Strukturwandel im Ruhrgebiet

Prof. Dr. Manfred Mai, der außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen ist und verschiedene Referate der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen geleitet hat, wirft einen Blick auf die Daueraufgabe Strukturwandel. Nachdem lange Zeit eine Ansiedlungspolitik verfolgt wurde, scheint nun das Entstehen einer Wissenschaftsregion ein zukunftsträchtiges Szenario für das Ruhrgebiet zu sein. Strukturpolitik sollte künftig stärker darauf setzen, dass aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen marktfähige Innovationen werden.

Welche Koalition nach der Landtagswahl im Mai 2022 in NRW auch regiert, sie wird sich in jedem Fall mit dem Ruhrgebiet befassen müssen. Der Strukturwandel ist bei den Landesregierungen seit den 1960er Jahren eine Daueraufgabe. Der Regionalverband Ruhr (RVR) hat längst seine Erwartungen an die neue Regierung formuliert.

Strukturwandel im Ruhrgebiet

Von der Ansiedlungspolitik zur Innovationsdynamik

Autor

Prof. Dr. Manfred Mai ist außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und war von 1994 bis 2018 in der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen als Leiter verschiedener Referate tätig.

Welche Koalition nach der Landtagswahl im Mai 2022 in NRW auch regiert, sie wird sich in jedem Fall mit dem Ruhrgebiet befassen müssen. Der Strukturwandel ist bei den Landesregierungen seit den 1960er Jahren eine Daueraufgabe. Der Regionalverband Ruhr (RVR) hat längst seine Erwartungen an die neue Regierung formuliert:

Die Verbandsversammlung erwartet insbesondere von der Landesregierung, eine auf die Kommunen in Nordrhein-Westfalen zugeschnittene und mit ihnen abgestimmte Lösung zur Regelung der Altschuldenfrage nicht zu verzögern, zumal die Bundesregierung weiterhin an der Lösung des Altschuldenproblems arbeiten will. Die neue Landesregierung muss dieser Aufgabe hohe Priorität einräumen (…).“1

Neben dem RVR gibt es weitere Stimmen, die in der Entlastung der Kommunen von den Altschulden die wichtigste Maßnahme für den Strukturwandel sehen. Dennoch ist Strukturpolitik in fast allen Ressorts der Landesregierung – Wirtschaft, Arbeit, Soziales, Wohnungsbau, Verkehr, Umwelt, Bildung, Wissenschaft, Kultur – in Form unterschiedlicher Programme verankert. In jedem dieser Politikfelder wurden jahrzehntelang zahlreiche Maßnahmen und Projekte gefördert, die Bausteine auf dem Weg zu einer radikalen Umgestaltung des Ruhrgebiets waren. Die Erfolge dieser Politik bedeuten nicht das Ende einschlägiger Maßnahmen, die längst nicht alle Erwartungen erfüllt haben. Der Strukturwandel bleibt auch für die kommenden Jahre eine Herausforderung für die Landespolitik, zumal die Bereiche Integration, Klimaneutralität und Energiewende zu den „Altlasten“ der klammen Kommunen, der Infrastruktur und der Segregation in den Städten hinzugekommen sind.

Was bisher geschah

Allen Parteien im Land ist das bewusst. Dabei hilft es niemandem, die Vorgängerregierungen für verpasste Chancen und falsche Entscheidungen verantwortlich zu machen. Alle politischen Akteure des Landes – Kommunen, Landesregierung, Parteien, Gewerkschaften, Wirtschaft – waren in den letzten Jahrzehnten an dieser Mammutaufgabe beteiligt und miteinander verflochten. Es wurde viel erreicht: die Abfederung der Montankrisen seit den 1960er Jahren, die Ansiedlung neuer Unternehmen, der ökologische Umbau, die Sanierung von Flächen, eine Gründungswelle von Start-ups und der Aufbau einer dichten Wissenschaftslandschaft.

