Robuste Fakten? Verhältnis von Transparenz und Framing im Kontext komplexer Politik

PD Dr. Markus Reiners, der an der Leibniz Universität Hannover lehrt und forscht, analysiert das Verhältnis von Transparenz und Framing im Kontext komplexer Politik. Durch Framing können nämlich Aspekte einer wahrgenommenen Realität betont, bestimmte Assoziationen hervorgerufen und bestimmte Interpretationen hervorgerufen werden. Somit kann Framing also auch bewusst als “Waffe” eingesetzt werden, um beispielsweise im Wahlkampf zu überzeugen. Dadurch lässt sich auch Transparenz in eine bestimmte Richtung lenken.

Die Ausgangsfrage nach „robusten Fakten“ in der Überschrift erscheint nicht sofort verständlich, denn bei Fakten handelt es sich nicht um Frames und bei Frames, als gedanklich und vorkonstruiertem Rahmen, handelt es sich nicht um Fakten. Die Frage verlangt vielmehr danach, genauer zu reflektieren. Festzustellen ist, dass Frames allenfalls Fakten enthalten. Sie be­ruhen und betonen bestimmte Fakten, rücken solche in den Vordergrund und negieren wiederum andere. Hinsichtlich der durch Frames betonten Fakten liegt unter Umständen eine gewisse Robustheit zu Grunde, ich komme ausgangs darauf zurück. Insbesondere birgt die Diskussion einen Widerstreit zwischen Realismus und Konstruktivismus.

Robuste Fakten? Verhältnis von Transparenz und Framing im Kontext komplexer Politik

Autor

PD Dr. phil. habil. Markus Reiners ist Privatdozent am Institut für Politikwissenschaft der Leibniz Universität Hannover. Er lehrt und forscht u.a. im Bereich des Politischen Lernens und auf dem Gebiet der Politischen Psychologie.

Realismus vs. Konstruktivismus: Empirische Beispiele und Medienberichterstattung

Die Ausgangsfrage nach „robusten Fakten“ in der Überschrift erscheint nicht sofort verständlich, denn bei Fakten handelt es sich nicht um Frames und bei Frames, als gedanklich und vorkonstruiertem Rahmen, handelt es sich nicht um Fakten (vgl. Wehling 2016). Die Frage verlangt vielmehr danach, genauer zu reflektieren. Festzustellen ist, dass Frames allenfalls Fakten enthalten. Sie be­ruhen und betonen bestimmte Fakten, rücken solche in den Vordergrund und negieren wiederum andere. Hinsichtlich der durch Frames betonten Fakten liegt unter Umständen eine gewisse Robustheit zu Grunde, ich komme ausgangs darauf zurück. Insbesondere birgt die Diskussion einen Widerstreit zwischen Realismus und Konstruktivismus (vgl. Hillje 2017; Neuweiler 2015; Van Grop 2007: 60ff.; Hertog/McLeod 2001: 139ff.; Tankard 2001: 95ff.; Gamson 1989: 157ff.).

Fakten oder Tatsachen beruhen auf wirklichen, nachweisbaren, bestehenden, wahren oder anerkannten Sachverhalten. Sie basieren auf einem Realismus und sind damit im Empirismus, Positivismus oder Neopositivismus verortet. Dort wird nur das objektiv Erfahrbare in die Analyse und Bewertung einbezogen. Eine Hypothese wird damit nur zur Tatsache, indem sie bestätigt wird. Frames hingegen basieren auf einem Konstruktivismus, auf der Konstruktion sozialer Wirklichkeit; denn Framing ist das Setzen von Deutungsrahmen über Sprache, was oft metaphorisch geschieht (vgl. Ermer 1996). Framing bedeutet, Aspekte einer wahrgenommenen Realität auszuwählen und sie dergestalt hervorzuheben, dass bestimmte Problemdefinitionen, kausale Interpretationen, moralische Bewertungen und Handlungsempfehlungen gefördert werden (vgl. Entman 1993: 51ff.; vgl. D´Angelo 2002: 870ff.). Beispiele gibt es genügend (vgl. Wehling 2016).

