Katholische Wohlfahrt: Politikimplementation im Spannungsfeld zwischen sozialer Arbeit und katholischem Auftrag

Olivia Mettang und Dr. Eva-Maria Euchner, die an der Ludwig-Maximilians-Universität München forschen, erörtern, dass Kirchen in zahlreichen staatlichen Beratungs- und Entscheidungsgremien eingebunden sind und zusätzlich ihre privilegierte Stellung für sogenannte Kirchendiplomatie nutzen. Dabei liegt die Vermutung nahe, dass eine von der katholischen Kirche bereitgestellte Dienstleistung im Wohlfahrtssektor auch katholisch gefärbt ist. Inwiefern agieren Beraterinnen und Berater im Sinne der katholischen Kirche? Und wie beeinflusst dies den Einfluss der Kirche auf die Implementation von Gesetzen?

Die Frage, ob Kirchen als Interessengruppen zu klassifizieren sind, wurde lange kontrovers diskutiert, vor allem in der deutschsprachigen Literatur. Jüngere Beiträge aus dem Feld der Religionspolitikforschung und insbesondere der Moralpolitikforschung konzeptualisieren Kirchen zunehmend als politische Akteure, die eigenständige Interessen verfolgen. Äußert prominent ist dieser Zugang in der, aus den USA stammenden, Literatur zur Religionsökonomie. Diese konzeptualisiert Kirchen als rationale Akteure, denen es primär um den organisationalen Selbsterhalt geht. Daneben haben Kirchen Präferenzen bezüglich der Politikgestaltung.

Katholische Wohlfahrt: Politikimplementation im Spannungsfeld zwischen sozialer Arbeit und katholischem Auftrag

Autorinnen

Olivia Mettang ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Empirische Theorien der Politik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In ihrer Dissertation untersucht sie, inwiefern die Erbringung wohlfahrtsstaatlicher Dienstleistungen in Deutschland mit der Trägerschaft (kirchlich, staatlich, zivilgesellschaftlich) variiert.

 

Dr. Eva-Maria Euchner ist Postdoktorandin am Lehrstuhl für Empirische Theorien der Politik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorstandmitglied des AK „Religion und Politik“ der DVPW. Ihr Interessenschwerpunkt liegt im Bereich der vergleichenden Politikfeldforschung mit Schwerpunkt auf moralpolitischen Fragen, Religion, Gender und legislativem Verhalten.

 

Die Frage, ob Kirchen als Interessengruppen zu klassifizieren sind, wurde lange kontrovers diskutiert, vor allem in der deutschsprachigen Literatur (Busch 2017: 327; vgl. Willems 2007: 316ff.). Jüngere Beiträge aus dem Feld der Religionspolitikforschung und insbesondere der Moralpolitikforschung konzeptualisieren Kirchen zunehmend als politische Akteure, die eigenständige Interessen verfolgen (u.a. Busch 2017, Könemann et al. 2015, Fink 2009, Steven 2009, Knill und Preidel 2014, Willems 2007, Schmitt et al. 2013). Äußert prominent ist dieser Zugang in der, aus den USA stammenden, Literatur zur Religionsökonomie. Diese konzeptualisiert Kirchen als rationale Akteure, denen es primär um den organisationalen Selbsterhalt geht (Traunmüller 2015). Daneben haben Kirchen Präferenzen bezüglich der Politikgestaltung. In der politischen Arena agieren sie bei permissiven, moralpolitischen Fragen (z.B. Schwangerschaftsabbruch, Homosexualität) bisweilen als Veto-Spieler, denen es gelingen kann, Gesetzgebungsprozesse zu verlangsamen (Fink 2009, Knill et al. 2015). Kirchen sind in zahlreichen staatlichen Beratungs- und Entscheidungsgremien eingebunden und nutzen zusätzlich ihre privilegierte Stellung für sogenannte Kirchendiplomatie (Interview 1). Sie treten häufig als kollektiver Akteur auf und werden aufgrund der personellen Verflechtungen von Politik und Kirche – zahlreiche Kirchenämter sind von Politikern besetzt – auch durch individuelle Akteure vertreten (Könemann et al. 2015: 110).

