„Digitalisierung ist kein Technik-Thema mehr.“ – Interview mit Prof. Dr. Christoph Bieber

Als Welker-Stiftungsprofessor für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft beschäftigt sich Prof. Dr. Christoph Bieber sich unter anderem mit politischer Kommunikation und neuen Medien. Derzeit ist er als wissenschaftlicher Koordinator des Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum beurlaubt und beschäftigt sich dort mit zahlreichen Facetten des Themas Digitalisierung.

Julia Rakers hat ihn zur systematischen Erforschung der Folgen der Digitalisierung, der Gründung des neuen Forschungsinstituts CAIS in Bochum und der gesellschaftswissenschaftliche Dimension von Digitalthemen befragt.

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Überwachbare Welt: Wird das Darknet zum Mainstream digitaler Kommunikation?

Das Internet ist für die Ausübung gesellschaftlicher Freiheiten zu einem mächtigen Instrument avanciert, was neue Kommunikationsmöglichkeiten wie soziale Netzwerke täglich vor Augen führen. Ebenso evident ist, dass die Digitalisierung gerade Redefreiheit und Privatheit vor eine Herausforderung stellt: Wenn alles mit allem vernetzt ist, dann erhalten diejenigen tiefste Einblicke in die Privatsphäre, die Zugriff auf solche Netzwerke haben. Das sind zuvorderst kommerziell agierende Unternehmen, doch auch Staaten verschaffen sich Zugriff auf globale Informationsflüsse oder verpflichten Unternehmen zur Kooperation.

Staatliche Machtstrukturen und Sicherheitsinteressen bieten Grund zu der Annahme, dass Überwachung- und Kontrollmöglichkeiten in der Zukunft immer weiter auf die digitale Kommunikation übertragen werden. Daniel Moßbrucker diskutiert die Frage, welche Zukunftspotentiale das Darknet für sichere digitale Kommunikation, insbesondere von Risikogruppen wie Journalistinnen, besitzt.

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Automatisierungsdividende und gesellschaftliche Teilhabe

Eine nüchterne Einschätzung der Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt fällt derzeit nicht leicht. Einerseits ist unstrittig, dass aufgrund der exponentiellen Steigerung der Leistungsfähigkeit von Rechenkapazitäten, des damit einhergehenden Preisverfalls von Prozessoren und der umfassenden Informatisierung im Allgemeinen einschneidende Veränderungen der Ökonomie vor sich gehen. Dies betrifft im Übrigen nicht nur die Zukunft, sondern ist längst Gegenwart beziehungsweise kennzeichnet schon die jüngere Wirtschaftsgeschichte. Andererseits haben wir es mit einer Vielzahl von überzogenen Erwartungen und konstruierten Erzählungen zu tun – man denke an den Kunstbegriff „Industrie 4.0“ mit dem zugehörigen technikdeterministischen Stufenmodell, das einen simultanen Umbruch über alle Industriezweige hinweg suggeriert.

Einige Studien suggerieren, dass der technologische Wandel Schuld an der Prekarisierung sei und, dass durch die Digitalisierung in Zukunft viele Arbeitsplätze verloren gehen werden. Diese Prognosen verkennen laut Dr. Florian Butollo jedoch, dass neben der Digitalisierung auch das politische Handeln, die Vergangenheit und die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse eine wichtige Rolle bei der Arbeitsmarktentwicklung spielen. Bei der Diskussion der Digitalisierung des Arbeitsmarktes ist es also wichtig die Politik miteinzubeziehen.

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Rahmenbedingungen eines E-Voting in Deutschland, der Schweiz und Österreich

Der Beitrag konzentriert sich auf öffentliche Wahlen von privaten Geräten als zusätzliche Option der Stimmabgabe. Als Vorbild fungiert Estland. Hier werden die Abgeordneten seit 2005 via Internet und seit 2011 über Mobiltelefone gewählt. Die Wähler benötigen dazu lediglich einen elektronischen Ausweis, ein Kartenlesegerät und einen Identifikationscode. Bevor der Blick auf Deutschland, die Schweiz und Österreich gelegt wird, muss zunächst das Referenzland erwähnt werden. Fraglich ist in diesem Zusammenhang, warum ein derart revolutionäres Projekt bislang nur in Estland erfolgreich sein konnte. Insgesamt zeigt sich, dass ein Faktorenbündel Estland auf Platz eins katapultiert hat.

Estland hat als junge Demokratie mit geringer Bevölkerungsdichte, einer eingeschränkten Zahl an Vetoakteuren und hoher Internetaffinität innerhalb der Bevölkerung gute Rahmenbedingungen, um e-Voting erfolgreich zu implementieren. Markus Reiners bilanziert, dass Deutschland, die Schweiz und Österreich schlechtere Ausgangsvorraussetzungen für die erfolgreiche und flächendeckende Einführung des e-Voting bieten.