Das alles reicht nicht, die Städte zu einer blühenden „Metropole Ruhr“ zu verschmelzen, die von Landespolitikern gern beschworen wird.2 Die neu geschaffenen Arbeitsplätze in Branchen wie z.B. Logistik, Gesundheitswirtschaft und Chemie haben die Verluste in den Bereichen Bergbau, Stahl und Automobil nicht kompensiert. In zahlreichen Ruhrgebietskonferenzen, Kommissionen, Gutachten und Workshops wurden immer wieder Leitbilder und Programme für das Ruhrgebiet entwickelt und von der Politik aufgegriffen.

Die Strukturpolitik hat in den vergangenen Jahrzehnten vieles erreicht, wie z.B. der Umbau des Duisburger Hafens „Duisport“ mit 51.000 oder des ChemieParks Marl mit 7.000 Arbeitsplätzen. Aber es gab auch Fehlschläge wie der Versuch, ein Trickfilmzentrum in Oberhausen (HDO)3 zu gründen oder das Inkubatorzentrum Gelsenkirchen.4 Beide Pleiten zogen langjährige politische Auseinandersetzungen nach sich. Auch das Scheitern des Euref-Campus 2018 in Essen, der 2.000 Arbeitsplätze versprach, gehört in die Reihe von Projekten, die dem Ruhrgebiet eigentlich einen Schub verleihen sollten.5 Dennoch: Das Ruhrgebiet gilt als Beispiel für einen „verhandelten Strukturwandel“ und eine „kooperative Bewältigung“ der Probleme (Heinze/Bogumil/Beckmann/Gerber 2019: 22). Als Negativbeispiele gelten vergleichbare Regionen in Nordfrankreich, Nordengland oder im „Rostgürtel“ der USA, die mit allen sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Folgen mehr oder weniger sich selbst überlassen wurden. Auch wenn dem Ruhrgebiet das Schicksal dieser Regionen erspart blieb, so ist es noch ein weiter Weg zu einer „ökologischen Wissensregion des digitalen Jahrhunderts“ (Bogumil/Heinze 2021), um nur eines seiner Leitbilder zu nennen.

Die Politik der Ansiedlung neuer Unternehmen durch Bereitstellung von Flächen und Modernisierung der Infrastruktur – alles dies wurde mit Programmen der EU gefördert – reicht nicht mehr aus. Das gilt auch für die Übernahme aktueller Trends in Wissenschaft und Technologie: Ulrich Steger stellte zu Recht fest, dass dabei „das Ruhrgebiet allenfalls hinterherhinken (kann)“. Die Frage ist vielmehr: “Wo liegen die Potenziale, bei denen man jetzt anfangen muss, um in zehn, zwanzig Jahren die führende Region in Europa zu sein? Das erreicht man nicht über Imitation, sondern nur über Originalität“ (Steger 2001: 29).

Der Strukturwandel hat auch eine soziokulturelle und politische Dimension (Kersting 2017; Dinter 2019), die die Wählerpräferenzen berührt:

„In den ehemaligen Arbeitervierteln fühlen sich viele Menschen zunehmend abgehängt, Arbeitslosenquoten im zweistelligen Bereich sind hier nach wie vor die Regel. (…) Die SPD als einstige Partei der Kümmerer und Kohlekumpel verliert in der ‚Herzkammer der Sozialdemokratie‘ seit Jahren an Zuspruch. Zuwächse hingegen verzeichnet hier überdurchschnittlich die AfD“ (Bösch 2021: 21).

Die A 40 wurde zum „Sozialäquator des Ruhrgebiets“6: Nördlich davon zeigten sich die negativen Folgen des Strukturwandels, südlich davon die positiven. Das soziale Milieu, in dem Innovationen entstehen, ist ein anderes als das, in dem mehr Empfänger von Sozialtransfers leben. Diese Spaltung droht das Projekt Strukturwandel und seine politische Legitimation zu gefährden.

