Robert Ranisch/ Sebastian Schuol/ Marcus Rockoff: Selbstgestaltung des Menschen durch Biotechniken


Selbstgestaltung des Menschen durch Biotechniken“ von Robert Ranisch, Sebastian Schuol und Marcus Rockoff Der Band „Selbstgestaltung des Menschen durch Biotechniken“ von Robert Ranisch, Sebastian Schuol und Marcus Rockoff stellt das Desiderat des gleichnamigen – von 2003 bis 2014 währenden – ­­­Graduiertenkollegs an der Universität zu Tübingen dar. Die hier versammelten Aufsätze dokumentieren die Ergebnisse des Kollegs.

Der Titel ist bewusst offengehalten: Die Selbstgestaltung wird sowohl am einzelnen Individuum (etwa durch „Enhancements wie dem Hirndoping) oder der menschlichen Spezies als Ganzes (etwa der Klonierung) dargestellt. Das ist ein thematisches Wagnis, werden damit doch völlig unterschiedliche Techniken und Zielsetzungen der Selbstgestaltung reflektiert. 

Robert Ranisch/ Sebastian Schuol/ Marcus Rockoff (Hrsg.): Selbstgestaltung des Menschen durch Biotechniken

Narr Francke Attempto Verlag, Reihe: Tübinger Studien zur Ethi – Tübingen Studies in Ethics, Tübingen 2015, 326 S., ISBN: 978-3-7720-8546-8, 29,00 Euro

Autor

Dr. Gordian EzaziDr. Gordian Ezazi war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen. Zuvor war er Promotionsstipendiat der Welker-Stiftung und Stiftung Mercator an der NRW School of Governance. In seiner im Jahr 2016 publizierten Dissertation analysiert er die politische Funktion des Deutschen Ethikrates in parlamentarischen Entscheidungsprozessen. Weiterführend: Ezazi, Gordian (2016): Ethikräte in der Politik. Genese, Selbstverständnis und Arbeitsweise des Deutschen Ethikrates, Wiesbaden: Springer VS.

Der vorliegende Band „Selbstgestaltung des Menschen durch Biotechniken“ stellt das Desiderat des gleichnamigen – von 2003 bis 2014 währenden – ­­­Graduiertenkollegs an der Universität zu Tübingen dar. Die hier versammelten Aufsätze dokumentieren die Ergebnisse des Kollegs. Der Titel ist bewusst offengehalten: Die Selbstgestaltung wird sowohl am einzelnen Individuum (etwa durch „Enhancements wie dem Hirndoping) oder der menschlichen Spezies als Ganzes (etwa der Klonierung) dargestellt.

Das ist ein thematisches Wagnis, werden damit doch völlig unterschiedliche Techniken und Zielsetzungen der Selbstgestaltung reflektiert. Doch der Gefahr, unter besagter Selbstgestaltung nur jene medial allzu ausführlich besprochenen „Optimierungen“, also „konventionellen Techniken der Selbstformung durch Sport, Meditation oder Askese“ (S. 17)1. abzuhandeln, entgeht der Band durch eine souveräne Herausgeberschaft. Im Mittelpunkt stehen vielmehr „Biotechniken in einem engeren Sinne“, all jene Untersuchungsverfahren oder Behandlungsmethoden, die gemeinhin unter den Lebenswissenschaften subsumiert werden. Der titelgebende Begriff der „Optimierung“ ist zugleich als Deutung zu verstehen. Eine Deutung der gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen, in denen Biotechniken entstehen, zur Anwendung kommen und politisch reguliert werden müssen. Das bedeutet: Biotechniken dienen – wenngleich nicht ausschließlich – der Optimierung des Individuums oder der Spezies Mensch. Die Herausgeber geben keine bestimmte Lesart vor: Optimierung ist also per se nichts Negatives. Und dennoch: Im öffentlich-medialen Diskurs über Biotechniken überwiegen die kritischen Einwände, wird mithin gar ein „Optimierungswahn“ konstatiert.