Ich fokussiere mich hierbei zunächst auf prominente Beispiele aus Baden-Württemberg. Der dort in der Landeshauptstadt immer wieder zu vernehmende Begriff des Feinstaubalarms legt in seiner Problemdefinition zu viel Verkehr zu Grunde. Genauer betrachtet handelt es sich nur um die halbe Wahrheit, denn in Stuttgart besteht nicht nur zu viel Individualverkehr. Die ganze Wahrheit liegt darin, dass der dortige Ausbau des Straßennetzes und der gleichzeitige Ausbau des ÖPNV heutigen Maßgaben nicht mehr standhalten. Die mit dem vorgenannten Begriff einhergehenden kausalen Interpretationen sind offenbar. Kraftfahrzeugverkehr ist für Feinstaub ursächlich. Die moralische Bewertung fällt ebenso eindeutig aus. Feinstaub ist zudem gefährlich für die Gesundheit und die Handlungsempfehlungen liegen für verschiedenste Akteure klar auf der Hand. Sie münden letztlich in ein Fahrverbot, das von Gerichten verhängt wird, deren Richter ebenfalls im Kontext der gesellschaftlichen Debatte entscheiden.

Alternativ könnte man z.B. auch von einem Umwelttag sprechen. Der Terminus „Alarm“ löst jedoch kognitiv akute Bedrohungsszenarien aus, die wiederum Schutzinstinkte ansprechen. Ähnliches geschieht in diesem Kontext mit der Antriebstechnologie Diesel, je nachdem wie der Begriff eingebettet und kommuniziert wird. Die Antriebstechnologie galt vor noch nicht allzu langer Zeit als vergleichsweise saubere Technologie, heutzutage ist das Image des einstigen „Saubermanns“, so auch die vormalige Kommunikation, arg in Mitleidenschaft gezogen und es wird vielfach von einer umweltschädlichen Antriebstechnologie gesprochen. Auch Beispiele aus anderen Politikfeldern finden sich genügend. Es macht z.B. einen Unterschied, ob von einer Flüchtlingsflut, -welle, -katastrophe oder gar einem -tsunami gesprochen wird oder beispielsweise von einem Asyltourismus. Auch liegt die vorgefasste Wirkung bereits inne, wenn z.B. über eine Altersarmut, Lügenpresse oder eine Klimakatastrophe diskutiert wird.

Zu den einzelnen Begrifflichkeiten ist Wissen abgespeichert, das entsprechend abgerufen, assoziiert und kognitiv verknüpft wird. Sicherlich sind überzogene Begriffe geeignet wachzurütteln. Beispielsweise der Begriff des Feinstaubalarms reduziert die Sachgesetzlichkeiten auf die Dringlichkeit einer sauberen Luft. Vielfach verhindern sie jedoch auch sachliche Diskussionen auf der Basis eines umfänglichen und kompletten Faktenarsenals und damit unter Umständen die richtigen und wirkungsmächtigen Maßnahmen. In diesen Kontext fügt sich passgenau ein: Wenn in einem Text wahlweise beispielhaft die Wörter „Diesel“ oder „Schlossgarten“ bzw. „Halbhöhenlage“ fallen, wird die Luft im zweiten Fall sauberer eingeschätzt als im ersten Fall. Ebenso differiert die Wahrnehmung hinsichtlich eines Textes, in dem wahlweise z.B. die Wörter „Hilfsbedürftige“ bzw. „Schutzbedürftige“ fallen oder z.B. „Asylindustrie“ bzw. „Asyltourismus“.

Die Themen sind also durch einen bestimmten Blickwinkel oder durch eine bestimmte Brille nor­miert und vorkonstruiert. Die Fragen sind darauf fokussiert, was Wirklichkeit ist, ob wir Wirklichkeit überhaupt erkennen und vermitteln können, ob die Medien die Realität widerspiegeln (können) oder diese (bewusst oder unbewusst) konstruiert ist. Schulz erklärt, dass heutige Medienberichterstattung in hohem Maße verzerrt und unausgewogen ist. Massenmedien würden die Wirklichkeit nicht repräsentieren. Mehr noch, der wahre Charakter unterliege einer Verzerrung und die öffentliche Meinung würde nicht mehr widergespiegelt. Diese sei vielmehr durch eine vermehrt ideologische Sicht geprägt. Medien würden in aller Regel Stereotype repräsentieren, die durch die Vorurteile und Einstellungen der Journalisten geprägt sind (2009: 169ff.; vgl. Bonfadelli/Friemel 2015; Kepplinger 2009: 651ff; Matthes 2007; Brosius 2005: 125ff.; Schenk 2002; Price/Tewksbury/Powers 1997: 481ff.). An die Stelle einer passiven Vermittlung treten somit Wirkungsmodelle, in denen Medien eine aktive, ja konstruktive Rolle einnehmen.

