichen Kommunikationsstile eingegangen werden.

Hierfür wurden im Zeitraum vom 01. Mai 2017 (00.01 Uhr) bis 14. Mai 2017 (17.59 Uhr) sämtliche Facebook-Beiträge der offiziellen Facebookseiten der Landesverbände der Parteien qualitativ ausgewertet.1 Als Referenzquellen zur Einordnung eines Beitrags mit Policy-Bezug wurden die Wahlprogramme der Parteien herangezogen, da diese „für die politikwissenschaftliche Forschung wichtige Datenquellen zur Messung von Parteipositionen“ darstellen (Däubler 2012: 337). Dabei wurden nur Parteien in die Einschätzung herangezogen, die nach den Ergebnissen der Landtagswahl über parlamentarische Sitze verfügen.

Transfer von Policy-Positionen und Kommunikation auf Facebook im Vergleich

Im beobachteten Zeitraum konnte die Facebookseite des Landesverbands der FDP die meisten „Gefällt mir“-Angaben hinzugewinnen (Abb. 1). Gemessen an den sogenannten Likes ist jedoch die AfD die erfolgreichste Partei auf Facebook. Die Seite des nordrhein-westfälischen Landesverbands hat auf der Plattform die meisten „Gefällt mir“-Angaben und dabei mehr als die Seiten der Landesverbände von SPD und CDU zusammen.

Abbildung 1: „Gefällt mir“-Angaben (Likes) der Facebookseiten der Landesverbände der Parteien im Vergleich; eigene Darstellung nach den Daten von Pluragraph (2017a-e).

Die Facebookseite der nordrhein-westfälischen CDU hat sowohl am ersten als auch am letzten Untersuchungstag im Vergleich die geringste Anzahl sowie den zweitgeringsten Zuwachs an „Gefällt mir“-Angaben.2 Gleichzeitig veröffentlichte jedoch auch die CDU den meisten Content – die meisten Inhalte bzw. Beiträge im beobachteten Zeitraum.

Abbildung 2: Anzahl der Beiträge auf den Facebookseiten der Landesverbände der Parteien im Zeitraum 01.-14. Mai 2017 in absoluten Zahlen; eigene Darstellung

Von diesen auf der Facebookseite der nordrhein-westfälischen CDU veröffentlichten Inhalten stellen 8% Beiträge dar, die einen reinen Policy-Bezug besitzen (vgl. Abb. 3). 2% der veröffentlichten Beiträge greifen den politischen Gegner bzw. die politische Gegnerin an und verweisen dabei auf die eigenen Policy-Positionen. 25% der Beiträge greifen ausschließlich den politischen Gegner bzw. die politische Gegnerin an, ohne dabei auf eigene Policy-Positionen zu verweisen. Insgesamt zielen entsprechend lediglich 10% der veröffentlichten Beiträge auf den Transfer von Policy-Positionen. Im Vergleich zu den anderen Parteien produzierte die CDU somit den geringsten Anteil an Beiträgen auf der Plattform, die sich auf die Policy-Positionen der Partei beziehen (vgl. auch: Tab. 1).

Abbildung 3: Auswertung der Beiträge auf den Facebookseiten der Landesverbände der Parteien im Zeitraum 01.-14. Mai 2017 im Vergleich in Prozent; eigene Darstellung

Die AfD hingegen kommt mit 18% veröffentlichten Beiträgen mit Policy-Bezug auf den zweitniedrigsten Wert, gefolgt von der FDP (35%) und der SPD (47%). Bündnis 90/Die Grünen hingegen veröffentlichten als einzige Partei Beiträge auf Facebook, von denen mehr als die Hälfte (53%) einen Policy-Bezug besitzen. Darüber hinaus kommt die Partei mit 46% ebenfalls auf den höchsten Wert von Beiträgen mit reinem Policy-Bezug – also Beiträge, die ausschließlich eigene Policy-Positionen transportieren – sowie mit 13% auf den geringsten Anteil der Beiträge, die politische Gegner bzw. politische Gegnerinnen angreifen. Die SPD, als Koalitionspartnerin, kommt mit 42% auf den zweithöchsten Wert von Beiträgen mit reinem Policy-Bezug sowie mit 18% auf den zweitgeringsten Anteil der Beiträge, die politische Gegner bzw. politische Gegnerinnen angreifen.

