Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne

Wir sind auf dem Weg in die Abstiegsgesellschaft. Eine Gesellschaft der wachsenden Einkommensungleichheit und prekären Beschäftigungsverhältnisse. Konkret: Unbezahlte Überstunden, sinkende Bruttolöhne, atypische Arbeit – immer öfter Leih- und Zeitarbeit. Für diejenigen, die nicht privat vorsorgen (können), wird Sicherheit im Alter zunehmend unwahrscheinlich. Die „Zauberformel“ westlicher Industriestaaten – der soziale Aufstieg – geht für viele nicht mehr auf. Aufstieg weicht Stagnation, mithin gar dem Abstieg – ablesbar an Einkommen, Jobsicherheit oder Arbeitsstunden.

 Das ist die von Oliver Nachtwey in seinem Werk „Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“ vorgetragene Hauptthese. Nachtweys Ausführungen sind laut Dr. Gordian Ezazi instruktiv, schnörkellos formuliert und werden anhand von Beispielen und Darstellungen illustriert. Es fehlt allerdings mithin an empirischen Belegen, was die Argumentation zwar nicht schwächt, aber unnötig verengt.

Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne.

Edition Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2016, 264 S., ISBN: 978-3-518-12682-0, 18,00 Euro

Autor

Dr. Gordian Ezazi ist Referent der SPD-Fraktion im Landtag Nordrhein-Westfalen. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen. Seine Dissertation verfasste er zur politischen Funktion des Deutschen Ethikrates in parlamentarischen Entscheidungsprozessen.

Wir sind auf dem Weg in die Abstiegsgesellschaft. Eine Gesellschaft, in der die Einkommensungleichheit wächst und Beschäftigungsverhältnisse prekär sind. Konkret: Unbezahlte Überstunden, sinkende Bruttolöhne, atypische Arbeit – immer öfter Leih- und Zeitarbeit. Für diejenigen, die nicht privat vorsorgen (können), wird Sicherheit im Alter zunehmend unwahrscheinlich. Die „Zauberformel“ westlicher Industriestaaten – der soziale Aufstieg – geht für viele nicht mehr auf. Aufstieg weicht Stagnation, mithin gar dem Abstieg – ablesbar an Einkommen, Jobsicherheit oder Arbeitsstunden. Das ist die von Oliver Nachtwey in seinem Werk „Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“ vorgetragene Hauptthese. Der Topos des „Fahrstuhleffekts“ hat keine Gültigkeit mehr: Früher verdienten alle Menschen mehr und die Unterschiede zwischen den Einkommensschichten waren geringer. Zwar nahm die Ungleichheit zwischen diesen nie „wirklich“ ab, aber – und das ist der entscheidende Unterschied zur Gegenwart – es ging allen Menschen schrittweise besser.

Der Abstieg vollzieht sich nach Nachtwey als widersprüchlicher Prozess. Konkret bedeutet das: Wir durchlaufen eine regressive Modernisierung, eine Moderne, in der sich die Gesellschaft (kulturell) liberalisiert. Homosexuelle Paare heiraten, Frauen dürfen arbeiten, Menschen mit Migrationshintergrund – zumindest partiell – politisch partizipieren. Doch zugleich, und für Nachtweys Beschreibung der regressiven Modernisierung entscheidender, ist diese gesellschaftliche Liberalisierung nicht mehr als ein wohlfeiles Postulat. De jure bestünden diese Rechte, de facto führten diese gleichwohl zu mehr Ungleichheit denn Gleichheit.

In Nachtweys Worten:

„Dass Frauen deutlich häufiger erwerbstätig sind, bedeutet zwar einen Zugewinn an Emanzipation, in vielen Fällen sind Frauen nun allerdings gezwungen, Niedriglohnjobs [wie etwa im Pflegesektor, Anm. G.E.] anzunehmen, weil das Einkommen des Mannes nicht mehr ausreicht, um die Familie über die Runden zu bringen.“ (Seite 13)1

Die Moderne entwickelt sich also gesellschaftsrechtlich weiter, gleichzeitig aber gerechtigkeitspolitisch zurück. Nachtwey macht hierfür Reformen wie die Agenda 2010 verantwortlich:

