Vom Verschwinden einer politisch wirkungsmächtigen Metapher. Eine kurze Genealogie der „Heuschrecke“ im gesellschaftlichen Diskurs

Die folgende kurze Illustration der „Heuschreckendebatte“ – eine des kontroversesten Metaphern der vergangenen Jahrzehnts – kontextualisiert den Begriff und geht dabei der Frage nach, wie und warum eine solch politisch wirkungsmächtige Metapher im Diskurs nahezu wieder verschwunden ist. Der Beitrag zeigt schließlich ein Paradoxon der Metapher auf: Die Heuschrecke schlug wie kaum ein anderer Begriff Wellen in der Politik und in der Öffentlichkeit, da er in Zeiten verlorener Gewissheiten einen Ansatzpunkt zur Orientierung anbot und die Verantwortungsfrage klärte.

Dies war jedoch nicht mit einem konkreten politischen Kurswechsel in der Bundesregierung verbunden. Diese Diskrepanz zwischen Rhetorik und Handeln kennzeichnet bis heute den deutschen Ungleichheitsdiskurs während und nach der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/09.

Vom Verschwinden einer politisch wirkungsmächtigen Metapher

Eine kurze Genealogie der „Heuschrecke“ im gesellschaftlichen Diskurs

Autor

Christopher Smith ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Politikmanagement im Ungleichheitsdiskurs. Wahrnehmung und Steuerung politischer Diskurse“, welches die NRW School of Governance in Kooperation mit der Hans-Böckler-Stiftung durchführt. Er studierte Internationale Beziehungen an der Jacobs University und der Universität Bremen. Sein Fokus liegt in der Narrativ- und Diskursforschung, sozialen Ungleichheit und politischen Ökonomie.

Das Essay basiert auf Forschungsergebnissen aus dem Projekt „Politikmanagement im Ungleichheitsdiskurs“ der NRW School of Governance und der Hans-Böckler-Stiftung.

Der Begriff der „Heuschrecke“ ist eine der kontroversesten Metaphern, die im vergangenen Jahrzehnt sowohl in Bezug auf die Verteilungsfrage in Deutschland als auch auf die Finanzkrise von 2008/09 verwendet wurde. Kein anderer Begriff – mit Ausnahme von „Hartz IV“ – verknüpft die zweidimensionale Veränderung der sozialen Frage und der Finanzpolitik im 21. Jahrhundert so prägnant und wirksam (Bayaz 2013: 15). Die „Heuschreckendebatte“ löste in Deutschland nicht nur eine Diskussion über die neuen ruinösen Praktiken von Finanzinvestoren aus, sondern führte auch zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem globalisierten Finanzkapitalismus, die zumindest unmittelbar während und nach der Finanzkrise zu einem gesellschaftspolitischen Diskurswandel führte. Die Metapher der „Heuschrecke“ war politisch wirkungsmächtig, da mit diesem einfachen Sinnbild die Rätselhaftigkeit der Ereignisse und die damit verbundene moralische Schuldfrage beantwortet werden konnte. Für politische Akteure, die dem schwer zu definierenden globalen Finanzkapitalismus kritisch gegenüberstehen, bot das Bild der Heuschrecke einen konkreten rhetorischen Zugang.

Die folgende kurze Illustration der „Heuschreckendebatte“ kontextualisiert den Begriff und geht dabei der Frage nach, wie und warum eine solch politisch wirkungsmächtige Metapher im Diskurs nahezu wieder verschwunden ist. Der Beitrag zeigt schließlich ein Paradoxon der Metapher auf: Die Heuschrecke schlug wie kaum ein anderer Begriff hohe Wellen in der Politik und Öffentlichkeit, da er in Zeiten verlorener Gewissheiten einen Orientierungsansatzbot und die Frage nach der Verantwortung klärte. Dies war jedoch nicht mit einem konkreten politischen Kurswechsel in der Bundesregierung verbunden. Diese Diskrepanz zwischen Rhetorik und Handeln kennzeichnet bis heute den deutschen Ungleichheitsdiskurs während und nach der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/09.

