Wenn Fußballer einen Autokraten treffen – Integration gescheitert?

Kurz vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders sorgten Fotos zweier türkeistämmiger deutscher Nationalspieler, Mesut Özil und İlkay Gündoğan, mit Recep Tayyip Erdoğan für großen Unmut. Im Zuge eines Staatsbesuchs in Großbritannien wurde ein Treffen zwischen dem umstrittenen türkischen Präsidenten und vier türkeistämmigen Premier-League Legionären organisiert – allesamt deutsche Staatsbürger. Das Duo wird schließlich durch den türkischen Nationalspieler Cenk Tosun vervollständigt. Lediglich der gebürtige Frankfurter Emre Can hat das Treffen mit der Begründung abgesagt, er ließe sich politisch nicht instrumentalisieren.

Aufgrund dieses Treffens waren die beiden Nationalspieler Vorwürfen, nicht die Werte des DFB zu vertreten, ausgesetzt. Mahir Tokatlı geht der Frage nach, inwiefern dieses Treffen ein Zeichen gescheiterter Integration ist und konkludiert, dass die Aufmerksamkeit der Fußballer für einen Autokraten wie Erdoğan ein Schlag ins Gesicht der Opfer seines Regimes ist.

Wenn Fußballer einen Autokraten treffen

Integration gescheitert?

Autor

Mahir Tokatlı (Master of Arts), geboren in Bremen, studierte Politikwissenschaft und Soziologie, sowie Geschichte und Öffentliches Recht in den Nebenfächern in Bonn und Florenz. Seit 2014 ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn tätig und verfasst seine Dissertation mit dem Titel „Präsidentialismus alla Turca – eine Analyse des türkischen Regierungssystems“.

Kurz vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders sorgten Fotos zweier türkeistämmiger1 deutscher Nationalspieler, Mesut Özil und İlkay Gündoğan, mit Recep Tayyip Erdoğan für großen Unmut. Im Zuge eines Staatsbesuchs in Großbritannien wurde ein Treffen zwischen dem umstrittenen türkischen Präsidenten und vier türkeistämmigen Premier-League Legionären organisiert – allesamt deutsche Staatsbürger. Das Duo wird schließlich durch den türkischen Nationalspieler Cenk Tosun vervollständigt. Lediglich der gebürtige Frankfurter Emre Can hat das Treffen mit der Begründung abgesagt, er ließe sich politisch nicht instrumentalisieren.

Die beiden WM-Teilnehmer sehen sich nun zwei grundlegenden Vorwürfen ausgesetzt: Zum einen würden sie ihrer Vorbildfunktion als Vertreter des Deutschen Fußball Bundes (DFB) nicht gerecht. Dieser schaltete sich umgehend ein und bewertete das Treffen als unglücklich. Kurz vor den anstehenden türkischen Präsidentschaftswahlen, so der Vorwurf, ließen sie sich politisch von einem Autokraten für Wahlkampfzwecke missbrauchen; der „Fußball und der DFB stehen für Werte, die von Herrn Erdoğan nicht hinreichend beachtet werden“2. Nicht wenige forderten den Bundestrainer Joachim Löw auf die beiden Mittelfeldspieler beim anstehenden Turnier in Russland zu Hause zu lassen. Mesut Özil und İlkay Gündoğan könnten nach dieser Aktion die Werte des DFB nicht angemessen repräsentieren.

Nun findet die WM in Russland statt, ein Land, das von einem ähnlichen Kaliber wie Erdoğan regiert wird. Sehr wahrscheinlich ermöglichte der „gewisse Werte“ vertretende DFB auch mit seiner Stimme die Austragung der WM in diesem Land. Von den 22 abstimmenden Mitgliedern des FIFA-Exekutiv Komitees im November 2010 vertrat Franz Beckenbauer den deutschen Verband und ließ seine Wahl durchblicken. Ebenjener Beckenbauer, der zu der Menschenrechtssituation in Katar sagte, er selber habe keine Menschen in Ketten gesehen, musste sich mehrmals gegen Korruptionsvorwürfe wehren, genauso wie andere DFB-Funktionäre. Zudem steht das Sommermärchen 2006, bei dem „die Welt zu Gast bei Freunden“ war, unter Korruptionsverdacht: der DFB soll sich die benötigten Stimmen erkauft haben. Sind das die neuerdings viel beschworenen Werte des DFB? Freilich sind die Aufgaben und Kompetenzen des DFB und der Bundesregierung nicht deckungsgleich. Aber wie sollten Spieler kritisiert werden, wenn Kanzlerin Merkel kurz vor den türkischen Wahlen im November 2015 selbst Erdoğan einen Besuch abstattet, einen unmoralischen Flüchtlingsdeal einfädelt und die Türkei zuverlässig mit Waffen und Panzern beliefert? Seitens des DFB und einiger Politiker eine Wertedebatte diesbezüglich anzustoßen ist befremdlich. Vielmehr geht es dem Verband wohl eher um das eigene Image, denn wenn Manager Oliver Bierhoff um Nachsicht für das Treffen bittet, indem er erklärt man müsse verstehen wie „die Türken ticken“3, scheint er nicht viel von den hochgehaltenen Werten verinnerlicht zu haben.

