Verwaltungskommunikation und neue Medien

PD Dr. Markus Reiners, der an der Leibniz Universität Hannover lehrt, wirft einen Blick auf die Potenziale neuer Medien für die Verwaltungskommunikation. Trotz vieler Risiken und Herausforderungen – wie Datenschutz und sozialer Ausgrenzung – haben neue Medien das Potenzial, neue Möglichkeiten der Bürgerpartizipation zu eröffnen und zu einer besseren Verständigung und kommunikativen Veränderung der Beziehung zwischen Bürgerschaft, Politik und Ver­waltung beizutragen.

Klassische Massenmedien üben ihre Artikulations-, Informations-, Verbreitungs-, Kritik- und Kontrollfunktion im Rahmen von Verständigungs- und Aushandlungsprozessen zwischen den verschiedenen politisch-administrativen Akteuren, diversen Interessengruppen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Akteuren und der Bevölkerung aus und haben einen nicht unerheblichen Einfluss. Nach wie vor ist die Rede von der vierten Gewalt (vgl. Graevenitz 1999). Vielfach wird sogar darüber spekuliert, ob deren Machtstellung weiter gestiegen ist und das Machtpotenzial der Medien die drei klassischen Staatsgewalten mittlerweile nicht sogar überstrahlt.

Verwaltungskommunikation und neue Medien

Autor

PD Dr. phil. habil. Markus Reiners ist Privatdozent am Institut für Politikwissenschaft der Leibniz Universität Hannover. Er lehrt und forscht unter anderem im Bereich e-Democracy und Digitalisierung.

Status quo der Verwaltungskommunikation

Klassische Massenmedien üben ihre Artikulations-, Informations-, Verbreitungs-, Kritik- und Kontrollfunktion im Rahmen von Verständigungs- und Aushandlungsprozessen zwischen den verschiedenen politisch-administrativen Akteuren, diversen Interessengruppen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Akteuren und der Bevölkerung aus und haben einen nicht unerheblichen Einfluss. Nach wie vor ist die Rede von der vierten Gewalt (vgl. Graevenitz 1999). Vielfach wird sogar darüber spekuliert, ob deren Machtstellung weiter gestiegen ist und das Machtpotenzial der Medien die drei klassischen Staatsgewalten mittlerweile nicht sogar überstrahlt. Andererseits wird aber auch darüber nachgedacht, ob der Einfluss klassischer Kanäle in der jüngsten Vergangenheit durch neue Medien gesunken ist, was z.B. von Kneuer bejaht wird (2017).

Die heutige Partizipationsgesellschaft wird durch neue Medien gestützt und befördert. Grundlegend ist in diesem Zusammenhang, dass Demokratie auf Partizipation beruht. Als Teil einer solchen ist eine ansprechende Kommunikation das Postulat jeder modernen Verwaltung und heutzutage eine Bringschuld den Bürgerinnen und Bürgern als Verwaltungskundinnen und -kunden gegenüber. Eine moderne Mediengesellschaft hat die Verpflichtung nicht nur zu kommunizieren, sondern vielmehr gegenseitige Kommunikation zuzulassen, um Willensbildungs- und Entscheidungsfindungsprozesse zu ermöglichen, was Informationen und Wissen voraussetzt (vgl. Jarren 2005: 29ff.; Reiners 2013: 289ff., 327ff.).

Die damit einhergehende spannende Frage ist nun, ob und wie sich die politisch-administrative Kommunikation, konkret die Verwaltungssprache bzw. -kommunikation im Zuge der aktuellen Medienlandschaft verändert hat? Zugrunde liegt die Überlegung, dass angesichts der radikalen ge­sellschaftlichen Umbrüche rund um neue, digitale und besonders auch um soziale Medien, gerade­zu eine Verpflichtung der Administration besteht, neue und innovative Kommunikationsformen zuzulassen, weil sich die Distanz der Verwaltung hin zur Bürgerschaft und vice versa durch das World Wide Web dramatisch verringert hat.

