Der Club of Rome und das Wuppertal Institut entwerfen in ihrem Band Earth4All zwei Szenarien für den Umgang mit der Klimakrise in Deutschland. Basierend auf Simulationen zeigen sie auf, wie mit den Herausforderungen des Klimawandels umgegangen werden kann. Earth4All zeigt, wie Politik statt krisengetrieben vorausschauend gestaltend agieren kann, resümiert Jürgen Turek, Inhaber der Turek Consultant und Senior-Fellow am Centrum für angewandte Politikforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dabei werden Konflikte nicht ausgelassen.
Es herrschen Konfusion und Streit im Land angesichts der scheinbaren Unlösbarkeit des Konflikts zwischen Ökologie, Ökonomie und der sozialen Frage der Globalisierung. So scheint es, seitdem sich die Schattenseiten von Globalisierung, Krieg und politischer Polarisierung wie Mehltau über die Befindlichkeit der Deutschen legen. Dabei sind die Herausforderungen, vor denen Deutschland steht, enorm.
The Club of Rome mit Wuppertal Institut: Earth4All Deutschland
Oekom Verlag, München, 2024, 280 Seiten, ISBN 978-3-98726-111-4, 26,00 Euro
Autor
Jürgen Turek, M. A., ist Inhaber der Turek Consultant in München und Senior Fellow am Centrum für angewandte Politikforschung (C•A•P) der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Szenario I: „Too Little, Too Late”
Auf diesen Entwicklungspfad braucht man an dieser Stelle nicht mehr groß eingehen. Die Erwartungen hinsichtlich einer Temperaturerhöhung im jährlichen Mittel von über zwei Prozent sind bekannt und fachlich ausreichend reflektiert. Auch ist bekannt, ab wann im Jahr die natürlichen Ressourcen der Erde verbraucht sind und der Raubbau beginnt. Alles dies greift die Studie sauber auf und stellt die Dinge klar. Was hier wichtiger ist, sind in Summe die gesellschaftlichen Konsequenzen, die es zu managen gilt. Die Studie spricht von sozialen „Kippmomenten“ (S.37). Sie zeigen an, ab wann die sozio-ökonomische und sozio-ökologische Lage kippt wie Sauermilch und welche Hebelpunkte es dann überhaupt noch gibt, an denen angesetzt werden kann, um das Szenario „Too Little, Too Late“ zu verhindern. Die Hebelpunkte sind Armut, Ungleichheit, Empowerment, Ernährung und Energie, die seit dem ersten „Erdgipfel“ 1992 in Rio de Janeiro, 1997 in Johannesburg und 2002 nochmals in Rio als globale Prioritäten identifiziert wurden. Hinzu kamen die Klimagipfel, auf denen eine Obergrenze des durchschnittlichen Temperaturanstiegs verhandelt worden ist. Alles bisher nur mit mäßigem Erfolg. Schlimmer noch ist dabei die aktuelle Lage: „… der Abgrund einer dystopischen Weltentwicklung durch Ausweitung des russischen Krieges gegen die Ukraine und des Krieges im Nahen Osten sowie durch die Zuspitzung der Klimakatastrophe ist näher gerückt“ als je zuvor (S. 28).
