Die Landtagswahl in Sachsen

© TU Dresden, Foto: André Wirsig

Maik Herold von der TU Dresden blickt noch einmal auf die Landtagswahlen in Sachsen zurück. Dabei befasst er sich nicht nur mit der Verteilung der Mandate im sächsischen Landtag, sondern beantwortet auch Fragen nach der Rolle des CDU-Spitzenkandidaten Michael Kretschmer, der wahlentscheidenden Themen, der Kompetenzwerte der Parteien und der Verteilung der Wähler nach demographischen Merkmalen. Auch den Einfluss der innerdeutschen Spannungslinien wird abschließend analysiert.

Die sächsische Landtagswahl 2019 stand von Beginn an im besonderen Fokus der Medienberichterstattung, gilt doch Sachsen spätestens seit der Entstehung von PEGIDA im Herbst 2014 deutschlandweit als Hochburg rechtspopulistischer und rechtsextremer Strömungen. Bereits zwei Mal in Folge – zur Bundestagswahl 2017 und zur Wahl des Europäischen Parlaments im Mai 2019 – war es hier der AfD gelungen, mehr Wählerstimmen als die seit 1990 regierende CDU auf sich zu vereinen und stärkste politische Kraft zu werden. Umso mehr stand auch dieses Mal der mögliche Erfolg der Rechtspopulisten im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Die Landtagswahl in Sachsen

Stimmungen, Ergebnisse und Erkenntnisse

Autor

Maik Herold ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Mercator Forum für Migration und Demokratie (MIDEM) an der Technischen Universität Dresden. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen politische Theorie und Ideengeschichte, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus und politische Kultur in Ostdeutschland und Osteuropa.

1. Die allgemeine Stimmung im Wahlkampf

Die sächsische Landtagswahl 2019 stand von Beginn an im besonderen Fokus der Medienberichterstattung, gilt doch Sachsen spätestens seit der Entstehung von PEGIDA im Herbst 2014 deutschlandweit als Hochburg rechtspopulistischer und rechtsextremer Strömungen. Bereits zwei Mal in Folge – zur Bundestagswahl 2017 und zur Wahl des Europäischen Parlaments im Mai 2019 – war es hier der AfD gelungen, mehr Wählerstimmen als die seit 1990 regierende CDU auf sich zu vereinen und stärkste politische Kraft zu werden. Umso mehr stand auch dieses Mal der mögliche Erfolg der Rechtspopulisten im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Auch im Sommer 2019 wurden dabei in den öffentlichen Debatten bekannte politisch-kulturelle Verwerfungen innerhalb Deutschlands sichtbar. So verlief die mediale Berichterstattung aus der Sicht vieler Sächsinnen und Sachsen einmal mehr entlang der typischen Muster einer ‚westdeutschen‘ Deutungshoheit. Erneut beugte sich in zahlreichen Reportagen, Zeitungsberichten und TV-Talkshows der ‚aufgeklärte Westen‘ mit Besorgnis, Unverständnis und Ratlosigkeit über seine Brüder und Schwestern in Ostdeutschland, wunderte sich über deren politische Vorlieben und reproduzierte dabei aber vor allem altbekannte Klischees. Einmal mehr mussten sich insbesondere die noch in der DDR aufgewachsenen (heute zu den Kernwählerschichten der AfD zählenden) Generationen zwischen 45 und 65 in allen nur denkbaren Variationen anhören, dass ihre Biographien anrüchig, ihre Seele defekt und ihre demokratischen Haltungen ungenügend ausgebildet seien. Bei ihnen – nicht etwa, wie Studien belegen, bei den Deutschen generell – würden autoritäre Prägungen, notorische ‚Menschenfeindlichkeit‘ und überkommenes Festhalten an ‚nationalen‘ Denkmustern festgestellt. Zur Erklärung ihres politischen Dauerprotests wurden erneut über angeblich ‚gebrochene Biographien‘, ‚soziale Probleme‘, ‚abgehängte Landstriche‘ und ‚verbitterte Menschen‘ philosophiert, ein „Argwohn gegen die Demokratie überhaupt“ sowie eine besondere Vorliebe für Autokraten wie Putin unterstellt – und überhaupt, so behauptete noch Der Tagesspiegel wenige Tage vor den Wahlen, würden „die Ossis“ ja vermutlich nur aus „Einsamkeit“ die AfD wählen (Fetscher 2019; Gujer 2019; Schilder 2019; Turner 2019).

