Mittelpunkt Mensch: Ethik in der Medizin

Mittelpunkt MenschDie Bezugsgruppe von Giovanni Maios Lehrbuch „Mittelpunkt Mensch: Ethik in der Medizin.“  sind eigentlich angehende und praktizierende Mediziner.

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Mittelpunkt Mensch: Ethik in der Medizin

Das Buch ist allerdings so instruktiv und verständlich verfasst, fernab von philosophischen Exkursen, dass auch Politikwissenschaftler einen Blick hineinwagen sollten. Medizinethische Fragen gehen uns schließlich alle an.


Giovanni Maio

Mittelpunkt Mensch: Ethik in der Medizin.

Ein Lehrbuch.

 

Schattauer Verlag, 2012, 444 Seiten, ISBN 978-3-7945-2448-8, 24,95 Euro.

 

Rezension von Gordian Ezazi

Giovanni Maio, Medizinethiker an der Universität zu Freiburg, probiert sich an einem „Koordinatensystem des Denkens“ (Di Maio 2012: 2), das konkrete medizinische Alltagsfragen mit der ethischen Theorie zu verknüpfen versucht. Dies ergäbe sich, Maio zufolge, aus der Natur der Medizin, die eine soziale Praxis und vorderhin eben nicht nur eine strikt rational zu bestimmende naturwissenschaftliche Technik sei. Natürlich kann man guten Willens diese fundamentale Symbiose aus Ethik und Medizin ins Feld führen, herausstreichen, dass erstere immer schon ein „integraler Bestandteil“ (vgl. ebd.: 3) letzterer gewesen sei, diese Ethik gar jene Medizin per definitionem erst konstituiere. Natürlich ist eine ethische Reflexion, die auf die „Bedeutung von Geburt, Krankheit und Tod“ (vgl. ebd.: 5) gerichtet ist, für eine praktizierende Medizin unerlässlich. Augenscheinlich ist jedoch schon die Publikation dieses Werkes eine Konzession an den seit Jahrzehnten anhaltenden Trend, dass medizinische Innovationen nur am Indikator des Heilens oder entlang der Verwertbarkeit von ökonomischen gemessen werden könnten. Diese ethische Rückbesinnung der Medizin erscheint notwendiger denn je – und so ist Maios Einführung („Wozu Ethik in der Medizin?“) auch als Aufruf zu verstehen, dieser Ethik einen prominenteren Platz im Bereich der Medizin zuzuweisen, auch im Curriculum des Medizin-Studiums!

Tugendethik als relevanteste Begründungstheorie

Der philosophische Exkurs zu Beginn des mit Personen- und Sachverzeichnis fast 444 Seiten umfassenden Werkes, ist äußerst kurz gehalten: Grundbegriffe der Angewandten Ethik werden kursorisch und konzise dargelegt und – unter Nennung der wichtigsten Autoren – erläutert. Was sind Handlung, Urteil, Norm, Wert, Prinzip und Theorie im ethisch reflektierenden Kontext? Interessanterweise gelingt Maio die vornehmlich an Medizinstudenten ausgerichtete Erklärung außerordentlich unprätentiös und genau; an dieser Stelle operiert er wesentlich verständlicher als andere, eher philosophische Einführungswerke (vgl. Knoepffler 2010).[1] Etwas unterkomplex, wenngleich im Hinblick auf die avisierten Rezipienten verständlich, erscheint das Kapitel über die ethischen Theorien, die der Autor in die drei Hauptströmungen Utilitarismus, Pflichtenethik nach Kant sowie die Tugendethik (siehe Rippe/Schaber 1998) unterteilt. Eher unüblich erscheint eine so prominente und ausführliche Erwähnung letzterer Theorieströmung. Die Tugendethik wird nicht nur mit den meisten Zeilen bedacht, sondern auch als relevante bzw. relevanteste Begründungstheorie für die heutige Medizin angeführt. (vgl. Maio 2012: 80).