Leitbilder und Visionen: IBA, Olympische Spiele, Ruhrkonferenz, Wissenschaftsregion

Immer wieder wurden Leitbilder diskutiert, die das Klein-Klein der einzelnen Projekte und das Kirchturmdenken der Städte überwinden sollten. Als Erfolgsgeschichte gilt die „Internationale Bauaustellung Emscherpark (IBA)“. Sie führte mehrere Politikbereiche und Akteure zu einem Ziel zusammen. Ihre Erfolge wie die Renaturierung größerer Flächen erwiesen sich als nachhaltig und standen für einen neuen Politikstil: Kooperation aller betroffenen Akteure unter Beteiligung der Öffentlichkeit (Kaltenborn/Mettler-von Meibom 1999; Heinze 2018).

Ob die von der noch amtierenden Landesregierung ins Leben gerufene „Ruhr-Konferenz“ mehr ist als alter Wein in neuen Schläuchen, wird sich in den kommenden Jahren zeigen:7

„Erklärtes Ziel ist es, die Region Ruhr zu einer erfolgreichen, wettbewerbsfähigen und lebenswerten Metropolregion im digitalen Zeitalter zu entwickeln – mit neuen Perspektiven für die gesamte Region und begleitet von Appellen an den legendären Gründergeist der Industriepioniere, der das Revier einst groß, reich, wirtschaftlich wie politisch bedeutend gemacht hat“ (Bösch 2021).

Ein radikal neuer Ansatz ist nicht erkennbar, vielmehr sieht es nach einer Verlängerung der bisherigen Strukturpolitik aus. Neu ist allerdings eine deutliche Erweiterung der Themenfelder.8

Eine umfassende Vision für das Ruhrgebiet war 2000 die Idee, sich um die Veranstaltung der Olympischen Spiele zu bewerben. Ministerpräsident Clement und Sportminister Vesper hatten dieses Projekt zur Chefsache erklärt (Mai 2008). Doch die Bewerbung scheiterte bereits in der nationalen Vorauswahl. Auch jetzt gibt es wieder eine private Initiative, um die Olympischen Spiele in das Ruhrgebiet zu holen.9 Die Landesregierung erwartete damals, dass sich viele Probleme des Reviers schneller lösen, wenn der Zuschlag des IOC erfolgt ist. Dabei ist es zweifelhaft, ob Olympische Spiele die Erwartungen an Nachhaltigkeit, Imagewandel und Wirtschaftlichkeit erfüllen.10 Hinzu kommt, dass die Öffentlichkeit diese Versprechungen und den Gigantismus des IOC in Frage stellt. Die zahlreichen Kulturprojekte, die nicht nur von der Landesregierung (z.B. die Ruhrtriennale), sondern auch vom „Initiativkreis Ruhr“ gefördert wurden,11 haben eine nachhaltigere Wirkung auf den Imagewandel und die Lebensqualität des Reviers als Olympische Spiele.

Als realistische Vision bleibt die einer Wissenschaftsregion. Schon in der Gründungsphase brauchten die Stahlkonzerne zunehmend Ingenieure und Chemiker. Doch die erste Technische Hochschule im damaligen Preußen wurde 1870 in Aachen gegründet. In Dortmund forderten 1900 der Magistrat und die Wirtschaft eine Technische Hochschule. Dortmund lieferte sich mit Bochum einen Wettlauf um die erste Universität im Revier, den Bochum 1965 schließlich gewann. Die Eröffnung der Uni Dortmund erfolgte drei Jahre später. 1971 wurden aus Ingenieurschulen und höheren Fachschulen Fachhochschulen. 1972 folgten die Gesamthochschulen Duisburg und Essen sowie 1974 die FernUniversität Hagen. 2010 wurden weitere Fachhochschulen mit technischen Schwerpunkten im Ruhrgebiet errichtet. Zusammen mit den außeruniversitären Forschungseinrichtungen bilden die Hochschulen des Reviers einen idealen Humus für Innovationen. Diese Potenziale durch geeignete Transfer- und Kooperationsstrukturen zu entfalten ist der Schlüssel für einen erfolgreichen Strukturwandel.