1. Politischer Kontext

Anfänglich trat die „Heuschrecken“-Metapher 2001 in der wissenschaftlichen Arbeit von John Elkington auf, der das wirtschaftliche Verhalten von Unternehmensorganisationen anhand von vier Insekten-Metaphern visualisierte: die zerstörerischen Raupen und Heuschrecken sowie die regenerativen Schmetterlinge und Bienen (Elkington 2001). Politisch tauchte der Begriff der „Heuschrecken“ ursprünglich im November 2004 auf. Der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering verwendete diesen in seiner programmatischen Rede bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung:

„Wir müssen denjenigen Unternehmern, die die Zukunftsfähigkeit ihrer Unternehmen und die Interessen ihrer Arbeitnehmer im Blick haben, helfen gegen die verantwortungslosen Heuschreckenschwärme, die im Vierteljahrestakt Erfolg messen, Substanz absaugen und Unternehmen kaputtgehen lassen, wenn sie sie abgefressen haben. Kapitalismus ist keine Sache aus dem Museum, sondern brandaktuell“ (Müntefering 2004).

Auch wenn diese Aussage bei der FES-Stiftung Aufmerksamkeit innerhalb der Partei und in verschiedenen Fachkreisen gewann, entwickelte sich erst nach einem bekannt gewordenen Interview von Müntefering am 17. April 2005 in der Bild am Sonntag eine der bekanntesten Kontroversen in der Sozialpolitik der vergangenen 15 Jahre. Müntefering beschrieb die Akteure des Finanzkapitalismus mit den folgenden metaphorischen Worten:

„Manche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten. Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter. Gegen diese Form von Kapitalismus kämpfen wir.“ (Bild am Sonntag, 17.4.2005, s. 3)

Ungeachtet des Ursprungs der Metapher äußerte Müntefering darin nicht nur Kritik gegen spezifische Individuen oder Gesellschaften, wie etwa Private-Equity-Gesellschaften, Hedgefonds-Manager oder Finanzinvestoren, sondern auch gegen die Kräfte einer neoliberalen Marktwirtschaft, die die moralisch fragwürdigen Aspekte des Systems vorantreiben. Müntefering verwendete einen bildhaften Begriff, der die Verunsicherung im Land gegenüber der Globalisierung und Finanzialisierung der Wirtschaft einfing. In Münteferings Rhetorik wurden die Heuschrecken damit nicht nur zur Ursache des zu lösenden Problems, sondern auch zu einem erklärten Feindbild, gegen das anzukämpfen sei. Feindbilder mobilisieren in Krisenphasen stets die kollektive Identität (Lotz & Naumann 2005: 43). Der Einsatz des Begriffs war kein Zufall, da die Äußerung kurz vor einer entscheidenden NRW-Landtagswahl und einer Bundestagswahl eingesetzt wurde (Münnich 2012: 288). Die SPD befand sich damals in einer kritischen Situation. Aufgrund der Hartz-IV-Reformen verlor sie in den eigenen Reihen an Glaubwürdigkeit, da einige Sozialdemokraten das Verhältnis zwischen den Reformen und den sozialdemokratischen Prinzipien für fragwürdig hielten. Dies hatte schlechtere bundesweite Umfragewerten zur Folge. Zu diesem Zeitpunkt gründeten regierungskritische Gewerkschaftsmitglieder, die die Partei verlassen hatten,  eine neue Partei, die Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit (WASG) oder wechselten zur damaligen Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) (Decker & Lewandowsky 2011: 343-346). Aus diesen Gründen brauchte die SPD wieder eine kapitalismuskritische Argumentationslinie, die dafür sorgen sollte, ihre Kernwählerschaft zurückzugewinnen. Die scharfe Kritik am Finanzkapitalismus im Kontext der Krise bot in dieser Hinsicht ein „window of opportunity“ zur parteipolitischen Mobilisierung.