Zunächst nützt ein kurzer Seitenblick auf die Maßgeblichkeiten einer traditionellen Verwaltungssprache. Grundlegend ist dabei: Je komplexer Gesellschaften sind, desto wichtiger dürfte die Funktion von Sprache werden. Sie sollte demnach informativ, vollständig, exakt, eindeutig und verständlich sein. Ferner sollte sie auf gesellschaftliche Akzeptanz stoßen. Die traditionelle Amts­sprache (oder „Beamtensprache“) erfüllt diese Bedingungen in der heutigen Zeit nur noch in Teilen. Eine solche kennzeichnet sich durch ihren kompakten Stil, ihre Objektivität, Unangreifbarkeit, Intertextualität und Exaktheit aber auch durch ihre teilweise Umständlichkeit, Emotionslosigkeit und ihre unpersönliche Note. Ein solcher Sprachstil wirkt heute bevormundend, unverständlich und überkommen. Insgesamt bestehen Verständigungsbarrieren und Barrieren der Beziehungskommunikation. Der Stil dient einer unmittelbaren Verhaltenssteuerung und ist einer heutigen Gesellschaft nicht mehr angemessen (vgl. Ebert 2010). Eine moderne Verwaltungssprache sollte demnach andere Voraussetzungen erfüllen. Beispiele über einen modernen und auf mehr Akzeptanz stoßenden Sprachstil finden sich vielfach (z.B. LHS Wiesbaden: 2011; LHS Mainz: 2014; Allefeld 2010: 23ff.; Reiners/Brünner 2011: 274ff.).

Potenziale neuer Medien

Die Voraussetzungen stehen im Zuge einer neuen, digitalen und sozialen Medienlandschaft in einem noch grelleren Licht. Die Potenziale neuer Medien und deren Eigenschaften sowie die Kommunikationseffekte des Netzes unterliegen anderen Vorzeichen. Neue Medien ermöglichen es im Internet zu kommunizieren, sich zu vernetzen, auszutauschen, Inhalte zu erstellen, solche zu bearbeiten, zu teilen oder weiterzugeben. Dies geschieht im Zuge eines Web 2.0 über multimodale Kommunikationsmittel (z.B. Text, Bild, Audio, Video) und verschiedene Technologien mit einer hohen Reichweite.1 Tatsache dürfte sein: New und Social Media sind für Verwaltungen mittlerweile unverzichtbar geworden. Für die Administration bieten sich durch dialogische Funktionen große Potenziale vielfältigster Natur, beispielsweise bei der Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern. Neue Medien liefern daher Möglichkeiten Sozialkapital aufzubauen und können letztlich leistungssteigernd wirken (vgl. Langosz 2015). Es lohnt sich somit, einen näheren Blick auf das Leistungsvermögen, die Eigenschaften und Effekte neuer Medien zu werfen.

Massenmedien folgen einer dekomplexeren Funktionslogik. Die Kommunikation ist asymmetrisch konstruiert, lediglich linear und unterliegt dem klassischen Sender-Empfänger-Modell bzw. einer One-Way-Communication (vgl. Komus/Wauch 2008). Neue Medien bergen hingegen wesentlich höhere Komplexitäten. Bei ihnen besteht eine höhere Symmetrie, d.h. ein geringeres soziales Gefälle zwischen Sender und Rezipient. Sie sind von geringen Eintrittsbarrieren (Ressourcen, z.B. Kosten) und die Sprache von einer reduzierten Ausdrucksweise gekennzeichnet. Möglich wird ein schnelles, ökonomisches Generieren, Weiterverarbeiten und Verbreiten von Informationen, Meinungen oder Wissen für viele, jederzeit und von überall, was die neuen Medien im Hinblick auf die Benutzerfreundlichkeit, die Usability, abhebt. Weiterhin sind sie von einer End-to-End-Netzkom­munikation ohne Gatekeeper geprägt, d.h. die Gatekeeperrolle der klassischen Medien entfällt. Die User kommunizieren horizontal und vertikal direkt mit der Politik und der Administration und vi­ce versa. Insgesamt läuft Kommunikation nach anderen Mustern ab, sie ist interaktiv, dialogisch und mehrdimensional. Sie läuft dezentralisiert, pluralisiert und – wie dargestellt – komplexer ab. Komplexer deshalb, weil digitale Medien und Technologien miteinander vernetzt sind und unter Umständen medienübergreifend miteinander kommunizieren. Sie bilden daher ein Übersystem von Systemen. Auch bilden Netzwerke kein Zentrum. Vielmehr agiert man in einem sich selbst organisierenden System. Neue Medien lassen sich daher weniger steuern und kontrollieren. Mit einer nicht Steuerbarkeit und nicht Kontrollierbarkeit schwingen gewisse Folgen für politisch-ad­ministrative Akteure mit, demnach eine geringere Machtdistanz zwischen den Beteiligten und be­sonders eine höhere Unsicherheit im Kommunikationsprozess (vgl. Adlmaier-Herbst 2015; Vowe 2012).

