Nordirland nach dem Brexit

Felix Schiedlowski, der an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg studiert, wirft einen Blick auf Nordirland und den Brexit. Was bedeutet der Brexit für die Politik Nordirlands und den Friedensprozess dort? Einerseits droht der Brexit, alte gesellschaftliche Gräben  zu vertiefen. Andererseits könnte der Brexit auch Bewegung in die Irland-Frage bringen.

Irlands grüne Grenze gilt als Kulminationspunkt aller Brexit-Probleme: Monatelang und bis heute vergeblich stritten Dublin, London und Brüssel um eine Lösung der Problematik, welche Großbritanniens EU-Austritt, Irlands Wirtschaft und Nordirlands Friedensprozess gefährdet. Doch die eigentlich Betroffenen sind bemerkenswert still: Nordirlands pro-britische Unionisten und die pro-irischen Nationalisten sprechen nicht mit geeinter Stimme. Der Brexit, welcher im Unionismus mehrheitlich begrüßt und im Nationalismus deutlich abgelehnt wird, bringt das politische System des Landes zum Erliegen. Die eigentlichen Probleme gehen jedoch tiefer: Nordirlands Friedensprozess steckt in einer Sackgasse. Der nahende Brexit droht nun, alte gesellschaftliche Gräben zu vertiefen, könnte zugleich aber Bewegung in die ewige Irland-Frage bringen.

Nordirland nach dem Brexit

Ungewisse Zukunft für den Friedensprozess

Autor

Felix Schiedlowski ist Masterstudent der Ethnologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, an welcher er zuvor sein Bachelorstudium der Politikwissenschaft absolvierte. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der Friedens- und Konfliktforschung, der Urbanistik sowie im Gebiet religiöser und politischer Identität. In seiner Masterarbeit untersucht er, wie sich der urbane Wandel von Nordirlands Hauptstadt Belfast auf den Friedensprozess sowie auf die hiesige Gemeinde der protestantisch-britischen Unionisten auswirkt.

Abstract

Irlands grüne Grenze gilt als Kulminationspunkt aller Brexit-Probleme: Monatelang und bis heute vergeblich stritten Dublin, London und Brüssel um eine Lösung der Problematik, welche Großbritanniens EU-Austritt, Irlands Wirtschaft und Nordirlands Friedensprozess gefährdet. Doch die eigentlich Betroffenen sind bemerkenswert still: Nordirlands pro-britische Unionisten und die pro-irischen Nationalisten sprechen nicht mit geeinter Stimme. Der Brexit, welcher im Unionismus mehrheitlich begrüßt und im Nationalismus deutlich abgelehnt wird, bringt das politische System des Landes zum Erliegen. Die eigentlichen Probleme gehen jedoch tiefer: Nordirlands Friedensprozess steckt in einer Sackgasse. Der nahende Brexit droht nun, alte gesellschaftliche Gräben zu vertiefen, könnte zugleich aber Bewegung in die ewige Irland-Frage bringen.

Einleitung

Lange war die Weltöffentlichkeit außerordentlich gut informiert über das vergleichsweise kleine Nordirland. In den späten 1960er Jahren entwickelten sich Religion und nationale Identität zu einer toxischen Mischung, die Hass und Gewalt schürte, mehr als 3 000 Menschen das Leben kostete und Nordirland zum Hinterhof Europas machte. Doch mit dem Jahr 1998 erfüllten sich die so lange ersehnten Hoffnungen vieler Nordiren: Der langwierige Friedensprozess zwischen irisch-katholischen Nationalisten und britisch-protestantischen Unionisten resultierte im Karfreitagsabkommen. Kriegsreporter berichteten fortan aus dem Nahen Osten und mit dem Terror verabschiedete sich auch das mediale Interesse aus Nordirland. Knapp zwei Jahrzehnte hielt diese Ruhe. Doch der nahende Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union bringt die Aufmerksamkeit zurück. Die Problematik der irischen Grenze vermag über einen harten, weichen oder gar keinen Brexit entscheiden und hängt wie ein Damoklesschwert über den Verhandlungen zwischen der EU und der britischen Regierung. Hinzu kommen Befürchtungen, der Brexit könnte die Errungenschaften des Friedens gefährden oder den Konflikt gar neu anheizen.