„Die Idee der Agenda 2010 bestand laut ihren Befürworten darin, für alle die Teilhabe am Arbeitsleben zu vereinfachen, den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern und die Menschen in die Lage versetzen, ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen (…). Die Folge war, dass mehr Menschen schneller und unmittelbarer am Arbeitsmarkt partizipieren können, dort aber weniger Rechte, weniger soziale Sicherheit und geringere Einkommen haben.“ (Seite 77, Hervorhebung im Original)

Nachtwey trägt seine Thesen mit – wie er dies formuliert – „soziologischer Leidenschaft“ (S. 10) vor. Dieser normative Impetus ist gewiss honorig, allerdings fehlen mithin die empirischen Belege, was der Autor übrigens auch freimütig konzediert (Ebd.). Das stellt für sich betrachtet kein gravierendes Problem dar, führt gelegentlich aber zu argumentativer Unschärfe. An einigen Stellen wird nicht ersichtlich, wo die Deskription der regressiven Modernisierung endet und die „leidenschaftlich“ vorgetragene Meinung des Autors beginnt.

Stichwort „Arbeitsmarktreform Agenda 2010“: Hat diese den Arbeitsmarkt so fundamental und nachhaltig geändert und zu „geringeren Einkommen“ geführt, wie dies der Autor insinuiert? Diese Annahme lässt sich nur schwer belegen. Klar ist, dass die Reformen umstritten waren/sind und politisch korrigiert werden sollen – wovon auch die vielfach diskutierten Vorschläge des designierten SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz zeugen. Ob die Agenda 2010 in ihrer Wirkkraft und den gezeitigten Auswirkungen nicht eher überschätzt wird, wäre zumindest diskutabel. Ohne tiefergehende Reflexionen und handfestere Belege ist diese apodiktisch formulierte Annahme jedenfalls nur schwer aufrecht zu erhalten.

So richtig es ist, Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt zu benennen und zu beschreiben, so tönern ist die hier zum Ausdruck kommende Auffassung, dass der Arbeitsmarkt pars pro toto für die Abstiegsgesellschaft steht. Die Realität ist komplizierter und harrt einer differenzierten Analyse.

Die Mittelschicht – Im Fahrstuhl stecken geblieben

Die „Abstiegsgesellschaft“ trifft einen wunden Punkt westlicher Wohlfahrtsstaaten: Je mehr Menschen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen nachgehen, desto mehr nimmt der Glaube an einen beruflichen Aufstieg, ein höheres Gehalt und eine Steigerung des Lebensstandards ab. Die Angst vor Abstieg und Verlust nimmt – zumindest gefühlt – zu. Nachtwey ist der Auffassung, dass dieses „Wohlstandsparadox“ (Hampel/Hoffmann 2017), also die „nur“ gefühlte Sorge um das gesellschaftliche Fortkommen, kein solches mehr ist: Die gefühlte Unsicherheit lässt sich ganz handfest auf Grundlage aktueller Wirtschaftsstudien belegen. Aus Gefühl wird Wirklichkeit. Innerhalb von etwas mehr als zwanzig Jahren sank der Anteil der Einkommensmittelschicht an der deutschen Gesamtbevölkerung um sechs Prozent.2) Auffällig ist: Im selben Zeitraum ging der Anteil der 18- bis 30-jährigen Menschen an der Mittelschicht drastisch zurück, der Anteil der Rentner blieb demgegenüber relativ stabil.

Das ist der Stoff aus dem die Wahlerfolge des Front National gemacht sind. Jüngere Studien zeigen, dass sich dessen Elektorat – dies ein offenkundiger Unterschied zur AfD (Vgl. Bergmann/Diermeier 2017) – überproportional aus der Alterskohorte der 18- bis 30-jährigen rekrutiert (Vgl. Eribon 2017; Financial Times 2016). Mit Bezugnahme auf die disparate Populismus-Forschung: Kulturelle Ressentiments (Ablehnung von Islam, Integration und „Fremden“) und die von Nachtwey beschriebenen ökonomischen Ängste bedingen und begünstigen einander. Die Kehrseite der zunehmenden Akademisierung sind gestiegene Aufstiegshoffnungen, die an den hohen Zugangshürden des Arbeitsmarktes zerschellen (Stichwort „Generation Praktikum“). Noch weiter gedacht führt dies zu politischer Indifferenz, abnehmendem politischen Interesse im Allgemeinen und der sinkenden Wahlbeteiligung junger Menschen im Besonderen (Vgl. The Economist 2017).