Leider wird dieser Aspekt im Folgenden von Maio nicht allzu detailliert ausgeführt. Zumal  die zuvor aufgeführten Theorien kaum auf konkrete Fälle – oder in dem Fall – Patientengeschichten angewendet werden. So wird, gerade in den nun folgenden Kapiteln, die die Geschichte und Historie respektive Konzeptionen der Medizin (von Paracelsus zur Bakteriologie) sowie des Arzt-Bildes (vom Berater zum Partner) überblicksartig darstellen, zwar auf 39 kommentierte Patientengeschichten Bezug genommen, gleichwohl werden diese in ihrer Kommentierung keiner grundlegenden ethischen Reflektion unterzogen. Ob dies in einem an angehende Mediziner gerichteten Lehrbuch notwendig ist, sei dahingestellt. Und ohnedies kann es ja geradezu wohltuend sein, auch für die nunmehr verstärkt an deutschen Alma Matern lehrenden und lernenden „Angewandten Ethiker“, jene medizinethischen Problemfelder aus einer eher praxisorientierten (tugendethisch orientierten!) Perspektive in Augenschein nehmen zu können. Giovanni Maio gelingt es, die Patientengeschichten als dilemmatische Problemknäuel aufzuführen und diese mithilfe der eher überblicksartig genannten Theoriefragmente praktisch entwirren zu können. Das ist nicht wenig.

Bioethische Spezialthemen der Medizin

Geradezu brillant ist dem Freiburger Medizinethiker das umfänglichste Kapitel dieses Lehrbuches gelungen. Hinter der eher formalistisch-ominösen Überschrift „Spezialthemen der Ethik in der Medizin“ verbirgt sich wahrer Diskussionsstoff, der nicht nur an medizinischen, ethischen, kurzum: medizinethischen Reflexionen, sondern eben auch in der Politik seinen Widerhall findet. Man denke hier etwa an die Debatte um die Forschung an und mit embryonalen Stammzellen respektive den Import selbiger, der Streitfrage um die Pränataldiagnostik und den Schwangerschaftsabbruch oder jüngst die hitzigen bioethischen Debatten um die Präimplantationsdiagnostik. Maio öffnet hier eine an Themen überquellende Truhe von bioethischen Problem- und Fragestellungen, die forschungsethische Aspekte („Forschung am Menschen“) ebenso wie Fragen der Gesundheitsökonomie („Kosten und Nutzen“) beinhaltet, gar implizit Bezug auf die Beschneidungsdebatte nimmt (vgl. Ezazi 2012), etwa wenn es um die Frage nach dem Wohl des Kindes und die Grenzen jener Verfügungsmacht der Eltern geht. In einem zusätzlichen Kapitel am Ende des Buches findet sich dann noch die „Ethik am Ende des Lebens“ wieder. Hier geht es um Fragen der Sterbehilfe und Patientenverfügung, die gegenwärtig wieder für hitzige poltische Debatten und beratende Stellungnahmen des Ethikrates sorgen.[2] Giovanni Maio maßt sich hier keine ethisch fundierte und somit apodiktisch anmutende finale Antwort an, verweist gleichwohl auf die „ethischen“ Chancen einer menschlicheren Beziehungsmedizin; man kann dies gleichdeutend als Appell an eine verstärkte Palliativmedizin deuten. Diese Argumentation erscheint stringent und im Einklang mit seinen vorherigen Ausführungen, plädiert Maio doch für eine nachdrückliche Hin- beziehungsweise Zuwendung zum Patienten als „Gegenüber“ (Medizin als soziale Praxis).

Trotz des abermaligen Verweises auf das en gros wohl moralphilosophisch weniger versierte Lesepublikum, täte eine begriffliche Differenzierung an dieser Stelle durchaus not, obschon diese realiter auch von „praktizierenden“ Ethikern und Moralphilosophen mithin nicht gerne geleistet wird. So können Maios Reflexionen und Erklärungen zum überwiegenden Teil unter dem Begriff der Medizinethik subsummiert werden – wie dem auch andere Autoren folgen mögen (vgl. Schöne-Seifert 2007). Nichtsdestotrotz verweisen die ethischen Probleme, wie sie aus der biomedizinischen Forschung  und den Gentechnologien resultieren, nicht nur auf strikt medizinische Probleme, also im Sinne einer ausführenden Behandlung die es durch- oder nicht durchzuführen gilt oder eines „Beziehungsverhältnisses“ zwischen Arzt und Patient, sondern nachdrücklicher auf forschungs- und viel grundlegender gattungsethische Fragen (vgl. Habermas 2001:9). Der überwiegende Teil der Themen, gerade im Bereich der Reproduktionsmedizin oder Gentechnologie respektive den Feldern, in denen sich beide –wie im Falle der Präimplantationsdiagnostik – überschneiden, wird man eher mit einer „engen“ Definition des Begriffes der Bioethik gerecht. Primär geht es also um biomedizinische Forschungsinnovationen, die wiederum vornehmlich aus den genannten Bereichen der Gentechnologie oder Reproduktionsmedizin stammen. Der praktizierende Arzt ist einer der Adressaten dieser sich daraus ergebenden Fragestellungen,[3] gleichwohl nicht der einzige. Hilfreicher, ja, genauer scheint hier die Verwendung des Begriffes der Bioethik, welcher mithin oberflächlich mit der Medizinethik  „synonymisiert“ wird. Die Medizinethik, die Maios anfänglichen Impetus nahe kommt und den behandelnden Arzt und seine Behandlungsmethode und den sich daraus ergebenden moralischen Fragen zu reflektieren versucht, ist hernach eher eine Unter-Kategorie der Bioethik. Diese Medizinethik, welche getrost als „Bereichsethik mit der längsten Tradition“ (Fenner 2010: 51) bezeichnet werden darf, ist vielmehr klassisch geprägt und beschränkt sich – wie Maios Lehrbuch – auf die Perspektive der Mediziner („Ärztliches Ethos“).

