Der elektorale Niedergang der LINKEN setzte sich 2024 nicht nur fort, sondern erreichte lange Zeit unvorstellbare Tiefpunkte. Bei den letzten Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg gelang es der Partei nicht, an alte Erfolge anzuknüpfen. Setzt sich der „Sinkflug in die Bedeutungslosigkeit“ fort oder gelingt es der Partei mit einer neuen Führung durchzustarten? Dr. Hendrik Träger von der Universität Leipzig analysiert die Situation der LINKEN nach den Wahlen und vor dem Bundesparteitag.
„Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab. Aber heute darf man einen riskieren“, sagte der Journalist Hanns Joachim Friedrichs zu Beginn der Tagesthemen-Sendung am 9. November 1989. Auch wenn man die von Friedrichs angemahnte Vorsicht walten lässt, kann das Jahr 2024 als das annus horribilis der Linken bezeichnet werden.
Das annus horribilis einer Partei: DIE LINKE nach den Wahlen 2024
Autor
Dr. Hendrik Träger arbeitet als Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Politikwissenschaft der Universität Leipzig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Parteien, Wahlen und Koalitionen auf Landes- und Bundesebene sowie der Föderalismus in Deutschland.
„Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab. Aber heute darf man einen riskieren“, sagte der Journalist Hanns Joachim Friedrichs zu Beginn der Tagesthemen-Sendung am 9. November 1989. Auch wenn man die von Friedrichs angemahnte Vorsicht walten lässt, kann das Jahr 2024 als das annus horribilis der Linken bezeichnet werden. Unmittelbar vor ihrem Bundesparteitag, der vom 18. bis zum 20. Oktober 2024 in Halle (Saale) stattfinden wird, befindet sich die Partei weiterhin auf dem nach der Bundestagswahl 2021 von Anna-Sophie Heinze (2023, S. 221) beobachteten „Sinkflug in die Bedeutungslosigkeit“ und hat immer wieder neue Tiefpunkte erreicht.
Die vorliegende Analyse skizziert die Situation der Linken im Herbst 2024, indem sie sowohl auf die Ergebnisse der Europa- und Landtagswahlen in diesem Jahr als auch auf die innerparteiliche Situation eingeht. Letztlich stellt sich die Frage, ob sich der „Sinkflug in die Bedeutungslosigkeit“ fortsetzt und Die Linke knapp zwei Jahrzehnte nach ihrer Gründung (2007) als relevanter Akteur aus der politischen Arena verschwindet oder – um in der Fliegersprache zu bleiben – das Steuer herumreißen und mit einer neuen Parteiführung durchstarten kann.
Historisch schlechte Ergebnisse bei Europa- und Landtagswahlen 2024
Der elektorale Niedergang der Linken ist ein bereits länger zu beobachtetes Phänomen und setzte nicht erst mit der Gründung des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) ein: Ein erster Tiefpunkt war bei der Bundestagswahl 2021 zu verzeichnen, als die Partei ihren Zweitstimmenanteil fast halbierte, mit 4,9 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, aber dank drei gewonnener Direktmandate ((Gregor Gysi, Gesine Lötsch und Sören Pellmann gewannen ihre Wahlkreise in Berlin und Leipzig.)) die Grundmandatsklausel auslöste und nur deshalb mit 39 Abgeordneten doch noch in Fraktionsstärke im Parlament vertreten war (vgl. Bundeswahlleiter 2022). Nach diesem „desaströse[n] Ergebnis“ (Heinze 2023, S. 236) folgten weitere Niederlagen bei den Landtagswahlen 2022 und 2023. In Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern, wo Die Linke bereits außerparlamentarisch war, sanken ihre Stimmenanteile noch weiter. Im Saarland und in Hessen schied die Partei erstmals seit ihrer Gründung aus dem jeweiligen Landtag aus. Demgegenüber ist sie in Berlin und Bremen nach minimalen Verlusten weiterhin im Landesparlament vertreten; in der Hansestadt blieb sie – anders als in der Bundeshauptstadt – auch an der Regierung beteiligt.
