Josef Klein: Von Gandhi und Al-Qaida bis Schröder und Merkel

Josef Klein: Von Gandhi und al-Qaida bis Schröder und MerkelDer Prof. Dr. Josef Klein ist seit vielen Jahren als Politikwissenschaftler an der Universität Koblenz-Landau mit dem Thema der Sprache der Politik bestens vernetzt. Als ehemaliger Bundestagsabgeordneter in den 70er Jahren weiß er um die Macht der Sprache, wenn es darum geht, Mehrheiten zu erringen und zu behalten. Sein Buch enthält eine Vielzahl von Aufsätzen, die in den letzten Jahren entstanden sind und die Josef Klein neu arrangiert.

Erkennbar wird ein Alterswerk von erstaunlicher Breite, Substanz und Originalität, wenngleich der Buchtitel sicher verfehlt ist. Denn im Kern werden Grundlagen der Politolinguistik vorgestellt – und ergänzend einige Reden von Politikern analysiert.

Josef Klein: Von Gandhi und Al-Qaida bis Schröder und Merkel – Politolinguistische Analysen, Expertisen und Kritik

Frank und Timme Verlag für wissenschaftliche Literatur, Berlin 2016, 427 S., ISBN: 978-3-7329-0123-4, 39,80 Euro

Autor

Prof. Dr. Karl-Rudolf KorteKarl‐Rudolf Korte ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg‐Essen und Direktor der NRW School of Governance an der Universität Duisburg‐Essen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Regierungs‐, Parteien‐ und Wahlforschung.

 

Der Autor ist seit vielen Jahren als Politikwissenschaftler an der Universität Koblenz-Landau mit dem Thema der Sprache der Politik bestens vernetzt. Als ehemaliger Bundestagsabgeordneter in den 70er Jahren weiss er um die Macht der Sprache, wenn es darum geht, Mehrheiten zu erringen und zu behalten. Das Buch enthält eine Vielzahl von Aufsätzen, die in den letzten Jahren entstanden sind und die Josef Klein neu arrangiert. Erkennbar wird ein Alterswerk von erstaunlicher Breite, Substanz und Originalität, wenngleich der Buchtitel sicher verfehlt ist. Denn im Kern werden Grundlagen der Politolinguistik vorgestellt – und ergänzend einige Reden von Politikern analysiert.

Hohe Erinnerungswerte können vergleichend genutzt werden, wenn Klein beispielsweise die Asyldebatte der 90er Jahre analysiert. Die Alltagssprache unterscheidet sich dabei maßgeblich von den Parlamentsdebatten, die sich durch ein hohes Maß an Zurückhaltung mit explizit wertenden, negativen Äußerungen über Zuwanderer zurückhält.

Mit der Merkel-Sprache geht der Verfasser gnädig um, weil sie offenbar wichtige Funktionen gegenüber den Bürgern erfüllt. „In rhetorischer Hinsicht ist die Zuspitzung fast sämtlicher Argumente in Schlüsselbergriffen bemerkenswert (am Beispiel der Eurokrise). Allerdings bleiben die Ausführungen insgesamt relativ abstrakt, auch die schlagwortartigen Schlüsselbegriffe sind überwiegend Fachvokabeln einer wenig bildhaften Politiksprache: Stabilitätsunion, Wettbewerbsfähigkeit, Reformen etc.“ (283). Es bleibt bei einzelnen ausgewählten Reden, die sich der Autor näher angesehen hat.

Merkels Politikstil beschreibt alltägliche Wirklichkeiten. Das ist die Stärke der Kanzlerin, die mit ihrer Sprache der Wirklichkeitsbeschreibungen auch für die meisten Bürger sehr gut verstehbar ist. Merkels Sprache und Regierungsstil erscheinen als Prototyp für das Regieren unter Bedingungen globalisierter Governance. Dieses Politikmanagement befriedigt in vielerlei Hinsicht den Eindruck, dass die Bürger beim problemlösenden Regieren direkt mitgenommen werden. Faktisch können so jedoch immer nur Wirklichkeiten durch die Kanzlerin beschrieben werden, nie Möglichkeiten und Gestaltungsziele. Deliberation und Dezision prägen in wechselseitiger Abhängigkeit unsere Demokratie. Ein Regierungsstil, der mit Geschwindigkeitsgrenzen bei den Entscheidungen kämpft und weitgehend auf argumentative Gestaltung verzichtet, verändert die Qualität der Demokratie. Doch wie die Bundestagswahl 2013 zeigte, honorieren die meisten Wähler genau diesen Politikstil, der auf immerwährendes Kümmern setzt. Die Kanzlerin scheint mit ihrem Stil des Entscheidens eine adäquate Antwort auf die Herausforderungen der Risikokompetenz gefunden zu haben. Politik erschien als Ort der Sensibilitätsschulung für das Eintreten unerwarteter Ereignisse. Zumindest galt dies bis zum Sommer 2015, der durch die Flüchtlingsthematik auch den Blick auf den Regierungsstil der Kanzlerin und ihre Versuche, ihr Handeln zu erklären  veränderten. Der neue „summer of hate“, wie er sich derzeit global mit Terror, Wut-Populismus und Angst verbreitet, wird neue Sprachmuster hervorbringen, die noch nicht in die Analyse einfließen konnten.

Insgesamt dient das Buch als Nachschlagewerk im Hinblick auf bestimmte Politikerreden, auf Ansätze der politischen Sprachanalyse und auf methodologische Herangehensweisen bei Inhaltsanalysen.

Zitationshinweis

Korte, Karl-Rudolf (2016): Josef Klein, Von Gandhi und Al-Qaida bis Schröder und Merkel – Politolinguistische Analysen, Expertisen und Kritik, Erschienen auf: regierungsforschung.de, Rezensionen, Online verfügbar unter:

 

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