Die Gegensicht vieler der hier schlicht als ‚Ostdeutsche par excellence‘ geltenden Sachsen auf derlei Ferndiagnosen war ebenfalls von den bekannten Klischees, Stereotypen und Pauschalisierungen geprägt. Auch sie tendierten einmal mehr dazu, ‚den Westen‘ – egal ob Bremen, Bielefeld oder Bamberg – als Einheit wahrzunehmen, ‚dem Wessi‘ eine spätrömische Wohlstandsdekadenz, post-materialistische Hybris und moralisch-ideologische Verblendung zu unterstellen und alle nur denkbaren weltpolitischen Entwicklungen als Vorboten eines drohenden ‚Untergang des Abendlandes‘ zu deuten. Selbst der polemische Begriff der „Lügenpresse“ hat – oft nur halbironisch gemeint – inzwischen Eingang in das aktive Vokabular vieler sächsischer Bürgerinnen und Bürger gefunden.

Wie die Wahlkämpfe der vergangenen Jahre war auch der Landtagswahlkampf 2019 in Sachsen von der Auf- und Abarbeitung dieser innerdeutschen Spaltungslinien und politisch-kulturellen Befindlichkeiten geprägt, die Kandidatinnen und Kandidaten der Parteien reisten tagtäglich durchs Land, um sich vielenorts die bekannten Schmähungen und Klagen über „die Politiker“, „die Medien“ und „das System“ über sich ergehen zu lassen (Müller 2019; Schmidt 2019). Insbesondere die Ereignisse aus dem Spätsommer 2018 wirkten dabei nach, als es in Chemnitz zu gemeinsamen, teilweise gewalttätigen Demonstrationen von Bürgern und Rechtsextremen gekommen war. Während die Stadt daraufhin von den einen zum Hort von Nazismus und Fremdenfeindlichkeit erklärt wurde, haben die Ereignisse von Chemnitz bis heute in breiten Teilen der sächsischen Bevölkerung jedoch eine ganz andere Bedeutung: Die Stadt gilt einerseits als Symbol für ein neuerliches „Staatsversagen“ im Umgang mit kriminellen Zuwanderern und steht andererseits für kollektives Medienversagen, für eine voreingenommene, uninformierte und ideologisch stark verzerrte Berichterstattung über die Ereignisse. Insbesondere die AfD versuchte aus derartigen Deutungen politisches Kapital zu schlagen, doch auch andere mussten auf die Stimmungslage eingehen. Selbst der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer betonte im Wahlkampf 2019 immer wieder, dass er den Begriff der „Hetzjagden“ damals ausdrücklich zurückgewiesen hatte.1

2. Das Wahlergebnis

Nach dem amtlichen Endergebnis der Sächsischen Landtagswahl 2019 muss zunächst die AfD als ein klarer Wahlgewinner bezeichnet werden. Sie erreichte einen Anteil von 28,4 Prozent aller Erst- und 27,5 Prozent aller Zweitstimmen und schaffte es damit, ihr für damalige Verhältnisse bereits starkes Ergebnis aus dem Jahr 2014 (9,7 Prozent) zu vervielfachen.

Abbildung 1: Endergebnis der Sächsischen Landtagswahl vom 01.09.2019 (Zweitstimmen/Eigene Darstellung).

