Nils Minkmar: Der Zirkus. Ein Jahr im Innersten der Politik

Der Bundestagswahlkampf liegt bereits einige Monate zurück. Jetzt noch ein Buch über einen Kandidaten lesen? Nils Minkmar, Journalist bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, hat SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ein Jahr lang im Wahlkampf begleitet. Seine Erkenntnisse zeichnet er in „Der Zirkus“ nach.

Einen Blick hinter die Kulissen der Wahlkampagne bietet der Autor kaum, meint Rezensent Matthias Klein. Dennoch ist das Buch interessant. Dies liegt insbesondere daran, dass Minkmar die Berichterstatter-Perspektive des Wahlkampf-Beobachters an einigen Stellen verlässt und über andere Makro-Entwicklungen der deutschen Gesellschaft schreibt.

Nils Minkmar: Der Zirkus.

Ein Jahr im Innersten der Politik.

 

S. Fischer, 2013, Frankfurt a.M., 224 Seiten, ISBN 978-3-10-048839-8, 19,99 Euro.

 

Rezension von Matthias Klein

Wir begleiten Peer Steinbrück auf seiner Wahlkampftour, es geht nach Wiesbaden, mitten in den Oberbürgermeister-Wahlkampf. Wir treffen Bundesministerin Kristina Schröder, sie unterstützt CDU-Amtsinhaber Helmut Müller: „Kristina Schröder steht vor dem Karstadtgebäude, wenn auch leicht abseits vom Strom der Passanten. Ein Rentner quasselt auf sie ein, sie wirkt genervt und ungeduldig. Neben ihr steht ein junger Mann, der aussieht wie ein Personenschützer. Er trägt ihre Handtasche. Das ist kein Bild, das das Wählerherz erfreut“ (Minkmar 2013: 59).

Es sind Szenen wie diese, mit denen sich „Der Zirkus“ treffend analysieren lässt. Minkmar ist Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Ein Jahr lang hat er den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück im Bundestagswahlkampf begleitet. In seinem Buch erzählt Minkmar chronologisch seine Erlebnisse.

Zurück nach Wiesbaden. Dort verliert CDU-Kandidat Müller die Abstimmung. „Als am folgenden Tag die Auszählung abgeschlossen ist, liegt die SPD mit wenigen tausend Stimmen extrem knapp vorn. Das dürfte in etwa die Zahl von Wählerinnen und Wählern gewesen sein, die gestern an Schröder vorbeigegangen sind und sich gefragt haben, ob sie ihre Handtasche nicht selber tragen kann. Aber vielleicht ist das auch nur meine persönliche Aversion“ (Minkmar 2013: 59).

Mittendrin statt nur dabei

Der Wahlkampf spielt in einer repräsentativen Demokratie eine herausgehobene Rolle, in dieser Zeit kulminiert die Spannung der Machtverteilung. Aus der Perspektive der Regierungsforschung ist es lohnenswert, einen Blick in den Arkanbereich der Akteure werfen zu können, also gewissermaßen hinter den Vorhang der offiziellen Wahlkampagnen zu blicken. Besonders interessant sind Publikationen von beteiligten Akteuren, die, in der Sprache der Wissenschaft ausgedrückt, sozusagen als teilnehmende Beobachter berichten. Die Stärke solcher Bücher liegt nicht genuin in der analytischen Brillanz, sondern in der authentischen und radikal subjektiven Darstellung, die den Leser direkt hineinzieht und in der die persönlichen Interpretationen des Autors sichtbar werden.

Dem Wahlkämpfer Frank Stauss von der Kommunikationsagentur Butter ist das mit seinem Buch „Höllenritt Wahlkampf“ (Stauss 2013) herausragend gelungen. Auch für Regierungsforscher ist dieses Buch überaus lesenswert, liefert Stauss doch gleich reihenweise Einblicke in die Maschinenräume moderner Wahlkämpfe. Das Erfolgsrezept: Man ist als Leser mittendrin statt nur dabei.

Nils Minkmar ist berufsbedingt allerdings Beobachter von und nicht Akteur in Wahlkämpfen. Der Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schreibt sein Buch dennoch nicht so, wie sich Journalisten – und auch Regierungsforscher – typischerweise ihren Untersuchungsobjekten nähern, nämlich indem sie durch Recherche, durch Gespräche und Interviews Eindrücke sammeln. Minkmar nimmt stattdessen wie ein Akteur die Position des teilnehmenden Beobachters ein. Er unterstreicht diese Perspektive zusätzlich, indem er sein Buch in der Ich-Perspektive schreibt.