Den Brexit jedoch ausschließlich als äußere Gefahr für den nordirischen Friedensprozess zu verstehen, greift zu kurz. Aller Schreckens-Szenarien zum Trotz findet der EU-Austritt auch in Nordirland selbst Anhänger, allen voran im Unionismus. Ein Teil der britisch-protestantischen Gemeinschaft hadert mit dem Friedensprozess und nicht wenige Unionisten sind bereit, ihn für einen Austritt aus der EU zu opfern. Längst ist auch der Brexit identitätspolitisch aufgeladen, wird von Unionisten anders interpretiert als von den irisch-katholischen Nationalisten. In diesem Essay wird der Brexit aus nordirischer Perspektive analysiert. Während im ersten Abschnitt die Brexit-Auswirkungen auf Nordirland im Fokus stehen, wird der britische EU-Austritt im zweiten Abschnitt aus der Prespektive nordirischer Innenpolitik betrachtet. Die Erkenntnisse aus beiden Abschnitten werden schließlich zusammengedacht: Der Brexit droht die alten gesellschaftlichen Gräben zu vertiefen, könnte zugleich aber Bewegung in die ewige Irland-Frage bringen.

Nordirland als Brexit-Sonderfall

Wenn der Brexit noch gerettet werden kann, dann hier: Die stolze parlamentarische Demokratie des Vereinigten Königreichs sieht dem Brexit-Treiben gespalten und apathisch zu. Wenig deutet darauf hin, dass sich in Westminster zeitnah eine Mehrheit für ein Austrittsabkommen findet. Doch das britische Unterhaus hat viel erlebt, das Drama gehört dazu, noch bleiben ein paar Tage. Auf Westminster kommt es an, wenn der Brexit (aus britischer Sicht) zu einem Erfolg oder (aus europäischer Sicht) zu einem gezähmten Übel werden soll.

Scheitern die Verhandlungen jedoch final, dann wird sich der Blick auf die knapp 500 Kilometer lange irische Grenze richten, die schon heute als Menetekel für einen gescheiterten Brexit gilt. Niemand will zukünftig eine militärisch gesicherte Grenze zwischen EU-Mitglied Irland und dem britischen Nordirland: Dies war vielleicht der einzige Punkt, in welchem sich Brüssel, London und Dublin von Anfang an einig waren. Trotzdem schwinden die Hoffnungen auf eine einvernehmliche Lösung: In der Irischen Republik ist man auf eine unsichtbare Grenze angewiesen, ansonsten drohen wirtschaftliche und infrastrukturelle Turbulenzen. Doch neben der ungewissen Zukunft sind es die Geister der Vergangenheit, vor denen man sich fürchtet. So verübte die Irisch-Republikanische Armee (IRA) zwischen 1956 und 1962 dutzende Anschläge auf Ziele rund um die irische Grenze. Mit dem Aufflammen der Gewalt in Nordirland wurde die Grenze wenige Jahre später erneut zu einem gefährlichen Ort. Die britische Armee rang mit paramilitärischen Organisationen um die Kontrolle über den Grenzverkehr, terroristische Anschläge im Norden Irlands wurden nicht selten im Süden vorbereitet oder vertuscht (Smith 2016).

Es ist ein Stück weit den Prozessen der europäischen Integration zu verdanken, dass sich die Situation an der Grenze langsam stabilisierte. Im Jahr 1972 traten die Irische Republik und das Vereinigte Königreich gemeinsam der Europäischen Gemeinschaft (EG) bei. Für den noch jungen irischen Staat, bis dahin maßgeblich von anti-britischen Ressentiments geprägt, war es die erste institutionelle und noch sehr vorsichtige Annäherung an den großen Nachbarn. Die Mitgliedschaft in der EG ermöglichte es beiden Staaten, auf Augenhöhe Zuständigkeiten und Initiativen für Nordirland zu verhandeln (Guelke 2018: 4). Mit dem Anglo-Irischen Abkommen von 1985 erkannten London und Dublin an, dass sie gemeinschaftlich Verantwortung tragen, den nordirischen Konflikt zu beenden. Das Karfreitagsabkommen von 1998 fußt schließlich auf der Grundlage, sicherheits- und identitätspolitische Barrieren zwischen Irland, Nordirland und Großbritannien abzubauen. Die Zusammenarbeit zwischen Dublin, Belfast und London wurde als friedensstiftende Maßnahme institutionalisiert und normalisiert, die irische Grenze galt fortan als Instrument der Zusammenarbeit nicht der Teilung (Hayward 2018: 72-75).