Des Weiteren sind die Inhalte immer hochaktuell. Sie zeichnen sich durch einen hohen Echtzeitfaktor und durch eine hohe Synchronizität aus. Hinzu kommt, dass Online-Kommunikation nicht flüchtig ist. Sie folgt einem Pfad, einem Kommunikationsfaden, d.h. der Kommunikationsverlauf bleibt in aller Regel gespeichert und existent, das Thema und Kommunikationsgeschehen kann so­mit ständig fortgesetzt werden. Informationen sind demzufolge duplizierbar, d.h. sie können durch ein Remixing oder Mashup verarbeitet und weiterverbreitet werden – sie folgen dem Prinzip eines long trail. Auch setzt das World Wide Web auf die Eigenaktivität der User, d.h. hier entscheidet jeder selbst, was zu tun ist, die Definitionsmacht liegt beim User selbst. Die Inhalte werden von den Konsumenten selektiv angefragt. Bei neuen Medien handelt es sich somit um Pull-Medien, im Gegensatz zu klassischen Medien (Push-Medien). Die User werden überdies zum Content Provider, d.h. vom Konsumenten zum aktiven Produzenten. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem User-generated Content (vgl. Beißwenger 2015; Vowe 2012).

Verwaltungskommunikation im Zuge neuer Medien: Chancen und Risiken

Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die Auswirkungen, Chancen und Risiken bei der Kommunikation zwischen Bürgerschaft, Politik und Verwaltung im Zuge neuer, digitaler bzw. sozialer Me­dien. Dies vor dem Hintergrund der Ansprüche neuer Entwicklungen und empirischer Gegebenheiten. Zentral ist die Frage, was sich durch neue Medien und Online-Prozesse bei der Kommunikation zwischen den benannten Akteuren ändert? Wichtig ist sich in diesem Kontext zu vergegen­wärtigen, dass die Gesellschaft vor exorbitanten Herausforderungen steht, denn es geht um eine neue Qualität der Befriedigung steigender Partizipationserwartungen. Der Ursprung liegt nicht nur in der Digitalisierung, sondern vielmehr auch im gestiegenen Informationsbewusstsein, in ei­nem höheren Bildungsstand, im Wertewandel oder beispielsweise in der stärkeren Ökonomisie­rung von Lebensbereichen. Zudem wird in einer digitalen Gesellschaft der traditionelle Führungsanspruch der Politik und Verwaltung immer weniger akzeptiert. Ferner ist zu betonen, dass neue Medien augenscheinlich ein verwandtschaftliches Verhältnis zu einer modernen Bürgergesellschaft aufweisen, was die Aspekte Selbstorganisation, Eigenverantwortung oder Partizipation an­belangt. Die Frage ist daher immer, ob wir in eine neue kooperative, partizipative, ja kommunikative Demokratie steuern? Das Internet hat auf jeden Fall das Potenzial einer besseren Verständigung und kommunikativen Veränderung der Beziehung zwischen Bürgerschaft, Politik und Ver­waltung, weil es vom Konstruktionsprinzip geradezu auf Kommunikation ausgelegt ist bzw. darauf, Kommunikation zu erlauben (vgl. Emmer 2017; Emmer/Wolling 2015).

Die allerwesentlichsten Vorteile für die Administration liegen auf der Hand. Über neue Medien und soziale Netzwerke kann mit geringem Aufwand und in kurzer Zeit informativ eine große Öffentlichkeit erreicht werden. Des Weiteren kann der Diskussionsstand verfolgt und beispielsweise auf Kommentare direkt reagiert werden. Hinzu kommt ganz wesentlich das Moment der Aktivierung von Potenzialen. Auf diese Weise besteht die herausragende Möglichkeit mit der Bürgerschaft in Interaktion zu treten (vgl. Krätzig 2015). Ein häufiges Argument ist das eines Crowd-Sourcing, d.h. die Sammlung spezifischer Informationen aus einer großen Nutzergruppe, demnach das Zusammentragen von lokalem Bürgerinnen- und Bürgerwissen nach dem Prinzip der „Weisheit der Vielen“.2 Die Frage ist hierbei natürlich immer, welche Gruppen sich einbringen oder welche Interessen hinter den Teilnehmerinnen bzw. Teilnehmern oder sogar den Initiatoren solcher Instrumentarien stehen bzw. ob so etwas die Sachdiskussion tatsächlich unterstützen kann (vgl. Reiners 2014: 707)? Allerdings sind die Vorzüge nur schwer widerlegbar. Sie sind letztlich auf die Aspekte Kosten, Effizienz, Effektivität, Kundenorientierung bzw. auf den Blickwinkel rund um die Thematik moderner Dienstleistungsunternehmen fokussiert.