Hohe Verluste hatten hingegen insbesondere die seit 1990 in Sachsen regierende CDU (minus 7,3 Prozent) sowie die traditionell auch in Sachsen starke Linkspartei (minus 8,5 Prozent) zu verzeichnen. Verglichen mit jüngeren Umfragen, die etwa im Juli 2019 CDU und AfD noch in etwa gleichauf sahen, konnte sich die CDU jedoch auch als ein Gewinner der Wahl fühlen. Da sie es geschafft hatte, erneut stärkste Partei zu werden, dürfte sie auch weiterhin den sächsischen Ministerpräsidenten stellen. Das Ergebnis von Bündnis90/Die Grünen hingegen fiel im Vergleich zu den letzten Umfragen vor der Wahl, eher enttäuschend aus. Trotz einer Dominanz des Klima-Themas in den Medien und obwohl die Partei noch zur Europawahl im Mai 2019 auch in Sachsen ein zweistelliges Ergebnis erzielt hatte, landete sie nun bei lediglich 8,6 Prozent. Ein historisch schlechtes Ergebnis von nur noch 7,7 Prozent erreichte hingegen die SPD. FDP und Freie Wähler verpassten den Sprung in den Landtag klar.

Neu ist außerdem, dass die CDU in Sachsen, zum ersten Mal seit 1990 – zahlreiche Direktmandate verloren hat. Während die Partei 2014 lediglich einen einzigen Wahlkreis in Leipzig nicht für sich entscheiden konnte und damals der Linkspartei überlassen musste, gewannen 2019 die Grünen erstmals drei Wahlkreise, Die Linke einen und die AfD sogar insgesamt 15 Wahlkreise (Abb. 2).

Abbildung 2: Endergebnis der Sächsischen Landtagswahl vom 01.09.2019, Wahlkreisgewinner / Erststimmensie-ger (Gewonnene Wahlkreise: schwarz = CDU, blau = AfD, grün = B90/Grüne, rot = Die Linke. Quelle der Grafik: Statistisches Landesamt Sachsen/MDR).

Nach der neuen Sitzverteilung im Sächsischen Landtag ist damit die zuvor regierende ‚große‘ Koalition aus CDU und SPD abgewählt. Da die CDU vor der Wahl jede Form der Zusammenarbeit sowohl mit der AfD, als auch mit der Partei Die Linke ausgeschlossen hatte, ergibt sich – neben der Option einer Minderheitsregierung – nur eine mögliche Koalition, die über eine absolute Mehrheit von 60 Sitzen verfügen würde und deren Bildung als wahrscheinlich angesehen wird: das sogenannte „Kenia-Modell“ aus CDU, SPD und Grünen (Abb. 3).

Abbildung 3: Sitzverteilung im neuen Sächsischen Landtag nach der Wahl vom 01.09.2019 (Quelle der Daten: Statistisches Landesamt Sachsen/Eigene Darstellung).2

Einen deutlichen Anstieg verzeichnete hingegen die Wahlbeteiligung, die von 49,2 Prozent im Jahr 2014 auf 66,6 Prozent anstieg. Offenbar haben eine politische Polarisierung, wie sie seit dem Entstehen von PEGIDA 2014 und der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 insbesondere in Sachsen die politische Stimmung verändert hat, aber auch die neuerlichen Klima-Proteste zu einer starken Politisierung der Bevölkerung geführt. Seit 1990 hatten niemals mehr Bürgerinnen und Bürger an einer sächsischen Landtagswahl teilgenommen (Abb. 4).

Abbildung 4: Wahlen zum Sächsischen Landtag: Absolute Zweitstimmen der Parteien 1990-2019. ‚Rechts der CDU‘ beschreibt die Summe der Stimmen für rechte Klein- und Splitterparteien wie NPD3, DVU, Die Republikaner, u.a. (Quelle der Daten: Statistisches Landesamt Sachsen/Eigene Darstellung)

3. Einige Erkenntnisse aus der Wahl

Aus diesem Wahlergebnis können zahlreiche Erkenntnisse abgeleitet werden, von denen vier im Folgenden kurz skizziert werden.

