Scheibchenweise Abkehr vom Turbo-Abitur. Die bildungspolitische Rückabwicklung der G8-Reform in Hessen.

Am 27. Januar 2008 endete eine – wohlgemerkt kurze, dafür aber lange nicht vorgekommene – politische Ära. Der Wahlabend in der CDU-Geschäftsstelle in Wiesbaden verdiente nicht die Bezeichnung Wahlparty, es knallten keine Sektkorken, gefeiert wurde woanders.

Nur lange Gesichter – es bedarf nicht viel Vorstellungskraft, wie tief die Stimmung an diesem für die hessische CDU denkwürdigen Abend im Keller steckte, eben genau so tief wie sich der Verlust einer absoluten Mehrheit anfühlt. Hessen musste 33 Jahre auf eine Einparteienregierung warten, zuletzt war dies 1970 der Fall. 2003 war die CDU der große Wahlgewinner gewesen. Am 27. Januar 2008 blieb davon nur Fassungslosigkeit übrig.

Die CDU stürzte um zwölf Prozentpunkte auf 36,8 Prozent, die SPD holte fast acht Prozentpunkte auf und kam mit 36,7 Prozent auf Tuchfühlung an die CDU heran, an der vorbei mittlerweile eine Regierung gebildet werden konnte. Roland Koch (CDU), hessischer Ministerpräsident, war an diesem Abend sichtlich davon gezeichnet.

Ursachenforschung wurde betrieben, viele Väter wurden dem CDU Wahldebakel zugeschrieben, jedoch stand ein Grund für die hohen Stimmenverluste dabei besonders im Fokus der Wahlanalysen: die Schul- und Bildungspolitik der hessischen CDU. Nicht umsonst ist Bildungspolitik das Herzstück der Landespolitik schlechthin und bei Landtagswahlen zunehmend wahlentscheidend. Zudem war im hessischen Landtagswahlkampf 2008 das bildungspolitische Großprojekt G8, also die flächendeckende Einführung des achtjährigen gymnasialen Bildungsganges, Stein des Anstoßes und zentraler Mobilisierungsfaktor. Die hessische CDU, unter Führung ihres Vorsitzenden und Ministerpräsidenten Koch sowie der Kultusministerin Karin Wolff (CDU), versuchte durchzuregieren. Der lautstark geäußerte Protest an G8 wurde leichtfertig zur Seite gewischt, die verantwortlichen Politiker gaben sich überzeugt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. 2004 wurde G8 in Hessen beschlossen, auf die Umsetzung musste das Land jedoch bis 2005 warten – ein Stufenplan sah vor, dass die flächendeckende Einführung nicht sofort, sondern in zwei Schritten vollzogen werden sollte. Mit dem Schuljahr 2006/07 war die flächendeckende Einführung dann in Hessen vollbracht. Es dauerte nicht lange, da brach ein wahrer Proteststurm der Eltern über die Landespolitik herein. Diese Bewegung reichte auch weit bis ins konservative Stammwählermilieu hinein.Doch die Kultusministerin zeigte sich trotz allen Rechtfertigungsdrucks unnachgiebig.

Autor

Stephan Zitzler ist Master-Absolvent des Masterprogramms „Politkmanagement, Public Policy & öffentliche Verwaltung“ der NRW School of Governance. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Politikfeldforschung und der Energiepolitik.

 

Diese und weitere Fallstudien finden Sie hier auf regierungsforschung.de in der Rubrik “Fallstudien” oder auf www.reformkompass.de.

Zitationshinweis:

Zitzler, Stephan (2014): Scheibchenweise Abkehr vom Turbo-Abitur. Die bildungspolitische Rückabwicklung der G8-Reform in Hessen. Erschienen in: Regierungsforschung.de, Fälle. Online verfügbar unter: http://regierungsforschung.de/scheibchenweise-abkehr-vom-turbo-abitur-die-bildungspolitische-rueckabwicklung-der-g8-reform-in-hessen/

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