Zum anderen hätten die gebürtigen Gelsenkirchener mit der Aktion den Integrationsbemühungen des Verbands geschadet. Noch 2010 gewann Özil den Bambi in der Kategorie Integration. Warum eigentlich? So genau weiß das auf Anhieb heute kaum jemand mehr. Im Ankündigungsvideo auf der Preisverleihung wird er zu einem „nationalen Vorbild gelungener Integration“ stilisiert, dessen „unverkrampfter Umgang mit türkischen Wurzeln und deutschem Nationaltrikot“4 beispielhaft für uns alle sei. Sein Tor beim EM-Qualifikationsspiel zum zwischenzeitlichen 2:0 gegen die Auswahl des Heimatlands seiner Eltern in Berlin und das anschließende professionelle Ausblenden der ohrenbetäubenden Pfiffe und Verräter-Rufe der zahlreichen türkischen Fans brachten ihm wohl letztlich diese Ehrung ein. Heute, acht Jahre später, soll die Integration zum x-ten Mal gescheitert sein.

Wenn es den Debattierenden wirklich um Integration geht, warum wird nicht über Cenk Tosuns Anwesenheit gesprochen? Der in Wetzlar geborene Stürmer des FC Everton hat sich mangels Perspektiven in der stark besetzten DFB-Elf umentschieden und wechselte erst in der U21 die Auswahlmannschaft, nachdem er in den Juniorenmannschaften alle Altersklassen für den DFB durchlief. Ist Integration nur dann debattierbar und wichtig, wenn die Person etwas für das Land leistet? Ein nachhaltiges Konzept einer erfolgreichen Integration sieht anders aus.

Als größte migrantische Community in Deutschland sind Türkeistämmige in einem besonderen Fokus. Symbolisch stehen nunmehr Özil und Gündoğan für eine gescheiterte Integration. Diese Debatte ist alles andere als neu, letztmalig prominent diskutiert als beim Verfassungsreferendum 2017 in der Türkei die hiesigen türkischen Staatsbürger mit über 60% für die Einführung eines autokratischen Systems optierten. Eine nötige Differenzierung, dass nämlich „nur“ rund 1,4 Millionen aus der Türkei migrierten Menschen wahlberechtigt waren und davon dann noch mal lediglich ca. 45% zur Wahl gegangen sind, erfolgte nicht. Also rein arithmetisch waren es zwar „nur“ 412.159 von mehr als 4 Millionen (ca. 10%) Menschen mit Wurzeln in der Türkei, doch auch knapp über 400.000 Befürworter einer Autokratie sind eindeutig zu viel. Weiterhin täuschen die Zahlen, denn sicherlich hätte eine beträchtliche Anzahl an ehemaligen türkischen Staatsbürgern – vielleicht auch die deutschen Staatsbürger Mesut und İlkay – mit „Ja“ gestimmt.