Frames und Framing im Kontext komplexer Politik

Mit Sprache wird Politik gemacht, das ist nicht neu. Vielfach wird Sprache und ein Framing auch als Waffe benutzt, insbesondere von ideologisch geprägten Parteien oder sogenannten populistischen Kräften. Eine zugespitzte, geframte Sprache lässt sich überdies insbesondere in Wahlkämpfen beobachten. Fast durchweg sind mit den Begrifflichkeiten eine Reihe impliziter Schlussfolgerungen intendiert. Frames wirken demnach auf den komplexen Ablauf der Sprachverarbeitung, und letztlich auf die Wahrnehmung und das mittelbar oder unmittelbar darauffolgende Agieren (vgl. u.a. Wehling 2016).

Wehling bringt die wesentlichen Punkte zueinander (2016). Auch heute ist noch vielfach ein Denken in Politik und Administration dominant, Menschen seien rationale Wesen, die vernunftgesteuert handeln sowie objektiv gegeneinander abwägen und entscheiden. Viele gehen davon aus, dass Sprache bzw. Denken und Körper unabhängig voneinander funktionieren. Hingegen findet Denken im Gehirn statt und das Gehirn ist zweifelsohne Teil unseres Körpers. Tatsächlich sind der Verstand, das Denken und der Körper bis auf das Engste miteinander verflochten. Man spricht auch vom Phänomen eines embodied cognition.

Die vorgenannte Vorstellung ist damit veraltet und verfehlt die Chance eines transparenten demokratischen Diskurses, weil in politischen Debatten nicht Fakten entscheidend sind. Nicht solche sind die zentralen Vermittler von Politik, sondern in erster Linie die sprachliche Verpackung, die unmittelbar an Emotionen andockt. Auch ist anerkannt, dass der Mensch das auf Fakten basierende rationale Denken sogar verlernt hat (Wehling 2016; vgl. Neuweiler 2015; Gamson 1989: 157ff.). Daher ist auch immer wieder – spätestens seit dem jüngsten US-Wahlkampf – die Rede vom postfaktischen Zeitalter. Entscheidend ist demnach vielmehr die Einbettung von Prozessen, Themen und Ereignissen in einen gedanklichen Deutungsrahmen.

In Worten oder Sätzen verbirgt sich immer mehr, als zunächst erkennbar ist. Um Worte oder Ideen zu begreifen, aktiviert unser Gehirn gespeichertes Alltagswissen (Bewegungsabläufe, Emotionen, Bilder, Gerüche, Geschmack, visuelle Erinnerungen etc.) oder einen Deutungsrahmen, in der kognitiven Wissenschaft Frame genannt. Frames verleihen Fakten erst eine Bedeutung, und zwar indem sie Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen Erfahrungen und unseren gespeicherten Kenntnissen einordnen. Jedes Wort aktiviert letztlich einen Frame oder Frames und beinhaltet damit mehr als wir meinen. Allesamt denken und handeln wir tatsächlich nach Worten, so wenig wir dies auch realisieren und reflektieren. Auch sind Frames nicht per se manipulativ, sondern naturgegebener Teil der Sprache. Ferner kann man diesen neuronal nicht widerstehen. Sie werden immer aktiviert, wenn wir ein Wort hören oder lesen. Sprache bestimmt somit letztlich, welche Frames aktiviert werden, wie wir die Umgebung wahrnehmen, denken und schließlich agieren. Vielfach ist sogar ein unmittelbarer Einfluss auf unser Handeln feststellbar. Wir begreifen Worte demnach, indem unser Gehirn Wissen abruft, das damit assoziiert ist. Der Mammutanteil politischer Ideen ist ohnehin abstrakt, daher denken und sprechen wir über konzeptuelle Metaphern, die uns helfen, abstrakte Dinge an direkte Erfahrungen anzubinden und zu verstehen. Sprache ist damit keine Ergänzung zu politischer Gestaltung. Vielmehr gilt es, die Bedeutung von Sprache in der Politik viel stärker zu beachten. Sprache ist politische Gestaltung und durch Sprache besteht Macht (Wehling 2016).

Evident ist auch, dass ein Frame nicht bei jedem gleich wirkt. Es kommt vielmehr darauf an, wo man politisch steht und wie man politisch durch seine Alltagserfahrungen „konditioniert“ ist. Frames wirken daher unterschiedlich je nach individuellem Kontext und individueller „Konditionierung“ und überdies selektiv. Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und negieren andere, d.h. Frames bewerten und interpretieren. Potthoff erklärt, dass Frames thematische Aspekte einschränken, (Selektion), andere hervorheben (Salienz) oder zusammenhängend darstellen (Kohärenz) (2012). Sind Frames erst über Sprache aktiviert, nehmen sie Einfluss auf unsere Wahrnehmung und leiten unsere Motivation, unser Denken und unser Tun, und zwar ohne, dass wir es merken (vgl. Lakoff/Wehling 2008).