 

Tabelle 1: Vergleich der Beiträge mit Policy-Bezug auf den Facebookseiten der Landesverbände der Parteien im Zeitraum 01.-14. Mai 2017 in Prozent; eigene Darstellung

Mit Ausnahme von Bündnis 90/Die Grünen stellt der Transfer von Policy-Positionen den geringeren Anteil der von den Parteien veröffentlichten Beiträge auf Facebook dar. Im Gesamten betrachtet, verweisen gerade einmal 30% aller Beiträge der Parteien im beobachteten Zeitraum auf Policy-Positionen.

Abbildung 4: Auswertung der Beiträge auf den Facebookseiten der Landesverbände der Parteien im Zeitraum 01.-14. Mai 2017 – Gesamt in Prozent; eigene Darstellung

Während Bündnis 90/Die Grünen im beobachteten Zeitraum den meisten Content veröffentlichten, der ausschließlich auf die eigenen Policy-Positionen der Partei verweist, setzte die nordrhein-westfälische FDP den Spitzenkandidaten Christian Lindner in den Vordergrund. Dieser wurde drei Monate von einem Fotografen begleitet, um ihn in verschiedenen, scheinbar alltäglichen Situationen abzulichten, um im Rahmen einer Facebook- und Instagram-Reportage, neben den politischen Inhalten, die Nahbarkeit und Authentizität Lindners zu vermitteln. Die untersuchten Beiträge auf der Facebookseite des Landesverbands der FDP lassen sich entsprechend durch eine starke Personalisierung sowie Professionalisierung der Social Media Präsenz charakterisieren.

Texte, in Form von kurzen, wenigen und prägnanten Sätzen sowie Schlagworte übertitelten dabei lediglich Fotos und Videos.3  Im Vordergrund stehen visuelle Botschaften und ein auffälliges Storytelling, das das Ziel verfolgt, „eine in sich geschlossene Erzählung zu kreieren, die sinnstiftend ist, den Kandidaten definiert und dessen Ideen und Werte präsentiert“ (Keim/Rosenthal 2015: 318). Doch die Kombination von Bildern, Videos und visuellen Botschaften ist bei allen beobachteten Parteien auszumachen. Der Fokus der AfD lag dabei jedoch, anders als bei der FDP, nicht auf dem eigenen Spitzenkandidaten Marcus Pretzell. Vielmehr zielten die meisten Beiträge der Partei auf ein negatives Framing der politischen Gegenspieler bzw. politischen Gegenspielerinnen ab. 31% der von der Partei im beobachteten Zeitraum veröffentlichten Inhalte zielen auf den Angriff politischer Gegnerinnen bzw. politischer Gegner per Negative-Campaigning, meist ohne den Verweis auf eigene Policy-Positionen (vgl. Abb. 3). Die AfD veröffentlichte somit die meisten Beiträge auf der Plattform, die auf einen Angriffswahlkampf verweisen, gefolgt von der CDU. Doch richteten sich die Beiträge der AfD, die den politischen Gegner bzw. politische Gegnerin angriffen nicht ausschließlich gegen die Regierungsparteien SPD und Bündnis 90/Die Grünen, sondern auch gegen die CDU, indem sich die AfD als die wahre konservative Partei darstellte. Ebenfalls charakteristisch für die Beiträge der AfD im beobachteten Zeitraum ist die Inszenierung als journalistischer Inhalt. Dass diese Art der Social Media-Präsenz typisch für die AfD ist, hält Johannes Hillje bereits 2016 fest:

„Angelehnt an boulevardeske Formate besteht eine gängige AfD-Meldung aus einem thematisch passendem Bild und einer knackigen Schlagzeile. […]. Die Überschriften sind vom Nachrichtenjournalismus kaum zu unter-scheiden. Ausgewählt werden Kernthemen der Partei. Die schiefe Interpre-tation wird diesen Nachrichten im ausführlicheren Beitragstext gegeben. […]. Die Strategie der AfD ist also nicht, in sozialen Netzwerken beson-ders schrill unterwegs zu sein, sondern über objektiv anmutende Schlagzei-len eine Einordnung aktueller Geschehnissen im Sinne der AfD-Programmatik zu liefern“ (Hillje 2016).