Erstens zeigte sich, dass die CDU ihren Wahlerfolg wohl in entscheidendem Maße ihrem Spitzenkandidaten Michael Kretschmer zu verdanken hatte. So waren bereits in einer Vorwahlbefragung des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap rund 70 Prozent der Befragten Sächsinnen und Sachsen der Auffassung, Kretschmer sei ein guter Ministerpräsident. Selbst zwei Drittel der Grünen- und der Linken-Anhänger sowie fast die Hälfte der AfD-Wähler stimmten dem zu (vgl. Infratest dimap 2019). Auch die Ergebnisse der Nachwahlbefragung verdeutlichten, dass tatsächlich ein ‚Kretschmer-Effekt’‘ das Wahlergebnis der CDU beeinflusst haben dürfte. So gab unter ihren Wählerinnen und Wählern ein deutlich höherer Anteil als bei allen anderen Parteien an, dass nicht das Programm, sondern der Kandidat die eigene Wahlentscheidung zugunsten der CDU bestimmt hatte (Abb. 5).

Abbildung 5: Der Einfluss von Programmen, Kandidaten und Bindungen auf die Wahlentscheidung (Quelle: Infratest dimap / Eigene Darstellung).

Auch die Ergebnisse in Kretschmers Wahlkreis Görlitz 2 stützen diese These. Hier siegte Kretschmer mit 45,8 Prozent der Erststimmen, währen unter den Zweitstimmen der Anteil der CDU nur 35,2 Prozent, jener der AfD hingegen 37,9 Prozent betrug. Ein umgekehrter Effekt war in mehreren anderen sächsischen Wahlkreisen zu beobachten, in denen zwar die CDU die meisten Zweitstimmen auf sich vereinte, die Wähler aber den Bewerbern der AfD gezielt den Vorzug vor den jeweiligen – oft etablierten und bereits als Mandatsträger im Landtag vertretenen – CDU-Politikern gaben. Wie die hohen Sympathiewerte des seit Dezember 2017 amtierenden Ministerpräsidenten bezeugen, dürfte es Michael Kretschmer im Wahlkampf außerdem gelungen sein, durch inhaltliche Positionierungen den richtigen Ton zu treffen. Gerade mit seiner Forderung nach einer Lockerung der Sanktionen gegen Russland war er im Vorfeld der Wahl – zumindest in Sachsen – auf überwiegend positive Resonanz gestoßen. Auch in der Untersuchung von Infratest dimap gaben noch wenige Tage vor der Landtagswahl fast drei Viertel der Befragten an, dieser Position zuzustimmen (Vgl. Infratest dimap 2019).

Die zweite Erkenntnis zu den Ergebnissen der sächsischen Landtagswahl bezieht sich auf die Bedeutung und den Stellenwert verschiedener politischer Problemstellungen für die sächsische Bevölkerung. Hier zeigte sich – gerade auch am eher enttäuschenden Abschneiden von B90/Die Grünen – dass das Thema ‚Klimaschutz‘ einen wesentlich geringeren Einfluss auf den Wahlausgang hatte, als dies zuvor vermutet worden war. Obwohl der entsprechende Problembereich nicht zuletzt durch die Fridays-for-Future-Demonstrationen seit Jahresbeginn 2019 auch in Sachsen eine große öffentliche Aufmerksamkeit erhalten hatte, zählte die Klimapolitik nicht zu jenen Themen, die die Wahlentscheidung der Sachsen maßgeblich beeinflussten (Abb. 6).

Abbildung 6: Wahlentscheidende Themen aus Sicht der sächsischen Bevölkerung (Quelle: Infratest dimap / Eigene Darstellung).