Auch das Karfreitagsabkommen konnte nicht vergessen machen, dass die irische Grenze immer auch mit der Irland-Frage verbunden ist: Ist die 1920 gezogene Linie zwischen Lough Foyle im Norden und Carlingford Lough im Osten so real und legitim wie die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, wie Unionisten argumentieren? Oder teilt die Grenze widernatürlich, was zusammengehört, nämlich zwei Teile einer Nation, wie Nationalisten behaupten? Prozesse europäischer Integration und Friedensbemühungen konnten diese Frage so gut es geht einfangen. Bis zum britischen EU-Referendum im Juni 2016 blieb die irische Grenze unsichtbar. Auch um die Irland-Frage wurde es ruhig: Das Karfreitagsabkommen verspricht ein Referendum, sobald eine Mehrheit für ein vereinigtes Irland möglich erscheint, nie kamen nordirische Nationalisten dem wirklich nahe. Doch der Brexit hat die Spielregeln des nordirischen Friedensprozesses verändert.

Bislang scheiterten alle Versuche, die Grenz-Problematik in den Brexit-Verhandlungen zu entschärfen. In Dublin und Brüssel hätte man sich gewünscht, das Vereinigte Königreich schützt durch den Verbleib im Europäischen Binnenmarkt die vier Grundfreiheiten und damit auch eine offene irische Grenze – mit Theresa Mays Mantra Brexit means Brexit ist dies allerdings nicht vereinbar. Den Gegenvorschlag aus London, Zugang zum Binnenmarkt ohne gleichzeitige Mitgliedschaft zu erhalten, hat man in der EU als cherry picking abgetan. Den Spielraum zwischen beiden Postionen konnte man vornehmlich aufgrund der standfesten Brexiteers in der Konservativen Partei nie ausnutzen. So war ein backstop, eine Rückversicherung für Dublin und Brüssel, das maximal möglich Verhandlungsergebnis: Können sich das Vereinigte Königreich und die EU trotz zweijähriger Übergangsfrist nicht auf ein umfassendes Handelsabkommen verständigen, so verbleibt Großbritannien zeitweise in der Zollunion, Nordirland verbliebe zusätzlich im Binnenmarkt. Doch unzählige konservative Abgeordnete interpretieren den backstop nicht als Versicherung, sondern als Geiselhaft: Die Vereinbarung gilt unbefristet und kann nicht unilateral gekündigt werden. Ohne den Segen der EU kann das Vereinigte Königreich den Brexit nicht vollziehen. Auch Nordirlands Unionisten – allen voran die zehn Abgeordneten der Democratic Unionist Party (DUP), auf deren Stimmen die May-Regierung angewiesen ist – hegen Vorbehalte gegen den backstop.Unterschiedliche Regeln für Nordirland und Großbritannien würden bedeuten, dass auf der irischen Insel ein einheitlicher Wirtschaftsmarkt entsteht, während sich die irisch-britische Grenze samt Kontrollen in die irische See verlagert (Murphy 2019). Doch für den Unionismus bedeutet die Existenz der irischen Grenze eben auch den Beweis für ein britisches Nordirland, die Basis ihrer politischen Identität. Der Brexit, der backstop und die irische Grenze sind Teil der innenpolitischen Auseinandersetzung in Nordirland – Altlasten der konfliktträchtigen Vergangenheit und ein fragiler Friedensprozess inklusive.

Zwei Geschwindigkeiten des Friedensprozesses

Auf den ersten Blick kann sich die Bilanz des Karfreitagsabkommens sehen lassen: Die paramilitärischen Gruppierungen stimmten einem umfassenden Entwaffnungsprozess zu, die britische Armee zog ihre Truppen im Jahr 2007 aus Nordirland ab. Im gleichen Jahr einigten sich die beiden Extreme der Parteienlandschaft, die protestantische und erzkonservative DUP sowie die katholische und der IRA nahe stehende Sinn Féin, ihre gemeinsame Regierungsverantwortung in einer vom Abkommen vorgesehenen überkonfessionellen Koalition im nationalen Stormont-Parlament wahrzunehmen. Zudem institutionalisierte das Karfreitagsabkommen neben der Irland-Frage auch den Streit um nationale Identität: Nordirische Bürger haben seither das Recht auf eine irische, britische oder doppelte Staatsangehörigkeit (Nagle 2018: 397). Das Karfreitagsabkommen hat die Sicherheitslage im Land stabilisiert, politische Prozesse zaghaft normalisiert und den nationalen und identitätspolitischen Konflikt zunächst kanalisiert – eine Erfolgsgeschichte und ein Vorbild für dutzende gewalttätige Konflikte weltweit.