Potenziale für die Zukunft

Zusammen mit den Hochschulen sowie Fraunhofer- und anderen Instituten hat sich eine lebendige Struktur von Clustern, Transferstellen, Technologieparks, Netzwerken, Plattformen und Kooperationen entwickelt.12 Die Verleihung des Chemienobelpreises 2021 an einen Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts in Mülheim ist nur die Spitze des Eisbergs innovativer Forschungsleistungen. Auch in anderen strategischen Bereichen wie Kryptografie, Life Sciences oder Werkstoffforschung zeigt sich eine positive Dynamik. Leuchttürme dieser hochinnovativen Bereiche sind die „Protein Research Unit Ruhr within Europe“ (PURE), das „Max-Planck-Institut für Sicherheit und Privatsphäre“ sowie das „Interdisciplinary Centre for advanced Materials and Simulation“ (ICAMS).

Sollte man diese Landschaft noch mehr gestalten und z.B. alle Universitäten ähnlich der University of California, die ja auch mehrere Standorte hat, unter einer Dachmarke vereinigen, um ihre internationale Exzellenz und Sichtbarkeit zu verbessern? Bei der bestehenden „Universitätsallianz Ruhr“ kooperieren bereits seit 2007 die Universitäten des Reviers miteinander. Eine Fusion der Universitäten würde wohl ähnliche Widerstände erzeugen wie eine Fusion von Borussia Dortmund und Schalke 04 mit dem Ziel, endlich mal wieder einen deutschen Meister aus dem Ruhrgebiet zu stellen. Bei der Suche nach radikal neuen Kooperationsformen in der Strukturpolitik standen sich bisher Tradition und Rational Choice im Wege. Zu stark waren und sind die Eigeninteressen der Akteure, seien es Hochschulen, Forschungsinstitute oder Kommunen. Aber auch jenseits unrealistischer Visionen gibt es Vorbilder erfolgreicher Gestaltung.

Als ein solches Vorbild für politische Gestaltung nennt Bodo Hombach den High-Tech Campus Eindhoven:

„Der Campus konnte nur deshalb so erfolgreich sein, weil alle beteiligten Instanzen (von der Regierung über die Kommune bzw. die Region bis hin zu den Hochschulen und Unternehmen) eine gemeinsam abgestimmte regionalpolitische Strategie entwickelt und umgesetzt haben. Diese ‚Regional Governance‘ ist Vorbild auch für das Ruhrgebiet, in dem diese strategische Steuerung nicht gerade Alltag und Realität ist. Alle beteiligten Akteure hatten sich zum Ziel gesetzt, die Region Eindhoven als international anerkannte Technologieregion und den High-Tech Campus als zentralen High-Tech-Hub zu entwickeln“ (Hombach 2021).

Dabei geht es auch um die Frage nach der optimalen Governance und der Bereitschaft der Politik, den Akteuren bei der Wahl ihrer Themen, Projekte und Kooperationen weitgehende Autonomie zu gewähren. Wird das Revier nach einem Masterplan gestaltet, drohen die kreativen Kräfte in einem großen Ganzen unterzugehen. Gewährt man den Akteuren zu viel Autonomie, besteht das Risiko, dass das Ergebnis offen ist und es auch Verlierer geben kann. Kooperation schien immer der Schlüssel für die Lösung aller Probleme im Revier zu sein. Tatsächlich mangelt es nicht an entsprechenden Versuchen: Dazu gehören die Ruhr-Konferenz und der Initiativkreis Ruhrgebiet, der viele Impulse gibt. Es bleibt in der Verantwortung der Landesregierung, diese Impulse aufzugreifen und die vielen lokalen Kooperationen in eine Governancestruktur einzubinden.

Mehr Markt und Risiko – die Agenda der künftigen Landesregierung für den Strukturwandel

Strukturpolitik sollte künftig stärker daraufsetzen, dass aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen marktfähige Innovationen werden. Diese Idee ist nicht neu, zumal der Mangel an Gründungen regelmäßig in Studien festgestellt wird. Nur wenn es deutlich mehr als bisher Start-ups gibt, besteht die Hoffnung, dass der Strukturwandel eine eigene Dynamik entfaltet und nicht mehr von Förderprogrammen abhängt. Damit erhält die Innovationspolitik einen höheren Stellenwert gegenüber der bisherigen Ansiedlungspolitik. Statt mit EU-Strukturfonds um die Ansiedlung von Unternehmen zu konkurrieren, sollten das wissenschaftliche Profil des Ruhrgebiets weiter geschärft und die Gründungsinitiativen erweitert werden.