Interessant ist dabei, dass von den Befragten auch ‚Zuwanderung‘ und ‚Innere Sicherheit‘ nicht zu den drängendsten Problemen gezählt wurden – jene Themenfelder also, mit denen vor allem die AfD im Wahlkampf versucht hatte, unzufriedene Wählerinnen und Wähler anzusprechen. Bezeichnenderweise wurde in der Vorwahlbefragung von Infratest dimap der AfD für den Bereich der Asyl- und Flüchtlingspolitik eine höhere Problemlösungskompetenz zugesprochen, als allen anderen politischen Mitbewerbern. Dass der AfD auch eine hohe Glaubwürdigkeit bei der „Vertretung ostdeutscher Interessen“ zugeschrieben wird, ist ebenso bemerkenswert, wie die hier ermittelten, gemessen am eigenen Selbstverständnis desaströsen Kompetenzwerte der SPD (Abb. 7).

Abbildung 7: Kompetenzwerte der Parteien in Sachsen (Quelle: Infratest dimap / Eigene Darstellung)

Als wichtige Erkenntnis aus dem sächsischen Wahlergebnis erwies sich, drittens, auch die soziodemographische Struktur der Wählerschaften einzelner Parteien. Hier zeigte sich, dass in Sachsen nicht etwa nur höhere Altersgruppen, sondern auch junge Wähler zur AfD neigen. So wurde die Partei sowohl unter den 25- bis 34-Jährigen als auch unter den 35- bis 44-Jährigen am häufigsten gewählt und auch bei den 18- bis 24-Jährigen stellte sie, zusammen mit den Grünen, die stärkste politische Kraft. Gerade die über 60-Jährigen waren es hingegen, welche der CDU zu einem erneuten Wahlsieg verhalfen (Abb. 8).

Abbildung 8: Stimmenanteile nach Altersgruppen (Quelle: Infratest dimap / Eigene Darstellung)

Während die Wählerschaften von CDU und SPD in Sachsen sowohl von der Altersstruktur her als auch hinsichtlich beruflicher Tätigkeitsformen von Rentnern dominiert wird, könnte die AfD mit Blick auf die Ergebnisse tatsächlich als neue Form einer „Arbeiterpartei“ bezeichnet werden. Mit einem Stimmenanteil von über 40 Prozent schnitt die Partei in dieser Berufsgruppe deutlich besser ab als alle Mitbewerber. Das eklatant schlechte Abschneiden der sich selbst als klassische „Arbeiterparteien“ verstehenden SPD und Linken in dieser Wählergruppe ist ebenso bemerkenswert wie der überdurchschnittliche Zuspruch der AfD unter Selbstständigen (Abb. 9).

Die verhältnismäßig größten Verluste in einer einzelnen Wählergruppe hatte wiederum Die Linke unter den Rentnern zu verzeichnen. Sie verlor hier im Vergleich zur letzten Landtagswahl über die Hälfte ihrer Stimmenanteile. Hatten sich 2014 noch rund 26 Prozent aller sächsischen Rentner für die Partei entschieden, so waren es 2019 lediglich 12 Prozent. Ähnlich dramatisch verlor wiederum die SPD in den Gruppen der Arbeiter und der Angestellten seit 2014 rund die Hälfte ihrer Wählerschaft, die CDU hingegen büßte unter Selbstständigen ein Drittel ihrer ehemaligen Stimmenanteile ein. In Bezug auf die Altersverteilung kann außerdem festgehalten werden, dass die CDU insbesondere bei jüngeren, Die Linke hingegen bei den älteren Wählergruppen einen großen Teil der ehemals erreichten Stimmenanteile verlor. Die Grünen hingegen konnten hauptsächlich bei den 18-24-Jährigen zulegen und dort ihr Ergebnis auf rund 20 Prozent mehr als verdoppeln.