Der elektorale Sinkflug der Linken setzte sich 2024 nicht nur fort, sondern erreichte lange Zeit unvorstellbare Tiefpunkte: Bei der Europawahl am 9. Juni stürzte die Partei mit 2,7 Prozent auf ihr mit Abstand schlechtestes Ergebnis bei einer bundesweiten Wahl ab. Die Dimension des Absturzes wird daran deutlich, dass das Resultat sogar noch deutlich unter den Werten der nicht über den Status „eine[r] ostdeutsche[n] Regionalpartei“ (Oppelland und Träger 2014, S. 16) hinausgekommenen PDS liegt. Nur aufgrund der fehlenden Sperrklausel bei Europawahlen in Deutschland ist die Partei immerhin noch mit drei Abgeordneten im Europäischen Parlament vertreten (vgl. Bundeswahlleiterin 2024). Die Stimmenanteile der Linken sind bereits seit der Europawahl 2014 in unterschiedlichem Maße rückläufig (siehe Abbildung 1).

Ebenso wie bei der Bundestagswahl 2021 verhalf die Grundmandatsklausel der Linken bei der sächsischen Landtagswahl am 1. September 2024 zum Wiedereinzug in das Landesparlament: Erstmals scheiterte die Partei bei einer ostdeutschen Landtagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde. Der Stimmenanteil, der im Freistaat seit nunmehr eineinhalb Jahrzehnten rückläufig ist, sank auf 4,5 Prozent (siehe Abbildung 1). Dass Die Linke trotzdem mit sechs Mandaten weiterhin im Landtag vertreten ist, verdankt sie den zwei gewonnenen Direktmandaten in Leipzig. Neben der langjährigen Abgeordneten Juliane Nagel, die ihr Mandat verteidigen konnte, setzte sich mit Nam Duy Nguyen ein politischer „Newcomer“ (Daniel 2024, S. 11), der im Wahlkampf unter anderem von der Kampagnenorganisation Campact unterstützt wurde, in seinem Wahlkreis durch. In der neuen Legislaturperiode erreicht Die Linke, die – ihre Vorgängerorganisation PDS mitgerechnet – zwischen 1999 und 2019 die größte Oppositionsfraktion stellte, nur noch knapp den Fraktionsstatus und dürfte bis auf Weiteres in der sächsischen Landespolitik keine substanzielle Rolle mehr spielen.
Der Befund der politischen Bedeutungslosigkeit trifft in noch stärkerem Maße auf Die Linke in Brandenburg zu: Der märkische Landesverband stürzte bei der Landtagswahl am 22. September 2024 von 10,7 auf 3,0 Prozent ab und gewann – im Gegensatz zu den Genossinnen und Genossen in Sachsen – kein Direktmandat, um über die Grundmandatsklausel in das Parlament einziehen zu können. Aufgrund des historisch schlechten Wahlergebnisses scheidet Die Linke erstmals aus einem ostdeutschen Landtag aus. Infolgedessen muss die Partei, die früher erst als größte Oppositionsfraktion (1999-2009) und danach als Regierungspartei in einer rot-roten Koalition mit der SPD (2009-2019) zu den wichtigsten politischen Akteuren in Brandenburg gehörte, in den nächsten Jahren ein außerparlamentarisches Dasein fristen. Die Dimension dieses Absturzes wird auch daran deutlich, dass der Stimmenanteil seit 2004, als die damalige PDS 28,0 Prozent erreicht hatte, fast um neun Zehntel zurückging (siehe Abbildung 1).
Eine andere Situation als in Brandenburg und Sachsen ergibt sich in Thüringen: Bei der dortigen Landtagswahl am 1. September 2024 stürzte die Partei, die seit 2019 die größte Fraktion stellte, zwar von 31,0 auf 13,1 Prozent der Stimmen und damit auf ihr zweitschlechtestes Ergebnis seit der Wiedervereinigung ab (siehe Abbildung 1). Dass ihr elektoraler Absturz aber nicht so dramatisch wie in Brandenburg und Sachsen war, dürfte Die Linke ihrem Ministerpräsidenten Bodo Ramelow zu verdanken haben. Trotz deutlich gesunkener Popularitätswerte „bevorzugen die Thüringer den Amtsinhaber, wenn es um den gewünschten Regierungschef geht, vor den Spitzenkandidaten der anderen Parteien“, wie die Forschungsgruppe Wahlen (2024, S. 1) berichtet. Aufgrund der schwierigen Mehrheitsverhältnisse im Landtag ist zu erwarten, dass Die Linke als nunmehr viertgrößte Fraktion auch nach dem Ende der rot-rot-grünen Minderheitsregierung und dem bevorstehenden Auszug Ramelows aus der Staatskanzlei eine wichtige Rolle in der Thüringer Landespolitik spielen wird. Die angestrebte Koalition aus CDU, BSW und SPD würde lediglich über 44 der 88 Mandate verfügen und wäre auf die Unterstützung mindestens eines anderen Abgeordneten angewiesen, um eine parlamentarische Mehrheit zu erreichen. Dafür käme nach gegenwärtiger Lage der Dinge allenfalls jemand aus den Reihen der Linken infrage, denn eine wie auch immer gestaltete Zusammenarbeit mit der AfD haben alle anderen im Landtag vertretenen Fraktionen bislang ausgeschlossen. Insofern könnte Die Linke – gewissermaßen im Wechsel mit der CDU – die Rolle des Mehrheitsbeschaffers einer Minderheitsregierung übernehmen.