In der politischen Kultur des Reviers mit seiner Tradition der Solidarität unter Bergleuten (Pankoke 1999) waren liberale Ideen nie so verankert wie etwa in Baden-Württemberg. Auch das zählt zu den Altlasten des Reviers. In der Internetökonomie jedoch haben Individualität, Innovationen und Digitalisierung einen anderen Stellenwert. Dies ist der neuen Generation von Ingenieuren und Informatikerinnen stärker bewusst als noch eine Generation zuvor, wo man in Duisburg oder Dortmund Maschinenbau studierte, um bei BMW oder AUDI13 zu arbeiten. Was als Auszeichnung für die Ruhr-Universitäten gilt, ist für die Region ein Verlust an Potenzial. Hier rächt sich einmal mehr die Monostruktur im Revier. Für Konzerne in den Bereichen Handel, Versicherung oder Versorgung haben Wissenschaft und Forschung einen geringeren Stellenwert als in den Bereichen Automobil, Chemie/Pharmazie oder Elektronik. Unter den zehn deutschen Unternehmen mit den größten Forschungsausgaben ist keines aus dem Ruhrgebiet.14

Ziel muss es sein, die innovativen Potenziale des Ruhrgebiets in der Region zu halten. Das ist nicht nur eine Frage der „weichen Standortfaktoren“ wie das Angebot an Kultur, Bildung und Wohnen, sondern eher eine der Gründungsdynamik. Im Prinzip haben das alle Parteien erkannt. Aber hier könnte mehr getan werden, als an jeder Hochschule einen Gründungsbeauftragten und in jeder Stadtverwaltung eine Lotsin für EU-Fördertöpfe einzustellen. Schließlich ist auch der Region Aachen mit dem RWTH-Campus15 und Ostwestfalen mit dem Exzellenzcluster „It’s OWL“16 gelungen, sich auf der Basis von Wissenschaft und enger Kooperation mit Unternehmen positiv zu entwickeln. Das Studium der hinter diesen Beispielen stehenden Macher, regionalen politischen Kulturen und spezifischen Kooperationen ist aufschlussreicher als die seit Jahren fast immer gleich klingenden Expertisen über das Ruhrgebiet.

Die Parteien haben zu den Themen Innovation und Strukturwandel zur NRW-Wahl – meist ohne Bezug zum Ruhrgebiet – unterschiedliche Vorstellungen. Die SPD fordert „einen starken Staat, der einen klaren politischen Korridor für die ökologisch nachhaltige Transformation der Industrie aufmacht“, die CDU will, „dass in Nordrhein-Westfalen gegründete und gewachsene Start-ups im Land bleiben“, die FDP stellt fest, dass „nicht der Staat die Ideen (hat), die uns weiterbringen, sondern Menschen“ und die Grünen wollen „Gründer*innen zur Seite stehen, sei es bei der Bewältigung der Bürokratie, der Kapitalsuche oder dem Produktdesign.“17

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten Meer“ (Antoine de Saint-Exupéry). Übertragen hieße das: Wenn Du eine nachhaltige Wachstumsdynamik willst, dann richte den Kreativen nicht Transferstellen, Förderprogramme und Beratungsagenturen ein, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem ersten Patent, der ersten Innovation und dem ersten Börsengang. Das bedeutet eine Verlagerung der Strukturpolitik weg von den klassischen Instrumenten hin zu mehr Ermutigung, sich seiner Kreativität ohne Anleitung eines anderen zu bedienen.