Abbildung 9: Stimmenanteile nach Tätigkeit (Quelle: Infratest dimap / Eigene Darstellung)

Schließlich dürften, viertens, auch die eingangs erwähnten innerdeutschen Spannungslinien und Gefühlslagen das Ergebnis der sächsischen Landtagswahl beeinflusst haben. Noch Ende August 2019 gaben entsprechend zwei von drei befragten Sachsen an, dass Ostdeutsche in Deutschland wie „Bürger zweiter Klasse“ behandelt werden (Abb. 9). Unter den Wählern von AfD und Linken stimmten dieser These sogar drei von vier Befragten zu, unter denen der Grünen immerhin noch ein Drittel.4 Auch die in Ostdeutschland verbreitete Wahrnehmung einer übermäßig starken Dominanz westdeutscher Ansichten, Einstellungen und Akteure in Politik und Wirtschaft ließ sich hier nachweisen. Selbst zwei Drittel der sächsischen Grünen-Anhänger stimmte dieser Deutung zu.

Abbildung 10: Ostdeutsche Benachteiligungsgefühle (Quelle: Infratest dimap / Eigene Darstellung)

Auch hier dürfte nicht zuletzt die unrühmliche Rolle Sachsens in den Medien der vergangenen Jahre die politische Stimmung im Freistaat beeinflusst haben. Gerade die überregionale Berichterstattung großer deutscher Tageszeitungen und Politikmagazine über Sachsen, die zwar mit wohltuender Schonungslosigkeit über rechtsextreme Vorfälle berichtet, aber ebenso regelmäßig dazu tendiert, für jede unsinnige Pöbelei eines PEGIDA-Demonstranten ein ganzes Bundesland und jeden seiner über 4 Millionen Einwohner in Sippenhaft zu nehmen, hat in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dass in der sächsischen Bevölkerung eine Mischung aus Opfergefühlen, trotziger Selbstbehauptung und elitenfeindlichem Ressentiment gedeihen konnte. Ein solcher Fall zeigte sich zuletzt Ende August 2019, als das Nachrichtenmagazin Der Spiegel nur eine Woche vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg unter dem Titel „So isser, der Ossi“ die markante Kopfbedeckung eines PEGIDA-Demonstranten zeigte, sich dafür jedoch heftige Kritik und sogar den Vorwurf des ‚kulturellen Rassismus‘ gegenüber Ostdeutschen einhandelte (Vgl. Winter 2019.). Weil es – wie Studien bestätigen – tatsächlich auch in der sächsischen Medienlandschaft noch immer vor allem Westdeutsche sind, die über Ostdeutsche schreiben, dabei aber selten den richtigen Ton treffen, findet das verbreitete Gefühl, trotz beachtlicher Leistungen in Bereichen wie Wirtschaft, Technologie und Bildung, ungerecht behandelt zu werden, gerade in Sachsen immer neue Nahrung (Vgl. Bluhm/Jacobs 2016; Decker 2017; Gujer 2019, Schmidt-Lux 2019; Schröder 2018).

All dies dürfte auch 2019 der AfD genützt haben. Nach deren starkem Abschneiden am 01. September sehen sich entsprechend diejenigen bestätigt, die schon seit längerem vor einer Vertiefung politisch-kultureller Spaltungs- und Konfliktlinien warnen. Die immer wieder zu hörende Warnung, dass, wer die Sachsen „bashe“, die AfD dort „zur Volkspartei“ mache (Alexander 2018), scheint sich mittlerweile tatsächlich bewahrheitet zu haben.

Literatur:

Alexander, Robin (2018): Wer die Sachsen basht, macht die AfD zur Volkspartei. In: Welt 2018, 23.08.2018. Online verfügbar unter https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus181281438/LKA-Skandal-Durch-Sachsen-Bashing-wird-die-AfD-Volkspartei.html.

Bluhm, Michael; Jacobs, Olaf (2016): Wer beherrscht den Osten? Ostdeutsche Eliten ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Wiedervereinigung. Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft, Universität Leipzig. Online verfügbar unter https://www.mdr.de/heute-im-osten/wer-beherrscht-den-osten-studie-100-downloadFile.pdf.

Decker, Markus (2017): Westdeutsche dominieren die Eliten – sogar in Ostdeutschland. In: Berliner Zeitung 2017, 31.10.2017. Online verfügbar unter https://www.berliner-zeitung.de/politik/studie-westdeutsche-dominieren-die-eliten—sogar-in-ostdeutschland-28746228.