Fazit: Ein großer Wurf

Giovanni Maios Lehrbuch ist beeindruckend. Obwohl oder gerade weil es simple Wahrheiten abermals unterstreicht: Medizin ist eben mehr als die „algorithmische Anwendung von Therapieschemata ohne Berücksichtigung grundlegender Fragen wie der nach dem guten Leben, dem guten Sterben oder dem guten Sein“ (vgl. Maio 2012: 5). Das Buch richtet sich somit – fernab der „Medizin-Erstis“ – eben auch an die peer group der Ärzte. Giovanni Maio ist Dagmar Fenners Ausführungen folgend, ein „Idealfall“ (vgl. Fenner 2012: 38), ein Ethiker, der ein Doppelstudium der Philosophie und Medizin absolviert hat. Das merkt man dem Buch hinsichtlich seiner fachkundigen Expertise und seinem prägnanten und verständlichen Tonus an. Weniger gelungen ist hier nur kaum etwas, den bisweilen nicht immer vollends überzeugenden Aufbau des Buches und seine kleinteilige Kapitelgliederung nur en passant nennend. Man darf sich wünschen, dass dieses Buch nicht nur „auf den Bücherregalen erfahrener Ärzte und Hochschullehrer“ (Sahm 2012: 30) emporragt, sondern eben auch in den Händen respektive in den Köpfen der Studierenden anderer Fachrichtungen großen Anklang findet. Ethik betrifft uns alle – und gerade medizinethische und noch weitergehender bioethische Fragestellungen sind Fragen nach der conditio humana.

Fußnoten/Endnoten

[1] So etwa schreibt Maio über das Verhältnis von Norm und Wert: „Normen sind bezogen auf Werte, die über die Normen verwirklicht werden sollen.“ (Maio 2012: 17).

[2] So war der Suizid bzw. die Suizidbeihilfe Thema der Plenarsitzung des Deutschen Ethikrates am 27.09.2012.

[3] Zum Beispiel die Frage danach ob eine extrakorporale Untersuchung des Embryos (die so genannte Präimplantationsdiagnostik) durchgeführt werden soll. Dabei handelt es sich zunächst um eine ärztliche Frage danach ob diese Untersuchung respektive Behandlung durchgeführt werden darf. Viel grundlegender stellt sich dahinter aber die Frage was sodann mit einem genetisch vorbelasteten Embryo passiert und noch fundamentaler, welchen Status und davon deduziert welche Rechte wir dem menschlichen Embryo zukommen lassen.

Literatur:

  • Ezazi, Gordian (2012): Trends der ethischen Politikberatung. Wie der Ethikrat Politik macht – illustriert am Beispiel der Beschneidungsfrage. Erschienen in: Regierungsforschung.de, Politikmanagement und Politikberatung. Online verfügbar unter: http://www.regierungsforschung.de/dx/public/article.html?id=171 (28.09.2012).
  • Fenner, Dagmar (2010): Einführung in die Angewandte Ethik. Tübingen: Francke.
  • Habermas, Jürgen (2001): Die Zukunft der menschlichen Natur.  Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Knoepffler, Nikolaus (2010): Angewandte Ethik. Ein systematischer Leitfaden. Köln, Wien u.a: Böhlau (UTB, 3293).
  • Maio, Giovanni (2012): Mittelpunkt Mensch: Ethik in der Medizin. Ein Lehrbuch. Stuttgart: Schattauer.
  • Rippe, Klaus Peter/Schaber, Peter (1998): Tugendethik. Stuttgart: Reclam.
  • Sahm, Stephan (2012): Gute Ärzte kann man nicht einfach herstellen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2012, S. 30, Frankfurt am Main.
  • Schöne-Seifert, Bettina (2007): Grundlagen der Medizinethik. Stuttgart: Kröner.
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