Vorerst gescheitert – Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo

Eines gleich vorweg: dieses Buch braucht niemand. Auch nicht lesen. Wer erfahren will, was „Vorerst gescheitert“ überhaupt substantiell liefert, der tut genüge daran, einen der begleitenden Beiträge im Spiegel, in der Süddeutschen Zeitung, der taz oder in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Hand zu nehmen.

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Vorerst gescheitert – Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo

Dass die auf den ehemaligen Minister womöglich nicht gut zu sprechen sind, ist nicht weiter tragisch: Sie bringen zumindest auf den Punkt, was so schwer auf den Punkt zu bringen ist – wie soll man ein Buch besprechen, ein „Gespräch“ zumal, beim dem die dauernde Hinterfragung „Was soll das eigentlich?“ jeden Lesefluss hemmt?

Vorerst gescheitert

Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo

Verlag Herder, 2011, Freiburg, 208 Seiten, € 19,99, ISBN 978-3-451-30584-9  

Eine Rezension von Klaus Kamps

Eines gleich vorweg: dieses Buch braucht niemand. Auch nicht lesen. Wer erfahren will, was „Vorerst gescheitert“ überhaupt substantiell liefert, der tut genüge daran, einen der begleitenden Beiträge im Spiegel, in der Süddeutschen Zeitung, der taz oder in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Hand zu nehmen. Dass die auf den ehemaligen Minister womöglich nicht gut zu sprechen sind, ist nicht weiter tragisch: Sie bringen zumindest auf den Punkt, was so schwer auf den Punkt zu bringen ist – wie soll man ein Buch besprechen, ein „Gespräch“ zumal, beim dem die dauernde Hinterfragung „Was soll das eigentlich?“ jeden Lesefluss hemmt?

Also denn: Aufgenommen in einem Londoner Hotel (warum dort?), in der zweiten Oktoberhälfte und rechtzeitig zu Weihnachten 2011 auf dem Markt, erzählt der im März 2011 nach der „Plagiatsaffäre“ vom Amt des Verteidigungsministers zurückgetretene Karl-Theodor zu Guttenberg unter gewaltigen Kapitelüberschriften – „Aufstieg und Fall“, „Herkunft und Prägung“, „Politik und Parteien“, „Gegenwart und Zukunft“ – dem Chefredakteur der Zeit, Giovanni di Lorenzo, aus seinem Leben IN der, MIT der, NACH der und VOR der Politik. Er erzählt von der „Doppelbelastung“ (S. 12 f.), einer „Patchworkarbeit“ (S. 14) und dem Zusammenfügen von Bruchstücken, die auf 80 Datenträgern verteilt waren, von Überforderung und verlorenem Überblick, von „blanker Bosheit“ eines SZ-Journalisten (S. 53), von „größtmöglichen Konsequenzen“ (S. 54), von „Schattierungen der Eitelkeit“ (S. 64) – im Journalismus –, von Sargnägeln und Instinkten – in der Politik – und davon: „Eines ist den Jägern nicht gelungen: mich endgültig zur Strecke zu bringen oder dauerhaft aus dem Revier zu vertreiben“ (S. 206 f.). Hier spricht ein Gefallener zu seiner Gemeinde.

Einer Gemeinde, die dringend Trost braucht, zumindest vermittelt sich der Eindruck. Das Buch wird nicht erzählt, um Kritikern zu begegnen, höchstens, um ihnen hier und da noch einen Seitenhieb mitzugeben. (So, beispielsweise, wirft zu Guttenberg dem Juraprofessor Oliver Lepsius, der ihm im Skandal einen „Betrüger“ genannt hat, an gleich zwei Stellen eigene karrieredienliche Ambitionen vor.) Die Intention ist eindeutig nicht, der Plagiatismusdebatte etwas Aufklärendes hinzuzufügen, nicht einmal eine Perspektive – die spielerische Vagheit, mit der zu Guttenberg den Skandal selbst hantierte, setzt sich im Gesprächsband konsequent fort. Auch seine Verteidigungsstrategie stellt sich über rund 30 Seiten wieder und wieder ein: dass es sich bei seiner Dissertation nicht um eine strafbewehrte Verletzung von Urheberrechten handele, da er eben nicht vorsätzlich gehandelt habe. Einzig eines, meiner Erkenntnis nach, ist neu aus seinem Munde: Das Argument, die plumpen kleinen Änderungen, die er den Fremdabsätzen antat und die für viele ein Hinweis auf eben jenen Vorsatz waren, schuldeten sich schlicht einer hektischen „Schlussredaktion“ (S. 24). Näheres wird nicht erläutert. Seinen Anhängern wird es reichen, so, wie alles zuvor genug war.

Doch das Buch ist natürlich mehr. Mehr als „nur“ eine Verteidigungsschrift. Ein auf die Kategorie des „Fehlens“ reduzierter Band ist offenbar nicht opportun. Zwar nimmt der Bezug auf das Amt und natürlich der Abgang vom Amt den Großteil ein (und liest sich wie ein politisches Psychogramm), das Ganze geriete thematisch zu asymmetrisch, ginge es nicht doch noch um das Große. Das hat etwas gespenstisch Schlichtes. Wie sonst lässt sich die Bemerkung zu Guttenbergs fassen, mit seinem Besuch am Ground Zero in New York zum 10. Jahrestag der Anschläge habe er versucht, ein „transatlantisches Zeichen“ (S. 52) zu setzen? Ein ehemaliger Minister? Und dies ist nur ein Beispiel.