Dimap (2018): Sachsen-Monitor 2018. Ergebnisbericht. Bonn, Berlin.

Fetscher, Caroline (2019): Eine kleine Psychoanalyse der AfD. Was die Rechten in Ostdeutschland so erfolgreich macht. In: Der Tagesspiegel 2019, 24.08.2019. Online verfügbar unter https://www.tagesspiegel.de/politik/eine-kleine-psychoanalyse-der-afd-was-die-rechten-in-ostdeutschland-so-erfolgreich-macht/24938936.html.

Gujer, Eric (2019): Die Machtverhältnisse in Deutschland sind klar: Der Westen hat die Deutungshoheit über den Osten. In: Neue Züricher Zeitung 2019, 30.08.2019. Online verfügbar unter https://www.nzz.ch/meinung/deutschland-deutungshoheit-liegt-im-westen-ld.1505208.

Infratest dimap (2019): Wahlmonitor Sachsen. Online verfügbar unter https://www.infratest-dimap.de.

Müller, Hansjörg (2019): Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer stemmt sich gegen die AfD. In: Neue Züricher Zeitung 2019, 09.08.2019. Online verfügbar unter https://www.nzz.ch/international/was-interessiert-uns-bei-dieser-wahl-frau-merkel-mit-politischer-gespraechstherapie-stemmt-sich-michael-kretschmer-gegen-die-afd-ld.1500584.

Schilder, Ronny (2019): Sachsenwahl: Wie soll man den Osten erklären? In: Freie Presse 2019, 04.09.2019. Online verfügbar unter https://www.freiepresse.de/nachrichten/sachsen/neue-heimat-artikel10604094.

Schmidt, Christina (2019): Landtagswahl in Sachsen. Wurst braten und reden. In: taz.de 2019, 29.08.2019. Online verfügbar unter https://taz.de/Landtagswahl-in-Sachsen/!5619210/.

Schmidt-Lux, Thomas (2019): Vor den Wahlen im Osten. Der lange Kalte Krieg. In: taz.de 2019, 30.08.2019. Online verfügbar unter https://taz.de/Vor-den-Wahlen-im-Osten/!5617726/.

Schröder, Richard (2018): Kein Anschluss unter dieser Nummer. Wie das Volk der Ostdeutschen entstand. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 2018, 01.10.2018 (228), S. 6.

Turner, Sebastian (2019): Der einsame Osten. In: Der Tagesspiegel 2019, 29.08.2019. Online verfügbar unter https://www.tagesspiegel.de/politik/verlassen-und-rechts-der-einsame-osten/24952614.html.

Winter, Steffen (2019): So ist er, der Ossi. Oder nicht? In: Der Spiegel 2019, 23.08.2019 (35). Online verfügbar unter https://www.spiegel.de/plus/ost-deutschland-so-ist-er-der-ossi-oder-nicht-a-00000000-0002-0001-0000-000165579688.

Zitationshinweis:

Herold, Maik (2019): Die Landtagswahl in Sachsen; Stimmungen, Ergebnisse und Erkenntnisse, Essay, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online Verfügbar: https://regierungsforschung.de/die-landtagswahl-in-sachsen/

  1. „Wie eine Eins“, so ließ Kretschmer verlauten, habe er damals hinter Chemnitz gestanden. „In ganz Deutschland wurde ich dafür geprügelt.“ (Müller 2019). []
  2. Durch die Kürzung ihrer Wahlliste konnte die AfD eines ihrer errungenen Mandate im Sächsischen Landtag nicht besetzen und kommt daher nur auf 38 statt 39 Sitze. []
  3. Die NPD erreichte bei der sächsischen Landtagswahl 2004 einen Stimmenanteil von 9,2 Prozent. []
  4. Im Sachsen-Monitor von 2018 waren es noch 52 Prozent gewesen. Vgl. Dimap, Sachsen-Monitor 2018, S. 15. []
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