Das „Heuschrecken-Interview“ löste eine emotionale Debatte über die deutsche Wirtschaftspolitik aus, die parteiübergreifend für Empörung in der Politik und in den Medien sorgte (Avery & Bergsteiner 2013: 1604). Auf diese Debatte folgten weitere Artikel und Reportagen. Unter anderem veröffentlicht der „Stern“ unter dem Titel „Die Namen der Heuschrecken“ eine Liste, die konkrete Firmen benannte und private finanzielle Interessengruppen enthüllte (Stern 2005). Die eher abstrakte Feindbildrhetorik führte damit zu einer konkreten Praxis. Schließlich beteiligten sich auch Gewerkschaften an den Debatten, wie zum Beispiel in dem berühmten Artikel „US-Firmen in Deutschland – die Aussauger“ der gewerkschaftlichen Zeitung „metall“. Deren Titelseite zeigte die Illustration einer langnasigen amerikanischen Heuschrecke in Geschäftskleidung und verdeutlichte dadurch eine antisemitische Symbolik. Darüber hinaus gab der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) am 1. Mai 2005 seine eigene „Heuschrecken-Liste“ frei, in der große Hedgefonds-Firmen und Private-Equity-Gesellschaften benannt wurden. Die Aussagen von Müntefering genossen ferner breite Unterstützung in der deutschen Bevölkerung. 75 Prozent der Befragten hielten damals seine Kritik für richtig  (Defago 2005).

Originalbildtitel „Die Plünderer sind da“ (metall 2005: 14)

Die „Heuschrecken“ konnten sich durch diese Debatte langfristig im öffentlichen Bewusstsein verankern. Tatsächlich gibt es in Deutschland ein bestimmtes kulturelles Verständnis von Heuschrecken: Sie zerstören Arbeitsplätze, sind egoistisch, fokussieren sich auf kurzfristige Gewinne, verteidigen und behalten diese Gewinne (möglicherweise auch durch illegale Praktiken) für sich selbst und erzeugen keinen Mehrwert für das Gemeinwesen (Bayaz 2013: 16). Das konkrete Verständnis von Heuschrecken hat sich auch im Laufe der Zeit, vor allem während und nach der Finanzkrise, erweitert und stark verändert. Anfangs bezog es sich hauptsächlich auf Private-Equity-Investoren, Hedgefonds-Manager sowie private, wohlhabende Individuen, die Kontrolle über ein gesundes Unternehmen erwerben, dessen Vermögenswerte aushöhlen und anhand hochkomplexer Finanzinstrumente kurzfristigen Profit anstreben. Durch die Finanzkrise von 2008 gewann die Metapher eine neue signifikante Qualität. Sie versinnbildlichte das Ereignis und stand für das gierige und zerstörerische Verhalten von Finanzinvestoren sowie für die von Müntefering benannten „Heuschrecken“. Für diejenigen, die die Metapher gebrauchten, fasste der Begriff zusammen, wie private finanzielle Interessen das gesamte globale Wirtschaftssystem aus verantwortungslosen, egoistischen und schlussendlich destruktiven Gründen an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hatten.

2. Die Bibel, Tiermetaphern und der Kapitalismus

Heuschrecken sind eine alte Metapher für sündhafte bzw. schädliche Verhaltensweisen. Sie erwecken eindeutige Bilder. Sie sind negativ konotiert und werden mit massiven Schwärmen oder Plagen und dem Ernteverlust in agrarischen Gesellschaften in Verbindung gebracht. Wenn Heuschrecken in großen Gruppen erscheinen, richten sie maßloses Chaos an und zerstören Lebensgrundlagen. Heuschreckenschwärme sind unberechenbar und tragen kein Gesicht, wie auch Müntefering dies provozierend formulierte. Es gibt die Vorstellung, dass sie plötzlich aus dem Nichts auftauchen. Auch Horro-Filme griffen dieses angsteinflößende Motiv in der Populärkultur auf.,. Aber wichtiger ist jedoch, dass Heuschrecken auf Grund biblischer Konnotationen tief im kollektiven Bewusstsein verwurzelt sind. Aus diesem Grund war deren Instrumentalisierung als Metapher zumindest für eine kurze Phase besonders wirksam und kulturell anschlussfähig.