Das Große im Kleinen

Die Anekdote mit Kristina Schröder macht Minkmars Anliegen deutlich: Das große Ganze wird im Kleinen sichtbar, das ist implizit die These, die hinter seinen Ausführungen steht. Er reiht unzählige solcher kleinen Szenen aneinander. „Der Zirkus“ ist quasi eine einzige Reportage, 220 Seiten lang.

Minkmar ist zweifellos ein versierter und scharfer Beobachter, dem zahlreiche interessante Details auffallen, die er seziert. In feuilletonistischer, wortgewaltiger Sprache arbeitet er diese auf – und interpretiert sie. Wie in der Szene mit der hessischen Bundesministerin startet Minkmar auf dieser Basis meist eine Art Rundumschlag: Er räsoniert beispielsweise über Vergangenheit und Gegenwart der Sozialdemokratie, die Taktik von Angela Merkel oder über die Wandlungsfähigkeit von politischen Akteuren in der deutschen Parteiendemokratie.

Bei alldem bleibt er konsequent subjektiv – und kommt zu bisweilen diskutablen Ergebnissen, man denke an die Wiesbadener Handtaschen-These. Die Wahlkampagne Steinbrücks bildet gewissermaßen die Klammer all dieser Überlegungen. Die einzelnen Szenen des Wahlkampfs erinnern teilweise an ein Theaterstück, verbunden durch Cliffhanger, die weiteres Unheil ankündigen.

Denn Steinbrücks Kampagne ist ziemlich missglückt, das ist Minkmars These. Ein wesentlicher Grund: „(…) im Zirkus spielte nur die Performanz eine Rolle, das Tempo, die grobe Komik der immer neuen Pannen und eine möglichst knallige Begleitmusik. Es interessierte aber kaum jemanden, ob die Politik, die er machen würde, vielleicht gewisse Vorzüge hätte gegenüber der jetzigen“, bilanziert Minkmar (Minkmar 2013: 90).

Berichterstatter-Perspektive verlassen

Den Vorhang der offiziellen Kampagne zieht Minkmar leider nur selten zur Seite. Er schreibt ausführlich über das Allerlei an Pleiten, Pech und Pannen im Steinbrück`schen Wahlkampf. Aber was haben sich die Akteure dabei gedacht? Wie sah ihre Strategie aus? Darüber erfährt man als Leser leider wenig.

Dass Minkmars Buch dennoch mit Gewinn zu lesen ist, liegt daran, dass er die Berichterstatter-Perspektive des Wahlkampf-Beobachters an einigen Stellen verlässt und über andere Makro-Entwicklungen der deutschen Gesellschaft schreibt. So sind beispielsweise seine Ausführungen von den Deutschen als einer „erschöpften Gesellschaft“ (Minkmar 2013: 100), in der er an die Thesen des Psychologen Stephan Grünewald anknüpft, interessant zu lesen. „Der Zirkus“ ist an den Stellen spannend, an denen sich der Autor mit solchen generellen Trends der deutschen Gesellschaft auseinandersetzt.

Die Erwartung, dass der Leser viel Neues aus der Binnenperspektive des Steinbrück-Wahlkampfs erfährt, erfüllt Minkmar hingegen nicht. Hier sind Augenzeugen-Berichte der Akteure (siehe ansatzweise beispielsweise Silbermann 2013) gewinnbringender. Denn trotz der subjektiven Erzählweise: Minkmar war im Wahlkampf nur dabei statt mittendrin.

Literatur

  • Klein, Matthias (2012): Daniel Friedrich Sturm: Peer Steinbrück. Biografie, auf: http://www.regierungsforschung.de/dx/public/article.html?id=168
  • Silbermann, Wolfgang (2013): Ein Jahr Landgang, in: Berliner Republik 6/2013, S. 78-81.
  • Stauss, Frank (2013): Höllenritt Wahlkampf. Ein Insider-Bericht, München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
Creative Commons License
This work by Matthias Bianchi. is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 4.0 International

Teile diesen Inhalt:

Artikel kommentieren

* Pflichtfeld