Doch eine genauere Analyse der nordirischen Zustände deckt die Hürden des Friedensprozesses auf, und erklärt, warum der Brexit in Nordirland nicht unisono als Gefahr wahrgenommen wird. Während Gewalt und Terror drastisch zurück gegangen sind, hat das Morden nicht komplett aufgehört. Auch nach dem Frieden von 1998 forderte der Nordirlandkonflikt knapp 160 Menschenleben (Nolan 2018). Ein Grund für diese Bilanz ist der bestenfalls gezähmte, nicht aber gestoppte Einfluss paramilitärischer Organisationen. Gruppierungen wie die protestantische Ulster Volunteer Force oder die katholische New IRA sind verantwortlich für Brandbombenanschläge, Angriffe auf Sicherheitskräfte oder Einschüchterungen und Übergriffe innerhalb ihrer Nachbarschaften. Hinzu kommt, dass sich viele der Organisationen in den Zeiten relativen Friedens neue Beschäftigungsfelder suchten und heute tief in die organisierte Kriminalität verstrickt sind (Basra/Neumann 2018: 17-19). Noch immer gibt es zwei nordirische Gesellschaften: Schulen, die Parteienlandschaft, Fußballvereine – dutzende öffentliche Institutionen existieren in protestantischer und katholischer Ausführung. Dörfer und Kleinstädte sind nicht selten gänzlich einer Konfession zugeordnet, während in den größeren Städten Derry und Belfast meterhohe Mauern errichtet wurden, um protestantische von katholischen Wohnvierteln zu trennen. Neben den in den 1960er Jahren eigens für diesen Zweck gebauten Friedensmauern werden Hauptverkehrsstraßen, Grünflächen, Flüsse oder Brachflächen als konfessionelle Barrieren genutzt (Gray et al. 2018: 175-184).

Gesellschaftliches Zusammenleben sowie Prozesse der Annäherung und der Aussöhnung gelten als Indikatoren eines sozialen Friedensprozesses: Derlei Entwicklungen werden durch politische Abkommen ermöglicht, nicht aber bedingt. Strukturelle Ungleichheiten (mögliche Ursachen oder Folgen eines Konflikts) müssen abgeschafft werden, Paramilitärs müssen in die Gesellschaft reintegriert werden, Gräueltaten werden oft symbolisch und nur selten juristisch aufgeklärt (Jarman 2016: 131-133). Ein Opfer-Täter-Dialog ist notwendig, kann aber Jahrzehnte in Anspruch nehmen und ist vor Rückschlägen nicht gefeit. Aus dieser Perspektive betrachtet ist der Zustand des sozialen Friedensprozesses in Nordirland zwar ernüchternd, aber nicht verwunderlich. Hinzu kommt jedoch, dass auch der politische Friedensprozess in einer Sackgasse steckt: Seit nunmehr über zwei Jahren können sich die beiden stärksten Parteien, DUP und Sinn Féin, nicht auf die Bildung einer überkonfessionellen Koalition einigen, wie es das Karfreitagsabkommen vorsieht. Sinn Féin fordert ein Gesetz zur Förderung der irisch-gälischen Sprache sowie die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe, die DUP lehnt beide Forderungen vehement ab. Zwischen beiden Parteien existiert ein ständiger Abnutzungskampf, die Zeiten respektvoller Zusammenarbeit scheinen vorerst vorbei zu sein. Doch was den politischen Prozess im Land zum Stocken bringt, findet in der Wählerschaft Zuspruch. DUP und Sinn Féin bedingen sich gegenseitig: Unionisten aller Couleur treibt die Angst vor einer immer stärker werdenden Sinn Féin zur DUP, während die katholische Partei mit progressiven Themen wie der equal marriage immer mehr Wähler aus der Mitte gewinnt. Verlierer dieser Entwicklung sind die protestantische Ulster Unionist Party (UUP) und die katholische Social Democratic and Labour Party (SDLP). Beide Parteien gingen in den 1990er Jahren schmerzhafte Kompromisse ein, um das Karfreitagsabkommen auf den Weg zu bringen, büßten dafür jedoch ihren Führungsanspruch in der protestantischen bzw. der katholischen Gemeinschaft ein. Was als Instrument der politischen Annäherung gedacht war, erweist sich heute als Blockade für den Friedensprozess. Das Karfreitagsabkommen zwingt mit der Idee einer power sharing executive zwei Parteien zur Zusammenarbeit, welche offensichtlich nicht zur Zusammenarbeit bereit sind. Allein fehlen die Alternativen zum jetzigen Modell und aus London kommen keinerlei Initiativen, das Karfreitagsabkommen zu retten.