Wo liegt hingegen das entscheidende Innovations- und Synergiepotenzial für eine beteiligungsoffene Bürgergesellschaft insbesondere auf lokaler Ebene? Unter dem Stichwort E-Partizipation werden die Möglichkeiten und Wege diskutiert, die mit neuen Medien einhergehen, was die Themen Selbstorganisation, Bürgerbeteiligung und Einfluss anbelangt oder beispielsweise die Ressourcenaktivierung von Wissen und Kompetenzen in Netzwerken (vgl. Reiners 2012: 269ff., 2013: 363ff.). Ein Beispiel der Aktivierung von Ressourcenpotenzialen sind die Bürgerhaushalte verschiedener Kommunen (vgl. z.B. Landeshauptstadt Stuttgart 2018). Ob hierbei wirksame Instrumente eingeführt worden sind, ist allerdings mehr als zweifelhaft. Vielmehr ist anzuführen, dass es sich eher um politisch symbolische Maßnahmen handelt. Gleichwohl sind die Nutzer diverser interaktiver Möglichkeiten miteinander vernetzt, und neue Medien lassen sich hervorragend und effektiv für die Mobilisierung von Interessen, also für ein Agenda Setting einsetzen. Engagierte können sich daher auf vielfältige Art und Weise an politisch-administrativen Prozessen beteiligen und eigene Projekte mit relativ geringen Ressourcen einer möglichen Realisierung zuführen.

Betrachtet man die zentralen Risiken und Folgewirkungen der medialen Entwicklungen, so besteht die Gefahr einer sozialen Ausgrenzung. Wo bleiben ältere Menschen, bildungsfernere Schichten, solche ohne Internet oder leistungsgeminderte Personen, wobei die Probleme auch in der analogen Welt virulent sind. Haben die überschaubaren Bemühungen der Verwaltung ferner nur symbolischen Charakter und hat es das System insgesamt mit einem Qualitätsverlust demokratischer Prozesse zu tun oder mit einer Absenkung des Rationalitätsniveaus von Debatten und Abläufen? Alles interessante Fragen, die noch unzureichend beantwortet sind. Zudem ist der Aspekt des Stimmengleichgewichtes im Netz bedeutsam. Zählt nur die lauteste, schrillste Stimme im Netz, und ist das die „Hierarchie des Netzes?“ Die Einwände mögen transparent machen, warum Entscheider neuen Medien nur eine geteilte Aufmerksamkeit zukommen lassen, ganz abgesehen von weiteren Vorbehalten, z.B. was das Moment der Anonymität im Netz anbelangt, der Überprüfbarkeit von Informationen (Informationsauthentiziät) oder insgesamt der Daten- und Netzsicherheit.

Im Ergebnis kann man durchaus zum Schluss kommen, dass eine höhere politisch-administrative Partizipation über moderne Medien zu einer höheren Systemlegitimation beiträgt, aber zu welchem Preis? Eine Themenplatzierung wird für Politik und Verwaltung sicherlich nicht einfacher, vielmehr: Politik und Verwaltung sehen sich berechtigt der Gefahr gegenüber, zunehmend durch ein Agenda Setting im Netz getrieben zu sein. Ferner gehen die Entwicklungen latent mit einem Bedeutungsverlust institutionalisierter Kommunikationskanäle und klassischer Medien einher. Klassische Medien, Politik und Verwaltung erleiden dadurch einen Kontrollverlust und einen Verlust an Bündelungs- bzw. Filterfunktion, auch mit der Folge, dass sich Informationen ungefiltert im Netz (Fake news) befinden (vgl. Kneuer 2017). Informationstechnologie bedeutet letztlich mehr Transparenz, was jedoch für die Administration und bestimmte Akteure nicht zwingend för­derlich ist und unter Umständen die Effizienz von Demokratie und Verwaltungsabläufen mindert. Fraglich ist daher immer, ob direktere Partizipationsformen überhaupt erwünscht sind oder sie nicht vielmehr ein Verlust von Steuerungskapazitäten bedeuten (vgl. Reiners 2014: 693ff.).