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Die Nutzung sozialer Medien durch kommunale Parteigliederungen im Kontext der Bundestagswahl 2017

Soziale Medien spielen als politische Kommunikationskanäle gerade in Wahlkampfzeiten eine zunehmend wichtige Rolle. Wie und mit welcher Intensität Parteien die sozialen Medien nutzen variiert. Vor diesem Hintergrund widmet sich der Beitrag zwei Fragen: Zunächst wird erfasst, in welchem Umfang die Parteien im Bundestagswahlkampf 2017 Facebook zur Information und Interaktion mit den Nutzerinnen und Nutzern eingesetzt haben. Für die in der Forschung häufig unterbelichtete kommunale Gliederungsebene wurde zudem überprüft, ob das Vertrauen in die klassischen Massenmedien sowie das Gefühl, aufgrund der sozialen Medien bei der Vermittlung politischer Inhalte nicht mehr auf die Massenmedien angewiesen zu sein einen Einfluss auf die Intensität der Nutzung sozialer Medien im Bundestagswahlkampf 2017 hatten. 

Tatsächlich stellen Katharina Gerl und Mario Datts fest, dass das Vertrauen in die klassischen Massenmedien und das Gefühl der Unabhängigkeit von den klassischen Medien bei der Vermittlung politischer Inhalte die Intensität der Nutzung sozialer Medien beeinflussen, allerdings nur solange die kommunalen Parteigliederungen der AfD in die Analysen einbezogen wurden. Ihre Analysen machen deutlich, dass der AfD in vielfacher Hinsicht eine Sonderrolle zukommt.

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Manfred Mai: Regieren in der modernen Gesellschaft. Governance aus Sicht der Ministerialbürokratie

Das Governance-Konzept ist aus dem begrifflichen Inventar der Politik- und Verwaltungswissenschaft nicht mehr wegzudenken. Mit dem „governance turn“ (Kohler-Koch/Rittberger 2006) verbindet sich eine veränderte Wahrnehmung und spezifische Perspektive auf Prozesse des Regierens und der politischen Steuerung. Betont werden in dieser Sichtweise nicht-hierarchische Modi der Steuerung und die Koordination zwischen öffentlichen und privaten Akteuren bei der Herbeiführung und Umsetzung allgemein verbindlicher Entscheidungen. Man mag berechtigterweise einwenden, die Diagnose eines Wandels vom „befehlenden“ zum „verhandelnden Staat“ (Prätorius 2000) sei ein alter Hut und reflektiere vor allem wissenschaftskonjunkturelle Schwerpunktsetzungen oder den Fokus auf einzelne Bereiche der Staatstätigkeit. Auch Manfred Mai stellt in seiner Monographie in Frage, „ob die hierarchische Steuerung überhaupt jemals ein dominantes Steuerungsmuster war oder nur eine neben anderen Formen der Herrschaftsausübung“ (S. 23).

Dr. Stefan Thierse konkludiert trotz einiger Kritikpunkte, dass Mai eine eine lesenswerte Darstellung alltäglicher Regierungspraxis gelungen ist, die durch seine Praxiserfahrungen eine wertvolle Ergänzung zu konventionelleren Herangehensweisen darstellt.

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Katzenbabys als Wahlkampfhelfer? Eine Analyse des Transfers von Parteipositionen auf Facebook zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2017

„BILD, BamS und Glotze“, mehr brauche der Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder nicht zum Regieren und verdeutlicht mit dieser oft zitierten Aussage zugleich, „wie hoch der massenmediale Zugang zur öffentlichen Meinung als zentrale Machtressource eingeschätzt wird“ (Koch-Baumgarten/Voltmer 2009: 297). Gleichzeitig kann durch das Zitat Schröders auch der Bezug zu den Instrumentalisierungsparadigmen der politischen Kommunikation hergestellt werden. Diese Paradigmen unterstellen dem politisch-administrativen System eine Abhängigkeit von den Massenmedien oder umgekehrt, eine Abhängigkeit der Massenmedien vom politisch-administrativen System.

Neben der BILD und dem Fernsehen spielen inzwischen auch soziale Medien wie Facebook eine Rolle in der Politik und stellen durch die Möglichkeit zur ungefilterten Veröffentlichung von Beiträgen 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche einen wesentlichen Bestandteil der Wahlkampfführung dar. Laura Dinnebier bilanziert, dass Parteien Facebookbeiträge im Wahlkampf zur Landetagswahl in NRW nicht nur zur Vermittlung von Policy-Positionen, sondern auch zum Angriff der Gegner mit negative Campaigning nutzten.