Für Großbritannien ist Nordirland ein fremder Freund, bizarr und verworren wirken die fortdauernden Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten. Eine Studie der Universität Cardiff erklärte jüngst, dass 75 Prozent der Wählerschaft der Konservativen Partei in England für den Brexit den Kollaps des Karfreitagsabkommens in Kauf nehmen würden (2018). Skepsis gegenüber dem Friedensprozess hat auch in der Partei selbst Tradition, bereits im Jahr 2000 bezeichnete der britische Umweltminister und prominente Brexiteer Michael Gove das Vertragswerk als Kapitulation der Regierung Blair gegenüber der IRA (McGonagle 2016). Und auch im zuständigen Nordirlandministerium übt man sich bestenfalls in Zurückhaltung, was die Reparation des Stormont-Parlaments angeht. Seit gut einem Jahr ist Karen Bradley Nordirlandministerin in Theresa Mays Kabinett. Ernsthafte Versuche, die Verhandlungen zwischen Sinn Féin und der DUP in Bewegung zu setzen, blieben bislang jedoch aus. Stattdessen machten freimütige Äußerungen der Ministerin in einem Interview die Tragik britischer Nordirlandpolitik deutlich. Bradley gab erleichtert zu, dass Nordirland entgegen ihrer Befürchtungen heute nicht mehr aussieht wie vor 20 Jahren. Zugleich zeigte sie sich überrascht und verwundert über die Funktionslogik nordirischer Politik, in welcher protestantische Parteien um protestantische Wähler und katholische Parteien um katholische Wähler streiten. Bradley bezeichnet die Form der politischen Auseinandersetzung als „andere Welt“ und klingt dabei nicht, als würde sie von einer britischen Home Nation berichten (Whale 2018). Die zweifelsohne unglücklichen Kommentare von Karen Bradley verdeutlichen, welch emotionaler Riss durch das Vereinigte Königreich geht. Und so liegt der nordirische Friedensprozess brach, während der Brexit wie ein Damoklesschwert über den britischen Inseln hängt. Doch es zeichnet sich ab, dass der Stillstand nur temporär ist. Während die großen Brexit-Fragen noch verhandelt werden, deuten sich in Dublin, London und Belfast für die Zeit danach bereits tiefgreifende politische Veränderungen an.

Politische Sollbruchstellen post-Brexit

Die nähere Zukunft der traditionsreichen politischen Kräfte in Großbritannien ist ungewiss. Die Gräben zwischen pro-europäischen und euroskeptischen Tories sind nach dem Brexit so tief wie nie zuvor. Der Schachzug von Ex-Premier David Cameron, die Europa-Frage seiner Partei durch ein Referendum ein für alle Mal zu klären, ist kolossal gescheitert. Auch innerhalb der Labour-Partei ist das Fahrwasser nicht ruhiger. Die Unzufriedenheit einiger Abgeordneter mit der Führung von Jeremy Corbyn ist durch das überraschend gute Abschneiden bei der Unterhauswahl im Jahr 2017 ruhiggestellt worden, droht gegenwärtig jedoch wieder aufzubrechen. Die Opposition ist in der Brexit-Frage ähnlich gespalten wie die regierende Konservative Partei. Vor einigen Tagen schlossen sich elf Abtrünnige, acht Ex-Labour-Abgeordnete und drei Ex-Tories, zu einer unabhängigen Gruppe im Unterhaus zusammen. Sie mögen für May und Corbyn zunächst keine direkte Gefahr darstellen, zeigen jedoch, welchen Spannungen das britische Parteiensystem durch den Brexit ausgesetzt ist. Auch in Dublin ist der politische Boden porös. Die Ergebnisse der Parlamentswahl aus dem Jahr 2016 zwangen die politischen Schwergewichte Fine Gael und Fianna Fáil zur Zusammenarbeit. Die Fine Gael-Regierung um Taoiseach Leo Varadkar wird von Fianna Fáil toleriert – eine unwirkliche Allianz, welche aufzubrechen droht, sobald die Brexit-Verhandlungen abgeschlossen sind.