Klar ist, dass sich nach und nach neue Regeln der Einflussnahme auf Machtprozesse entwickeln. Eine Änderung solcher Prozesse, Regeln und Kommunikationsformen produziert immer Gewin­ner und Verlierer, was einen nur gedämpften Enthusiasmus seitens kommunaler und staatlicher Akteure entfaltet, wenn sich Steuerungspotenziale in Richtung Öffentlichkeit verlagern (vgl. schon Hart/Pflüger 2004; Reiners 2014, 693ff.).

Erfordernisse und Ausblick

Blickt man zunächst auf zentrale Defizite, so ist zu konstatieren, dass eine zunehmende Unzufriedenheit mit Politik und Verwaltung besteht. Daher ist insbesondere auf kommunaler Ebene eine hohe Tendenz zu einer höheren Beteiligung als demokratiebelebendes Element festzustellen. Allerdings ist auch erkennbar, dass es entweder an Angeboten mangelt oder vorhandene Angebote zu selten angefragt werden. Notwendig wären daher ein höheres Maß an entsprechender Öffentlichkeitsarbeit und neue, innovative Möglichkeiten, um dieses Beteiligungsdefizit abzubauen. Nötig sind die Bereitstellung von Informationen, die Ermöglichung von Partizipation und motivationale Elemente für eine breite Bürgerschaft. Diese Aspekte bedingen einander geradezu, denn nicht informierte Bürgerinnen und Bürger können mit noch so guten Mechanismen nicht qualifiziert partizipieren, eine informierte Bürgerschaft partizipiert erst gar nicht, wenn eine mangelnde Aussicht auf Wirksamkeit der Intervention demotiviert und Informationen nützen nichts, wenn Instrumente einer wirksamen Bürgermeinung fehlen (vgl. Hart/Pflüger 2004).

Notwendig wären eine Neujustierung der Verwaltung und eine Anpassung an aktuelle Problemlagen. Richtigerweise sollte den Beharrungskräften der Verwaltung eine klare Absage erteilt werden, weil die Verarbeitung neuer Kommunikationsbedürfnisse unabdingbar ist. Entscheidend ist daher eine technologische Nachsteuerung, ohne traditionelle Wege (z.B. Bürgerversammlungen) aufzugeben. Hierbei liegt der Fokus besonders auf sozialen Medien, weswegen neuere Entwicklungen rund um die Themen E-Government, Open Government oder Smart Government zentral sind sowie eine bessere Anbindung derartiger Angebote an soziale Medien (vgl. Reiners 2012, 2013; Krätzig 2015). Überdies ist eine organisatorische und prozessuale Nachsteuerung unablässig, denn andere Prozesse bedingen einen anderen Verwaltungsaufbau. Hierbei stellt sich immer die Frage nach einer Überhierarchisierung. Wichtig sind nicht nur Anlaufstellen für eine Online-Kom­munikation, die Verwaltung demnach in der Rolle als Kommunikationsempfänger, sondern auch Vorkehrungen der Administration als kommunikativer Sender. Zwingend sind ebenso neue direktdemokratische, partizipative Verfahren, flankierend bzw. komplementär zu bisherigen Kommunikationswegen. Entscheidend ist somit eine Balance zwischen demokratischer Repräsentation und einem angemessenen, direkten Bürgerengagement. Dies birgt Vorteile hinsichtlich der In­formationsbeschaffung, einer rechtzeitigen Sachdiskussion und im Sinne einer kooperativen Demokratie oder mit Blick auf die Legitimationssicherung des Systems. Beispiel hierfür sind die Unzulänglichkeiten im Prozess rund um das Projekt Stuttgart 21 (vgl. Reiners 2014: 693ff.). Als alleiniger Lösungsansatz scheint Online-Kommunikation (auch perspektivisch) ungeeignet. Wichtig erscheint die Weiterentwicklung organisatorischer, prozessualer und technischer Lösungsansätze sowie die Verbreiterung der Partizipationsbasis und eine Rückkopplung an demokratische Pro­zesse (vgl. Krätzig 2015; Reiners 2018).