Heuschrecken sind sowohl im Alten als auch im Neuen Testament zu finden (Riede 2009). Das Plagebild wird zuerst im Buch Exodus erwähnt. Jahwe wendet die Heuschreckenplage als Strafe gegen die Ägypter und ihre falschen Götter an, die Moses und seinem Volk verboten, das Land zu verlassen:

„Denn wenn du dich weigerst, mein Volk ziehen zu lassen, so will ich morgen Heuschrecken in dein Land einfallen lassen, und sie sollen das ganze Land bedecken, so daß man den Boden nicht mehr sehen kann; sie werden den Rest, der gerettet ward und von dem Hagel euch noch übrig gelassen ist, fressen und werden alle eure Bäume, die draußen sprießen, abfressen“ (2.Mose 10:4).

Auch im Buch Joel des Alten Testaments werden Heuschreckenplagen als eine Strafe Gottes gegen Sünder und Ungläubige angesehen. Schließlich spielen sie auch in anderen Teilen der Bibel eine wesentliche Rolle. Im Buch der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament werden die Heuschrecken in noch düstereren Beschreibungen als Verkörperung der Apokalypse dargestellt.

Die biblische Bedeutung der Heuschrecken ist eindeutig: Die Heuschrecken dienen als eine Strafe Gottes. Sie gehören zum natürlichen Übel, indem sie ganze Landschaften rücksichtlos abfressen, nur um ihre instinktiven Bedürfnisse zu erfüllen. Sie stellen eine hohe Strafe für die menschliche Sünde und im biblischen Sinne eine Versinnbildlichung des moralischen Versagens dar.

Heuschrecken sind aber nicht nur in einer historischen Linie als biblische Sünde zu verstehen. Sie tauchen auch in jüngerer Zeit auf, beispielsweise in Form von Tiermetaphern, die mit der Wirtschaft in Verbindung gebracht werden. Das bekannteste Beispiel ist vielleicht der gierige „Raubtierkapitalismus“, den der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt häufig als verantwortungslos angeprangert hat. Ähnlich beschrieb der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler die globalen Finanzmärkte als „ungezähmte Monster“ (Bayaz 2013: 20). Aus dem angelsächsischen Kontext werden die unterschiedlichen Rhythmen der Finanzmärkte als „bearish“ oder „bullish“ beschrieben und ausbeuterische Geldverleiher werden als „Kredithaie“ bezeichnet.

In Deutschland haben Tiervergleiche- und Metaphern aufgrund der nationalsozialistischen Rhetorik, des Holocausts und des Zweiten Weltkriegs eine besonders düstere Bedeutung. Daher erzeugen sie im politischen Diskurs meist demokratisch wirksame Reflexe der Kritik und Ablehnung. Im deutschen Kontext scheint es demnach eine besondere Sensibilität für die sprachliche Verwendung solcher Symbolik zu geben. So waren Gewerkschaften und Medien mit der (berechtigten) Kritik konfrontiert, durch antisemitische Motive Ängste vor Fremden in der Gesellschaft zu schüren. Die Metapher der Heuschrecken funktioniert demnach vor allem als eine abstrakte Bedrohung, die in letzter Konsequenz zu einer Gefahr wird und möglicherweise durch die richtigen Mittel verhindert werden kann. Sie steht für eine fremde, gierige und bösartige Bedrohung gegen die Lebensgrundlage aller fleißigen, hart arbeitenden Menschen. Die Heuschrecken kommen aus der Ferne, dem unerklärlichen Nichts.

In diesem Zusammenhang ist die Metapher besonders wirksam: Durch die neuen, hochkomplexen, unethischen Praktiken des Finanzkapitalismus wird die Globalisierung und deren unbekannte, fremde Bedrohungen, zu einer weit verbreiteten Plage unseres prekären Alltags. Gleichzeitig erweitert die Metapher den politischen Handlungsspielraum, da zur Eindämmung der Plage besondere Maßnahmen legitimiert werden können, die zum allgemeinen Schutz „vor dem Feind“ notwendig sind.