Die vorgenannten Mechanismen sind letztlich hilfreich, wenn es darum geht, komplexe Dinge zu sortieren, denn Politik ist zuweilen überkomplex. Nicht nur in horizontaler, sondern auch in vertikaler Dimension. Die Komplexität auf horizontaler Ebene spiegelt sich im Begriff einer Polycentric Governance wider. Politische Prozesse sind ganz überwiegend durchsetzt von diversen Kraftfeldern, sich widersprechenden Interessenlagen, Akteurskonstellationen, Abstimmungserfordernissen und Kompromissen zwischen Ebenen, Abteilungen, Behörden oder beteiligten Akteuren bzw. Stakeholdern. Die Komplexität auf vertikaler Ebene ist durch den Begriff einer Multilevel-Gover­nance repräsentiert und demnach durch die Konfliktregelungserfordernisse im europäischen Mehrebenensystem zwischen den systemischen Ebenen, von den Kommunen über die Länder und den Bund bis hin zur europäischen Ebene geprägt (vgl. u.a. Wegrich 2006).

Ferner besteht in der heutigen Gesellschaft durch multimediale Möglichkeiten ein Überangebot an Informationen, die schon quantitativ kaum mehr zu verarbeiten sind. Dies führt im Zuge der Überkomplexität zu Desinformation und Orientierungslosigkeit. Aus dem gesellschaftlichen Orientierungsverlust und der Unsicherheit über das Makrogeschehen bietet der vorgenannte Konstruktivismus in seiner Individuumszentriertheit quasi einen reduktionistischen Ausweg, was einem komplexen Gesamtkontext entgegenkommt. Durch Frames erfolgt eine Reduktion, wobei bestimmte Aspekte und Narrative selektiert, bestimmte Perspektiven und Informationen hervorgehoben und andere in den Hintergrund gestellt werden. Durch Frames, Rahmen oder Deutungsraster werden komplexe Informationen wahrgenommen, selektiert und strukturiert aufbereitet, sodass es zu einer ganz bestimmten Problemdefinition, Ursachenzuschreibung, moralischen Bewertung und Handlungsempfehlung kommen kann. Frames können daher zu einer Komplexitätsreduktion beitragen, auch wenn damit eine Verzerrung der Wirklichkeit einhergeht (vgl. u.a. Graber 1984; Kepplinger 2009: 651ff.; Schenk 2002;).

Transparenz und robuste Fakten

Transparenz ist in der Politik eine Forderung nach frei zugänglichen Informationen und stetiger Rechenschaft über Prozesse, Sachverhalte und Vorhaben. Damit verbunden ist die Vorstellung einer offenen Kommunikation zwischen den Akteuren des politisch-administrativen Systems, der Öffentlichkeit, den Bürgerinnen und Bürgern sowie einer vermehrten Partizipation. Einer Transparenz geradezu inhärent ist, dass Informationen der Wahrheit entsprechen müssen, ansonsten entsteht vermehrt Desorientierung, Überforderung, Falschinformation und gegebenenfalls Delegitimierung (vgl. Alloa/Thomä 2018).

Für mehr Transparenz sprechen verschiedene Aspekte: Transparenz ist essenziell für eine Demokratie und eine freie Willensbildung; sie hat eine Feedback-Funktion, die Repräsentanten zur besseren, effizienteren Verarbeitung von Problemlagen zu bewegen; ihr liegt ein Disziplinierungseffekt inne, demnach ein Anreiz zur Loyalität und Bürgernähe; ebenso haftet ihr ein machtbegrenzender Effekt an (Verhinderung von Machtmissbrauch und Korruption) und Transparenz trägt schließlich zur Vertrauensbildung bei. Allerdings stehen dem auch einige Gegenargumente entgegen: In transparenten Systemen sind Politiker versucht, sich zu profilieren, was die Gefahr mit sich bringt, dass überzogene Verhandlungspositionen eingenommen werden, die jeglichen Kompromiss verhindern. Ferner ändern Politiker aufgrund des öffentlichen Drucks, trotz besseren Wissens, gegebenenfalls ihre Meinung. Weniger Transparenz bietet auch Freiraum für Diskussionen und Handlungsspielräume und eine „Diskussionsdemokratie“ verhindert vielfach effiziente und effektive politisch-administrative Prozesse (Reiners 2014: 693ff.; vgl. Alloa/Thomä 2018). Ob eine Transparenz allerdings mit der Aktivierung von Frames zunimmt, erscheint zumindest strittig, ferner ob ein gegenläufiger Effekt vorliegt. Allerdings erscheint es aus hiesiger Sicht eher unstrittig, dass Transparenz durch Frames in eine bestimmte Richtung gelenkt wird.