Gleichzeitig nehmen Kirchen auch Einfluss auf den Implementationsprozess von Gesetzen, indem sie als Sozialpartner des Staates Sozialgesetzgebung umsetzen. Die konfessionellen Wohlfahrtverbände Caritas und Diakonie spielen hier eine maßgebliche Rolle:Mit beinahe einer Million Mitarbeitenden sind sie der größte nichtstaatliche Arbeitgeber Deutschlands (Könemann et al. 2015, Hien 2019). In den letzten Jahren ist die konfessionelle Wohlfahrt so stark ausgebaut worden, dass nun fast ein Viertel der Wohlfahrtspflege bei den Kirchen angesiedelt ist (Hien 2019: 206). Diese Entwicklung ist unter anderem auch von ökonomischen Interessen des Staates getrieben, da Leistungen konfessioneller, gemeinwohlorientierter Träger kostensparender sind: Kirchen zahlen ihren Mitarbeitenden einen geringeren Lohn, können auf Freiwillige als humane Ressource zurückgreifen und Dienstleistungen aufgrund von Steuerbefreiungen kostengünstiger anbieten (Rommelspacher 2019:796). Von Seiten der Kirchen dient das Engagement im Wohlfahrtssektor nicht nur ökonomischen Interessen und dem zentralen Prinzip der Fürsorgepflicht, sondern ist auch eine Möglichkeit, angesichts von Mitgliederschwund und leeren Kirchen den gesellschaftlichen Einfluss zu sichern und Politik mitzugestalten.

Kirchen weisen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Interessengruppen auf. Als intermediäre Organisationen folgen Kirchen wie jeder Interessenverband einer doppelten Mitgliederlogik, das heißt sie sind einerseits Mitglieder im Netz unterschiedlicher Organisationen, an deren Dynamiken sie sich zu einem gewissen Grad anpassen müssen, andererseits haben sie selbst Mitglieder, deren Interessen sie vertreten müssen, um ihr organisatorisches Überleben zu sichern (Lehmbruch 1987, Könemann et al. 2015). Gleichzeitig unterscheiden Kirchen sich von anderen Interessengruppen in ihrem Hauptanliegen, die religiöse Ursprungsbotschaft an ihre Mitglieder weiterzugeben. Diese als Tradierungslogik bezeichnete Maxime bringt die Kirchen zunehmend in Konflikt mit säkularen Kräften im politischen System, insbesondere dann, wenn sie sich auf religiöse Lehrmeinungen bezieht, die dem Ideal einer liberalen Gesellschaft entgegenstehen. Beispiele hierfür sind in Deutschland das Ringen um die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe oder jüngst die Debatte um die Änderung des §219a StGB, dem Werbeverbot im Bereich des Schwangerschaftsabbruchs. In beiden Fällen kann man von einer anschließenden Liberalisierung der Gesetzeslage sprechen.1  Knill et al. (2015) finden einen generellen Trend zur Permissivität in Europa, der deutlich macht, dass Kirchen ihren Monopolanspruch auf gesellschaftliche Normierung verloren haben (Könemann et al. 2015:20).

Paradoxerweise ist insbesondere die katholische Kirche weiterhin als Wohlfahrtdienstleister innerhalb solch liberalisierter Politikfelder engagiert – Politikfelder, die Fragen nach Leben und Tod sowie Sexualität und Partnerschaft und somit katholische Glaubenssätze berühren. Beispielsweise stellen die Caritas und weitere katholische Fachverbände über 250 Schwangerschaftsberatungsstellen, etliche Prostitutionsberatungsstellen und mehr als 180 Hospizdienste. Daneben weisen unabhängige gemeinnützige Vereine wie SOLWODI2 und Donum Vitae3 eine starke inhaltliche und strukturelle Verbindung zur katholischen Kirche auf.

Nun liegt die Vermutung nahe, dass eine von der katholischen Kirche bereitgestellte Dienstleistung im Wohlfahrtssektor auch katholisch gefärbt ist, das heißt, dass die Beraterinnen, Seelsorgerinnen und Pflegerinnen auch im Sinne der katholischen Kirche agieren.4 Folgt man den Annahmen der institutionellen Logiken (Friedland und Alford 1991), strukturieren die sozial konstruierten und so institutionalisierten Werte, Annahmen und Glaubenssätze einer Organisation das Handeln ihrer Mitglieder. Allerdings sind die Mitarbeiterinnen katholischer Dienste zumeist keine Ordensschwestern, sondern speziell ausgebildete Sozialarbeiterinnen. Und die Prinzipien ihrer Profession, der sozialen Arbeit, widersprechen wichtigen Glaubenssätzen der katholischen Kirche.