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Digitale Spaltung und Datenethik im Koalitionsvertrag 2018: Immer noch #Neuland?

Vor wenigen Tagen hat die neue Große Koalition ihre Arbeit aufgenommen. Das Thema Digitalisierung soll einen Schwerpunkt bilden, zumindest wenn man dies an den fast 300 Erwähnungen im Koalitionsvertrag festmacht. Und auch die Äußerung der neuen Staatssekretärin für Digitalisierung im Kanzleramt Dorothee Bär, Digitalisierung als Top-Thema in allen Ministerien zu verankern, verstärkt diesen Eindruck (ZDF 2018). Großes Augenmerk liegt dabei auf dem Ausbau von Infrastruktur. Außerdem wird auch in vielfältigen weiteren Bereichen auf digitale Mittel gesetzt, wie Landwirtschaft, Schiffbau, Militär und in der Polizeiarbeit. Darüber hinaus finden sich im Koalitionsvertrag viele weitere Digitalisierungs-Themen wie beispielsweise E-Health und Mobile-Health oder digitale Bildung. Kurzum: Beim Studium des Koalitionsvertrages entsteht der Eindruck, dass künftig alle Lebensbereiche digitalisiert werden.

Obwohl der Eindruck entsteht, dass in Zukunft alle Lebensbereiche digitalisiert werden, bleibt undeutlich, welche Konzepte hinter den Digitalisierung-Schlagwörtern stehen. Aline Franzke und Dennis Michels erörtern anhand der digitalen Spaltung im Blick auf den Zugang zum Internet und anhand der Datenethik am Beispiel eines digitalen BürgerInnenportals, dass massive Kraftanstrengungen auf Politik und Gesellschaft zukommen, um das Potenzial der Digitalisierung vollständig verwirklichen zu können.

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Digitalpolitik in Deutschland: globales Politikfeld sucht Ministerium

Copyright M. Erfurt

Seit März 2018 hat Deutschland eine Staatsministerin für Digitales. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Einführung des kommerziellen Internets in Deutschland hat nun auch die deutsche Bundesregierung – so scheint es – erkannt, dass Digitalpolitik ein neues Politikfeld darstellt, dass eigenständiger Regulierungs- und Entscheidungskompetenz auf Regierungsebene bedarf. Durch die Ernennung einer zuständigen Staatsministerin möchte die neuaufgelegte Große Koalition signalisieren, dass das Internet in der deutschen Politik nicht mehr als das „Neuland“ gilt, als das es die Bundeskanzlerin noch im Juni 2013 öffentlich bezeichnete und damit den Spott der netzaffinen Community in Deutschland und etlicher Twitter-Nutzer auf sich zog. Durch die Ansiedelung des neuen Postens im Bundeskanzleramt soll vielmehr kommuniziert werden, dass das Thema im Herzen der Bundesregierung angekommen ist und zur Chefsache erklärt wurde.

Die Benennung von Dorothee Bär als Staatsministerin für Digitales schafft eine neue Koordinierungsstelle für eine Querschnittsaufgabe, die alle Ministerien betrifft. Trotz des neuen Postens dürfe man nicht vergessen, dass Digitalisierung ein globales Politikfeld mit einer Vielzahl von Akteuren ist, das einer immensen Koordination bedarf. Diese Koordination wird eine Staatsministerin ohne klare institutionelle Strukturen und ausreichenden Ressourcen laut Dr. Julia Pohle nur schwer leisten können.

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Allen, Jonathan/Parnes, Amie: Shattered: Inside Hillary Clinton’s Doomed Campaign

Darüber, wann genau Hillary Clinton ahnte, die Präsidentschaftswahl gegen Donald Trump verlieren zu können, kann nur spekuliert werden. Dazu liefern Jonathan Allen und Amie Parnes in ihrem essayistischen Parforceritt durch Clintons Wahlkampagne nur anekdotische Hinweise – nämlich spät, zu spät. Und schon diese eher zaghaften Andeutungen, in einem ansonsten ziemlich pointiert formulierten Buch, sind hinreichend Beleg dafür, dass die Niederlage für sie und ihren großen Beraterstab lange Zeit unmöglich schien. 

Wie es zu dieser Niederlage kam, analysieren Jonathan Allen und Amie Parnes in ihrem Buch „Shattered: Inside Hillary Clinton’s Doomed Campaign“. Die dichten Beschreibungen ihrer Erkenntnisse aus Interviews mit Mitgliedern aus Clinton’s Entourage sind laut Dr. Gordian Ezazi trotz fehlender Systematik in der Analyse ein Wert an sich.

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