Wo ist sie hin – die Blütezeit der sozialen Moderne?

Nachtweys Argumentation der Abstiegsgesellschaft ist vielschichtig und nuanciert. Er betritt damit wirtschafts-, sozial- wiewohl „populärwissenschaftlich“ weithin beschrittene Pfade. Nicht alles ist originell: So ist die hier vorgetragene Neo- bzw. Marktliberalismus-Kritik wie die damit fast zwangsläufig einhergehende Diagnose postdemokratischer Zustände von vielen und an vielen Stellen lang und breit adressiert worden. Das (linke) sozialwissenschaftliche Crescendo aber, demzufolge an Populismus, Postdemokratie und Pauperisierung allein der Neoliberalismus schuld sei, kann man – wie Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung kürzlich anmerkte – „mittlerweile nachbeten“ (Seibt 2017). Das macht die Kritik nicht falsch, verleitet aber auch zu besagter empirischer Unverbindlichkeit (Stichwort Agenda 2010 und ihre Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Gesellschaft).

Viel gewichtiger ist ein bei Oliver Nachtwey kaum reflektierter Einwand, der die scheinbar einfache Frage beantworten müsste, ob es dieses harmonische Zusammenspiel zwischen Kapitalismus und Demokratie, zwischen Freiheit und Gleichheit denn in einem (sozial-)marktwirtschaftlich verfassten Gemeinwesen, wie dem westlichen bzw. dem deutschen, überhaupt je gab? Zu welchem Zeitpunkt lagen denn diese schier nicht enden wollenden gesellschaftlichen, ökonomischen Aufstiegsmöglichkeiten vor? Nachtwey, mit ihm aber auch viele andere Autoren wie beispielsweise der allerorten zitierte Colin Crouch, beziffern diese „goldene“ Zeit gerne auf die 50er- und 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Ölkrise und das Scheitern von Bretton-Woods, ergo das Ende des festen Wechselkurssystems, trieben, so die Lesart, die westlichen Gesellschaften in den schleichenden sozialen Abstieg – auf den Weg in besagte Abstiegsgesellschaft.

Doch auf wessen Kosten vollzog sich dieser viel gerühmte Aufstieg der Nachkriegszeit? Frauen hatten gar keinen oder nur begrenzt – unter Kuratel ihrer Ehepartner – Zugang zum Arbeitsmarkt. Migranten waren „Gastarbeiter“, deren mittel- oder langfristige Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt nicht vorgesehen war. Menschen mit Behinderungen wurden als solche stigmatisiert, gesellschaftliche Teilhabe wie selbstverständlich verwehrt. Wer also von der Aufstiegsgesellschaft spricht, darf im deutschen, vielmehr aber noch im amerikanischen Kontext (Stichwort racial segregation), von der Exklusion breiter Bevölkerungsteile nicht schweigen. Viele haben am „Aufstieg“ schlichtweg nicht partizipieren dürfen.

Klar ist: Die Nachkriegsgesellschaften westlicher Provenienz erlebten sehr wohl einen Bau- und Konsumboom. Global betrachtet vollzog sich dieser Aufstieg jedoch auf dem Rücken der Entwicklungsländer. Der Münchener Soziologe Stefan Lessenich hat dies in dem glänzenden Band „Neben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis“ mit Bravour dargelegt. Diese argumentative Vielschichtigkeit fehlt in Nachtweys Erzählung der regressiven Modernisierung und seiner These von der Abstiegsgesellschaft.

Fazit

Oliver Nachtweys Werk ist das Buch der Stunde – nicht zu unrecht. Die von ihm skizzierte „Abstiegsgesellschaft“ ist nicht nur „gefühlt“, sondern auch „empirisch“ ein wichtiges gerechtigkeitspolitisches Thema. Nachtweys Ausführungen sind instruktiv, schnörkellos formuliert und werden anhand von Beispielen und Darstellungen illustriert. Es fehlt mithin an empirischen Belegen, was die Argumentation zwar nicht schwächt, aber unnötig verengt.