Nach aktuellem Stand ist zu diagnostizieren, dass es öffentliche Akteure bis dato vielfach versäumen, das neue Partizipations- und Kommunikationsbedürfnis angemessen zu bedienen. Nach wie vor fehlt der Wille zur Verlagerung von Steuerungspotenzialen, auch wenn mit einem höheren Maß an E-Demokratie gegebenenfalls höhere Zufriedenheitswerte mit dem System einhergehen würden. Reformen (im öffentlichen Sektor) zeigen es immer wieder. Den vermeintlichen Gewinnen steht immer auch ein gewisser Strukturkonservatismus gegenüber, denn in der Tat könnte ein Funktionsverlust traditioneller Strukturen eintreten. Eine stärkere Systemlegitimation geht daher vielfach mit einer höheren Problemlösungs- und Steuerungsfähigkeit einher (vgl. Reiners 2014: 707). Dies mag in Teilen auch erklären, warum die organisierte Bürgerschaft bei derartigen Fragen und mit selbstorganisierten Kommunikations- und Bürgernetzen teils weiter ist, wie die Verwaltung, d.h. Top-down-Verfahren des öffentlichen Sektors werden teilweise überholt durch Bottom-up-Verfahren. Dies mag gut und richtig sein, wobei ein höheres Maß an Beteiligung immer auch mehr Verantwortung mit sich bringt (vgl. Hart/Pflüger 2004; Emmer 2017).

Es ist zu diagnostizieren, dass die anfängliche Euphorie einem gewissen Realismus gewichen ist. Der Trend bleibt bis dato ein Trend. Rekurrierend auf die Ausgangsfrage ist festzustellen, dass be­legbare Veränderungen bei der politisch-administrativen Kommunikation im Zuge der aktuellen Medienlandschaft eher überschaubar bleiben. Viele Institutionen sehen noch keine dringende Notwendigkeit verstärkt digital zu kommunizieren. Die Folgen sind demnach klar: Sie sind dann auch kein Bestandteil einer solchen Kommunikation, und Verdrossenheit baut sich eher weiter auf. Allerdings ist ebenso ein Schuss optimistische Perspektive angebracht. Die digitale Transformation bietet die Chance, Ressourcen effektiver und effizienter einzusetzen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und die Chance, dass Behördensprache nachvollziehbarer und verständlicher wird, weil Online-Kommunikation ohnehin reduziert komplex abläuft und Kommunikationsprozesse durch dahinterliegende Hilfeprogramme unterstützt werden. Dies liegt jedoch nicht zwangsläufig, allein und per se nur an neuen Medien, sondern vornehmlich am Willen der Administration. Positive Beispiele und innovative Verwaltungen gibt es immer mehr.

Um zukunftsfähig zu sein, muss die Administration ihre Kommunikation in den neuen Medien ver­stärken. Es besteht zunehmend ein Verlangen nach einer offenen und transparenten Verwaltung, bei der die Menschen integriert werden, nach einer nutzerzentrierten Verwaltung, einer datengetriebenen Verwaltung (Big Data als Ressource, Nutzung intelligenter Daten, die mit den Menschen geteilt werden), einer effizienten sowie vernetzten Verwaltung, einer innovativen, schnellen und für Ideen offenen Verwaltung sowie einer sicheren, mit Daten verantwortungsvoll umgehenden Verwaltung, die von einem für das Digitalisierungszeitalter aktualisierten Rechtsrahmen umspannt ist (vgl. Bertelsmann Stiftung 2017). Hinsichtlich der Kommunikation zwischen Bürgerschaft und öffentlichem Sektor sind im Zuge neuer Medien erweiterte Kommunikationsformen und -strategien zwingend nötig. Hier besteht noch viel Spielraum.

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Reiners, Markus (2018): E-Voting-Potenziale im baltischen, deutschsprachigen und skandinavischen Raum. Klassifizierung anhand wesentlicher Faktoren und europäischer Entwicklungen. In: Verwaltung und Management. Zeitschrift für moderne Verwaltung, 24/1, S. 42-52.

Reiners, Markus/Brünner Sven (2011): Modernisierung der Verwaltungssprache. Deskription und Einschätzung eines einzigartigen Reformprojektes. Denkansätze zur praktischen Umsetzung. In: Deutsche Verwaltungspraxis – DVP. Fachzeitschrift für die öffentliche Verwaltung, 62/7, S. 274-277.

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Zitationshinweis:

Reiners, Markus (2019): Verwaltungskommunikation und neue Medien, Essay, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online Verfügbar: http://regierungsforschung.de/verwaltungskommunikation-und-neue-medien/

  1. Beispiele: E-Mail, Foren, Blogs, Mikroblogs (z.B. Twitter), Wikis, Podcasts, Chats, Sharing Communities, soziale Netzwerke (z.B. Facebook, Xing, WhatsApp, LinkedIn, Instagram), Content Communities (z.B. YouTube), aber auch E-Go­vernmentportale der Verwaltung und andere virtuelle Welten. []
  2. Bottom-up-Crowd-Sourcing: Online-Plattformen einer vernetzten Bürgerschaft zu bestimmten Themen. []
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