3. Die Häufung der Heuschrecken. Ergebnisse aus der PolMine-Datenbank

Wie lässt sich das Wirken des Begriffs der Heuschrecken in der parlamentarischen und in der öffentlichen Arena rekonstruieren? Die folgenden Abbildungen sind auf der Grundlage von Parlaments- und Zeitungskorpora in der PolMine-Datenbank (Blätte 2012, http://polmine.sowi.uni-due.de/polmine/) erarbeitet. Sie zeigen die Häufigkeit der Verwendung des Begriffs der Heuschrecke im Bundestag sowie in den Zeitungen „die WELT“, „die taz“ und „DIE ZEIT“ von 2005–2015. Die Häufigkeitsanalysen sind besonders nützlich, um das Auftauchen des Begriffs sowie die Quantität seiner Verwendung im öffentlichen sowie im parlamentarischen Diskursraum zu erkennen. Dadurch erlauben sie ein besseres qualitatives Verständnis über den Heuschrecken-Begriff in verschiedenen Kontexten. Letztendlich sind solche Analysen förderlich, da „die Wichtigkeit eines Sachverhalts u. a. durch wiederholtes Verweisen ausgedrückt wird. Damit ist die Häufigkeit von inhaltlichen Merkmalen ein Indikator für deren Wichtigkeit“ (Mohler 1989: 106).

Abb. 1: Häufigkeit der Verwendung von „Heuschrecken“ im Deutschen Bundestag, 2003–2015

Abb. 2: Häufigkeit der Verwendung von „Heuschrecken“ im Bundestag nach Parteien 2003–2013

Die Häufigkeitsanalysen bestätigen, dass die Metapher vor allem 2005 Verwendung fand. Besonders interessant ist, dass der Begriff einen zweiten Frühling im Kontext der Finanzkrise erfuhr. Die Finanzkrise von 2008 war ein sehr prägnantes Beispiel dafür, wie gieriges, kurzfristiges Verhalten verschiedener Banken und Finanzinstitutionen zu einem systemgefährdenden Risiko für die globale Wirtschaft und dadurch zu einer Gefahr für die davon betroffenen Bürger wurde. Wie die Abbildungen zeigen, wurde die Metapher nach der Finanzkrise besonders häufig verwendet und in Verbindung mit den verantwortungslosen, ruinösen Praktiken von „Wall Street“ und „Bankenkollaps“ gebracht. Bemerkenswert ist auch, dass der Begriff nach der Finanzkrise offenbar erheblich an Aufmerksamkeit verliert.

Darüber hinaus ermöglichen die Abbildungen Vergleiche im Zeitraum von 2003 bis 2015 einerseits zwischen den öffentlichen und politischen Diskursräumen, andererseits zwischen den verschiedenen Zeitungen. Es fällt auf, dass die „Heuschrecken“-Metapher in beiden Diskursräumen eine ähnliche Entwicklung nahm. Sie unterlag  einer ersten starken Thematisierung in 2005 und erlebte eine Renaissance zwischen 2007 und2009 d.h.im Zuge der Finanzkrise. Ferner kann festgestellt werden, dass die Metapher in beiden Diskursräumen nach der Finanzkrise an Fahrt verliert. Die immer seltenere Verwendung des „Heuschrecken“-Begriffs ist in der „taz“ sowie in der „ZEIT“ besonders auffällig. Tatsächlich wird der Begriff in der „taz“ (Abb. 1) nach der Finanzkrise so gut wie gar nicht mehr verwendet. Allerdings wird er nach der Finanzkrise in der Zeitung „Die WELT“ (Abb. 1) stabil verwendet, wenn auch leicht absteigend,. Schließlich decken die Skalen anschaulich die beiden unterschiedlichen Diskursräume auf, die jedoch nicht sehr weit auseinanderliegen. Abbildung 2 zeigt, dass die Metapher anfänglich von der schwarz-gelben Opposition im Bundestag instrumentalisiert wurde. Nach der Finanzkrise setzte vor allem die LINKE den Begriff ein, die anhand kapitalismuskritischer Impulse die Dynamiken des Finanzkapitalismus bemängelte. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass der Begriff in beiden Diskursräumen eine ähnliche Auswirkung hatte.