In Nordirland stellt sich die Frage, ob man sich in Brüssel und London final auf ein Brexit-Abkommen einigen kann, welches sowohl Unionisten als auch Nationalisten als einigermaßen akzeptabel gilt. In diesem Fall besteht die vage Hoffnung, DUP und Sinn Féin könnten sich auf die Fortführung einer überkonfessionellen Koalition einigen. Die Erfolgsaussichten hierfür bleiben unklar, auch, weil Nationalisten und Unionisten nach dem Brexit verschiedenen Taktiken verfolgen. Ein Europa der Regionen war nie im Interesse der Unionisten, schließlich kollidiert diese Idee mit der Losung einer exklusiven Bindung zwischen Nordirland und Großbritannien (Porter 1996: 38). Während man im Unionismus also auf eine Vertiefung dieser Beziehung hofft, richtet sich der Blick der Nationalisten auch post-Brexit nach Europa. Europäische Integration bedeutete für sie immer eine grenzenlose Zusammenarbeit mit der Irischen Republik. Die Sinn Féin ist bislang als einzige Partei in beiden Teilen der Insel aktiv und erfolgreich. Die SDLP und die irische Fianna Fáil wollen diesem Beispiel folgen, beide Parteien vereinbarten jüngst ein strategisches Partnerschaftsabkommen. Der nordirische Nationalismus wird sich also auch zukünftig in Richtung EU-Mitglied Irland orientieren, die Inhalte des Karfreitagsabkommens sowie die parteipolitischen Verflechtungen sichern diese Verbindung auch post-Brexit. Doch diese Überlegungen sind nicht allein Zukunftsmusik, schon heute nimmt der Brexit Einfluss auf die irisch-nordirischen Beziehungen. Erstmals deuten Umfragen an, dass sich eine Mehrheit der Nordiren für ein vereinigtes Irland aussprechen könnte (O’Leary 2018). Es ist dabei nachrangig, wie belastbar diese Umfragen sind. Entscheidend ist, dass sich Unionisten und Nationalisten gleichermaßen Gedanken über den Friedensprozess wie über die konstitutionelle Zukunft Nordirlands machen müssen – beides sind direkte und indirekte Folgen des Brexits.

Fazit: Brexit als Impulsgeber

Der Brexit stellt die nordirische, und damit in Abhängigkeit auch die irische und die britische, Politik vor hehre Probleme. Doch die Krise des Karfreitagsabkommens hat tiefere Ursachen. Viel mehr macht der britische EU-Austritt, in seiner Entstehung wie in seinem Verlauf, die nach wie vor tiefen Risse in der nordirischen Gesellschaft sowie die Fragilität des Vereinigten Königreichs deutlich. Vor diesem Hintergrund kann es nicht verwundern, dass der politische Friedensprozess in Nordirland zum Erliegen gekommen ist. Ob, und wenn ja wie, an die erfolgreichen Aspekte des Karfreitagsabkommens angeknüpft werden kann, ist ungewiss. Fest steht jedoch, dass der Brexit nur temporär für Stillstand sorgt. Parallel deutet sich an, dass Nordirland auch zukünftig enge Verbindungen in die irische Republik, und somit über Umwege auch in die Europäische Union, pflegen wird. Zur Freude der Nationalisten und zum Leidwesen vieler Unionisten hat der Brexit den nordirisch-britischen Beziehungen stärker geschadet als den irisch-nordirischen.

Literatur:

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Zitationshinweis:

Schiedlowski, Felix (2019): Nordirland nach dem Brexit, Ungewisse Zukunft für den Friedensprozess, Kurzanalyse, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online Verfügbar: https://regierungsforschung.de/nordirland-nach-dem-brexit/

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