So veröffentlichte die Partei beispielsweise am 09. Mai auf einem Bild, das zwei Betonpoller vor einem Riesenrad zeigt, auf denen „Volksfest“ und „Eingang“ steht, mit der Schlagzeile „Dramatischer Anstieg: Islamisten-Hochburg NRW!“. Der dazugehörige Beitragstext stellt eine direkte Verbindung zur Asylpolitik der Bundeskanzlerin, zum Spitzenkandidaten der CDU Armin Laschet sowie zur nordrhein-westfälischen Landesregierung her.

Auch bei der CDU zielten 27% der Beiträge auf ein negatives Framing des politischen Gegenspielers bzw. der politischen Gegenspielerin. Jedoch richtete sich das Negative-Campaigning der CDU auf Facebook ausschließlich gegen die SPD – die SPD fokussierte hingegen den Spitzenkandidaten der CDU. Sowohl CDU als auch SPD nutzten dabei Facebook insbesondere auch als Live-Instrument des Agenda-Settings und Framing von Themen zum TV-Duell der Spitzenkandidatin und des Spitzenkandidaten, sowie während der sogenannten Wahlarena. Die Parteien veröffentlichten dabei ihre Policy-Positionen zeitgleich zu den in den Fernsehduellen thematisierten Inhalten. Darüber hinaus veröffentlichten die Parteien auf ihren Facebookseiten sogenannte Fakten-checks, wobei sie die Aussagen ihres Kontrahenten bzw. ihrer Kontrahentin hinsichtlich des Wahrheitsgehalts scheinbar überprüften und entsprechend beurteilten. Diese Formate wurden dabei speziell an die Social Media Logik angepasst und von beiden Parteien auch als Instrument zur Live-Begleitung des TV-Duells sowie der Wahlarena auf Facebook genutzt. Neben Bildern, die vermeintlichen Falschaussagen Tatsachen gegenüberstellen und somit als Infografiken dienen sollen, nutzt die SPD auch Videos, in denen divergierende Aussagen des CDU-Spitzenkandidaten oder Aussagen und Beschlüsse der Partei, die scheinbar mit den Inhalten des Wahlprogramms divergieren, aufgezeigt wurden, während ein Wackeldackel im Bild zu sehen ist. Eingeführt wird das Ganze mit dem Schriftzug „Armin und die CDU wackeln“, gefolgt von dem Thema, wie beispielsweise „Heute: Schutz von Nichtrauchern“.

Auch hier lässt sich ein pseudo-journalistisches Wesen der Beiträge beobachten, indem die Parteien eine kritisierende und kontrollierende Rolle einnehmen, die klassischerweise den Medien zugeschrieben wird.4

Des Pudels Kern

Die Sozialen Netzwerke ermöglichen eine ungefilterte Veröffentlichung von Inhalten 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und stellen somit einen wesentlichen Bestandteil der Wahlkampfführung dar.

Die betrachteten Beiträge der Parteien zielen dabei jedoch nicht ausschließlich zur Vermittlung von Policy-Positionen. Tatsächlich verfügen nicht einmal ein Drittel der gesamten Beiträge, die in dem beobachteten Zeitraum veröffentlicht wurden, einen Policy-Bezug. Gleichwohl besitzen nahezu alle Beiträge einen direkten Bezug zur anstehenden Landtagswahl und sind somit Teil der Wahlkampfführung. Die Plattform Facebook wird dabei als Wahlkampfmedium genutzt, das neben dem Transfer der Policy-Positionen auch die Möglichkeit der generellen Wahlwerbung, Mobilisierung oder auch zum Negative Campaigning bietet. Durch die Aktualität und Omnipräsenz, die die politische Kommunikation via Facebook prägt, wird dieses Medium ebenfalls als Instrument des Live-Agenda-Settings sowie Live-Framing von Themen genutzt, indem Inhalte zeitgleich etwa zu Wahlveranstaltungen veröffentlicht werden.