4. Zusammenfassung / Fazit: Vom Verschwinden einer politisch wirkungsmächtigen Metapher

Wie die kurze Genealogie der Metapher und die analytische Auswertung der Worthäufigkeiten zeigen, war die Heuschrecken-Metapher und die daraus resultierende Debatte diskursiv wirkungsvoll. Auch Franz Müntefering glaubt weiterhin an die Substanz der Metapher. In einem Brief schrieb er uns in Bezug auf die Diskussion:

„Auch damals war meine Heuschrecken-Klage vor allem ausgelöst aus Sorge um Arbeitsplätze in den Regionen, weil mir die Verwurzelung von örtlichen Unternehmen und deren Mitverantwortungs-Bewusstsein für ihre Belegschaften durch eher anonyme Übernahme ins Rutschen zu kommen schien. – Ich denke, ich lag da nicht falsch.“

Dennoch führte der Begriff zu keiner großen Gesetzesänderung und dementsprechend auch nicht zu einem Paradigmenwechsel. Wie kam es dazu? Eine Erklärung liegt sicherlich erstens darin, dass die Metapher zwar zunächst die kollektive Unsicherheit und Orientierungslosigkeit während der akuten Finanzkrise mit einem simplen Deutungsangebot füllen konnte. Zudem konnten mit dem ausgedrückten Feindbild des gierigen und verantwortungslosen Bankers moralische Schuld abgewälzt werden.  Zweitens entwickelte sich aus dieser metaphorischen Deutung und anschließenden Debatte keine konkrete politische Alternative, die für ein neues, attraktives Modell zwischen Kapitalismus und Demokratie stehen konnte und einen Fortschritt zur deutschen Variante der sozialen Marktwirtschaft versprach (Gronau & Haunss 2017).  Zudem bestand die Akteurskonstellation der Kritik hauptsächlich aus einer schwer definierbaren Gruppe von Finanzorganisationen und wandelte sich eventuell in eine allgemeine Klage gegen ein ungerechtes, neoliberales Wirtschaftssystem. Drittens hat die SPD vor allem während der Finanz- und Wirtschaftskrise sowie zur Bundestagswahl 2009 gezeigt, dass sie keine konkrete Alternative zur „merkelschen“ Politik der Krisenverwaltung anbieten kann. Darüber hinaus konnte die SPD die kapitalismuskritische Debatte, die zum großen Teil wegen der Heuschrecken ausgelöst worden war, nicht konsequent zu Ende führen (Mikfeld und Kellermann 2014: 275–276), da sich jenseits der feindlichen Metaphorik keine größere sinnstiftende Erzählung entwickelte. Diese hätte einen anderen Weg aus der komplexen Krisenlage praktisch vorgezeichnet. Die Partei zeigte sich in der Krise demnach inhaltlich unvorbereitet, erfuhr 2009 eine schwere Niederlage mit massiven Wählerverlusten und verlor dementsprechend erstmals seit 1998 die Regierungsbeteiligung.

Warum die zunächst in der politischen Mobilisierung erfolgreiche Metapher der „Heuschrecke“ im späteren gesellschaftspolitischen Diskurs nahezu völlig verschwand, ist letztlich nicht eindeutig zu erklären, da sich die Praktiken auf den globalen Finanzmärkten nur unwesentlich verändert haben. Die aufgeheizte Debatte über sogenannte gierige Banker, die in den Tagen der Bonner Republik in der breiten Bevölkerung noch einen herausgehobenen Status und Privilegien genossen, spiegelt strukturelle ökonomische Veränderungen. Im Rückblick kann sie als erstes Signal eines sich verändernden Diskurses um Finanzkapitalismus und soziale Ungerechtigkeit gesehen werden. So ist es beispielsweise für Banken mittlerweile weitaus schwieriger geworden, hohe Bonuszahlungen zu rechtfertigen, was letztlich auch mit dem Bild der gierigen Heuschrecke verknüpft ist. Schließlich zeigte sich in der Metapher eine gewisse Radikalisierung im populären Sprachgebrauch, was wiederum als exemplarischer Vorläufer der zunehmenden politischen Polarisierung in der Bundesrepublik Deutschland gedeutet werden kann.