Die erheblichen Stimmenverluste sind das Resultat umfangreicher Abwanderungsströme in unterschiedliche Richtungen: Bei der Europawahl verlor Die Linke – ausweislich der Daten von Infratest dimap (vgl. Tagesschau 2024a) – mehr als eine Million Wählerinnen und Wähler. Fast die Hälfte (45 %) wechselte zu dem erst fünf Monate zuvor gegründeten BSW. Und ein reichliches Drittel (37 %) derer, die vor fünf Jahren für die Linke votiert hatten, entschied sich nunmehr gegen eine Stimmabgabe bei der Europawahl (siehe Abbildung 2). Während sich also die eine Gruppe von einem neuen politischen Angebot überzeugen ließ und zusammen mit Sahra Wagenknecht die Seiten wechselte, war die andere Gruppe offenbar sowohl von der Linken als auch von den anderen Parteien enttäuscht und machte am Wahltag nirgendwo ein Kreuz.

Wesentlich größer als bei der Europawahl waren die Verluste der Linken an das BSW bei den drei Landtagswahlen im September 2024 (vgl. Tagesschau 2024b-d): In Sachsen stimmten zwei von drei ehemaligen Wählerinnen und Wählern der Linken (68 %) für die neue Partei von Sahra Wagenknecht; in Brandenburg (57 %) und Thüringen (55 %) ging jeweils mehr als die Hälfte diesen Weg. Von den anderen Parteien konnten in unterschiedlichem Maße SPD (Brandenburg: 32 %; Thüringen: 15 %; Sachsen: 7 %), CDU (Thüringen: 26 %; Sachsen: 18 %) und AfD (Thüringen: 15 %; Brandenburg: 8 %; Sachsen: 7 %) profitieren (siehe Abbildung 2).
Innerparteiliche Situation der Linken vor dem Bundesparteitag 2024
Dass sich das Wahljahr 2024 für Die Linke zum annus horribilis entwickelte, mag zwar in diesen Dimensionen nicht absehbar gewesen sein, kann allerdings mit Blick auf die internen Konflikte und die öffentliche Wahrnehmung der Partei in den letzten Jahren auch nicht wirklich überraschen. Vor genau zehn Jahren schrieben Torsten Oppelland und ich im Fazit unseres Buches über Die Linke die folgenden Sätze:
„Eine Konstellation, in der inhaltlich-ideologische Konflikte in der Partei mit personellen Rivalitäten und konfligierenden Ambitionen verknüpft werden, ist alles andere als unwahrscheinlich. Solche Konstellationen können (…) ein großes selbstzerstörerisches Potenzial in der Linken entwickeln.“ (Oppelland und Träger 2014, S. 232)
Dieses „selbstzerstörerische Potenzial“ hat sich im zurückliegenden Jahrzehnt offenbar immer mehr manifestiert. Auch wenn die in der Linken sowie bereits früher in der PDS vorhandene „Macht der Strömungen“ (Oppelland und Träger 2012, S. 189) und die damit verbundene, zumindest phasenweise zu beobachtende Ohnmacht der jeweiligen Parteiführung berücksichtigt werden, bleibt zu konstatieren, dass die innerparteilichen Konflikte in den letzten Jahren erheblich zugenommen haben. Die öffentlichkeitswirksamen und für die Partei einschneidenden Höhepunkte fanden zum einem im Oktober 2023, als Sahra Wagenknecht, Amira Mohamed Ali und andere aus der Linken austraten, um eine neue Partei zu gründen, und zum anderen mit der Auflösung der Bundestagsfraktion im Dezember 2023 statt.