Statt abermals die Integration Türkeistämmiger für gescheitert zu erklären, wäre es dringend notwendig die wirklichen Problemzonen, wie beispielsweise den ungesunden Nationalismus innerhalb der Community, zu erörtern. Dieser entsteht nicht durch Fotos mit autokratischen Staatsoberhäuptern, sondern durch Strukturen, die viel zu lange toleriert wurden. Um ein virulentes Beispiel historisch zu skizzieren: Aufgrund der Arbeitsmigration aus der Türkei gehört die Bundesrepublik spätestens seit den siebziger Jahren zum Einflussgebiet der rechtsradikalen Idealisten-Bewegung, den Grauen Wölfen. Dementsprechend früh bauten die Nationalisten ihre Strukturen auf, die primär dazu dienen sollten, die in Deutschland lebenden Türken nicht an die deutsche Kultur zu „verlieren“. Stattdessen war es ihr Ziel, die Verbindung zum Heimatland, die kulturelle und religiöse Identität zu festigen. Mit ihrem hohen Organisationsgrad – unterstützt von Unionspolitiken – sorgten sie dafür die politisierten türkischen Gastarbeiter in ihren Streikbemühungen in der Bunderepublik zu unterbinden. In den sogenannten „Idealisten-Vereinen“ werden heute noch insbesondere Jugendliche mit rassistischer, menschenverachtender und völkischer Ideologie indoktriniert. Dabei wird die türkische Nation glorifiziert und ihr werden höherwertige Eigenschaften attestiert. Antisemitische und antiwestliche Ressentiments gehören zum Erziehungskanon und werden dergestalt bedient, dass ausländische Kräfte die Erfolge der Türkei neiden und deswegen ihrem Aufstieg entgegenstehen würden. Wenn solche Strukturen geduldet und gegenwärtig sogar durch nahezu jede deutsche Partei toleriert und als Dialogpartner betrachtet werden, dann haben wir zwangsläufig ein Integrationsproblem und nicht erst, wenn Fußballer mit Autokraten posieren.

Ohnehin ist Integration ein komplexes Thema. Menschen weisen stets multiple Identitäten auf und müssen hierfür noch nicht einmal mehrere Staatsbürgerschaften oder andere Wurzeln haben. Wenn sich deutsche Staatsbürger in der dritten Generation weiterhin mit den Heimatländern ihrer Großeltern verbunden fühlen, dann ist das zunächst nicht verwerflich. Andere Spieler der deutschen Nationalmannschaft werden nicht selten von der Mehrheitsgesellschaft daran erinnert, dass sie keine „richtigen Deutschen“ seien. Sicherlich kann jeder eine solche persönliche Anekdote zum Besten geben – es gehört schlicht zur multiplen Identität. Böswillig treibt es Alexander Gauland von der Alternative für Deutschland (AfD) auf die Spitze, wenn er meint, Deutsche würden Jerome Boateng nicht als Nachbarn haben wollen. Solange entsprechende Stimmen zu vernehmen sind, können wir uns da wirklich über konfuse Verbundenheit beschweren? Viel schädlicher für die Integration ist nämlich der offene Rassismus, insbesondere die AfD inszenierte sich als Totengräber einer multikulturellen Gesellschaft. Aber die Beschreibung „25 Deutsche und zwei Ziegenficker“5 stammt nicht von ihr. In den sozialen Medien drückte ein Sozialdemokrat aus der hessischen Provinz seinen Unmut über das Treffen auf diese Weise aus. Gerade weil es nicht aus der rechten Ecke, sondern aus der Reihen der Sozialdemokraten stammt, belegt dieser unverhohlen rassistische Kommentar die ausgelöste Empörungs- und gleichzeitig sinkende Hemmschwelle. Özil und Gündoğan waren plötzlich keine Deutschen mehr, sondern „Ziegenficker“. Mehr als das Treffen gefährden solche Aussagen von Mandatsträgern demokratischer Parteien die Integration.

Etwas um die Ecke gedacht: In Namibia leben deutsche Auswanderer in der bereits fünften Generation. Sie schicken ihre weißen Kinder immer noch auf weiße Schulen und feiern Karneval und Oktoberfest in Bierzelten mit Schwarzwälder Kirschtorte. Würden wir uns ernsthaft aufregen, wenn sich der zweifache deutschstämmige Nationalspieler Namibias, Manfred Starke vom FC Carl Zeiss Jena, mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier trifft? Nein! Auch nicht, wenn der Deutsch-Spanier Mario Gomez ein Treffen mit dem spanischen König Felipe VI arrangiert.

Weder ist es integrationsschädlich als Fußballer die Nationalhymne nicht mitzusingen, noch als Deutscher mit Migrationshintergrund den Jubel für „Die Mannschaft“ zu verweigern. Das sind keine Indikatoren für gelungene oder misslungene Integration. Problematisch wird es, wenn demokratische Werte nicht internalisiert sind; das gilt für jedes Mitglied der Gesellschaft, ob mit oder ohne Migrationsgeschichte. Mehrere Identitäten stellen kein Hindernis oder Problem dar, das Verfolgen einer demokratiefeindlichen Ideologie dagegen schon. Ein Beispiel: Als Änis Ben-Hatira den Bundesligisten SV Darmstadt 98 verlassen musste, dann nicht, weil er ein gläubiger Muslim ist, sondern weil er eine Organisation mit einer offen antisemitischen und radikal-islamistischen Ideologie unterstützte. Ein anderes Staatsoberhaupt zu treffen oder sich ihm verbunden zu fühlen ist nicht problematisch, sondern die Person und die Politik des türkischen Präsidenten sind für den äußerst faden Beigeschmack ausschlaggebend.