Literatur

Avery, Gayle C/ Bergsteiner, Harald (2013): Locusts. In: Idowu, Samuel O./ Capaldi, Nicholas/ Zu, Liangrong / Das Gupta, Ananda (Hrsg.): Encylopedia of Corporate Social Responsibility. Heidelberg: Springer Reference. 1603-1606.

Bayaz, Danyal (2013): ‚Heuschrecken‘ zwischen Rendite, Reportage und Regulierung. Heidelberg: Springer.

BILD (2005): Interview mit Franz Müntefering. Bild am Sonntag vom 17. April 2005.

Blätte, Andreas (2012): PolMine. Projekt für korpusunterstützte Politikforschung, http://polmine.sowi.uni-due.de/.

Decker, Frank/ Lewandowsky, Marcel (2011): Populismus. Erscheinungsformen, Entstehungshintergründe und Folgen eines politischen Phänomens. In: Agard, Olivier / Helmreich, Christian / Vinckel, Hélène: Das Populäre: Untersuchungen zu Interaktionen und Differenzierungsstragien in Literatur, Kultur und Sprache. (Hrsg.) Göttingen: V&R unipress: 331-352.

Defago, Alfred (2005): Das Lamentieren über die angelsächsische Marktwirtschaft hört nicht auf. Doch Alternativen fehlen. Kapitalismus wird zum Schimpfwort. Neue Zürcher Zeitung.

Elkington, John (2001): The Chrysalis Economy. Oxford: Capstone Publishing.

Gronau, Jennifer/Haunss, Sebastian (2017): Capitalism’s Resilience after the Financial Crisis: A Discursive Explanation. In: Schneider, Steffen / Schmidtke, Henning /Haunss, Sebastian / Gronau, Jennifer (Hrsg.): Capitalism and Its Legitimacy in Times of Crisis. Heidelberg: Springer.

Lotz, Christian und Naumann, Katja (2005): Einleitung. In: Klemm, Thomas / Lotz, Christian/Naumann, Katja (Hrsg.): Der Feind im Kopf. Künstlichere Zugänge und wissenschaftliche Analysen zu Feindbildern. Leipzig: Leipziger Kries.

Metall (2005): metall – Das Monatsmagazin, Ausgabe 5/2005, IG Metal.

Mohler, Peter (1989): Wertekonflikt oder Wertediffusion? Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 41:95–122.

Mikfeld, Benjamin/ Kellermann, Christian (2014): Politische Diskursführung in der Praxis: Eine kleine Fallstudie über den Bundestagswahlkampf 2013. In: Sprache. Macht. Denken. Frankfurt a.M.: Campus 275-276

Münnich, Sascha (2012): ‘Von Heuschrecken und Bienen.’ In Der Aufstieg Der Legitimitäts-politik. Rechtfertigung und Kritik Politisch-ökonomischer Ordnungen, Leviathan Sonderband 27, (Hrgs.) Anna Geis, Frank Nullmeier, and Christopher Daase. Baden-Baden: Nomos, 283–301.

Müntefering, Franz (2004): Freiheit und Verantwortung. Rede bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 19. November 2004 in Berlin. http://www.franzmuentefering.de/reden/pdf/19.11.04.pdf.

Riede, Peter (2009): Heuschrecken. Bibelwissenschaft.de. http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/21146/.

Stern (2005): Kapitalismusdebatte: Die Namen der ‚Heuschrecken‘. 28. April 2005.

Ziationshinweis

Smith, Christopher (2017): Vom Verschwinden einer politisch wirkungsmächtigen Metapher. Eine kurze Genealogie der „Heuschrecke“ im gesellschaftlichen Diskurs, Essay, Erschienen auf: regierungsforschung.de, Online verfügbar unter: http://regierungsforschung.de/vom-verschwinden-einer-politisch-wirkungsmaechtigen-metapher-eine-kurze-genealogie-der-heuschrecke-im-gesellschaftlichen-diskurs/

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