Wir wollen in diesem Beitrag zeigen, welche Glaubenssätze dies betrifft, wie Sozialarbeiterinnen in katholischen Einrichtungen diesem Widerspruch begegnen und so zu Trägerinnen eines Säkularisierungsprozesses „von unten“ werden. Dieser Säkularisierungsprozess lässt sich auf drei Identitätsebenen nachzeichnen, die eng miteinander verbunden sind: Der professionellen, der gender-spezifischen und der spirituellen Identitätsebene der Sozialarbeiterinnen. Um das zu illustrieren, wird einerseits auf Interviewmaterial aus eigener Forschung5 und andererseits auf Umfragedaten der von dem Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS-Frankfurt a.M.) im Auftrag der Caritas und des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) durchgeführten Studie „Leben in anderen Welten“6 zurückgegriffen.

Professionelle Ebene – Hilfe zur Selbsthilfe anstatt Fürsorge

Für die katholische Kirche steht bei der Wohlfahrtspflege das Fürsorge- und Hilfeprinzip im Vordergrund. Katholische Sozialarbeit findet im Kontext einer Notlage statt, aufgrund derer die Ratsuchenden nicht mehr in der Lage sind, eine rationale Entscheidung zu treffen und einer Wegweisung bedürfen. Den Armen und Bedürftigen zu helfen, ist zudem für den gläubigen Katholiken seit der frühen Neuzeit eine Pflicht und bringt ihn dem Himmelsreich näher (Brückner 2004). Katholische soziale Arbeit findet darum auf der Basis von Nächstenliebe statt, Professionalität ist in diesem Sinne Zusatz (Rommelspacher 2017).

Sozialarbeiterinnen allerdings fühlen sich durchaus zugehörig zu ihrer Profession. Und diese versteht sich nicht als Bedürftigenhilfe, sondern als Menschenrechtsprofession. Es geht nicht darum, Fürsorge zu leisten oder „Menschen zu retten“, sondern darum, Menschen zu informieren, für sie Partei zu ergreifen und sie zur Selbsthilfe zu befähigen (Staub-Bernansconi 1995).

So kennzeichneten in der Studie des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik eine Mehrheit der Befragten Hilfe zur Selbsthilfe, Selbstwirksamkeit und psychosoziale Beratung als ihre Hauptaufgaben (Kleemann et al. 2014: 94). Die Befragten nannten eine wertschätzende Haltung gegenüber Klientinnen bei der Beratung als besonders wichtig und lehnten es ab, konkrete Lösungsvorschläge zu unterbreiten (76 Prozent). 81 Prozent der Befragten unterstützten überdies die Aussage, dass eine Frau über einen Schwangerschaftsabbruch selbst entscheiden können soll. Folgende Aussage aus einem Interview mit einem Schwangerschaftskonfliktberater illustriert diese Haltung:

„Man muss aufpassen, dass man in der Sozialarbeit nicht so ein Allmachtsgefühl hat, also der Arme und ich bin der Weise, der weiß wo es langgeht, so ein Verhältnis und sie [die Klientin] dann so unterstützt, dass sie das so bekommt, aber das ist ja gar nicht das Ziel. Das Ziel muss immer sein die Hilfe zur Selbsthilfe, das ist das oberste Ziel.“ (Interview 2)

Die Ausführungen verdeutlichen, dass Beraterinnen und Berater sich ihre Rolle als unparteiische Begleiter vergegenwärtigen und anerkennen, dass Klientinnen in der Lage sind, eigenständig Entscheidung zu treffen. Dieses Verständnis ist deutlich von einem Individualisierungs- und Liberalisierungsgedanken geprägt, und grenzt sich damit stark von dem historisch-katholischem Verständnis sozialer Wohlfahrt ab.