Tatsächlich ließen sich jede Menge derartiger Fragezeichen jenseits der Skandalbearbeitung einwerfen. Zeitlich betrachtet, erscheint das Buch in einer Phase, die es dem Gestrauchelten noch erlaubt, erklärungs- und bedeutungsschwanger ins mediale Scheinwerferlicht zurück zu schleichen, bevor 2012 die Wahlkreiskandidaten benannt werden oder Parteien gegründet werden müssten. Sachlich ist es zweidimensional zu lesen: einerseits die Dimension des Skandals, der er jenseits der metakommunikativen Ebene – er meldet sich zu Wort – im Kern nichts beizufügen weiß, außer vielleicht, dass er Zurückzutreten versteht, im doppelten Wortsinn. Andererseits bietet der Band – alles andere als ein knackiges Interview mit Schlagabtauschcharakter (und keineswegs ein „Streitgespräch“, wie di Lorenzo im Vorwort meint) – dem ehemaligen Minister reichlich Spielraum zur politischen Fabel: zur Amtsführung als Wirtschafts- und Verteidigungsminister (einschließlich der Aufgeregtheiten und ihren medialen Bewältigungen), zur Energiewende, zum Kontakt der Politik mit der Bevölkerung, zur mangelnden intellektuellen Debatte, zu Klimaschutz, 60 Jahren Friede, Charisma und mehr und in ähnlicher Reihenfolge. Überhaupt: Warum fragt di Lorenzo zu Guttenberg – den „personifizierten Weltbürger“ (S. 185) – nach Deep Purple oder AC/DC, nach dem Neoliberalismus und der fehlenden Ahnung von Politikern und Journalisten? Nach Kohl als Vorbild? Nach Spitznamen? Nach Griechenland, Bengasi? Nach dem Verschwinden guter Redner von der politischen Bühne? Welche Weisheiten werden da erwartet? Keine, vermutlich, nur die Platituden, die unvermeidlichen – und sie kommen. Ein Lehrbuch des politischen Geredes.

Die interessanteste Dimension des langen Gesprächs dürfte indes die soziale sein: sie macht weit mehr aus, als die Andeutung eines Imagewechsels mittels neuer Frisur und fehlender Brille. Da sind sie natürlich, die alten Eitelkeiten und Verletztheiten, eingewoben in biographische Heroen des „Sonnenbubs“ (S. 106). Der Universität Bayreuth spricht er mit nachgerade ungebrochener Arroganz Unabhängigkeit, Zuständigkeit und Kompetenz ab, Angst vor dem Verlust von Forschungsmitteln zu. Zu Guttenberg erklärt die unerträglichen Zumutungen im Parlament, als er während des Skandals Rede und Antwort stehen musste – und das Präsidium den Anwürfen des Plenums kein Einhalt gebot. Er erzählt vom fehlenden Anstand parteininterner Kritiker, von „gewissen Gesetzmäßigkeiten“ (S. 50) im journalistischen Betrieb, von „schweren inneren Erschütterungen“ (S. 202) und den „Schweißperlen“ (S. 205) der Anderen (für 2013), von Prinzipien und davon, dass er sich jetzt endlich den wirklich wichtigen Dingen widmen könne. Gleichwohl: Wer sich dem (politischen) Menschen zu Guttenberg über das Gespräch nähern möchte, den hält der ewige Konjunktiv auf – ein nachgerade stilistischer Zug in zu Guttenbergs Rede: „Aber wenn ich wüsste, dass ich das absichtlich gemacht hätte, würde ich dazu stehen.“ (S. 35)

Schlimmer noch: der ungebrochene Wille, Unsinn zu erzählen. Ein Schlüsselbeispiel: Gefragt nach der fehlenden Brille, erzählt zu Guttenberg, eine „reizende indische Ärztin“ (S. 149) habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass er gar keine Brille brauche. Eine reizende indische Ärztin? Hat jemanden, der reist, liest, Vorträge hält, mit seinen Kindern spielt usf. usf. darauf aufmerksam machen müssen? Dass er auch ohne Brille gut sieht?

Was bleibt? Ein nicht-gelittenes Ego, ein überzogener Titel, der Versuch einer biographischen Skizze, die Ahnung einer populistischen Kultur, der die Idee der Abrechnung besser gefällt als das Argument. Oder auch nur dies: Die Parallelwelt eines gekränkten, bisweilen bizarren Politikers, den es mit mehr Verve als Selbstreflexion in den Berliner Betrieb zurückzieht, weil er dessen Mittelmaß nicht zu ertragen vermag. Man darf gespannt sein – wie lange das Gerede von der Begabung dem gesprochenen Wort standhält. Aber dazu hätte es des Buches nicht wirklich bedurft.

Vorerst gescheitert – Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo. Bestellung und Information beim Verlag Herder.

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