Robustheit und Stabilität bezeichnen die Fähigkeit eines Systems, Veränderungen ohne Anpassung der Struktur standzuhalten. Entscheidend ist hier die Frage nach der Wirkung derartiger Phänomene (Framing-Effekt). Tatsache ist, dass die alleinige Veränderung der Formulierungsweise die Präferenzordnung beeinflusst. Hilfreich ist hier ein Blick auf die Medienwirkungsforschung, die sich auf die Effekte bezieht, die die Medien auf die Rezipienten haben. Bereits Lazarsfeld, Berelson und Gaudet verweisen in der frühen Framingforschung auf die Hierarchie von Stabilitäten. Es wird erklärt, dass Wissen und mit Einschränkung oberflächliche Meinungen gut zu beeinflussen sind, Einstellungen und Motivationen dagegen weniger bis gar nicht – und wenn dann nur langfristig. Ebenfalls wird erklärt, dass Massenmedien bestehende Einstellungen nicht verändern, sondern diese noch verstärken. Sie schlossen insgesamt aus ihren Forschungen, dass es vor allem auf die optimale Gestaltung der zu vermittelnden Botschaft ankommt, wie weit eine Medienwirkung reichen kann und gegebenenfalls eine Überzeugung stattfindet (1968).

Die neuere Forschung vertritt hingegen eine eher gegenteilige Position. Es wird unmissverständlich erklärt, dass Massenmedien und insbesondere auch neue Medien eine relativ starke Wirkung auf die Rezipienten ausüben (vgl. Wehling 2016). Die in den Frames enthalten Fakten erscheinen nach der neueren Forschung in höherem Maße robust, d.h. wenn ein Fakt in einen aktivierten Frame passt, sinkt er problemlos und schnell in unser Bewusstsein und macht sich sozusagen „auf leisen Sohlen ins Gehirn“ (Lakoff/Wehling 2008). Vielfach wird demzufolge behauptet, wir würden künftig nicht nur ein Fact-Checking, sondern insbesondere ein Frame-Checking benötigen, denn Frames wirken sehr viel unbewusster als Fakten und daher auch wirkungsvoller bzw. robuster (vgl. z.B. Hillje 2017).

Fazit

Blickt man auf die Ausgangsfrage in der Überschrift, so kommt man zu drei abschließenden Thesen oder auch Feststellungen – Komplexitätsreduktion, selektive Transparenz, Robustheit bestimmter Fakten: Erstens: Frames tragen unter Umständen zur Komplexitätsreduktion bei. Durch Frames werden komplexe Informationen selektiert und strukturiert aufbereitet, sodass es zu einer bestimmten Problemdefinition, Ursachenzuschreibung, moralischen Bewertung und Handlungsempfehlung kommen kann. Zweitens: Ob die Transparenz mit der Aktivierung von Frames zunimmt erscheint strittig. Allerdings besteht auch kein gegenläufiger Effekt. Die Transparenz wird jedoch durch Frames in eine bestimmte Richtung gelenkt. Drittens: Nach der neueren Forschung ist davon auszugehen, dass die über Sprache aktivierten Frames unsere Wahrnehmung und Motivation beeinflussen und direkt unser kollektives Denken und Handeln, und zwar so, dass wir es nicht merken. Gerade die mit Frames mittransportierten Informationen erscheinen nach neuerer Forschung in höherem Maße robust.

Literatur:

Alloa, Emmanuel/Thomä, Dieter (Hrsg., 2018): Transparency, Society and Subjectivity. Critical Perspectives, Basingstoke.

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D’Angelo, Paul (2002): News framing as a multi-paradigmatic research program. A response to Entman. In: Journal of Communication, 52/4, S. 870–888.

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Wehling, Elisabeth (2016): Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht, Köln.

Zitationshinweis:

Reiners, Markus (2020): Robuste Fakten? Verhältnis von Transparenz und Framing im Kontext komplexer Politik, Essay, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online Verfügbar:

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