Die Orientierung an Clustern18 bedarf ständig der Überprüfung, ob die jeweiligen Leitmärkte und Cluster wirklich die richtigen sind. Korrekturen erfolgen oft zu langsam. Zu oft hat die Politik auf bestimmte Pfade gesetzt, die sich später als Sackgassen erwiesen haben: Schneller Brüter, Transrapid u.v.a. (Weyer 2004: 6). Die Suche nach aussichtsreichen Innovationen nur der Wissenschaft und der Wirtschaft zu überlassen, widerspricht der politischen Logik, die immer bestimmte Vorstellungen davon hat, was sozial erwünscht und politisch gewollt ist. Schließlich müsse die Förderung bestimmter Projekte aus öffentlichen Haushalten gerechtfertigt werden. Da es in Deutschland einen chronischen Mangel an privatem Risikokapital gibt, bedeutet dies, dass jedes größere Projekt im Falle einer Förderung auch politisch gerechtfertigt werden muss.

Möglicherweise ist aber dieser Legitimationsdruck durch den sozialen Strukturwandel geringer geworden und eine neue Generation von potenziellen Gründern ist offener für die vielfältigen Möglichkeiten der Internetökonomie und digitalen Welt und denkt weniger an die mit jeder neuen Regierung sich ändernden gesellschaftlich relevanten Herausforderungen. Konkret bedeutet das vor allem, dass die digitale Infrastruktur ausgebaut wird, ohne an konkrete Leitmärkte zu denken.

Der Wechsel zu mehr Innovationspolitik bedeutet für die neue Regierung auch, das Verhältnis zwischen Staat, Wirtschaft und Wissenschaft neu zu bestimmen. Das fällt einigen Parteien leichter als anderen. Junge Wissenschaftler für eine Gründung zu ermutigen ist etwas anderes, als um den Erhalt von Branchen zu kämpfen, die in einer digitalisierten klimasensiblen Welt keine Zukunft haben. Die in Startups arbeitenden Menschen haben andere politische Präferenzen als die, die in traditionellen Branchen arbeiten.

Jahrzehntelang war es die Stärke der SPD-geführten Landesregierungen, im Verein mit den Gewerkschaften und ebenfalls SPD-geführten Kommunen, neue Unternehmen in neuen Branchen (z.B. Logistik, Kulturwirtschaft, Medizintechnik) anzusiedeln. Dabei half ein dichtes Netz von Förderprogrammen und Transfereinrichtungen.

Der Paradigmenwechsel zu mehr Innovation wurde bereits unter rot-grün zumindest propagiert. Allerdings traute man dem Markt nicht wirklich, weshalb Innovationspolitik immer mit dem Anknüpfungspunkt „gesellschaftlich nützlicher“ Innovationen verbunden wurde.

Schon vor 40 Jahren erinnerte der Duisburger Innovationsforscher Erich Staudt daran, dass sich „Innovationen (…) in einer marktwirtschaftlichen Ordnung nicht dann durch(setzen), wenn sie technisch machbar oder sozial erwünscht sind, sondern erst dann, wenn sie ökonomisch sinnvoll erscheinen“ (Staudt 1982: 149). Gegen die Kritik von Planerinnen und Siegelbewahrern der gesellschaftlich relevanten Bedürfnisse gab er zu bedenken, dass „die Erfassung der Dynamik der technischen Entwicklung und der sie steuernden Bedürfnisse durch Finalisierung (…) letztlich an der Innovationsfähigkeit sowohl der beteiligten Entwickler als auch an der Innovationsfähigkeit der Bedürfnisse artikulierenden Teilnehmergruppen am Wirtschaftsgeschehen (scheitert).“ (a.a.O.: 167).

Nicht nur der Sozialstaat schafft seine eigene Klientel, sondern auch der digitale Fortschritt und seine vielfältigen Anwendungen. Zumindest in einigen Regionen des Reviers wächst ein „neues Bürgertum“, das in der „Hochschullandschaft der Region ausgebildet wurde“ (Berger 2021: 100). Es ist davon auszugehen, dass mit diesem neuen Bürgertum im Revier auch die Bereitschaft wächst, von der Landesregierung eine innovations- und gründungsfreundlichere Politik zu fordern.