Die hier vorgestellten Thesen sind richtig und wichtig, wenngleich Oliver Nachtwey das sozialwissenschaftliche Rad zum Thema Ungleichheit nicht neu erfindet. Die Lektüre der „Abstiegsgesellschaft“ ist trotz oder gerade wegen mancher inhaltlicher Lücke eine willkommene Ergänzung zu den kürzlich erschienenen Schwergewichten von Anthony Atkinson („Ungleichheit“), Thomas Piketty („Das Kapitel im 21. Jahrhundert“) oder Branko Milanović („Die ungleiche Welt“). Das ist nicht eben wenig!

Literaturverzeichnis

Bergmann, Knut/Diermeier, Matthias (2017): Die AfD. Eine unterschätzte Partei – Soziale Erwünschtheit als Erklärung für fehlerhafte Prognosen, IW-Report – Nr. 7 vom 22. März 2017, online abrufbar: https://www.iwkoeln.de/_storage/asset/332805/storage/master/file/12510109/download/IW-Report_7_2017_Die_AfD_Eine_unterschaetzte_Partei.pdf (zuletzt aufgerufen am 13.04.2017).

Eribon, Didier (2017): Frankreich im Wahljahr. Ein neuer Geist von ’68, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 16.04.2017, online abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/didier-eribon-zur-krise-der-linken-in-frankreich-14973605.html (zuletzt aufgerufen am 18.04.2017).

Financial Times (2016): How France’s National Front is winning working-class voters, online abrufbar unter:  https://www.ft.com/content/ad9502f4-8099-11e6-bc52-0c7211ef3198 (zuletzt aufgerufen am 13.04.2017).

Hampel, Lea/Hoffmann, Catherine (2017): Die Mitte bröckelt, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 5 vom 7./8. Januar 2017, S. 23, online abrufbar unter: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sozialer-abstieg-die-mitte-broeckelt-1.3322608?reduced=true (zuletzt aufgerufen am 13.04.2017).

Hansen, Axel (2014). Die Mittelschicht kommt nicht mehr mit, in: Die Zeit Online vom 24. April 2014, online abrufbar unter: http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-04/mittelschicht-einkommen/komplettansicht (zuletzt aufgerufen am 13.04.2017).

Lessenich, Stefan (2016): Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, München: Carl Hanser Verlag.

Seibt, Gustav (2017): „Die große Regression“. Schuld ist immer der Neoliberalismus, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 86 vom 12. April 2017, online abrufbar unter: http://www.sueddeutsche.de/kultur/die-grosse-regression-schuld-ist-immer-der-neoliberalismus-1.3460264 (zuletzt aufgerufen am 13.04.2017).

The Economist (2017): Young people and democracy. Not turning out, in: The Economist 4th February 2017, S. 49-50, online abrufbar unter: http://www.economist.com/news/international/21716023-democracies-are-risk-if-young-people-continue-shun-ballot-box-millennials-across (zuletzt aufgerufen am 13.04.2017).

Zitationshinweis

Ezazi, Gordian (2017): Oliver Nachtwey. Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne, Rezension, Erschienen auf: regierungsforschung.de, Online verfügbar unter: http://regierungsforschung.de/oliver-nachtwey-die-abstiegsgesellschaft-ueber-das-aufbegehren-in-der-regressiven-moderne/

  1. Die in Klammern hinterlegten Seitenzahlen beziehen sich – insofern nicht anders gekennzeichnet – explizit auf die rezensierte Monographie. Auf eine gesonderte Angabe im Literaturverzeichnis wurde an dieser Stelle verzichtet. []
  2. Die gebräuchlichste – wenngleich nicht unumstrittene – Definition der Einkommensmittelschicht lautet wie folgt: „Zur Mittelschicht gehört ein Haushalt demnach, wenn er über 70 bis 150 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. In Deutschland sind das bei einem Ein-Personen-Haushalt 1.150 bis 2.400 Euro netto im Monat. Bei einer vierköpfigen Familie mit zwei kleinen Kindern liegt die Spanne zwischen 2.400 und 5.100 Euro.“ (Hansen 2014 []
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