Welche Wirklichkeit messen wir? Über Lehren aus der US-Präsidentschaftswahl und Koalitionen der Empörten

Prof. Dr. Karl-Rudolf KorteErst seit ein paar Tagen steht fest: Donald Trump wird der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Mit so einem eindeutigen Sieg hatten im vornherein weder Wahlforscher noch Demoskopen gerechnet. Ein Sieg Hillary Clintons schien sicher zu sein.

Historische Ereignisse wie diese ziehen aber nicht nur Konsequenzen für die politischen Machtzentren in den USA mit sich sondern haben auch Einfluss auf politische Systeme außerhalb Nordamerikas. Vor welchen Herausforderungen stehen die amerikanischen Parteien? Was bedeutet die Wahl von Donald Trump für den deutschen Parteienwettbewerb? Karl-Rudolf Korte gibt in seinem Beitrag erste Einschätzungen.

Welche Wirklichkeit messen wir?

Über Lehren aus der US-Präsidentschaftswahl und Koalitionen der Empörten

Autor

Prof. Dr. Karl‐Rudolf Korte ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg‐Essen und Direktor der NRW School of Governance an der Universität Duisburg‐Essen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Regierungs‐, Parteien‐ und Wahlforschung.

Nichts ist daran überraschend, dass amerikanische Wähler nach acht Jahren den Wechsel wollten. Das ist für US-Verhältnisse fast regelgeleitet. Dass Verlierer am Ende mehr Wähler, aber zu wenig Wahlmänner hinter sich haben, gehört zur Logik des US-Wahlsystems. Solche Ergebnisse sind in der zurückliegenden Geschichte nicht ungewöhnlich. Fünfmal trat dieser Fall bislang ein.

Historische Dimensionen erreichte das Wahl-Ereignis durch andere Komponenten: einem aggressiven und extrem narzisstischen Stil der Mobilisierung durch Trump sowie den Fehleinschätzungen der Wahlforscher, Demoskopen, Medien und Meinungsmacher. Eine Woche konnte ich im Umfeld der Wahlen zahlreiche Gespräche führen, am Haustürwahlkampf teilnehmen und Kandidaten erleben. Niemals zuvor wurden derartig viele Daten über die Wähler erhoben und so viel professionelles Datenmanagement betrieben. Anders als in Deutschland glaubt man in den War Rooms der Demokraten und Republikaner alles über die Unterstützer zu wissen. Umfragen und Meinungsmacher waren sich einig: der Sieg von Hillary war nur eine Frage der Größenordnung. Es wurde spekuliert, wann zwischen 22 und 23 Uhr Ostküstenzeit CNN Hillary zur Siegerin ausrufen werde. Die umkämpften Staaten waren markiert, aber deuteten trotz knapper Abstände zu den Republikanern immer auf die Option zum Sieg. Am Ende dauerte es bis drei Uhr morgens, um die Niederlage zu erkennen. Die Überraschung schockierte auch die Demokraten, die keine Rede zur Niederlage vorbereitet hatten und ihre Abschluss-Inszenierung deshalb um einen Tag verschoben.

Ganz offensichtlich wurde nicht die Wirklichkeit vermessen, sondern sozial Erwünschtes. Selten stimmte so markant die Einschätzung, dass unser Wissen stets beobachterabhängig ist. Wie ist die Wirklichkeit wirklich? Mit moderner Technik, neuesten Tools und methodologischer Raffinesse suchte man Bestätigung, keine Irritation und keine Erkenntnis. Doch zukunftsängstliche Empörungsbewegungen sind nicht einfach monokausaler Protest. Es sind extrem heterogene Sammlungsbewegungen, die viele Motive verknüpfen: Protest am Etablierten, Wut auf die Elite,  Krach der Globalisierungsverängstigen, national orientierte Kommunitaristen,  Small Talk der Wohlstandsschauvinisten, kulturelles Unbehagen, ökonomische Abstiegsängste, Lust am Bestrafen, Leiden am Mainstream der politischen Korrektness. Das sind sozioökonomische und gleichermaßen soziokulturelle Motivbündel. Die Empörungsbewegten fordern ökonomische und kulturelle Teilhabe. Durchaus wurde ökonomische Ungleichheit gemessen. Doch die Wut auf die Diskurswächter in Washington hatte die Kraft von Identitätsfragen vermeintlich Ausgeschlossener.

Was macht dies brisant? Das politische System folgt einer analogen, hierarchischen Aufbaulogik. Die neue Empörung speist sich aus digitalen Lebenswelten. Das Internet ist strukturell anarchisch. Es verhindert systematisch die Rationalität eines vernuftgetriebenen politischen Dialogs, der auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist. Wir kommunizieren, organisieren, informieren uns heute anders als in analogen Zeiten. Die neuen Kulturtechniken fremdeln mit einem politischen System, das vor disruptiven Herausforderungen steht. Um solche seismographischen Verschiebungen, die nur zum Teil populistisch daherkommen, zu verstehen, brauchen wir komplett neue neugierig machende Fragearsenale.

Doch aus den Zentren der Macht produziert sich seriell Arroganz des Etablierten. Wer so vorgeht und sich moralisch aufgerüstet immer auf der richtigen Seite sieht, wird noch viele politische Überraschungen erleben. Die neue Unberechenbarkeit als Prinzip der Politik haben sich Bevölkerungsgruppen erkämpft, die sich nirgends mehr repräsentiert oder verstanden fühlen. Sie bilden Koalitionen der Empörung, die jeden Parteienwettbewerb revolutionieren. Das ist nicht nur in den USA zu beobachten, sondern längst europäischer Alltag. Mit dem deutschen Verhältniswahlsystem und der Vitalität auf dem Parteienmarkt können wir diese Herausforderung lernend eher annehmen als das Spannungsfeld der Zweipartei-Ära in den USA.

Noch besteht die Chance als professioneller Regelverletzter und narzisstischer Charismatiker zu mobilisieren, wenn sich die anderen an die Regeln halten. Das wird sich erst ändern, wenn Politik zuversichtliche und leidenschaftliche Angebote macht, um für alle das Leben zu verbessern. Bislang verbleibt es eher bei pragmatischen Anreizen für Reparaturarbeiten am Wohlfahrtsstaat. Hinzu kommen kann ein demokratischer Trotz, der nutzenorientiert aufzeigt, dass es sich für alle  lohnt, zivilisierte Standards einzuhalten. Auf Augenhöhe argumentieren und zuhören könnte mehr erreichen als immer nur belehrend auf der Seite des Guten zu stehen. Missionieren für die Demokratie lohnt sich, damit die Mehrheitsgesellschaft auch alle Minderheiten weiterhin schützt und nicht ausgrenzt. Wenn die Trump Wahl diese Suchbewegungen in der politischen Mitte potenziert, hat die Welt noch eine Chance auf liberale Offenheit.

Zitationshinweis

Korte, Karl-Rudolf (2016): Welche Wirklichkeit messen wir? Über die Lehren aus der US-Präsidentschaftswahl und Koalitionen der Empörten, Essay, Erschienen auf: regierungsforschung.de, Online verfügbar unter: http://regierungsforschung.de/neue-herausforderungen-fuer-die-zentren-der-macht-lehren-aus-der-us-praesidentschaftswahl/

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