Literatur

Berger, Stefan 2021: Was ist das Ruhrgebiet? Eine historische Standortbestimmung. In: Abschied von der Kohle Struktur- und Kulturwandel im Ruhrgebiet und in der Lausitz. bpb Schriftenreihe Band 10751, Bonn, S. 90-103.

Bogumil, Jörg/Rolf G. Heinze 2021: Von der Industrieregion zur Wissensregion. Strukturwandel im Ruhrgebiet. In: Abschied von der Kohle Struktur- und Kulturwandel im Ruhrgebiet und in der Lausitz. bpb Schriftenreihe Band 10751, Bonn, S. 149-163.

Bösch, Delia 2021: Kohle geht, Kultur bleibt. In: Abschied von der Kohle Struktur- und Kulturwandel im Ruhrgebiet und in der Lausitz. bpb Schriftenreihe Band 10751, Bonn, S. 117-123.

Dinter, Jan 2021: Politischer Strukturwandel? Populismus und soziale Gegensätze im Ruhrgebiet In: Abschied von der Kohle Struktur- und Kulturwandel im Ruhrgebiet und in der Lausitz. bpb Schriftenreihe Band 10751, Bonn, S. 135-148.

Gerybadze, Alexander 2015: Instrumente der Innovationspolitik. Auf dem Weg zu einer neuen Industriepolitik? WSI-Mitteilungen, S. 616-525.

Heinze, Rolf G. 2018: Wandel der Strukturpolitik – IBA, Industriekultur, Emscherumbau und jetzt? ZEFIR/RUB Tagung Die Zukunft des Ruhrgebietes – Was kommt nach dem Strukturwandel? 1. März 2018 in Bochum

Heinze, Rolf G./Bogumil,Jörg/Beckmann, Fabian/Gerber, Sascha: Vernetzung als Innovationsmotor – das Beispiel Westfalen. Münster 2019.

Hombach, Bodo 2021: Zukunft gestalten. In: https://broststiftung.ruhr/zukunft-gestalten/ (abgerufen 19.04.22)

Kersting, Volker 2017: Vortrag auf dem NRW-Dialogforum des Forschungsinstituts für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW) am 23.-24. November 2017 Neuere Befunde zur sozialen, räumlichen und politischen Spaltung in NRW.

Mai, Manfred 2008: Die Olympiabewerbung der Rhein-Ruhr-Region. Eine Fallstudie zu strategischer Politikberatung aus der Sicht einer Regierungszentrale. In: Zeitschrift für Politikberatung H. 2, S. 271-279.

Mettler-von Meibom, Barbara/Ulrich Steger /Hrsg.); Elitenkooperation in der Region. Neue Wege an der Ruhr. Essen 2001.

Kaltenborn, Olaf/Mettler-von Meibom, Barbara: Die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscherpark. Neue Wege zu einem kooperativen Staat? In: O. Haberl/T. Korenke (Hrsg.) Politische Deutungskulturen. Festschrift für Karl Rohe. Baden-Baden, S. 445-460.

Pankoke, Eckhart 1999: Das Industrierevier als Kulturlandschaft. In: O. Haberl/T. Korenke (Hrsg.) Politische Deutungskulturen. Festschrift für Karl Rohe. Baden-Baden, S. 405-424.

Prognos/InWIS 2015: Lehren aus dem Strukturwandel im Ruhrgebiet für die Regionalpolitik Projekt-Nr. 08/14. Bremen/Berlin/Bochum.

Staudt, Erich 1982: Bedürfniserfüllung – Anspruch und Wirklichkeit. In: F. Rapp (Hrsg.), Ideal und Wirklichkeit der Techniksteuerung. Düsseldorf, S. 147-179.

Weyer, Johannes 2004: Innovationen fördern – aber wie? Zur Rolle des Staates in der Innovationspolitik. Soziologische Arbeitspapiere 3. TU Dortmund.

Zitationshinweis:

Mai, Manfred (2022): Strukturwandel im Ruhrgebiet, Von der Ansiedlungspolitik zur Innovationsdynamik, Essay, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online Verfügbar: https://regierungsforschung.de/strukturwandel-im-ruhrgebiet/

This work by Manfred Mai is licensed under a CC BY-NC-SA license.