Den Austritten waren jahrelange Auseinandersetzungen über die inhaltlich-programmatische Ausrichtung der Partei vorausgegangen: Nachdem infolge der verstärkten Zuwanderung von Asylsuchenden die Migrationspolitik ab 2015 an Bedeutung gewonnen hatte und die AfD auch aufgrund von Abwanderungen von der Linken elektorale Erfolge verbuchen konnte, wurde in der Partei über die migrationspolitischen Positionen diskutiert. Umstritten war insbesondere, ob Die Linke an ihrer humanitären Politik festhalten und gegebenenfalls auf zur AfD abgewanderte Wählerinnen und Wähler verzichten sollte oder ihre Politikinhalte zumindest teilweise an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen sollte, um wenigstens einen Teil der Wählerinnen und Wähler zurückgewinnen zu können. Die zweite Variante favorisierte unter anderem Sahra Wagenknecht (2016), die beispielsweise in einem Zeitungsinterview erklärte, „dass Kapazitäten nicht unbegrenzt sind“, damit gegen die asylpolitische Beschlusslage ihrer (damaligen) Partei argumentierte und deshalb kritisiert wurde. Die Differenzen um die inhaltliche Ausrichtung der Linken spitzten sich dann so weit zu, dass Wagenknecht im September 2018 die überparteilich angelegte Sammlungsbewegung aufstehengründete. Mit ihrem „Angebot für alle, die mit der herrschenden Politik unzufrieden sind und sich eine Erneuerung des Sozialstaats und eine friedliche Außenpolitik wünschen“ (Wagenknecht 2018, S. 25), scheiterte die damalige Co-Vorsitzende der Bundestagsfraktion allerdings (vgl. Träger 2018 und 2020).
Die Konflikte schwelten jedoch weiter beziehungsweise brachen auch offen aus. Letztlich konnten sich Wagenknecht und ihr Umfeld mit dem Ansinnen eines Kurswechsels innerhalb der Linken nicht durchsetzen und entschieden sich im Laufe des Jahres 2023 für die Gründung einer eigenen Partei. Dazu kam es im Januar 2024, als das Bündnis Sahra Wagenknecht – Vernunft und Gerechtigkeit gegründet wurde. Mit dem Austritt von Wagenknecht war Die Linke zwar eine wichtige Protagonistin der innerparteilichen Konflikte los, verlor aber auch eine „wortgewandte, zuspitzende Diskutantin“ (Jesse und Lang 2012, S. 361). Das könnte sich für die Partei letztlich noch als Pyrrhussieg entpuppen. Einerseits könnten die innerparteilichen Konflikte beruhigt werden; andererseits entstand mit dem BSW eine Konkurrenz, die schon im ersten Dreivierteljahr nach ihrer Gründung Die Linke bei drei von vier Wahlen in den Bereich der politischen Todeszone katapultierte. So wie Wagenknecht in der Partei „Segen und Fluch zugleich“ (Träger 2020, S. 162) war, könnte sie das – gewissermaßen mit umgekehrten Vorzeichen – auch nach ihrem Austritt sein. Die wegen ihren Positionen umstrittene, aber öffentlichkeitswirksame Wahlkämpferin steigt nunmehr für ihre eigene Partei in den Ring.
Eine weitere Herausforderung für Die Linke besteht darin, dass die Partei – mit Ausnahme der ersten drei Jahre nach ihrer Gründung (2007-2009) sowie der Bundestagswahljahre 2013, 2017 und 2021 – kontinuierlich Mitglieder verliert (siehe Abbildung 3). Zwischen 2009 und 2023 hat sich der Mitgliederbestand von 78.046 auf 50.251 um mehr als ein Drittel reduziert. Dieser deutliche Rückgang trug letztlich dazu bei, dass Die Linke mittlerweile wesentlich weniger Mitglieder als Bündnis 90/Die Grünen und die FDP hat (vgl. Niedermayer 2014, S. 420, und 2024, S. 400). Der Partei kommen also nicht nur die Wählerinnen und Wähler, sondern auch die Mitglieder abhanden. Und das ist eine schlechte Voraussetzung für einen Neustart der Linken. Einer Partei mit rückläufigen Mitgliederzahlen fehlt – zumindest perspektivisch – das Personal für eine flächendeckende Organisationsstruktur und eine entsprechende Kampagnenführung. Wenn die Parteiarbeit und die Wahlkämpfe aber in zunehmendem Maße nur noch auf regionale respektive lokale Hochburgen konzentriert sein könnten, dürfte es künftig immer schwieriger werden, Wählerinnen und Wähler sowie Mitglieder zu rekrutieren.