Szenario II: „Giant Leap“
Das zweite Szenario des „großen Sprungs“ setzt an den absehbaren katastrophalen Kippunkten der deutschen Gesellschaft an. Als Prämisse formuliert es einen zielorientierten, beschleunigten wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel, um Treibhausneutralität für das Land zu erreichen. Branchen mit fossilen Risiko- und Hochrisikotechnologien (wie Atomkraft) müssten schrumpfen. Grüne Zukunftsbranchen (wie erneuerbare Energien, nachhaltige Mobilität, Energie- und Ressourceneffizienz) und sozial wichtige Bereiche (wie Bildung, Gesundheit, Altenpflege oder Kultur) müssen schneller wachsen. Dieser sozioökonomische Strukturwandel führe gleichzeitig zu Wachstum und zu Schrumpfungen – und damit letztlich zur Wohlergehensökonomie. Diese – und das zeigt diese neue Studie auf – sei möglich, wie zahlreiche Indikatoren etwa zum Wachstum alternativer Energien oder der Veränderung gesellschaftlicher und unternehmerischer Verhaltensweisen bereits heute zeigten. Viele wissenschaftliche Zukunftsprojektionen und Szenarien haben darüber hinaus gezeigt, dass sich Treibhausgasneutralität und wirtschaftliche Entwicklung miteinander vereinbaren ließen. Positive Zukunftsbilder so aufzubereiten, dass eine gesellschaftliche Aufbruchsstimmung und positive Narrative für sozialökologische Veränderung daraus entstehen können, ist die Motivation dieser Untersuchung.
Systemische Politik und ganzheitliches Denken
Es ist gut, dass es wieder eine aktuelle Studie zu den Auswüchsen der globalen Industrialisierung gibt. Die bisherigen Erhebungen des Club of Rome und anderer wichtiger Messstationen weltweit werden dadurch aktualisiert und der Leser gewinnt einen guten Überblick über den Ernst der Lage und die Dringlichkeit der Situation. Und es ist gut, dass Earth4All Deutschland mit renommierten Wissenschaftlern des Wuppertal Instituts gemeinsam erarbeitet worden ist, die über spezifisches Wissen zum deutschen Fall verfügen. Je mehr Renommee ein solches Unterfangen hat, desto besser sind Wirkung und Akzeptanz. Dazu dienen auch die angewandten wissenschaftlichen Instrumente, die die Logik und Validität der Modellszenarien unterfüttern. Die moderne Szenariotechnik bietet zudem das systematische Denken unterschiedlicher Entwicklungspfade an. Der Club of Rome bedient sich des Modells der „Integrated Sustainable Development Goals“, das er im Laufe der Jahrzehnte selbst entwickelt hat und das die gesellschaftlichen Kippmomente und die Wechselwirkungen zwischen ihnen simuliert. Mit diesem Ansatz hat sich der Club in der internationalen Forschung einen Namen gemacht. Das Ergebnis für Deutschland dabei ist: Es drohe die Gefahr, dass Deutschland bei einem Politikwechsel oder gesellschaftlichem Gegenwind in das Szenario „Too Little, Too Late“ abfallen könnte. Ein solcher Rückschritt würde Deutschlands Ambitionen eines sozio-ökonomischen und sozio-ökologischen Umbaus verheerend treffen und die Reputation des Landes als stabile Technologienation in der Welt zerstören. Die mit dem „Giant Leap“ verbundenen Vorteile und „Co-Benefits“, Synergieeffekte und positiven Wechselwirkungen zwischen den notwendigen Wenden (Armutswende, Ungleichheitswende, Empowermentwende, Ernährungswende und Energiewende) gingen verloren. Die Politik würde wieder nur krisengetrieben agieren, statt mit vorausschauender Kriseneindämmung und visionärer Kraft die gesellschaftliche Entwicklung zu gestalten. Deshalb sei eine systemische Politik vonnöten, die holistisch angelegt sei und den technologischen Fortschrittsgedanken, das ökonomische Wachstumsdenken und die Wohlfahrtspolitik zusammenbringe. Earth4All gelingt genau dies, spricht in den einzelnen Kapiteln dabei aber auch alle höchst unangenehmen Konflikte an, die in der Konsequenz damit in Deutschland zum Beispiel mit Blick auf die karbonisierte Mobilität oder die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen verbunden sind.
Zitationshinweis:
Turek, Jürgen (2024): The Club of Rome/ Wuppertal Institut. Earth4All Deutschland. Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online Verfügbar: https://www.regierungsforschung.de/the-club-of-rome-mit-wuppertal-institut-earth4all-deutschland.
This work by Jürgen Turek is licensed under a CC BY-NC-SA license.