Da die Social Media Präsenz ebenfalls einen Teil des Wahlkampfmanagements darstellt, ist diese ebenfalls stark professionalisiert. Neben Layout und Optik der (visuellen) Beiträge sind dabei überdies naturgemäß Unterschiede zwischen den Parteien zu erkennen. Die Qualität der Beiträge im beobachteten Zeitraum, zwei Wochen vor der nordrhein-westfälischen Landtagswahl, verweist auf Strategien, die sich der Kommunikationslogik Sozialer Medien und somit der digitalisierten Gesellschaft anpassen. Die Kombination von Bildern, Videos und visuellen Botschaften ist bei allen beobachteten Parteien auszumachen; nahezu jeder einzelne Beitrag ist mit einem Bild oder Video verbunden, nicht jedoch mit einem direkten Policy-Bezug. Durch Beiträge wie Fakten-checks, Beitragstexte mit Schlagzeilencharakter sowie die Inszenierung als Nachrichtenbeiträge verweisen die Parteien auf journalistische Konzepte, die sie zu adaptieren versuchen. Das Schwinden der besonderen Bedeutung der klassischen Medien in ihrer Rolle als Vermittlungsinstanzen eröffnet neue Handlungsfelder und setzt zudem neue Grenzen: Die Sozialen Medien ent- und begrenzen politische Kommunikation und somit auch die Wahlkampfkommunikation auf eine andere Weise als die klassischen Massenmedien. Die Bewertung von solchen pseudo-journalistischen Beiträgen als Reaktion auf die schwindende Bedeutung der klassischen Massenmedien als Vermittlungsinstanzen oder gar als Antwort auf die Debatte um die Vertrauenskrise der Medien kann an dieser Stelle nicht vorgenommen werden. Auch können die hier aufgezeigten Ergebnisse nicht ins Verhältnis mit den Wahlergebnissen der nordrhein-westfälischen Landtagswahl gesetzt werden. Jedoch kann abschließend festgehalten werden, dass Wahlkampf auf Facebook auch ohne den Transfer von Policy-Positionen funktioniert. Die Katze blieb für den Wahlkampf zwar im Sack, jedoch ist zumindest eine Partei auf den Hund bzw. Dackel gekommen.

Literatur:

AfD Landesverband Nordrhein-Westfalen (2017): Für unsere Familien und unsere Heimat. Wahlprogramm der AfD für die Bürger Nordrhein-Westfalens. Düsseldorf.

Bündnis 90/Die Grünen Landesverband Nordrhein-Westfalen (2017): Wahlprogramm. Zur Landtagswahl am 14. Mai 2017. Düsseldorf.

CDU Landesverband Nordrhein-Westfalen (2017): Zuhören. Entscheiden. Handeln. Regierungsprogramm der CDU für Nordrhein-Westfalen 2017-2022. Düsseldorf.

Däubler, Thomas (2012):Wie entstehen Wahlprogramme? Eine Untersuchung zur Landtagswahl in Baden-Württemberg 2006. In: Zeitschrift für Politikwissenschaft. Jg. 22, Heft 3. S. 333-365.

FDP Landesverband Nordrhein-Westfalen (2016):Landtagswahlprogramm 2017. Wahlprogramm zur Landtagswahl 2017. Düsseldorf.

Hillje, Johannes (2016):Taktik der Rechten. Wie die Populisten die Wahrheit verdrehen. Veröffentlicht auf Tagesspiegel Causa. URL: https://causa.tagesspiegel.de/gesellschaft/vormarsch-der-populisten/wie-die-populisten-die-wahrheit-verdrehen.html. Letzter Zugriff: 31.08.2017.

Jarren, Otfried / Donges, Patrick (2006):Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft. Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Jungherr, Andreas / Schoen, Harald (2013):Das Internet in Wahlkämpfen. Konzepte, Wirkungen und Kampagnenfunktionen. Wiesbaden: Springer VS.

Keim, Nina / Rosenthal, Adrian (2015): Memes, Big Data und Storytelling. Rückblick auf den digitalen US-Wahlkampf 2012. In:Bieber, Christoph / Kamps, Klaus (Hrsg.): Die US-Präsidentschaftswahl 2012. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 307-330.

Koch-Baumgarten, Sigrid (2010):Verbände zwischen Öffentlichkeit, Medien und Politik. In: Hoffjann, Olaf / Stahl, Roland (2010): Handbuch Verbandskommunikation. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 239-258.

Koch-Baumgarten, Sigrid / Voltmer, Katrin (2009):Policy matters – Medien im politischen Entscheidungsprozess in unterschiedlichen Politikfeldern. In: Marcinkowski, Frank / Pfetsch, Baraba (2009): Politik in der Mediendemokratie. Politische Vierteljahresschrift. Sonderheft 42/2009, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 299-319.