In dieser Gemengelage aus neuer politischer Konkurrenz, elektoralen Tiefpunkten und rückläufigen Mitgliederzahlen muss Die Linkeauf ihrem bevorstehenden Bundesparteitag in Halle (Saale) eine neue Parteiführung wählen. Dies ist notwendig geworden, weil die bisherigen Parteivorsitzenden am 18. August 2024 – also zwei Wochen von den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen sowie zwei Monate vor dem Bundesparteitag – erklärten, nicht erneut für ihre Ämter zu kandidieren. Janine Wissler (2024), die seit Februar 2021 an der Spitze ihrer Partei steht, begründete ihre Entscheidung damit, „dass es in Teilen der Partei den Wunsch nach einem personellen Neuanfang gibt.“ Ihr Co-Vorsitzender Martin Schirdewan (2024), der erst 2022 in das Amt gewählt worden war, erklärte, „dass unsere Partei in der jetzigen Situation neue Perspektiven und Leidenschaft braucht, um die notwendige Erneuerung voranzutreiben.“
Fazit
Ob der „Neuanfang“ respektive die „Erneuerung“ gelingt, wird vor allem von dem neuen Führungspersonal und der innerparteilichen Stimmungslage nach mehreren mit historisch niedrigen Stimmenanteilen verlorenen Wahlen abhängig sein. Angesichts der bundesweiten Sonntagsfragen, in denen die Partei seit Dezember 2023 kontinuierlich unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde rangiert (siehe Abbildung 4), sind die Herausforderungen für Die Linke bis zur Bundestagswahl im September 2025 immens groß.

Anmerkungen: Bei mehreren Sonntagsfragen in einem Monat wird jeweils der höhere Wert angegeben. Für Juni 2024 liegen keine Daten von Infratest dimap vor. In der Umfrage für August 2024 hat Infratest dimap DIE LINKE bei weniger als drei Prozent gesehen und deshalb der Gruppe der „Sonstigen“ zugeordnet; dies wird in der Grafik mit dem Wert 2 abgebildet.
Die neue Parteiführung steht – wie bereits ihre Vorgängerinnen und Vorgänger in den letzten Jahren – vor der Herkulesaufgabe, „unterschiedliche Ambitionen und Rivalitäten so zu managen, dass es keine für die Partei zerstörerischen Folgen haben wird“ (Oppelland und Träger 2014, S. 232). Für den Parteivorsitz haben sich bisher (23.09.2024) zwei Personen beworben: Ines Schwerdtner, die erst im August 2023 in Die Linke eingetreten ist und 2024 mit Listenplatz 5 erfolglos für das Europäische Parlament kandidiert hatte, und der frühere Bundestagsabgeordnete Jan van Aken. ((Die Kandidatinnen und Kandidaten für alle Ämter, über die auf dem Bundesparteitag abgestimmt wird, sind auf der Homepage der Linken (https://www.die-linke.de/partei/parteidemokratie/parteitag/hallescher-parteitag/kandidaturen/) aufgelistet.)) Die 35-Jährige aus dem Landesverband Sachsen-Anhalt und der 63-jährige Hamburger, die mittlerweile explizit als Team antreten, könnten aufgrund ihres Alters und ihrer unterschiedlichen Lebenswege – einerseits die Newcomerin und andererseits der politisch Erfahrene – ein geeignetes Tandem für die oben beschriebene Herkulesaufgabe und damit für die Rettung der Linken vor dem Absturz in die politische Bedeutungslosigkeit sein. Bei der Bundestagswahl 2025 wird sich zeigen, ob das Jahr 2024 tatsächlich das einzige annus horribilis der Linken gewesen sein wird.
Literatur
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Zitationshinweis:
Träger, Hendrik (2024): Das annus horribilis einer Partei: DIE LINKE nach den Wahlen 2024, Kurzanalyse, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online Verfügbar: https://regierungsforschung.de/das-annus-horribilis-einer-partei-die-linke-nach-den-wahlen-2024/
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