Gender-Ebene: Nicht nur Mutter, sondern auch Frau

82,1 Prozent der Mitarbeitenden der Caritas in katholischen Einrichtungen sind Frauen.7 Dass soziale Berufe traditionell als Frauenmetier gelten, hat seinen kulturellen Ursprung im Katholizismus und basiert auf der Idee, dass weibliches Sorgen eine Form geistiger Mutterschaft ist und mit leiblicher Mutterschaft einhergeht (Brückner 2004). Auch wenn Papst Franziskus die Frau „nicht mehr aufs Mütterliche“ beschränken möchte, zeigt dieser Auszug aus einer Rede, dass das Mütterliche für die katholische Kirche nach wie vor die Kerneigenschaft der Frau darstellt:

„Vieles kann sich ändern und hat sich im Lauf der kulturellen und sozialen Evolution auch geändert, aber es bleibt doch die Tatsache, dass es die Frau ist, die empfängt. Die Kinder in ihrem Leib trägt und zur Welt bringt. Und das ist nicht nur etwas biologisch Gegebenes, sondern hat vielfältige Implikationen für die Frau, für ihre Art zu sein, für ihre Beziehungen, für die Weise, in der sie sich zum Leben stellt. Indem Gott die Frau zur Mutterschaft berief, hat er ihr auf besondere Weise den Menschen insgesamt anvertraut“ (Radio Vatikan 2013).

Sozialarbeiterinnen sehen ihre Rolle als Frau hingegen nicht auf die Mutterschaft beschränkt: 83 Prozent der Befragten der Studie des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik äußerten, dass man auch ohne Kinder glücklich sein könne und dass es völlig in Ordnung sei, wenn eine Frau lieber berufstätig ist, als ein Kind zu bekommen. Die Aussage, dass Kindererziehung vor allem Aufgabe der Mutter sei, lehnten 93 Prozent der Befragten ab (Kleemann et al. 2014:50). Stattdessen stellte die Studie heraus, dass die Mitarbeiterinnen der katholischen Schwangerenberatung ein modernes Familien- und Frauenbild haben, das von einem Leitbild von Emanzipation und Gleichberechtigung getragen wird. Auch auf Ebene der Wohlfahrtverbände hat ein Umdenken stattgefunden: Die Caritas veröffentlicht nun seit 2013 in ihrem Genderbericht den Anteil der Frauen in Führungspositionen (aktuell 23 Prozent)8 und verleiht traditionellen Frauenfachverbänden wie In Via und dem SkF innerhalb der Verbandsstrukturen mehr Gewicht (Interview 3). Forderungen nach dem Frauenordinariat und Bewegungen wie Maria 2.0 deuten in eine ähnliche Richtung. Frauen in kirchlichen sozialen Diensten sind eine starke Kraft, wenn es darum geht, die Kirche von unten zu emanzipieren und das katholische Rollenverständnis von der Frau als Mutter aufzubrechen.

Spirituelle Ebene: Interreligiöser Dialog anstelle von Missionierung

Sozialarbeitende stehen der katholischen Kirche teilweise kritisch gegenüber. So stimmt zum Beispiel ein Drittel der vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik befragten Beraterinnen (35 Prozent) der Aussage zu, dass die Wertevorstellungen der katholischen Kirche nicht in unsere Gesellschaft passen (Kleemann 2014: 61). Mitarbeitende hadern aber nicht nur mit katholischen Moralvorstellungen, sondern auch mit der Kirche als Arbeitgeber. Immer mehr Mitarbeitende verklagen ihren kirchlichen Arbeitgeber aufgrund der Loyalitätsvorschriften und Streikrechtsbeschränkungen – und immer öfter mit Erfolg (Kneip & Hien 2017). Auch gaben in einer Befragung von Mitarbeitenden konfessioneller Wohlfahrtverbände9 79 Prozent an, dass sie es ablehnen, wenn Mitarbeitende, die aus der Kirche austreten, mit einer fristlosen Kündigung rechnen müssen. Sie selbst besuchten den Gottesdienst eher selten (60,6 Prozent) oder nie (18,3 Prozent). Die Mehrheit der Befragten hat die kirchliche Wohlfahrt nicht aufgrund ihrer religiösen Grundeinstellung gewählt (64,7 Prozent) und kann sich daher vorstellen, bei einem nichtkirchlichen Träger zu arbeiten (82, 6 Prozent).