Die übergroße Mehrheit der Beiträge ist der Disziplin der Philosophie im Allgemeinen und der anwendungsorientierten Ethik im Besonderen zuzuordnen. Ob Epigenetik, Synthetische Biologie, „Neuro-Enhancement“ oder Präimplantationsdiagnostik – die relevanten und potenziellen Anwendungsfelder der Biotechnik werden benannt und untersucht. Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Aufsätze des Kapitels „Genetik und Reproduktion“ (von Naef, Litterst, Ranisch, Röntegen, Schuol).

Überhaupt gilt: Der vierte Band der Tübinger Studien zur Ethik ist hervorragend strukturiert. Die Reihenfolge der Aufsätze fügt sich, die Gliederung der Unterkapitel ist intuitiv. Gewiss, ein derart formidables Lektorat sollte anstandslos vorausgesetzt werden dürfen. Die heutige geisteswissenschaftliche Publikationspraxis, das mithin darbende Verlagswesen vor Augen, lässt gleichwohl den berechtigten Schluss zu, dass es dies nicht ist. Aufgrund der Fülle an Fachtermini (eben auch englischer) aus dem Bereich der Biomedizin wiewohl Philosophie wäre gleichwohl ein Stichwortverzeichnis wünschenswert gewesen.

Selbstgestaltung des Menschen. Beispiel Präimplantationsdiagnostik

In einem einführenden Aufsatz machen Ranisch et al. darauf aufmerksam, dass der Titel des Bandes ambivalent zu verstehen sei. „Selbstgestaltung des Menschen“ meine spezifisch das Individuum und generisch die Spezies Mensch. Die Herausgeber konzedieren gleichwohl, dass sowohl in der ethischen Reflexion als auch für die politische Regulation bzw. Gesetzgebung derlei definitorischen Grenzen allzu schnell verschwänden.

Beispiel Präimplantationsdiagnostik: Bei der Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, handelt es sich um die extrakorporale Untersuchung von durch künstliche Befruchtung entstandenen Embryonen vor deren Einpflanzung in die Gebärmutter. Übertragen werden nur jene Embryonen, bei denen bestimmte Dispositionen für Erbkrankheiten ausgeschlossen werden können. Die nicht übertragenen Embryonen werden „aussortiert“. Hier nun tritt die Politik in Erscheinung: Der Gesetzgeber entscheidet darüber, ob eine Untersuchungs- und Behandlungsmethode wie die PID durchgeführt und angewendet werden darf oder nicht. Er setzt (gesetzliche) Regeln, wo diese nicht existieren, nicht eindeutig oder überholt sind. Die öffentliche Diskussion, die ethisch-moralische Reflexion über die PID ist damit nicht abgeschlossen. Der Gesetzgeber allerdings muss Rechtsverbindlichkeit schaffen, vulgo für Klarheit sorgen. Um die Worte von Ranisch et al. aufzugreifen: Die PID ist eine lebenswissenschaftliche Entwicklung, die Krankheit und Tod des Kindes oder der austragenden Mutter verhindern kann, schafft zugleich aber auch Anwendungsmöglichkeiten zur Selektion, etwa des Geschlechts oder bestimmter Krankheitsmerkmale. Die USA und Großbritannien liefern hierfür zum Teil beunruhigende Beispiele.

In dem die Politik die PID also in bestimmten Fällen für zulässig oder nicht zulässig erklärt, deren Anwendung erlaubt oder verbietet, gibt sie auch eine Antwort darauf, welche Schutzwürdigkeit menschlichen Embryonen zukommt. Handelt es sich bei der seit wenigen Tagen befruchteten Eizelle um eine potenzielle Person, die es gemäß des Menschenwürdeprinzips als Grundrechtsträger zu schützen gilt? Oder ist eine solche Schutzwürdigkeit nur abgestuft, je nach Entwicklungsstufe des Embryos, zu gewähren? Von dieser Annahme ausgehend: Welche Anwendungsziele werden mit der PID verfolgt, welche genetischen Krankheiten können mit dieser überhaupt erfasst werden? Wird durch die PID behindertes Leben – bspw. die Geburt von Kindern mit „Down-Syndrom“ – verhindert und gesellschaftlich stigmatisiert? Ist es moralisch zu rechtfertigen, dass Eltern das Recht auf ein gesundes Kind verwehrt wird, obwohl eine Technologie zur Verfügung steht, die diesen Wunsch ermöglichen kann? Können Frauen dazu genötigt werden, ein schwerstbehindertes, nicht lebensfähiges oder totes Kind auszutragen?