Korte, Karl-Rudolf (2017):Die Amerikanisierung der Wahlkämpfe. Bundeszentrale für politische Bildung: Wahlen in Deutschland: Grundsätze, Verfahren, Analysen. URL: http://www.bpb.de/249643/die-amerikanisierung-der-wahlkaempfe. Letzter Zugriff: 31.08.2017.

Landesverband Bündnis 90/Die Grünen [Facebook] (2017):https://www.facebook.com/gruenenrw/. Letzter Zugriff: 31.08.2017.

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Pfetsch, Barbara / Marcinkowski, Frank (2009):Problemlagen der „Mediendemokratie“ – Theorien und Befunde zur Medialisierung von Politik. In: Marcinkowski, Frank / Pfetsch, Baraba (2009): Politik in der Mediendemokratie. Politische Vierteljahresschrift. Sonderheft 42/2009, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 11-33.

Pluragraph (2017a):CDU Nordrhein-Westfalen. URL: https://pluragraph.de/organisations/cdu-nordrhein-westfalen. Letzter Zugriff: 31.08.2017.

Pluragraph (2017b):SPD Nordrhein-Westfalen. URL: https://pluragraph.de/organisations/spd-nordrhein-westfalen. Letzter Zugriff: 31.08.2017.

Pluragraph (2017c):Bündnis 90/Die Grünen  Nordrhein-Westfalen. URL: https://pluragraph.de/organisations/buendnis-90-die-gruenen-nordrhein-westfalen.Letzter Zugriff: 31.08.2017.

Pluragraph (2017d):FDP – Nordrhein-Westfalen. URL: https://pluragraph.de/organisations/alternative-fuer-nordrhein-westfalen. Letzter Zugriff: 31.08.2017.

Pluragraph (2017e):Alternative für Deutschland – Nordrhein-Westfalen. URL: https://pluragraph.de/organisations/alternative-fuer-nordrhein-westfalen. Letzter Zugriff: 31.08.2017.

Sarcinelli, Ulrich (2011): Politische Kommunikation in Deutschland. Medien und Politikvermittlung im demokratischen System. 3., erw. und überarb. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Schweiger, Wolfgang (2017):Der (des)informierte Bürger im Netz. Wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern. Wiesbaden: Springer Fachmedien GmbH.

SPD Landesverband Nordrhein-Westfalen (2017):Der NRW-Plan. Unser Programm für 2017-2022. Wahlprogramm zur Landtagswahl 2017. Düsseldorf.

Van Dijck, José / Poell, Thomas (2013):Understanding Social Media Logic. In: Media and Communication. Vol. 1, Issue 1. S. 2-14.

Zitationshinweis

Dinnebier, Laura (2018): Katzenbabys als Wahlkampfhelfer? Eine Analyse des Transfers von Parteipositionen auf Facebook zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2017, Student Paper, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online verfügbar: http://regierungsforschung.de/katzenbabys-als-wahlkampfhelfer-eine-analyse-des-transfers-von-parteipositionen-auf-facebook-zur-landtagswahl-in-nordrhein-westfalen-2017/

  1. In die Analyse werden ausschließlich Beiträge einfließen, die zum Zeitpunkt der Analyse nach wie vor auf den Facebookseiten der Parteien verfügbar sind. Bereits gelöschte Inhalte bleiben auf Grund fehlender Zugriffsmöglichkeiten unberücksichtigt. []
  2. Gesamtzuwachs von 2.259 „Gefällt mir“-Angaben im beobachteten Zeitraum. Die SPD hat im Vergleich einen Gesamtzuwachs von 1.314 „Gefällt mir“-Angaben und somit die geringste Zunahme an sogenannten Likes erzielen können. Die FDP hat mit einem Gesamtzuwachs von 8.272 „Gefällt mir“-Angaben den größten Zuwachs erzielen können. []
  3. Bspw. „Bürokratie ist das Fallbeil für neue Ideen“. []
  4. So beschreibt etwa das Gewaltenteilungsparadigma Massenmedien als vierte Gewalt, denen auf Grund ihrer Kritik- und Kontrollfunktion eine besondere Rolle im politischen System gegenüber den drei Gewalten der Exekutive, Legislative und Judikative zukommt (vgl. Jarren / Donges 2006: 24, Sarcinelli 2011: 122). []
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This work by Laura Dinnebier. is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 4.0 International

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