Nach den christlichen Werten und deren Bedeutung für die Beratung gefragt, antwortete eine in der Prostitutionsberatung tätige Sozialarbeiterin:

„Egal welche Nationalität, Religion oder Zugehörigkeit jemand hat, das spielt keine Rolle. Ich missioniere hier nicht oder irgendwas. Ich bin katholisch, aber meine private Konfession oder wie ich das lebe ist meine Sache. Ich trage das hier nicht rein.“ (Interview 4)

Es wird deutlich: Im Vordergrund steht, ein Verständnis für die Spiritualität von anderen aufzubringen. Von den Sozialarbeiterinnen werden christliche Werte im Sinne von Menschlichkeit, Toleranz und Gleichberechtigung interpretiert. Auf Basis dieser Werte möchten sie richtig, das heißt ethisch, handeln. Während es ein Anliegen der Kirche ist, die Menschen angesichts der Kirchenaustritte über Wohlfahrt an sich zu binden und unter Umständen zurückzugewinnen (Rommelspacher 2017), sind diejenigen, die die sozialen Dienste erbringen, weit davon entfernt, den Menschen das Evangelium näherzubringen.

Fazit

Die Ausführungen illustrieren, wie Sozialarbeiterinnen katholische Wohlfahrt modernisieren, indem sie den katholischen Auftrag neu, entlang säkularer Richtlinien interpretieren. Sie ersetzen den Fürsorgegedanken durch Professionalität, ein traditionelles durch ein modernes Frauenbild und Missionierung durch interreligiösen Dialog. Die drei Entwicklungsdynamiken auf der professionellen, genderspezifischen und spirituellen Ebene sind miteinander verbunden beziehungsweise bedingen sich gegenseitig.

Die aufgezeigten Dynamiken lassen sich vermutlich auch in anderen Bereichen der katholischen Wohlfahrt beobachten. Das hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie katholische Dienste ihre Leistungen erbringen und darum auch, wie die katholische Kirche Politik ganz praktisch, durch Implementation, beeinflusst. Da diese unterste administrative Ebene, die sogenannte Street-level Ebene, dem Einfluss des Prinzipals zumeist entzogen ist (Lipsky 2010), dürfte es der katholischen Kirche schwerfallen, diesem Trend entgegenzusteuern. Auf diese Weise wird der Einfluss der tradierten katholischen Lehrmeinung auf die Politikgestaltung geschwächt – wir beobachten eine Säkularisierung von unten, die durch kommende Generationen von Sozialarbeiterinnen noch verstärkt werden könnte.

Literatur:

Brückner, M. (2004). Der gesellschaftliche Umgang mit menschlicher Hilfsbedürftigkeit. Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 29(2), 7-23.

Busch, A. (2019). Der Protestantismus in den Arenen des Politischen: Akteure, Ressourcen, Foren, Motive und Ergebnisse. Eine politikwissenschaftliche Perspektive. In: Aus Verantwortung: Der Protestantismus in den Arenen des Politischen, 325-335. Mohr Siebeck, Tübingen.

Fink, S. (2009). Churches as societal veto players: religious influence in actor-centred theories of policy-making. West European Politics, 32(1), 77-96.

Friedland, R. A., & Alford, R. RR (1991). Bringing society back in: Symbols, Practices, and Institutional contradictions. In: The new institutionalism in organizational analysis, 232-263. University of Chicago Press.

Kneip, S., & Hien, J. (2017). The times, are they a-changin’? Die besondere Stellung konfessioneller Wohlfahrtsverbände in Zeiten gesellschaftlicher Pluralisierung. Leviathan, 45(1), 81-110.

Hien, J. (2019). Faith-Based Organizations Under Double-Pressure: The Impact of Market Liberalization and Secularization on Caritas and Diakonie in Germany. In: Faith-Based Organizations and Social Welfare, 205-227. Palgrave Macmillan, Cham.

Kleemann, W.; Opitz, L.; Mitschke, C. (2014). Evaluation der Katholischen Schwangerschaftsberatung im Hinblick auf Zugänge, Kommunikation und Beratungsinstrumente. Institut für Soziologie und Sozialpädagogik, Frankfurt am Main.

Knill, C., Adam, C., & Hurka, S. (Eds.). (2015). On the Road to Permissiveness? Change and Convergence of Moral Regulation in Europe. Oxford University Press, USA.

Knill, C., Preidel, C., & Nebel, K. (2014). Brake rather than barrier: The impact of the Catholic Church on morality policies in Western Europe. West European Politics, 37(5), 845-866.