Die Ambivalenz, die der Begriff der Selbstgestaltung zur Schau stellt, hätte an dieser Stelle gerne konsistenter aufgegriffen werden dürfen. In Anbetracht der von Ranisch et al. dargelegten Beispiele für bereits bestehende oder schon möglicherweise bald zum Einsatz kommende Biotechniken, mutet die PID abstrakt an. Die Aufsätze dieses Bandes verdeutlichen: Es werden in den kommenden Jahren noch einige, tiefgreifendere neue Biotechniken auf Forschung, Politik und breite Öffentlichkeit zukommen.

Der Band hätte diese neuen Biotechniken gerne ethisch ausführlicher reflektieren dürfen, etwa unter Zuhilfenahme ethischer Reflexionstheorien (Utilitarismus, Deontologie etc.) oder vor dem Hintergrund aktuellerer Bioethikdebatten (Stammzellforschung/Zelltherapie, Synthetische Biologie etc.). Ethische Debatten werden vorgelagert in wissenschaftlichen peer groups oder auch nachgelagert von Betroffenen oder einer größeren Öffentlichkeit diskutiert. Entschieden aber werden sie im Parlament – Argumente, Pro und Kontra, das Skizzieren von Handlungsszenarien und -optionen täte deshalb not. Der Deutsche Ethikrat und dessen Stellungnahmen weisen hier in jüngster Zeit den richtigen Weg (vgl Ezazi 2016, Kettner/Ezazi 2016). Es geht nicht um Redundanz, um argumentative Vereinfachung oder politische Anbiederei, sondern schlicht darum, naturwissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse für den politischen Diskurs nutzbar machen zu können. Die Technikfolgenabschätzung, „im“ Bundestag institutionalisiert durch das Büro für Technikfolgenabschätzung, ist hier nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs oft weiter.

Weniger historische Zugänge und normative Grundlagenaufsätze, mehr Anwendungsbeispiele der Selbstgestaltung und deren Thematisierung im politischen oder rechtlichen Raum – all dies böte genügend Stoff für einen Nachfolgeband, ja, für ein weiteres Graduiertenkolleg. Nichtsdestotrotz: Der vorliegende Sammelband jedenfalls ist ein formidables Grundlagenwerk, der seine Leser nicht nur im Fachbereich der Philosophie finden sollte.

Literatur:

Aus Politik und Zeitgeschichte (Apuz): Der neue Mensch, 66. Jahrgang, Band 37-38. Auch online abrufbar: http://www.bpb.de/apuz/233458/der-neue-mensch (20.10.2016).

Ezazi, Gordian (zusammen mit Matthias Kettner) (2016): Ethikrat und Inzesttabu. Zur Komplementarität von ethischer und juristischer Deliberation, in: Ethik und Recht in der Biopolitik, Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik, Band 20, Jg. 2015, S. 163-190.

Zitationshinweis:

Ezazi, Gordian (2016): Robert Ranisch/ Sebastian Schuol/ Marcus Rockoff – Selbstgestaltung des Menschen durch Biotechniken, Rezension, Erschienen auf: regierungsforschung.de, Online verfügbar unter: http://regierungsforschung.de/robert-ranisch-sebastian-schuol-marcus-rockhoff-selbstgestaltung-des-menschen-durch-biotechniken/

 

  1. Die in Klammern stehenden Seitenzahlen beziehen sich – insofern nicht anders gekennzeichnet – explizit auf Aufsätze aus dem rezensierten Sammelband. Auf eine gesonderte Angabe im Literaturverzeichnis wurde an dieser Stelle verzichtet. []
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