Statt İlkay Gündoğan ein finanzielles Interesse in der Türkei zuzuschreiben und Mesut Özil schlicht Dummheit zu attestieren, ist es wichtiger zu wissen, warum sie gewisse Fakten ausblenden und weiterhin meinen, sie seien sich der politischen Dimension eines Treffens mit einem derart umstrittenen Politiker nicht bewusst. Auf sein Trikot kritzelte Gündoğan den Zusatz „Hochachtungsvoll für meinen Präsidenten“. Befremdlich, aber zunächst wohnte diesem Akt zumindest eine formale Korrektheit inne, die nach seiner eigenen Klarstellung, er besitze ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft, allerdings hinfällig wurde. Wiederum nach eigener Aussage ist er in einer multikulturellen Gegend aufgewachsen. Woher rührt dann diese Verbundenheit zu jemandem, der ebenjenen Multikulturalismus in dem Land, das er regiert, durch einen türkisch-sunnitischen Monismus ersetzen will?

Erdoğan – das lässt sich kaum widerlegen – ist ein ausgewiesener Autokrat. Er ist das Staatsoberhaupt eines Landes, das weltweit die meisten inhaftierten Journalisten in seinen Gefängnissen schmoren lässt, Ende 2015 Krieg gegen die eigene kurdische Zivilbevölkerung führte, monatelange Ausgangssperren verhängte und ganze Dörfer ausradierte. Ein Staatsoberhaupt, das im Zuge dessen Akademiker des Terrorismus bezichtigte, weil sie eine Petition unterschrieben, in der sie ein Ende des Kriegs forderten. Ein Staatsoberhaupt, das völkerrechtswidrig in Afrin einmarschierte, um die dortige Selbstverwaltung zu zerschlagen. Er ist das Staatsoberhaupt eines Landes, das ungeniert Wahlen manipuliert, oppositionelle Meinungen gewaltsam unterdrückt, deutsche Staatsbürger – wie Meşale Tolu und Adil Demirci – gefangen hält beziehungsweise nicht ausreisen lässt. Prominenter noch: Den „Die Welt“-Journalisten Deniz Yücel ohne Anklage ein Jahr lang in Untersuchungshaft einbehielt. Kann irgendwer ernsthaft der Meinung sein, eine Instrumentalisierung nicht zu erkennen? Haben die beiden Gelsenkirchener auch nur eine Sekunde an diese Menschen gedacht, als sie händeschüttelnd ihre Trikots überreichten. Vielleicht finden sie aber den Kurs der Türkei ganz in Ordnung oder machen sich einfach keine Gedanken darum. Aber: Wer schweigt gibt Recht.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass sich in Deutschland sozialisierte Fußballer auf die Seite von Erdoğan schlagen. Für das Verfassungsreferendum 2017, bei dem das autokratische „Präsidialsystem alla Turca“ zur Wahl stand, ließen sich der Deutsch-Türke Hakan Çalhanoğlu und der in Köln geborene Gökhan Töre für Regierungszwecke einspannen und warben via Twitter für eine „starke Türkei“. Viel Aufschrei gab es nicht, wahrscheinlich weil beide für die türkische Auswahl auflaufen. Vor zwei Jahren widmete Jan Böhmermann dem türkischen Präsidenten ein satirisches Schmähgedicht und wurde anschließend von diesem verklagt. Daraufhin bezog die Kölner Frohnatur Lukas Podolski unmissverständlich Position und stellte sich hinter Erdoğan, hinter jenen damals schon zum Autokraten mutierten Politiker. Trotz der polnischen Wurzeln Podolskis wurde keine Integrationsdebatte geführt. Weder wurde vom DFB eine Werte-Debatte angeregt, noch gab es eine Distanzierung.

