
Volker Resing
Friedrich Merz
Sein Weg zur Macht
Herder Verlag Freiburg u.a. 2025
223 Seiten
Der Journalist und Buchautor Volker Resing beginnt mit einem starken Statement:
„Merz‘ wirtschaftlicher Erfolg löst Skepsis statt Bewunderung aus, typisch deutsch vielleicht. Seine geschliffene Rede und Schlagfertigkeit, im Prinzip bewundernswert, sorgen aber für Distanz und Abstand. Sein bürgerlich-korrektes Auftreten ist kein unmittelbarer Sympathiebringer, wirkt auf manche eher arrogant. Doch, so sagt es der Merz-Kenner, wenn die Krise groß ist, wenn die Menschen Sorge um Wohlstand und Sicherheit haben und die Alternative unmöglich erscheint, wenn dieses ‚Doch‘ groß genug ist, dann könnte es anders kommen. Dann könnten die Deutschen im Unbequemen das Notwendige sehen und so jemanden wie Merz wählen.“ (S. 13)
Es ist mittlerweile eingetreten: Merz ist Kanzler. Resing hat das Buch 2024 abgeschlossen und viele Auftritte von Friedrich Merz mitverfolgt. Er hat das Buch entwickelt im Bewusstsein der Kanzlerkandidatur des Sauerländers. Aufklärung zum Thema Merz ist extrem notwendig, denn über 20 Jahre hatte sich der Kandidat abseits der Öffentlichkeit in der Wirtschaft engagiert. Wenn er sich zur Politik äußerte, dann immer extrem kritisch zur Merkel-Politik mit einer Außenperspektive, die für Wirtschaftsmanager typisch ist: besserwisserisch. Die Steuerungsmodelle von Unternehmen hat er dabei auf die Politik oft übertragen, was notwendigerweise zu Schieflagen der Interpretation kommen muss. Denn Steuerung in der Politik und Steuerung in der Wirtschaft sind extrem unterschiedlich. Fluide Machtgrundlagen, Ungewissheit nicht nur in der Entscheidungslage, sondern auch hinsichtlich der Mehrheiten kennt nur die Politik, nicht die Wirtschaft. Aber Merz hat im dritten Anlauf die CDU Führung übernommen, ist zurückgekehrt in den Raum des Politischen und urteilt seitdem in der Regel abgewogener, oft präsidialer, in der kommunikativen Logik der Politik. Die Mehrheit tendiert politisch mittlerweile zu mitte-rechts in Deutschland. Merz ist die Antwort darauf. Die progressive Mitte der Merkel Zeit hat sich verflüchtigt oder marginalisiert. Merz ist der Protagonist des neuen Zeitgeistes, der konservativer daherkommt.
Das Buch von Volker Resing bietet eine fundierte und differenzierte Biografie des CDU-Politikers Friedrich Merz. Resing, ein ausgewiesener Kenner der CDU, zeichnet den politischen Werdegang von Merz nach, von seinen Anfängen über seinen Rückzug aus der Politik bis hin zu seinem Comeback als Parteivorsitzender und schließlich zum Bundeskanzler.
- Der politische Aufstieg und das Comeback: Resing beschreibt detailliert, wie Merz nach seinem Rückzug aus der Politik den Wiedereinstieg schaffte und sich gegen Widerstände innerhalb der CDU durchsetzte. Dabei wird deutlich, dass sein Weg zur Macht selten geebnet war und von Rückschlägen geprägt wurde.
- Gegenentwurf zu Angela Merkel: Das Buch thematisiert Merz‘ Positionierung als konservativer Gegenpol zur pragmatischen Politik Angela Merkels. Resing geht der Frage nach, wie viel „Anti-Merkel“ in Merz steckt und inwieweit er als späte „Rache“ der Kohl-Ära gesehen werden kann.
- Wirtschaftspolitische Haltung: Ein Schwerpunkt liegt auf Merz‘ wirtschaftsliberalen Positionen, insbesondere seiner Zeit bei BlackRock und seinem Engagement für marktwirtschaftliche Prinzipien. Resing beleuchtet, wie diese Erfahrungen seine politischen Ansichten geprägt haben.
- Persönlichkeit und Habitus: Resing analysiert Merz‘ Auftreten, seine Sprache und seinen Habitus, die ihn von der jüngeren Generation und insbesondere von jüngeren Frauen entfremden könnten. Gleichzeitig zeigt er auf, dass Merz innerhalb der CDU durchaus auch Unterstützung von Frauen erfährt.
Das Buch basiert auf zahlreichen Hintergrundgesprächen, auch mit Merz selbst, und bietet dadurch einen tiefen Einblick in seine Denkweise und Strategien. Stil und Rezeption.
Ich selbst war nach der Kanzlerwahl auch im Kanzlerwahlkreis „Hochsauerland“ unterwegs. Es lohnt ein Eintauchen in die besondere Atmosphäre des Sauerlands, in dem soziale Nähe und scheinbar geordnete Wertewelten eine wirkungsmächtige Rolle spielen. Das hat den Kanzler Merz geprägt. Und dieses Umfeld könnte durchaus seine Glaubwürdigkeit zukünftig auffüllen, die er mit der Kehrtwende zur Schuldenbremse aufs Spiel gesetzt hat.
Karl-Rudolf Korte