  1. https://www.rvr.ruhr/service/presse/pressemitteilung-detailseite/news/staedte-brauchen-endlich-eine-altschuldenloesung/ (abgerufen am 05.04.22). []
  2. „Das Ruhrgebiet ist eine einzigartige Mischung aus mehr als fünf Millionen Menschen und 53 Städten. Eine Mischung, die so in Europa nirgendwo zu finden ist. Eine Mischung, die die Region zu einer der großen Metropolen des Kontinents macht. Die ‚Stadt der Städte‘ ist ein vielseitiger Ort, an dem Großstadt auf Grün trifft, Kultur auf alte Industrie.“ (Quelle:  https://metropole.ruhr/metropole – abgerufen 19.04.22). []
  3. https://www.spiegel.de/wirtschaft/die-alptraumfabrik-a-81ad84df-0002-0001-0000-000041834765 (abgerufen am 09.04.22). []
  4. https://www.deutschlandfunk.de/urteil-im-subventionsprozess-um-inkubatorzentrum-100.html (abgerufen am 09.04.2022); https://www.gelsenkirchener-geschichten.de/wiki/Inkubator-Zentrum_Emscher-Lippe (abgerufen am 05.04.22). []
  5. https://www.waz.de/staedte/essen/euref-campus-auf-zollverein-scheitert-am-denkmalschutz-id216522075.html (abgerufen am 13.04.22). []
  6. https://www.fgw-nrw.de/fileadmin/images/pdf/1_Kersting_Spaltung.pdf (abgerufen am 14.04.22). []
  7. https://www.ruhr-konferenz.nrw (abgerufen am 15.04.22). []
  8. https://www.ruhr-konferenz.nrw/umsetzen/handlungsfelder/gelebte-vielfalt-starker-zusammenhalt (abgerufen am 15.04.22). []
  9. https://www.faz.net/aktuell/sport/olympia/wenig-chancen-fuer-rhein-ruhr-bewerbung-olympias-skeptiker-17218060.html (abgerufen am 19.04.22). []
  10. „Es ist eine olympische Legende, dass wirtschaftlicher Segen für die ausrichtenden Städte der Ertrag von Olympia ist. (…) Die Kosten für die Bewerbung und das Errichten der Anlagen mit strengen Auflagen und steigenden Sicherheitskosten übertreffen bei Weitem die Einkünfte, die aus solchen Sportereignissen resultieren.“ (Andrew Zimbalist, in a.a.O.)  Inzwischen betragen die Kosten fürs Ausrichten der Olympischen Spiele im Schnitt zwischen 15 und 20 Milliarden Dollar. (https://www.handelszeitung.ch/panorama/was-von-den-olympischen-spielen-ubrig-bleibt – abgerufen am 13.04.22). []
  11. https://i-r.de/projekte (abgerufen am 15.04.22). []
  12. Die Intransparenz und Verflechtung der vielfältigen Förderlandschaft ist nicht nur im Ruhrgebiet ein Problem, sondern ist ein generelles Hindernis der Innovationspolitik. (Gerybadze 2015: 524). []
  13. Die beliebtesten Arbeitgeber: https://www.handelsblatt.com/karriere/befragung-unter-25-000-akademikern-wer-deutschlands-beliebteste-arbeitgeber-sind-und-wen-sie-gerade-suchen/27310254.html (abgerufen 05.04.22). []
  14. https://www.academics.de/ratgeber/forschung-und-entwicklung-deutschland (abgerufen am 14.04.22). []
  15. https://www.rwth-campus.com (abgerufen am 16.04.22). []
  16. https://www.its-owl.de/technologie-netzwerk/ (abgerufen am 16.04.22). []
  17. https://www.abgeordnetenwatch.de/nordrhein-westfalen/wahlprogramme (abgerufen 19.04.22). []
  18. https://www.wirtschaft.nrw/leitmarkt-strategie-nrw (abgerufen 19.04.22). []

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