Es sei nicht wichtig was Fußballer im Kopf haben, sie sollen das machen wofür sie bezahlt werden, ist ein gängiger paternalistischer Spruch: Tore schießen und sich aus Politik raushalten, denn Fußball sei unpolitisch. Fangruppen, die sich als unpolitisch bezeichnen, sind in der Regel nach rechts offen und haben ein gravierendes Nationalismus-Problem. Deswegen: Fußball ist politisch! Idealerweise würden wir Fußballer samt politischen Bewusstseins anfeuern, die reflektieren und demokratische, emanzipierte Werte nach außen vertreten. Also nicht wie Özil, Gündoğan und Tosun, sondern wie Emre Can. Hätten wir ausschließlich politisierte Fußballer, würden sie sich nicht mit Autokraten treffen und wir führten diese Debatten nicht.

Angenommen wir folgen der kruden Logik des unpolitischen Fußballs, weil Fußballer Tore schießen und nicht denken sollen, dann darf die Geschichte eines Kollegen des Trios nicht ignoriert werden: Deniz Naki, mittlerweile ehemaliger Fußballprofi. Bei der U19-Europameisterschaft 2008 war er noch ein wichtiger Bestandteil des siegreichen DFB-Teams, erhielt beim FC St. Pauli Heldenstatus, entschied sich jedoch nach einer Zwischenstation in Paderborn dazu, in die Türkei zu wechseln. Seine Eltern stammen aus Dersim, der einzigen Provinz in der Türkei, in der die landesweiten ethnischen und konfessionellen Minderheiten die Mehrheit stellen: alevitische Zaza-Kurden. Beim Hauptstadtverein Gençlerbirliği kam es aufgrund seines selbstbewussten Bekenntnisses zu seiner innertürkischen Herkunft (auch hier: multiple Identitäten) immer wieder zu Problemen, sodass er nach einer körperlichen Attacke auf ihn zu einem kurdischen Team in die dritte Liga, zu Amed SK, wechselte. Als Amedspor den Erstligisten Bursaspor überraschend aus dem Pokalwettbewerb warf und Naki den Sieg den Opfern der türkischen Militäroperationen im Südosten des Landes widmete, bekam er eine Sperre von zwölf Spielen aufgebrummt, die später wegen weiterer absurder Vorwürfe der Terrorpropaganda in sozialen Medien auf eine lebenslange Sperre erweitert wurde. Es ist nicht verwunderlich, dass die Schikanen gegenüber Naki und Amedspor parallel zu den einseitig abgebrochenen Friedensverhandlungen mit der kurdischen Bevölkerung seitens Erdoğans anfingen.

Wenn schon nicht politisch, dann wäre wenigstens ein Zeichen der Solidarität unter Kollegen angebracht. Aber auch hierfür bedarf es Haltung und Rückgrat. Das Treffen ist demnach kein Schlag ins Gesicht eines Kommunalpolitikers aus der hessischen Provinz oder eines DFB-Funktionärs, sondern ein Schlag ins Gesicht der zahlreichen Opfer des Erdoğan-Regimes. Ein Politiker, der auf diese Weise seinen Staat lenkt, verdient keine positive Aufmerksamkeit. Erst recht nicht von Fußballern.

Zitationshinweis:

Tokatli, Mahir (2018): Wenn Fußballer einen Autokraten treffen – Integration gescheitert?, Essay, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online verfügbar unter: http://regierungsforschung.de/wenn-fussballer-einen-autokraten-treffen-integration-gescheitert/

  1. Türkeistämmig, weil nicht jeder, der aus der Türkei hierher migriert ist, zwangsläufig ein Türke ist. Hierunter fallen diverse Ethnien, wie beispielsweise: Kurden, Armenier, Griechen, Aramäer und weitere. Gleichzeitig soll hier erwähnt werden, dass wegen der besseren Lesbarkeit im Folgenden das generische Maskulinum verwendet wird. []
  2. Reinhard Grindel, Präsident des DFB und ehemaliger Bundestagsabgeordneter der CDU, meldete dies via Twitter. []
  3. http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball-wm/deutsches-team/dfb-praesident-grindel-fordert-mass-im-umgang-mit-erdogan-fotos-von-oezil-und-guendogan-15591002.html []
  4. So die Laudatorin Nazan Eckes auf der Preisverleihung des Bambi 2010. Nachzuschauen unter: https://www.youtube.com/watch?v=zgoH-WH7DBQ. []
  5. https://www.welt.de/politik/deutschland/article176652698/Nach-Erdogan-Besuch-SPD-Stadtrat-beleidigt-Oezil-und-Guendogan-als-Ziegenficker.html []
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