Könemann, J., Meuth, A. M., Frantz, C., & Schulte, M. (2015). Religiöse Interessenvertretung. Kirchen in der Öffentlichkeit–Christen in der Politik. Schöningh, Paderborn.

Lehmbruch, G. (1987). Administrative Interessenvermittlung. In Verwaltung und ihre Umwelt (pp. 11-43). VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Lipsky, M. (2010). Street-level bureaucracy: Dilemmas of the individual in public service. Russell Sage Foundation.

Lührs, H. (2008). Arbeit in der Kirche. Analyse einer bundesweiten Befragung von Beschäftigten in den beiden großen Kirchen und ihren Wohlfahrtsverbänden Diakonie und Caritas. Online unter: https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/47589/pdf/Luehrs_Arbeit_in_der_Kirche.pdf?sequence=1.

Rommelspacher (2017). Religion and welfare. European Journal of Social Work, 20(6), 795-800.

Schmitt, S., Euchner, E. M., & Preidel, C. (2013). Regulating prostitution and same-sex marriage in Italy and Spain: the interplay of political and societal veto players in two catholic societies. Journal of European Public Policy, 20(3), 425-441.

Sechster Genderbericht. Deutscher Caritas Verband e.V. 2018.

Staub-Bernasconi, S. (1995). Das fachliche Selbstverständnis Sozialer Arbeit–Wege aus der Bescheidenheit. Soziale Arbeit als „Human Rights Profession “. Soziale Arbeit im Wandel ihres Selbstverständnisses: Beruf und Identität, 57-104.

Steven, M. (2009). Religious lobbies in the European Union: From dominant church to faith-based organisation? Religion, State & Society, 37(1-2), 181-191.

Traunmüller, R. (2015). Preaching to the Converted? Probleme politikwissenschaftlicher Theoriebildung im Zusammenhang von Religion und Politik. Politische Vierteljahresschrift, 672-681.

Willems, U. (2007). Kirchen. In Interessenverbände in Deutschland (pp. 316-340). VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Zentralstatistik des Deutschen Caritasverband e.V. Stichtag 31.12.2016.

Anhang

 

Zitationshinweis:

Mettang, Olivia / Euchner, Eva-Maria (2019): Katholische Wohlfahrt: Politikimplementation im Spannungsfeld zwischen sozialer Arbeit und katholischem Auftrag, Essay, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online Verfügbar: https://regierungsforschung.de/katholische-wohlfahrt-politikimplementation-im-spannungsfeld-zwischen-sozialer-arbeit-und-katholischem-auftrag/

  1. §219a StGB bleibt nach dem Kompromiss der großen Koalition bestehen, wird jedoch um neue Informationsmöglichkeiten für schwangere Frauen ergänzt. []
  2. SOLWODI ist eine Menschenrechts- und Hilfsorganisation für Prostituierte, die von der katholischen Ordensschwester Lea Ackermann in der 1980er Jahren gegründet worden ist. []
  3. Donum Vitae ist ein formal unabhängiger, von katholischen Laien gegründeter Verein, der staatlich anerkannte Schwangerschaftskonfliktberatung durchführt. []
  4. Da über 80% der Belegschaft in katholischen sozialen Einrichtungen weiblich sind, werden wir überwiegend die weibliche Form verwenden, wobei wir selbstverständlich auch die männliche Belegschaft mitdenken. []
  5. Interviews im Rahmen des DFG/SNF-Projekts „Religion and Morality Policy“ und des Dissertationsprojekts “The effect of institutional logics on the implementation of morality policy“. []
  6. Siehe Kleemann et al. 2014. Befragt wurden 482 Schwangerenberaterinnen und ihre Ratsuchenden mit dem Ziel, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Weltbilder herauszustellen. []
  7. Quelle: Zentralstatistik des Deutschen Caritasverband e.V. Stichtag 31.12.2016. []
  8. Bei Berücksichtigung ausschließlich hauptamtlicher Vorstands- und Geschäftsführungspositionen. Quelle: Sechster Genderbericht. Deutscher Caritas Verband e.V. 2018. []
  9. In dieser von Lührs (2008) durchgeführten Studie wurden sowohl Mitarbeitende der Caritas als auch der Diakonie befragt. []
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This work by Olivia Mettang, Eva-Maria Euchner. is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 4.0 International

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