Das Handwerk der Sprache der Politik


Das Buch The Speechwriter von Barton Swaim erschien im Juli 2015 in den USA und zog vor allem mediale Aufmerksamkeit auf sich, weil es vertiefte Einblicke in den Skandal um den Gouverneur von South Carolina, Mark Sanford, im Jahr 2009 versprach. Sanford war damals für einige Tage vollständig von der Bildfläche verschwunden, weder die Administration noch seine Familie wussten, wo er sich aufhielt. Als herauskam, dass er sich in dieser Zeit heimlich bei einer Geliebten in Argentinien befunden hatte, folgte nicht nur die Scheidung von seiner Frau sowie das Ende aller Spekulationen zu einer Karriere auf nationaler Ebene, auch der Rest seiner Amtszeit blieb von der Affäre überschattet.

Was dieses Buch darüber hinaus interessant macht, hat Niko Switek in seiner Rezension herausgefunden und kann das Werk von Barton Swaim wärmstens weiterempfehlen.

Das Handwerk der Sprache in der Politik

Barton Swaim: The Speechwriter – A Brief Education in Politics, Simon & Schuster, New York 2015, 224 S., ISBN 9781476769929, 19,10 Euro

Autor

Dr. Niko Switek ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft und der NRW School of Governance an der Universität Duisburg-Essen. Er hat in seiner Doktorarbeit zu den neuen Koalitionen der Grünen in den Bundesländern geforscht.

 

Das Buch The Speechwriter von Barton Swaim erschien im Juli 2015 in den USA und zog vor allem mediale Aufmerksamkeit auf sich, weil es vertiefte Einblicke in den Skandal um den Gouverneur von South Carolina, Mark Sanford, im Jahr 2009 versprach. Sanford war damals für einige Tage vollständig von der Bildfläche verschwunden, weder die Administration noch seine Familie wussten, wo er sich aufhielt. Als herauskam, dass er sich in dieser Zeit heimlich bei einer Geliebten in Argentinien befunden hatte, folgte nicht nur die Scheidung von seiner Frau sowie das Ende aller Spekulationen zu einer Karriere auf nationaler Ebene, auch der Rest seiner Amtszeit blieb von der Affäre überschattet (er verweigerte sich einem Rücktritt und das Parlament entschied sich gegen eine Amtsenthebung).

Viel interessanter macht das Buch allerdings, dass Swaim als ehemaliger Redenschreiber des Gouverneurs einen aufschlussreichen und ungeschminkten Bericht über die Arbeit im Stab von Sanford bietet. Er ermöglicht einen – zwar subjektiven aber eben seltenen – Blick in den Maschinenraum exekutiver Führung.

Sein Text verdeutlicht erstens gut die Mechanismen im Team oder Stab eines Gouverneurs. Als Generalist versammelt ein solcher Führungsakteur eine Gruppe um sich, die ihn berät und in seinen Entscheidungen unterstützt (Grunden 2011). Anschaulich schildert Swaim, wie bei den regelmäßigen Beratung über den möglichen Einsatz eines Vetos gegenüber Parlamentsentscheidungen eine Diskussion und Meinungsbildung im Team erfolgte, die von den Präferenzen Sanfords, inhaltlichen Politiküberlegungen und rhetorischen Argumentationsstrategien beeinflusst werden.

Das verweist zweitens auf Schlussfolgerungen zur Rolle von Sprache im politischen Prozess (Korte/Fröhlich 2009), welche sich anhand der Ausführungen Swaims ziehen lassen. Zunächst ist ein Gouverneur als zentraler Repräsentant des Bundesstaates täglich mit Auftritten und Statements gefordert. Um diese interessant und abwechslungsreich zu halten, greift er auf seine Redenschreiber zurück: „That’s why high-level politicians need speechwriters: not because they’re so dense they need someone to tell them what to say but because no normal person can be expected to say something interesting that many times a day, on that many subjects, to that many separate groups.“ (S. 86) Allerdings muss die Sprache nicht immer originell sein, bei den zahllosen Anschreiben und Briefen gilt es auf der anderen Seite, mit wenig Substanz Zeilen zu füllen. Nicht was, sondern das etwas gesagt wird, ist relevant: „Words are useful, but often their meanings are not. Sometimes what you want is feeling rather than meaning, warmth rather than content. And that takes verbiage.“ (S. 111)

Dabei schildert Swaim nachvollziehbar den Prozess, wie er sich in seinem Schreibstil an die Ausdrucksweise seines Chefs annähert. Versucht der ausgebildete Literaturwissenschaftler anfangs möglichst ausdrucksstark zu schreiben, lernt er in der Folge hingegen den Stil Sanfords zu kopieren – was in einer Liste dessen meistverwendeter Worte oder Ausdrücke mündet, die in alle Texte eingestreut werden („my list“, S. 42) und von Sanford anerkannt wird: „Once he told me I had ‚cracked the code’.“ (S. 109)

Darüber hinaus wird aber eine weitere Funktion von Sprache sichtbar: Als rhetorisches Nachvollziehen einer materiellen Entscheidung (Delhees et al. 2008). Ein Politikziel wird in Sprache eingepackt, um Akzeptanz für die Maßnahme herzustellen: „It was our job to generate supplies of ‚language’“ (S. 30). Anschaulich schildert Swaim diesen Mechanismus  am Begriff der „savior-based economy“, den Sanford selbst als Kritik am Investitionsprogramm der Obama-Regierung entwickelte und der von den Medien als einprägsamer und Intuitiv erfassbarer Ausdruck aufgegriffen und weiterverbreitet wurde. „When the governor speculated that the administration in Washington was attempting to create a ‚savior-based economy’, the effect had an almost aesthetic quality to it, like reading a line of poetry that encapsulates a thought you didn’t even know you had until you read it.“ (S. 203)

Schließlich verweist Swaim aber auch den mit dieser Arbeitsweise notwendigerweise verbundenen Aspekt der Inszenierung. Die vielen Aktivitäten des Stabs oder Teams werden von außen ausschließlich dem Gouverneur als Person zugeordnet. „You always feel you’re doing something that, if known, would scandalize somebody.“ (S. 63)

The Speechwriter ist ein gut zu lesendes und unterhaltsames Buch, in dem sich viele Verweise auf allgemeinere Mechanismen des politischen Betriebes identifizieren lassen und das zugleich prägnante Beispiele für den Einsatz und die Rolle von Sprache in der Politik bereithält.

Literaturhinweise

Delhees, Stefanie / Korte, Karl-Rudolf / Schartau, Florian / Switek, Niko / Weissenbach, Kristina (2008): Wohlfahrtsstaatliche Reformkommunikation: westeuropäische Parteien auf Mehrheitssuche. Baden-Baden: Nomos.

Grunden, Timo (2009): Politikberatung im Innenhof der Macht. Einfluss und Funktion der persönlichen Berater deutscher Ministerpräsidenten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Korte, Karl-Rudolf / Fröhlich, Manuel (2009): Politik und Regieren in Deutschland: Strukturen, Prozesse, Entscheidungen. 3. Aufl. Paderborn: Schöningh.

Zitationshinweis

Switek, Niko (2016): Das Handwerk der Sprache in der Politik, Barton Swaim: The Speechwriter – A Brief Education in Politics, Rezension, Online vefügbar unter:

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This work by Niko Switek. is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 4.0 International

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